Elefantenfriedhof

Jedes Mal, wenn Klaus Mehnert im Captain-Kirk-Sessel auf der Baumarkt-Brücke seine Gehaltsabrechnung durchging, erschauderte er.

Mehnert war viel zu lange nur ein mieser kleiner Büttel einer maroden Diktatur gewesen, und in elf Jahren Praxis hatte er es zähneknirschend und knieschlotternd nur zum unzuverlässigen Büttel einer miesen kleinen Diktatur gebracht. An seinem Porträt als schlechtbezahlter Diktator über verängstigte Büttel war dagegen nur die mickrige Zahl auf dem Kontoauszug richtig.  

Jeder, den der Verlauf des täglichen und ganz konkreten Klassenkampfes in die unklimatisierte Dachkammer einer Kreisleitungs-Villa verschlagen hatte, wußte schließlich, was so ein Ruf in die erste Etage mit dem Büro des Zweiten Sekretärs bedeutete. Zumindest war ein besoffener NVA-Oberst über eine genossen­schaftliche Kuh gefahren oder ein befreundeter T 54 auf einem Schnellzuggleis stehen geblieben, und maximal hatte in Berlin eine Außer­ordentliche Plenartagung des Zentralkomitees stattgefunden. Im schlimmsten Fall seiner plötzlichen Ernennung zum Ersten wäre der Zweite Sekretär wohl heraufgekommen, überlegte Mehnert beim Abstieg, aber dafür war es sogar bei einem Kaderreservisten wie ihm in der dritten Woche im neuen Amt noch zu früh. Er atmete auf, als der Zweite den Kopf seitlich neigte und ihn statt an das Sünderende des Beratungstischs an seine linke Seite beorderte.

„Müller“, sagte der Zweite und machte eine bedeutungsvolle Pause. „Müller hat ein Stück geschrieben, wie du sicher weißt.“

„Der Heiner“, fragte Mehnert routiniert. Das war ein Trick der erfahrenen Bezirks-Genossen, um die letzten Geigen der Theaterorchester vor der Ausweisung zu retten. Man nannte sie wie ungezogene Kinder beim Vornamen und verkleinerte so fast jede Provokation zu einem eher harmlosen Streich. „Das hat er schon öfter gemacht, ja.“ Mehnert sah am Steifwerden des Zweiten, daß dieser Brauch noch nicht in Aschenbach eingebürgert war. „Hört man! Im Westfernsehen.... Ich kenne solche Leute ja nicht persönlich, Genosse...“

Der Zweite Sekretär wunderte sich, daß die Genossen in Berlin offenbar Hinze und Kunze das Verfassen von Stücken und das Versenden solcher Textbücher erlaubten, und das Problem, das Mehnert haben würde, war das Ankommen dieser Machwerke in Aschenbach. Sie waren im Kulturhaus „Hans Marchwitza“ aufgetaucht, und offenbar versuchte ein einzelner Herr Müller durch die Infiltration des Arbeitertheaters im Glaswerk Unruhen auszuösen, die sehr leicht die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik als Fundament der Verbundenheit von Volk und Staats- und Parteiführung gefährden konnten. Mehnert schüttelte leicht den Kopf, eher verzweifelt als ungläubig.

„Doch! Und 53 haben einige Genossen auch nicht geglaubt, daß der Gegner mit einem kleinen Protest gegen die Lohnerhöhungen soviele Arbeiter gegen uns aufhetzen könnte“, sagte der Zweite leise, aber scharf.

„Normerhöhungen“, berichtigte Mehnert flüsternd.

„Siehst du! Lohn- und Normerhöhungen: so fängt es immer an!“

„Aber damals hatten wir die Kampfgruppen noch nicht“, sagte Mehnert. „Und ich glaube nicht, daß sich unsre Menschen noch einmal gegen Lohnerhöhungen aufhetzen lassen! Weil wir, und vor allem sie aus der Geschichte gelernt haben... Nein?“

„Doch, natürlich“, sagte der Zweite und hielt Mehnert die Zigarettenschachtel hin. „Und die Lage ist ja nur hoffnungslos: noch lange nicht ernst!“

Mehnert führte ganz kurz vor, daß er an einer halb chronischen Bronchitis litt, und er wünschte sich wahrlich, der braun gerauchte Dsierzynski wäre aus dem vergoldeten Rahmen gestiegen und hätte die Verantwortung für die Ordnung, Ruhe und Sicherheit in Aschenbach wieder persönlich übernommen. Mit den Polen, der Sowjetunion und den nicht offiziell versammelten Leuten kam Mehnert schließlich besser zurecht als je zuvor.

