39.

Ich hatte mich für die Straße zwischen den Tagebauen entschieden. Dort konnten zwar ganze Armeen in Stellung liegen, aber es würde ihnen nicht ganz leicht fallen, die Panzer auf die Straße zu bekommen. Ich redete es vor mich hin, und sah ein bißchen stolz zu meiner bizarren Beifahrerin.

"Aber Gabriele hat einen Panzer", sagte Liane. "Sie hat einen russischen Panzer, irgendwo hier unten. Seit die Mafia Schutzgeld wollte... Aber der Fahrer, der auch mit dem Messer in meinem Gesicht war, ist wohl tot."

"Das war meine Tochter. Ehrlich... Die nassen Sachen erledigt Beate für mich. Sie ist ja auch schon fünfzehn."

"Ich muß verrückt sein", kreischte die Nackte Lust auf. "Ich bin sogar total verrückt! Sie hatten mich doch längst soweit! Ich hatte doch schon eingesehen, daß das nur ein ganz normaler Job ist: Zofe, Maso-Nutte! Sklaven-Sau... Ich habe mich verschandeln lassen, dafür! Sterilisieren! Ein Jahr noch, dann wäre der Mercedes abgezahlt gewesen! Dann hätte ich im Monat fünf-, sechstausend Mäuse... Mit 'nem Vier-Jahres-Vertrag! Den kriegst du sonst doch nur noch in der Politik! Dazu die Fotos, paar Videos... Und dann... Dann bin ich so verrückt, auf einen Kasper reinzufallen! Da muß ich doch verrückt sein..."

"...dich nicht anzuschnallen", sagte ich umso ruhiger. "Ich meine, ob der Gurt über deine Dinger reicht, weiß ich natürlich nicht."

Für die einzige Steilkurve ging ich auf hundert herunter, und gleich darauf mußte ich weiter bremsen, um noch Zeit für einen Entschluß zu haben.

Vor uns stand ein jüngerer Bruder meines Autos fast quer über der Straße. Das sollte wohl eine Panne markieren, aber auf dieser Trabbi-Teststrecke genügte es, um uns zum Halten oder in eine der Gruben zu zwingen.

"Oder laß es bleiben! Das Fesseln werden ja gleich die besorgen... Ich meine: nach der Rede eben siehst du doch bestimmt lieber Gabi und die Schnäppchen-Opas wieder als deinen selig unseligen Mann?"

"Und du wirst das schon auch überleben", sagte die Nackte Lust, klappte das Handschuhfach auf und wühlte echt verzweifelt darin herum. Außer Papiertaschentüchern und DDR-Tourismuskarten waren dort nur die Reservezigaretten versteckt, und schlagartig wurde die Nackte Lust ruhiger und polkte den Zellophanfaden auf. "Die Gebieterin wird dir zwar den Schwanz abschneiden, aber dafür stopfen sie dich an der Brust bestimmt umso mehr aus. Und nach dem zehnten Arschfick kriegst du selbst dabei eine Art Gefühl!"

"Meinst du das ernst? Auch wenn ich gar nicht will?"

Ich bremste nun doch ziemlich hart, und wir hatten vielleicht noch vierzig Meter Zeit. Ich faßte unter den Leder-Mini.

"Vorhin hättest du mich ficken sollen! Ficken und dalassen!"

"Spiel doch nicht noch weiter die Hure, ja! Und hebe endlich deinen dicken Arsch von meinem Colt!"

Meister hatte das Versteck doch ein wenig zu gut zugeheftet, und ich hatte die Pistole erst aus dem Polster und zum Engelmachen fertig, als der erste Mann schon am Wagen war.

"Knall sie ab", schrie Liane.

"Haben Sie denn einen Waffenschein, Herr Doktor Markow", fragte Inspektor Kunz grinsend und winkte seinen Leuten Entwarnung. Er stieg hinter mir ein und drückte die Brust der Nackten Lust mit seiner eigenen Zigarettenschachtel. "Hat er auch Sie mit dieser illegal mitgeführten Waffe bedroht, Frau Huber?"

"Trotzdem schön, Sie zu sehen..."

Der Passat vor uns gab die Straße frei, und gleich darauf standen nur noch die Nackte Lust und ich vor dem Jüngsten Gericht über Gomorrha. Aus dem ersten grünweißen Wagen winkte vom Chef-Sitz Haase, und ich ließ den Motor an, um die Strafexpedition vorbei und ihn in den Ruhm zu lassen.

"Fahren Sie uns jetzt nicht noch die Kronzeugin tot", sagte der Inspektor. "Unbedingt sollten Sie nämlich die Kronzeugin machen, Frau Huber! Prostitution ist zwar an sich nicht strafbar, aber ich wette, Sie haben keine Einkommenssteuer bezahlt! Und Steuerdelikte verjähren erst nach zehn Jahren. Und Sie, Doktor Markow? Wußten Sie, daß Ihr Kompagnon bis zuletzt in der Parteileitung war und für die Stasi Totenscheine gefälscht hat?"

"Totenscheine? Er hat behauptet Geldscheine... Und daß er in ein paar dicken Pastoren-Leichen so circa einen Zentner 'von versteckt hat."

Die Nacke Lust begann zu kichern, aber obwohl ich den Witz nicht schlecht fand, klang sie nicht gut.

"Ich hab mich für'n Mercedes ficken lassen müssen, in dem ich nie gesessen habe", flüsterte sie zwischendurch. "Auf meine Rechnung haben die mir die Fresse verschandelt und diese Titten angenäht... Und für das alles muß ich jetzt noch Steuern bezahlen? Echt? Meinst du das ernst?"

"Das schreibt der Gesetzgeber vor", sagte das Jüngelchen erstaunt. "Im einen oder anderen Fall mag das eine Härte bedeuten, aber im Prinzip..."

Ich drehte mich zu ihm um, bis es bleich wurde. Über das Kinn sah ich noch genug von der Straße und sogar ein Stück der zerrissenen Bluse über der linken Brust der Nackten Lust, aber das ahnte er ja nicht.

"Ich könnte euch ja jetzt verfluchen",

sang ich ihm so laut und schief ich konnte das alte, auf ewig gültige Lied,

"Doch will ich heute nicht so sein:
Um weitere Händel nicht zu suchen
Bitt ich auch euch, mir zu verzeihn.
Man schlage euch die blöden Fressen
Mit schweren Eisenhämmern ein.
Im übrigen will ich vergessen
Und bitte euch, mir zu verzeihn."

 

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