Ostdeutsche Allgemeine

03. März 2026, 05.17 Uhr

Von Johannes Schirrmeister

Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei der Bundesregierung angefragt hat und die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegen, zeichnen ein alarmierendes Bild der sozialen Lage in Ostdeutschland. Demnach ist die Armutsgefährdung in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin auf den höchsten Stand der letzten fünf Jahre gestiegen.

Laut den ausgewerteten Mikrozensus-Daten lag die Quote im Jahr 2025 bei 17,3 Prozent – der höchste Wert seit 2021. Insgesamt sind demnach knapp 2,76 Millionen Menschen in Ostdeutschland von Armut bedroht.

Was bedeutet Armutsgefährdung?

Das Statistische Bundesamt definiert Armut als relative Einkommensarmut: Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Für 2024 lag die monatliche Armutsgrenze für eine alleinlebende Person bei etwa 1.380 Euro netto, für ein Paar mit zwei Kindern bei rund 2.890 Euro.

Sachsen-Anhalt mit der höchsten Quote im Osten

Besonders dramatisch ist die Lage in Sachsen-Anhalt. Mit 21,5 Prozent ist das Bundesland nicht nur Spitzenreiter im Osten, sondern liegt auch deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 16,1 Prozent. Mehr als jeder fünfte Sachsen-Anhalter ist armutsgefährdet. Thüringen folgt mit 16,8 Prozent, Sachsen mit 16,6 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern (15,9) und Brandenburg (14,5) liegen darunter.

Ost-West-Vergleich: Ein differenziertes Bild

Auch im Westen stieg die Armutsgefährdung: von 15,1 auf 15,8 Prozent – bleibt aber unter dem Ost-Wert. Die höchste Quote aller Bundesländer verzeichnet der Stadtstaat Bremen mit 26,7 Prozent. Bei den Flächenländern ist Sachsen-Anhalt mit 21,5 Prozent bundesweiter Spitzenreiter – ein Wert, den sonst nur Stadtstaaten erreichen. Zum Vergleich: Niedersachsen kommt auf 17,5 Prozent, Nordrhein-Westfalen auf 17,0.

Jeder Vierte in Sachsen-Anhalt von Ausgrenzung bedroht

Noch deutlicher wird die Schieflage beim erweiterten Armutsindikator AROPE. Dieser erfasst neben der Einkommensarmut auch materielle Entbehrung – also wenn Menschen sich etwa keine unerwarteten Ausgaben leisten können oder ihre Wohnung nicht angemessen heizen – sowie Haushalte mit sehr niedriger Erwerbsintensität. In Sachsen-Anhalt sind 24,4 Prozent der Menschen von Armut oder Ausgrenzung bedroht – der dritthöchste Wert aller Bundesländer nach Bremen (35,5 %) und Hamburg (23,8 %).

Die Armutsgefährdung im Osten stieg von 16,9 Prozent (2024) auf 17,3 Prozent (2025).

Reichtum extrem ungleich verteilt

Diese Armutszahlen sind umso brisanter, wenn man sie der Vermögensverteilung in Deutschland gegenüberstellt. Denn während im Osten jeder Fünfte ums Überleben kämpft, ist der Reichtum in Deutschland extrem konzentriert. Nach Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte rund 60 Prozent des gesamten Nettovermögens.

Zum Vergleich, die untere Hälfte der Bevölkerung kommt auf weniger als fünf Prozent des Gesamtvermögens, etwa sechs bis neun Prozent der Haushalte sind netto verschuldet. Der durchschnittliche Haushalt besitzt rund 300.000 Euro – doch dieser Wert täuscht, weil wenige Superreiche ihn nach oben treiben. Der Median, also der Wert, der die reichere von der ärmeren Hälfte trennt, liegt lediglich bei 103.000 bis 106.000 Euro.

Der Kontrast zu Merz' Forderungen

Genau hier zeigt sich der Widerspruch zu den Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Er fordert wiederholt, die Deutschen müssten „mehr und länger arbeiten“, um den Wohlstand zu erhalten – etwa nach Schweizer Vorbild mit höheren Jahresarbeitsstunden. Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche, so Merz, könnten den Wohlstand nicht sichern.

Doch während die oberen zehn Prozent, die bereits 60 Prozent des Vermögens kontrollieren – oft durch Erbschaften oder die Weitergabe von Vermögen innerhalb wohlhabender Familien über Generationen hinweg –, von solchen Maßnahmen weitgehend unberührt bleiben, sollen die unteren 90 Prozent mit minimalem Vermögensanteil durch längere Arbeitszeiten noch mehr leisten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die Hans-Böckler-Stiftung kritisieren genau diese Schieflage: Vermögenswachstum bei Reichen werde ignoriert, während Mehrarbeit von Geringvermögenden eingefordert werde.

Besonders im Osten, wo die Armutsgefährdung auf den höchsten Stand seit fünf Jahren gestiegen ist und in Sachsen-Anhalt jeder Fünfte betroffen ist, verstärkt dies den Eindruck einer Politik, die an der Lebensrealität vieler Menschen vorbeigeht.

Stimmen aus dem BSW

Scharfe Kritik an der Bundespolitik übt Sahra Wagenknecht, Gründerin des Bündnisses Sahra Wagenknecht. Angesichts der neuen Zahlen spricht sie gegenüber der Berliner Zeitung von einem „Deutschland einig Abstiegsland“. Der Osten habe mit 2,8 Millionen Armen die höchste Armutsquote seit Jahren – eine traurige Bilanz, so Wagenknecht. Die Verantwortung dafür sieht sie in der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung: „Miserable Wirtschaftspolitik führt zu immer mehr Abstieg.“ Was es brauche, fordert sie, sei endlich eine Politik, die Aufstieg wieder ermögliche.

Noch deutlicher wird Thomas Schulze, BSW-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Mehr als 35 Jahre nach der Wende, so Schulze zur Berliner Zeitung, sei die soziale Einheit eine Illusion. „Dass ausgerechnet Sachsen-Anhalt so abstürzt, ist die Quittung für eine Politik, die den Osten vergessen hat.“ Das BSW stehe für eine Rückkehr zur Vernunft. Löhne und Renten müssten endlich zum Leben reichen – „ohne Wenn und Aber“, fordert er abschließend.

Strukturschwache Regionen drohen abgehängt zu werden

Die neuen Zahlen offenbaren eine erschütternde Realität, trotz milliardenschwerer Konjunkturpakete, trotz Versprechen von Politik und Wirtschaft wird die soziale Schere in Deutschland nicht kleiner – sie öffnet sich weiter. Während die Vermögen der Reichsten auf Rekordniveau wachsen, kämpfen immer mehr Menschen im Osten um ihre Existenz.

Besonders strukturschwache Regionen drohen endgültig abgehängt zu werden. Ländliche Räume in Ostdeutschland, einst geprägt von Industrie und Aufbruchstimmung, verwandeln sich in Armutszonen mit sinkenden Chancen, schrumpfender Infrastruktur und wachsender Perspektivlosigkeit. Die Politik, so scheint es, hat den Osten nicht nur vergessen – sie hat ihn aufgegeben.





                                                                                                                                                                                      

 

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