„Und dann dieser Typ!“ Der Zweite zog zwischen den Gummibaum-Töpfen auf der Mosaik-Bank zu seiner Rechten einen blauen Schnellhefter hervor und legte ihn tonnenschwer vor Mehnert hin. „Außer dem Stück schickt uns Berlin auch noch diesen Typen! Aber wer genau, frage ich dich! Und ist das eine Verbannung oder eine Provokation? Auch das ZDF und diese sogenannte Dissidentin sitzen ja in Berlin... So, Genosse Mehnert, ist die Lage! Und sie entwickelt sich noch!“

Mehnert versprach, das sofort zu überprüfen und mit dem Parteisekretär des Arbeitertheaters zu besprechen, und schon im Aufstehen haßte er sich für die rituelle Formel der Kapitulation vor der größeren Erfahrung im Klassenkampf und im Parteiapparat. Er mußte nicht in die Akte sehen, um zu wissen, wie es weiterging. Der Parteisekretär, falls ein Arbeitertheater überhaupt einen Parteisekretär hatte, würde Mehnert als einen Bonzen beschimpfen, der da oben gar nicht mehr wußte, was vor Ort los war, und ihr Provinz-Müller würde bei irgendeinem ZDF anrufen und einen neuen Fall von Zensur melden. Nicht einmal das überdeutliche Aussprache-Zwinkern bekamen die sensiblen Künstler in den letzten ein, zwei Jahren noch mit, und Dr. Ines Mehnert würde der blauen Akte auch noch zuverlässig Recht geben. Sie war ihm ja von der Universität aus nachgezogen, und bis sie wieder in einer angemessenen Verantwortung zappeln würde, würde sie weiter seine Raissa Gorbatschowa geben. Sogar den Inhalt der Akte kannte Mehnert schon vor dem Hineinsehen: das beim Kopieren vergrößerte Paßbild eines dicken Bärtigen, ein paar Ausschnitte der Kulturseiten einer Bezirkszeitung und das Nebenverdienst-Gutachten eines Stasi-Dramaturgen oder unabhängigen Lektors.

Nur wer diese Wege und Arbeitsberatungen und die Zahl auf der Gehaltabrechnung nicht kannte, konnte argwöhnen, daß Mehnert seinen Aufstieg in die Glaskanzel über der Dorf-Filiale einer westdeutschen Baumarkt-Kette als eine Deklassierung verstand. Sogar informierter als früher war er in dieser Position, obwohl  ihm die mutmaßliche Erektion des ausgerutschten Bürgermeisters neu war. 

„Quatsch“, sagte Mehnert ins Freisprech-Telefon. „Das hat der genauso wenig hingekriegt wie den Kanzlerbesuch! Und ich hatte dich wirklich vor ihm gewarnt!“

„Und das war eine Frechheit“, sagte Bloch in seinen Telefonhörer. „Was ging dich denn an, wer in einem Theaterstück, das dich auch nichts anging, mitspielen wollte!“

Mehnert trank erst einmal die Espresso-Tasse leer. „Es war eben nicht alles gut an der DDR!“

„Du bist ein Arschloch“, knurrte Bloch.

„Aber eins der dir freundlich gesinnten...“ Mehnert griff nach dem Hörer und schaltete den Lautsprecher ab. „Und das, obwohl du die ganze Stadt an das raffende jüdische Wallstreet-Kapital verkauft hast!“

„Was gar nicht wahr ist“, sagte Bloch. „Und dafür gibt es einen Zeugen...“ Er wurde immer langsamer. „...der sich eben nackt in seiner Sauna erhängt hat. Du meinst...?“

„Gestern. Und man geht normalerweise nicht in eine Sauna, um sich zu erhängen, aber man ist da drin normalerweise nackt“, antwortete Mehnert indirekt. Er konnte durch die Scheibe sehen, daß der Städtische Meister der Telefon-Überwachung einem seiner Opfer auf dem Teppich-Karussell die verlangte Rolle in Tasthöhe fuhr, aber er war das Telefonieren und Instruieren in Andeutungen nun einmal gewöhnt. „Und, Bloch... Mir fällt da selber der Spruch vom Fluch der bösen Tat ein, einerseits. Aber auch der vom Kapital, das bei entsprechendem Profit kühn wird...“

Bloch würde das Zitat verstehen, weil er ein Maulwurf jeder Bibliothek war. Mehnert hatte ihn beim Studium und während der Wende-Reden beneidet, auch wenn diese Art Tierchen im Licht der Tribünen und im Neon der Marktwirtschaft blind wie ein Maulwurf war.

