Berliner Zeitung

18. Juni 2026, 20.10 Uhr

Von Florian Warweg

Der Vorstand des Berliner CSD e.V. hat die Anmeldung des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) als offizielle Fußgruppe zum 48. Christopher Street Day abgelehnt. Auf Nachfrage dieser Redaktion bekräftigte der Veranstalter seine Entscheidung, lehnte jedoch ausdrücklich eine vergleichende Bewertung mit anderen teilnehmenden Parteien ab. Der Vorgang sorgt für scharfe Kritik – und wirft grundsätzliche Fragen zum Selbstverständnis einer Veranstaltung auf, die sich um die Ausrichtung des WorldPride 2032 bewirbt.

Die Begründung des Veranstalters

In seinem Ablehnungsschreiben verweist der Vorstand des Berliner CSD e.V. auf seinen satzungsgemäßen Zweck, „Menschen zu unterstützen und zu fördern, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden". Als Anmelder der Demonstration sehe man sich „in besonderer Verantwortung, solidarisch an der Seite unserer trans, inter und nichtbinären Communities sowie aller queeren Menschen zu stehen“.

Konkret kommt der Vorstand zu der Einschätzung, dass „öffentlich vertretene Positionen und Äußerungen von Vertreter*innen“ des BSW „in wesentlichen Punkten nicht mit den Grundsätzen, Zielsetzungen und dem Selbstverständnis unserer Veranstaltung vereinbar sind“. Eine konkrete Benennung dieser Positionen oder dokumentierter Aussagen einzelner BSW-Vertreter:innen blieb das Schreiben schuldig.

Die Replik des BSW: Vorwurf der Doppelmoral

Der Landesvorstand des BSW Berlin reagierte mit einem offenen Brief, in dem er der Entscheidung „formell widerspricht“ und eine „inhaltliche Neubewertung“ einfordert. Die Partei betont, sie sei „in keiner Weise queerfeindlich eingestellt“ und setze sich „für die unteilbare Würde aller Menschen ein – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität“.

Die kritische Haltung der Partei zu bestimmten Sprachreformen oder, wie es im Brief heißt, „rein symbolpolitischen Maßnahmen“ sei kein Ausdruck von Ablehnung, sondern Teil eines legitimen demokratischen Diskurses. Besonders pointiert ist der Vorwurf der Ungleichbehandlung: Das BSW verweist darauf, dass CDU/CSU über Jahre die „Ehe für alle“ blockiert und – ebenso wie die BSW-Gruppe – gegen das Selbstbestimmungsgesetz gestimmt hätten. Auch SPD, FDP und Grüne hätten die im Koalitionsvertrag versprochene Reform des Abstammungsrechts über lange Zeit nicht umgesetzt. Das jahrzehntelange diskriminierende Blutspendeverbot für Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sei „maßgeblich von den damaligen Regierungsfraktionen“ der Union und der SPD aufrechterhalten worden. Dennoch seien Fußgruppen dieser Parteien – etwa die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) – „regelmäßig willkommene Teilnehmer des CSD“.

Aus Sicht des BSW vermittelt der Ausschluss daher den Eindruck, „dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, um eine neue, demokratisch gewählte Partei von einer der wichtigsten gesellschaftlichen Plattformen der Stadt auszuschließen“.

BSW-Landesvorsitzende King: „Cancel Culture aus dem linksgrünen Vorfeld“

Deutliche Worte findet auch Alexander King, BSW-Landesvorsitzender und Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus. Gegenüber dieser Zeitung ordnet er den Vorgang in einen größeren Kontext ein: „Die Ausladung des BSW vom CSD-Umzug ist leider nur ein Beispiel von vielen für die Cancel Culture aus dem linksgrünen Vorfeld im Berliner Wahlkampf.“ Besonders schmerzhaft sei der Ausschluss, weil sich das BSW „den Anliegen des CSD verbunden“ fühle: „Freiheit und soziale Gerechtigkeit sind ganz wesentlich für die politische Identität des BSW und passen gut zum Kampf um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung.“ King verweist auf eigene Erfahrungen aus der Community: Bei der Teilnahme am Motzstraßenfest vor zwei Jahren habe es „eine enorm positive Resonanz unter den Besuchern“ gegeben.

Scharf kritisiert King auch die ausbleibende inhaltliche Begründung: „Dass sich der CSD-Verein nicht mal die Mühe macht, seine Ausladung inhaltlich zu begründen, ist schwach und legt die Vermutung nahe, dass es vor allem darum geht, einen neuen Akteur in der politischen Landschaft Berlins klein zu halten.“ Er fürchte, es gehe zudem darum, „einen Anspruch auf die allein gültige Wahrheit gegen abweichende Meinungen zu verteidigen“. Damit, so King weiter, werde „der Anspruch von Vielfalt hier ad absurdum geführt, genauso wie leider auch der Anspruch, gegen Ausgrenzung einzutreten.“ Das BSW halte am Gesprächsangebot fest: „Ich habe nach wie vor die Hoffnung, dass der Verein unser Gesprächsangebot annimmt. Wir würden uns über die Gelegenheit zum Austausch freuen.“ Eine Rückmeldung des CSD-Vorstands liege bislang nicht vor.

