Berliner Zeitung

24. Januar 2026, 08.25 Uhr

Johannes Schirmeister

    Westalgie ist total unterschätzt. Alle reden über Ostalgie. Aber jetzt erwischt es die Wessis.“ Dieser Satz von Jakob Augstein im Theater Ost in Adlershof traf mich wie ein Schlag, und deshalb schreibe ich diesen Text hier. Ich saß als gebürtiger Ost-Berliner im Publikum und hörte einen westdeutschen Verleger aussprechen, was ich seit Jahren fühle, aber nie so deutlich formuliert hörte. Neben ihm saß Holger Friedrich, ostdeutscher Verleger, und nickte nur. „Wir Ossis haben das schon durch. Die Normen brechen weg, das System kollabiert, die Gewissheiten erodieren. Das passiert ja gerade. Und ihr haltet uns auf.“

    In diesem Moment realisierte ich, die Rollen sind endgültig vertauscht. Nach drei Jahrzehnten, in denen man Ostdeutschen erklärte, was mit uns nicht stimmt, erlebt der Westen jetzt seinen eigenen großen Bruch. Und plötzlich wird die ostdeutsche Erfahrung – wie man lebt, wenn eine eigene Welt zusammenbricht – zur wertvollsten Ressource dieses Landes.

    Jahrzehntelang funktionierte für den „Westen“ ein einfaches, bequemes Narrativ. Es gab die „Ostalgie“, jene vermeintlich rückwärtsgewandte, unpolitische Sehnsucht der Ostdeutschen nach der untergegangenen DDR. Der westdeutsche Blick darauf war der des siegreichen Lehrmeisters. Man analysierte das vermeintliche Defizit, therapierte es weg, sah darin den Beweis für die Schwierigkeiten mit der Demokratie.

    ...

 

                                                                                                                                                                                        

 

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