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JACOBIN 20. Juli 2026 Von Somdeep Sen Während der zweiten Amtszeit von Donald Trump sprechen hochrangige Vertreter seiner Regierung mit Blick auf Migration regelmäßig von »Invasionen«. So warnte Verteidigungs-minister Pete Hegseth beispielsweise anlässlich des 82. D-Day-Jahrestags in Frankreich, Europa werde von Migrantinnen und Migranten »überflutet«. Am Strand in der Normandie erklärte Hegseth weiter: »Leider werden heute verschiedene europäische Strände von unterschiedlichen, gefährlichen Ideologien gestürmt.« Damit spielte er auf die Anlandung von Flüchtlingsbooten an den Küsten Spaniens, Italiens, Griechenlands und Bulgariens an. »Wann werden die europäischen Hauptstädte etwas gegen diese Invasion unternehmen? Oder ist es schon zu spät? Ich bete, dass es nicht zu spät ist, und ich glaube auch nicht, dass es zu spät ist.« Am Tag zuvor hatte Vizepräsident J. D. Vance den Mord an dem 18-jährigen Henry Nowak durch Vickrum Singh Digwa in der englischen Stadt Southampton auf »die Masseninvasion von Migranten, von denen viele den Westen verachten« zurückgeführt. Trump selbst bedient sich schon seit Langem dieser Sprache. 2025 sagte er während eines Golfausflugs nach Schottland, Einwanderung sei eine »Invasion«, die »Europa zerstört«. Er hat zudem wiederholt angedeutet, europäische Städte wie Paris und London würden von kriminellen Migranten regelrecht überrannt, die Scharia eingeführt und »No-Go-Areas« geschaffen. Die Polizei wage »sich nicht einmal mehr in die Nähe« gewisser Stadtviertel. Europäische Behörden haben derartige Behauptungen wiederholt und zu Recht zurückgewiesen. Europa wird nicht von Migranten überrannt. Vielmehr scheint sich eine andere Art von »Invasion« abzuzeichnen: Die Eindringlinge sind nicht Menschen, die das Mittelmeer oder den Ärmelkanal überqueren; es ist die US-amerikanische radikale Rechte, die mit Geld, Plattformen, Veranstaltungen und Personal in Europa einfällt. CPAC goes Europe Wenn die amerikanische Rechte vor einer »Invasion« Europas warnt, dient das mehreren Zwecken. Im Inland soll Xenophobie gerechtfertigt werden. Im Ausland tragen die Warnungen dazu bei, Solidarität mit ideologischen Verbündeten, insbesondere in Europa selbst, zu signalisieren. Zunehmend wird dieses Projekt nicht nur aus der Ferne betrieben. US-amerikanische Rechtsradikale und Organisationen reisen regelmäßig über den Atlantik, treten auf Konferenzen auf, finanzieren Netzwerke und unterstützen die europäischen Rechten, die immer weiter in den Mainstream vordringen wollen. Ein Beispiel für eine Plattform, mit der die US-Rechte ihre Gesinnungsgenossen in Europa unterstützt, sind die europäischen Ausgaben der Conservative Political Action Conference (CPAC). Auf der CPAC 2022 in Budapest unter dem Motto »Gott, Vaterland, Familie« begrüßte der damalige Ministerpräsident Viktor Orbán die rechtsradikale US-Politkommentatorin Candace Owens. Auf der Konferenz wurden außerdem Videobotschaften von Trump, Tucker Carlson sowie Trumps ehemaligem Stabschef im Weißen Haus, Mark Meadows, gezeigt. Zu den weiteren Teilnehmern gehörte unter anderem der Orbán-nahe ungarische Talkshow-Moderator Zsolt Bayer, der in der Vergangenheit Juden als »stinkenden Kot« und Roma als »Tiere« bezeichnet hatte. An weiteren Ausgaben der CPAC in Ungarn und Polen nahmen unter anderem Kari Lake, Ex-Nachrichtensprecherin und republikanische Kandidatin für die Gouverneurswahlen 2022 in Arizona, der Alt-Right-Aktivist Jack Posobiec, der ehemalige Chefstratege des Weißen Hauses Steve Bannon sowie der derzeitige Minister für Innere Sicherheit Markwayne Mullin teil. Anfang 2026 fand in Portugal ein »Remigrationsgipfel« statt. Auf der offiziellen Website der Veranstaltung wird »Remigration« als »die Antwort auf jahrzehntelange Austauschmigration und Multikulturalismus« dargestellt, »die die [europäischen] Nationen bis zur Funktions-unfähigkeit zersetzt« hätten. Weiter heißt es dort: »Mit Remigration wird Europa jeden Tag wieder ein wenig europäischer. Ohne Remigration wird es jeden Tag weniger europäisch und letztlich aufhören zu existieren.