CSD-Vorstand: Keine Begründung im Einzelfall, kein Vergleich

Auf eine umfangreiche Presseanfrage dieser Redaktion, in der unter anderem nach den konkret beanstandeten Aussagen, dem zugrundeliegenden Prüfverfahren sowie nach der Ungleichbehandlung gegenüber CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP gefragt wurde, antwortete der Vorstand des Berliner CSD e.V. zurückhaltend. Man verfolge satzungsgemäß den Zweck, „die Rechte, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung von LSBTIQ* Menschen zu fördern“ und entscheide über die Teilnahme von Organisationen „auf Grundlage seines Satzungszwecks und seines Selbstverständnisses“.

Im Rahmen dieser Prüfung sei der Vorstand zu der Einschätzung gelangt, dass eine Teilnahme des BSW „nicht mit den Grundsätzen, Zielsetzungen und dem Selbstverständnis des Berliner CSD vereinbar ist“. Eine inhaltliche Substantiierung – also welche konkreten Äußerungen welcher BSW-Vertreter die Entscheidung tragen – lieferte der Vorstand auch auf direkte Nachfrage nicht.

Auf die Frage nach der Ungleichbehandlung gegenüber anderen Parteien antwortete der CSD-Vorstand ausweichend: „Wir werden darüber hinaus keine vergleichende Bewertung anderer Parteien oder Organisationen vornehmen.“ Und weiter: „Entscheidungen über die Teilnahme einzelner Organisationen begründen keinen Anspruch anderer Organisationen auf Teilnahme.“ Damit verweigert der Veranstalter explizit jene Transparenz, die der BSW eingefordert hatte – und überlässt es der Öffentlichkeit, sich ein eigenes Urteil über die Konsistenz der Zulassungspraxis zu bilden.

Ein Widerspruch zum eigenen Selbstverständnis?

Der Vorgang ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich der Berliner CSD aktuell als kosmopolitisches Aushängeschild der Hauptstadt positioniert. In einem jüngst veröffentlichten Interview wirbt Vorstandsmitglied Thomas Hoffmann offensiv für die Bewerbung um den WorldPride 2032 – ein zweiwöchiges Megaprojekt im Millionenkostenbereich, das Berlin als „Regenbogenhauptstadt der Welt“ etablieren soll. Hoffmann betont dabei in einem Interview gegenüber der Berliner Zeitung, alle „demokratischen Parteien in Berlin“ hätten bereits Unterstützung signalisiert. Die Formulierung lässt offen, welche Parteien aus Sicht des CSD-Vorstands überhaupt unter diese Kategorie fallen – eine Frage, die durch den BSW-Ausschluss und die nun verweigerte vergleichende Bewertung neue Brisanz erhält.

Hoffmann argumentiert in dem Interview zugleich, die queere Community müsse „aufstehen“, um hart erkämpfte Rechte zu verteidigen, und richtet seine schärfste Warnung gegen das Umfragehoch der AfD. Das Motto „Haltung ist Hot" zielt erklärtermaßen darauf, im Alltag Position zu beziehen. Wo allerdings die Grenze zwischen legitimer politischer Abgrenzung und pauschalem Ausschluss einer im Bundestag sowie in mehreren Landesparlamenten vertretenen Partei verläuft, wird im Fall des BSW zur Streitfrage – zumal der Veranstalter offenlässt, nach welchen überprüfbaren Kriterien diese Grenze gezogen wird.

Fazit: Eine Entscheidung ohne öffentliche Rechenschaft

Der Berliner CSD e.V. nimmt mit seiner Antwort eine klare Position ein: Als privater Veranstalter beansprucht er das Recht, ohne öffentliche Begründungspflicht über Teilnahmen zu entscheiden. Rechtlich ist diese Position kaum angreifbar. Politisch jedoch wirft sie Fragen auf – vor allem mit Blick auf eine Veranstaltung, die jährlich erhebliche öffentliche Mittel in Anspruch nimmt, vom Regierenden Bürgermeister mit eigenem Wagen bespielt wird und mit der WorldPride-Bewerbung perspektivisch eine zweistellige Millionensumme an Tourismus- und Wirtschaftsfördermitteln mobilisieren möchte.

Wer eine derart öffentlich exponierte Bühne ausrichtet, wird sich an seinem eigenen Anspruch messen lassen müssen: an der Frage nämlich, ob der CSD eine Plattform des pluralistischen demokratischen Streits bleibt – oder ob er sich, ohne die Maßstäbe seines Handelns offenzulegen, zum Türsteher eines politisch eng definierten Akzeptanzraums entwickelt.



 





                                                                                                                                                                                        

 

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