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Berliner Zeitung 22. Juni 2026, 11.41 Uhr Von Daniela Dahn Das „Unternehmen Barbarossa“ war seit Sommer 1940 sorgfältig geplant – von Anfang an als Vernichtungskrieg, der den obsessiven Antibolschewismus der Nazis mit ihrem fanatischen Antisemitismus verband. Schon am Tag des Überfalls, dem 22. Juni 1941, erging der Kommissarbefehl, alle Kommunisten und Juden auf sowjetischem Boden zu ermorden. Der Befehl wurde pflichtbesessen ausgeführt. Funkabhörprotokolle über massenhafte Erschießungen vor allem von Juden, aber auch von vermeintlichen Bolschewisten, im Idealfall von jüdischen Bolschewisten, gelangten früh nach Groß-britannien. Aber Churchill reagierte nicht, wie alle Westalliierten. Hitler blieb Zeit, seinem Traum von einem versklavten Kolonialraum anzuhängen, der verharmlosend als neuer „Lebensraum“ für das deutsche Volk angepriesen wurde. Das unterworfene Gebiet sollte dem sogenannten Dritten Reich auch eine stärkere Position gewähren, falls der Krieg andauern würde. Die Behauptung der Nazis, man sei zu dem Überfall gezwungen gewesen, um einem geplanten Angriff der Roten Armee zuvorzukommen, war von Anfang an eine Propagandalüge. Die Rache der Besiegten? Lassen sich aus dem damaligen desaströsen Überfall noch Schlüsse für heute ziehen? Die Geschichtsschreibung ist sich weitgehend einig, dass die Aufstellung von Truppen der Roten Armee defensiv war, ein Ausdruck hoher Alarmbereitschaft. Stalins Armee befand sich in einer Umgruppierung, ihr fehlten nicht nur logistische Kapazitäten, sie war 1941 nicht kriegsbereit. Was die nicht überraschenden Anfangserfolge der Wehrmacht bestätigten. Die Bestialität dieser Mörderbande zu besiegen, dauerte Jahre und hat unermessliche Blutopfer gekostet. Dass die Sowjetvölker den Deutschen verziehen haben, gehört zu den großen Wundern der Geschichte. Umgekehrt hat man heute den Eindruck, dass viele Deutsche nie verziehen haben, besiegt worden zu sein. Die erste Lehre wäre, hellhörig zu bleiben gegen Bedrohungsszenarien und geistige Mobilmachung. Bevor in um sich greifender Russophobie fassungslos machende Summen für Aufrüstung und Mobilisierung freigegeben werden, muss auf seriöser Bedrohungs-analyse bestanden werden. Da dürfen allgemeine Hinweise auf angebliche Erkenntnisse der eigenen Geheimdienste nicht genügen – erst recht nicht, wenn die leistungsstärkeren Dienste der USA zu gegenteiligen Schlüssen kommen. Von China lernen Auf der Großen Mauer nahe Peking habe ich unlängst zum Thema Bedrohungsnarrative eine interessante Lektion erteilt bekommen – chinesische Geschichte, die in Wahrheit universal ist: Aus der Nähe betrachtet ist da nicht nur eine riesige Mauer errichtet worden, sondern über viele Jahrhunderte wurden unter größter Anstrengung Dutzende ähnliche Schutzwälle in die Bergpässe gebaut, um verschiedene Reitervölker und Steppennomaden abzuschrecken: Hunnen, Türken, Mongolen und Mandschuren. Doch die unter absurdem Aufwand erbauten Mauern schützten nie zuverlässig. Sie wurden entgegen allen Illusionen gewaltsam militärisch überwunden, wie durch die Truppen Dschingis Khans Anfang des 13. Jahrhunderts. Dieser verhöhnte die Mauer geradezu, als er in ihrem Schutz sein eigenes Heerlager einrichtete. Gut 200 Jahre später schloss der für aufgeklärte Reformen bekannt gewordene Ming-Kaiser Longqing Frieden mit den Mongolen, baute Hochseehäfen und förderte den Handel mit Nachbarländern. Er soll sinngemäß gesagt haben: Mehr Schutz als eine Mauer bietet ein gutes Auskommen mit seinem Gegner. Das wäre die zweite Kernaussage für heute. Ganz in diesem Sinne öffnete ein General der Ming-Dynastie im 17. Jahrhundert einen wichtigen Pass der Großen Mauer den Mandschuren, wonach deren Herrschaft über China fast 270 Jahre währte. Aber eine Warnung an alle Eroberungslustigen: Letztlich prägte die überlegene, jahrtausendealte chinesische Tradition und Kultur die militärisch Stärkeren. Die Eroberer übernahmen die konfuzianische Staatsphilosophie, die chinesische Schriftsprache und das Verwaltungssystem. Man könnte sagen, sie gingen in China auf, oder auch unter. Da war der Friedensschluss für die Eroberer nur noch ein Rettungsanker, Herr Trump. Im Krieg verlieren auch die Sieger. Keines der Probleme, denen sich die Welt derzeit gegenübersieht, ist militärisch zu lösen. Eine genauso offensichtliche wie ignorierte dritte Lehre. In China scheint sie verinnerlicht. Provozierte Kriege allerdings sind die Folge beirrender Kampfansagen, die historisch gewachsene Vernunft infrage stellen. Die atomare Eskalation Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die