« Auf dem Gipfel trafen Politiker wie Lena Kotré und Kay Gottschalk von der AfD sowie Rocío de Meer und Carlos Quero von der spanischen Partei Vox mit US-amerikanischen White Supremacists wie Jared Taylor und den ehemaligen Chef der US-Grenzpolizei Gregory Bovino zusammen. Transatlantische Netzwerke Die in Paris ansässige NGO BLOOM hat ein Gebilde aufgedeckt und kartiert, das sie als »Netzwerk rechtsextremer, konservativer und aufklärungsfeindlicher Organisationen« bezeichnet, »die auf beiden Seiten des Atlantiks zusammenarbeiten, um den Kern des europäischen Demokratieprojekts zu untergraben«. Offiziell befasse sich dieses Netzwerk aus amerikanischen und europäischen »Thinktanks, Stiftungen, politischen Parteien, Regierungsstellen und transatlantischen Plattformen« mit Themen wie »Wettbewerbs-fähigkeit«, »Meinungsfreiheit«, »Freihandel« und »Wokeness«. BLOOM betont jedoch, letztendlich würden die Mitglieder des Netzwerks darauf hinarbeiten, die »politische, rechtsstaatliche und intellektuelle Landschaft« des Alten Kontinents zugunsten eines »illiberalen, konservativen, deregulierten und zersplitterten Europas« umzugestalten. Zum US-amerikanischen Flügel dieses Netzwerks gehören die Heritage Foundation, das Heartland Institute, die Alliance Defending Freedom und das America First Policy Institute. Die Heritage Foundation zeichnet für den Bericht Project 2025 verantwortlich, der die Blaupause für die MAGA-Politik zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit lieferte. Das Heartland Institute ist seit Langem ein Akteur im Bereich Klimawandelleugnung. Laut Greenpeace organisierte es die America First Energy Conference, um »die Politik der Trump-Regierung zu beeinflussen, Anreize für Förderung fossiler Brennstoffe zu schaffen und ihre entschiedene Ablehnung der Klimawissenschaft zu betonen«. Die Alliance Defending Freedom kämpft in den USA gerichtlich gegen »das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter«. Laut der BLOOM-Recherche ist sie in Brüssel als »aktive Lobbyorganisation« registriert, die sich auch im Europäischen Parlament für diese Belange einsetzt. Das America First Policy Institute wurde 2021 gegründet und spielte neben der Heritage Foundation eine zentrale Rolle bei der Ausgestaltung der Politik während Trumps zweiter Amtszeit. Im Zuge ihrer Bemühungen um globale Koalitionen setzt sich die Organisation für eine restriktivere Migrationspolitik in Europa ein, um dem entgegenzuwirken, was sie als »negative Folgen der illegalen Einwanderung […] einschließlich der Gewaltverbrechen und Unruhen, die durch eine nicht assimilierte Bevölkerung verursacht werden« bezeichnet. Zum europäischen Flügel gehören unter anderem das Mathias Corvinus Collegium in Budapest, das Ordo Iuris Institut in Warschau und New Direction: The Foundation for European Conservatism mit Sitz in Brüssel. Das Mathias Corvinus Collegium ist ein zentraler Knotenpunkt in der rechtsextremen akademischen Landschaft und dient unter anderem dem transatlantischen Koalitionsaufbau. Es wurde von Viktor Orbán mit staatlichen Mitteln unterstützt. Nach dessen Niederlage bei den jüngsten Parlamentswahlen versprach Ungarns neuer Regierungschef Péter Magyar, die öffentlichen Mittel für das Collegium zu streichen und die Verbindungen zur CPAC zu kappen. Wie Magyar betonte: »Der Staat hätte sie von vornherein niemals finanzieren dürfen, das war ein Verbrechen.