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Berliner Zeitung 04. Juli 2026, 20.32 Uhr Von Marcel Luthe Im Mai 1948 stand auf den Plakaten der Gewerkschaften in der britischen Zone ein einziger Satz: „Stärker als alle Parteien!“ Ein großes politisches Versprechen, kein bloßer Werbespruch. Hans Böckler, der erste DGB-Vorsitzende, baute die Einheitsgewerkschaft auf der parteipolitischen Unabhängigkeit von jeder Regierung, und Otto Brenner, der Vorsitzende der IG Metall, stellte sich 1954 öffentlich gegen die Wiederbewaffnung und damit gegen die Regierung Adenauer, die ihre Koalition eigens dafür nach rechts verbreitert hatte. Sein Widerspruch galt der Regierung, nicht der Opposition. So sah das gesellschaftliche Gegengewicht aus, das die vielen Väter und vier Mütter des Grundgesetzes in der Trias von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften schaffen wollten. Sprung in die Gegenwart. Den DGB führt heute Yasmin Fahimi, erst Generalsekretärin der SPD, dann beamtete Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium. Ihr Vorgänger an der Spitze der größten Einzelgewerkschaft, Frank Bsirske, fast zwei Jahrzehnte Verdi-Chef, zog danach für die Grünen in den Bundestag ein, nachdem er seinen eigenen Weg einst als Stipendiat der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung begonnen hatte. Die Gewerkschaften stellen ein Drittel im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit, ihre Vertreter dort sind vom Arbeitsministerium ernannt, und in der Selbstverwaltung der Sozialkassen wachen sie über jährlich rund 400 Milliarden Euro mit. Und auf der Straße? Dort demonstrieren sie gegen eine Oppositionspartei. Das Plakat von damals hängt noch, sein Versprechen ist heute kopfüber eingelöst. ...
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