behauptete Absicht eines bevorstehenden Angriffskrieges Russlands gegen die Nato ist weder mit Äußerungen von Präsident Putin zu belegen noch mit nachvollziehbaren Motiven oder realen Kräfte-verhältnissen. Die dennoch schuldhaft entstandene, festgefahrene, unendliches Leid bringende Situation des Krieges in der Ukraine wird nicht dadurch aufzulösen sein, dass die ganze Verantwortung auf einer Seite abgeladen wird. Und sie wird noch weniger dadurch zu lösen sein, dass eine Eskalation riskiert wird, die eine Atommacht so in die Enge treibt, dass sie nur noch auf den schrecklichsten aller Knöpfe drücken kann. Nach einem atomaren Schlagabtausch wird sich Abschreckung erübrigt haben. Es wird niemand mehr übrig sein, der all die teuren Raketen, Kampfjets und Satelliten noch bedienen kann. Niemand, der noch eine Lehre ziehen wird. Abschreckung ist die Rivalität darum, wer mehr Angst erzeugen kann. Wenn nicht Krieg, so gehöre die immerwährende Drohung zum Naturzustand des Menschen, beklagte Immanuel Kant. Der Aufklärer, der den die Menschen beherrschenden Emotionen das widerständige Denken entgegensetzte: Der Friede sei ein Meisterwerk der Vernunft. Er mahnte in seinen Reflexionen zum ewigen Frieden, dass ein Mindestmaß an „Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes mitten im Kriege noch übrigbleiben muss, weil sonst kein Friede abgeschlossen werden könnte und die Feindseligkeiten in einen Ausrottungskrieg ausschlagen würden“. Arbeiten wir an diesem Mindestmaß. Denn Feindbilder und Geschichtsklitterung sind nicht nur im Nachhinein eine gefährliche Quelle von Hass, sondern befeuern auch im Vorfeld Zuspitzungen, die in einen Krieg münden können. Abschreckung reicht nicht Zu Deeskalation würde eine vierte Erkenntnis gehören: Die sakrosankt gewordene Strategie der Abschreckung taugt nicht, weil sie, waffenstarrend, niemals Sicherheit garantiert. Sie hüllt uns in die Unsicherheit, ob nicht Waffen letztlich zum Losgehen gemacht sind – ob absichtsvoll oder versehentlich. Abschreckung baut auf Konfrontation statt auf jenes Mindestmaß an Vertrauen. Sie zerstört den laut Kant im Menschen ebenfalls angelegten „Handelsgeist“, der durch Sanktionen unterdrückt wird, und sei es zum eigenen Nachteil. Das selbstgerechte, angeblich überlegene Wertesystem muss verteidigt werden, auch wenn es nur die Werte und Gewinne des militärisch-industriellen Komplexes beschützt. Welcher Überfall bedroht uns in Europa, in Deutschland heute wirklich? Die Strategie der Kriegstüchtigkeit durch maximale Abschreckung verschleißt alle wirklich dringenden menschlichen Bedürfnisse: Sie verschlingt den Sozialstaat, reduziert die Leistungen für Bildung und Gesundheit, sie belastet die Umwelt, was spürbar die Lebensqualität aller durch zunehmende Hitze und Unwetter beeinträchtigt. Sie gefährdet durch Bumerang-Sanktionen die Existenz von Unternehmen und damit Löhne und Renten. Sie lässt nicht nur Betonbrücken kollabieren, sondern auch die zivilisatorischen Brücken demokratischen und kulturellen Austausches. Die Gedanken sind frei, solange sie nicht stören. Die Grenzen des ungestraft Sagbaren werden immer enger. Nur noch 14 Prozent der Deutschen blicken zuversichtlich in die Zukunft – die Wohlhabenden. Der große „Rest“ steigt ab oder hat Angst davor. Jeder fünfte junge Staatsbürger plant, Deutschland zu verlassen. Rückkehr der Rechtsextremen Ein nicht geringer Teil derer, die bleiben, trägt dazu bei, dass sich in Europa, in Ost- und Westdeutschland, nationalistische, rechtsextreme, autoritäre Kräfte wie Phönix aus der Asche der Depression erheben. Diese etablieren gerade in den Staaten angeblicher „westlicher Werteordnung“ ein Sanktionsregime, das jenseits von Völker-, Menschen- und Strafrecht den mühsam errungenen Rechtsstaat aufs Spiel setzt. Wiederholt sich Geschichte? Angesichts neofaschistischer Bedrohung auch der Jahrhundertfehler der Spaltung der Kräfte, die man früher Arbeiterbewegung nannte? Und der heute der Spaltung des Prekariats, der Gewerkschaften und aller Parteien des im weitesten Sinne linken Spektrums entspricht. Diese sollten sich in ihrer von Angriffen bedrohten Situation nicht in Rosenkriegen verausgaben – wenn es um die Verhinderung von Faschismus und Krieg geht, ist Einheit das Gebot der Stunde. Wird diese fünfte Lehre nicht beherzigt, wird es womöglich nichts mehr zu beherzigen geben. Die LINKE hat einst folgerichtig ein Menschenrecht auf Frieden gefordert. Dem ist am Tag des mahnenden Gedenkens an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion nichts hinzuzufügen.
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