« Eine Recherche von Balkan Insight aus dem Jahr 2021 ergab derweil, dass das Ordo Iuris Institut enge Verbindungen zu rechtsradikalen Parteien in Polen unterhält und eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von Gesetzen gegen Schwangerschaftsabbrüche und gegen die LGBTQ-Community gespielt hat. Neben einer Reihe gleichgesinnter europäischer Organisationen wie dem Mathias Corvinus Collegium zählt es auch die rechte US-Lobby-organisation Center for Family and Human Rights zu seinen Partnern. Das Institut wurde 2012 im Rahmen einer Konferenz mit dem Titel »Intellektuelle Grundlagen und rechtliche Mittel zum Schutz des menschlichen Lebens in der pränatalen Phase: Eine vergleichende Perspektive« an der Universität Warschau gegründet, die von der Alliance Defending Freedom mitgesponsert wurde. New Direction und seine politischen Förderer, die Partei der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR) werden von BLOOM als die wohl wichtigste treibende Kraft hinter dem »konservativen und rechtsradikalen transatlantischen Bündnis« beschrieben. Offiziell greift die Gruppe bekannte rechtskonservative Argumente auf und beschreibt sich selbst als Organisation, die »nationalen Bewegungen eine Stimme verleiht, die sich für Rechtsstaatlichkeit, traditionelle Werte, freie Märkte und die Achtung des Prinzips des Schutzes der nationalen Souveränität einsetzt«. Zu ihren Veranstaltungen zählt der Transatlantic Summit VII, der Anfang dieses Jahres in Brüssel stattfand und von der Heritage Foundation sowie der Alliance Defending Freedom mitveranstaltet wurde. Zu den Hauptrednern dieser Konferenz gehörten der rechtsradikale zukünftige Präsident Chiles, José Antonio Kast Rist, sowie Nikolas Ferreira, ein Abgeordneter der Partei des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, und Sharon Slater, die Vorsitzende der Anti-Abtreibung- und Anti-LGBTQ-Gruppe Family Watch International, die ihrerseits vom Southern Poverty Law Center als »Hate Group« eingestuft wird. Beeinflussung von außen Darüber hinaus zögern US-amerikanische Rechtsradikale auch nicht, sich direkt in die europäische Wahlpolitik einzumischen. So hatte Elon Musk zunächst seine Unterstützung für den Vorsitzenden von Reform UK, Nigel Farage, bekundet, bevor er sich noch radikaleren rechten Figuren zuwandte, darunter Tommy Robinson und Rupert Lowe, ein Ex-Abgeordneter von Reform, der inzwischen seine eigene Partei namens Restore Britain gegründet hat. Zudem unterstützte Musk im Vorfeld der deutschen Bundestagswahlen 2025 die AfD und deren Vorsitzende Alice Weidel. Zuletzt hat Musk für Citizen Vigilante geworben, einen Film, in dem ein amerikanischer Geschäftsmann in Europa Einwanderer (die als Kriminelle dargestellt werden) und diverse andere Personen tötet, die er als Komplizen bei deren Verbrechen ansieht. In Deutschland erhielt der Film von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie (FSK) zunächst keine Altersfreigabe. Grund dafür waren Bedenken, die in Citizen Vigilante dargestellte Selbstjustiz könne zu »Desensibilisierung und Desorientierung Jugendlicher« sowie zu Nachahmungstaten führen. Im Vorfeld der ungarischen Wahlen im April 2026 reiste J. D. Vance nach Budapest, um seine Unterstützung für Viktor Orbán zu bekunden. Seine Botschaft bei der Wahlkampfveranstaltung wirkte skurril: »Wir wollen, dass ihr eine Entscheidung über eure Zukunft trefft, ohne dass äußere Kräfte Druck auf euch ausüben oder euch vorschreiben, was ihr tun sollt. Ich sage euch nicht genau, wen ihr wählen sollt, aber ich sage euch: Auf die Bürokraten in Brüssel, auf diese Leute, solltet ihr nicht hören.« Wenig später forderte er die Ungarn dann doch auf: »Geht am Wochenende zur Wahl, steht hinter Viktor Orbán, denn er steht hinter euch.« Vances Trommeln für Orbán reichte nicht aus, um den ungarischen Premier an der Macht zu halten. Dennoch zeigt sich, wie bestrebt die US-Radikalen sind, die europäische Rechte zu fördern. Angesichts dessen sei an die Worte von Pete Hegseth zu Anfang dieses Artikels erinnert. Er hat Recht: Europa wird in der Tat überflutet. Allerdings nicht von Migranten, sondern von Hegseths ideologischen Mitstreitern. Wann werden die europäischen Hauptstädte etwas gegen diese Invasion unternehmen? Oder ist es schon zu spät? Ich bete, dass es nicht zu spät ist, und ich glaube auch nicht, dass es zu spät ist.
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