Das Neon der Marktwirtschaft war in Aschenbach allerdings eine ziemlich unpassende Metapher. Die Marktwirtschaft leuchte in Aschenbach rötlich-gelb von den Riesenmasten auf den Parkplätzen am Stadtrand, und hatte im Zentrum nur den hellblauen und schwer lesbaren Schriftzug an den Adenauer-Passagen getrieben. Sogar in dem zweigeschossigen Glas-Bau waren die Schaufenster-Lampen aus, sobald die Boutiquen-Türen abgeschlossen waren, und der Bäcker, der Fleischer und die Friseuse am anschließenden Markt sparten genau an derselben Stelle. Und weil es im Zentrum deshalb nach 18.00 Uhr nichts mehr zu holen und nichts mehr zu sehen gab, gab es niemandem, dem die neuen elektrischen Gaslaternen von dort heimleuchten konnten und mußten. So gesehen oder so nicht gesehen sprach einiges für den Stadtrats-Antrag, nur noch jede dritte Laterne am Netz zu lassen. Nur die Begründung sprach nicht recht dafür.

„Wir sparen bei einer möglichen Leistung, für eine Minderheit, die ich nicht recht sehe“, sagte Krause leichthin, „und das so gesparte Geld können wir im Interesse aller anders einsetzen. Wir müssen ja zum Beispiel dringend die Stadtwerke unterstützen, meine Dame und meine Herren! Unsere  Stadtwerke etwa brauchen dringend Zuwendung. Die kriegen ihre Investitionen einfach nicht wieder rein, weil der Stromverbrauch seit 1994 nicht mehr gestiegen ist. Er könnte dieses Jahr sogar leicht rückläufig sein...“

„Im Unterschied zur Arbeitslosigkeit, ja“, rief der Deutschlehrer des Gymnasiums dazwischen, obwohl Krause am Ende seiner Rede war.

„Abstimmen“, verlangte Kazimierczak-Bleibethreu-Heizungen.

„Können wir“, sagte oder fragte Krause und nickte müde, weil sich Seichter nun gemeldet hatte.

„Meiner Fraktion scheint...“ Seichter machte eine rhetorische Pause, damit in seinem Quartett gelacht werden konnte. „...das Ganze doch ein wenig merkwürdig, also: des Merkens würdig. Sie, meine Herren von der Mehrheitsfraktion, werden hier gleich beschließen, den Stadtwerken künftig kein Geld für Licht zu bezahlen, damit sie denselben Stadtwerken mehr Geld für kein Licht bezahlen können. Habe ich Sie da richtig verstanden?“

Krause, der ja unter der Diktatur als glücklicher Ingenieur gerechnet hatte, zog seinen Kopf bis zum grau gewordenen Stalin-Schnauzer in den Anzug. Er sah wie ein Walroß aus, das am Präsidiumstisch eines Lausitzer Stadtrats gestrandet war und gehörig unglücklich aussah. Seine Augen drehten zur schmalen rechten Tischkante.

„Das ist richtig“, sagte George’s Deutscher Imbiß. Er packte den Unterarm auf den Beratungstisch, als sei das sein Tresen, und stützte den Oberkörper darauf. „Das ist richtig, obwohl sogar Sie das zu verstehen scheinen.“

„Und CDU und DSU werden das auch so beschließen“, fragte Seichter.

George‘s Deutscher Imbiß nickte und grinste. „Dafür sind wir ja mit großer Mehrheit gewählt und wiedergewählt worden, Herr Doktor Seichter! Im Unterschied zu Ihnen...“

„Wenn Ihr Imbiß auch nach diesem Prinzip funktioniert“, sagte Seichter freundlich, „nach dem Prinzip ‚Bockwurst kriegste nicht, aber schenk mir die zwei Mark!‘, dann sind Sie kein Demokrat und Marktwirtschaftler, sondern ein Mafioso und Pleitier!“

Krause, der wie alle in der Stadt wußte, daß der Grieche und der Döner-Vietnamese den Deutschen Imbiß zu ruinieren drohten, fuhr den Kopf aus, um nun dem Koalitionspartner zu helfen.

„Meine Herren, meine Dame! Ich darf schon bitten! Mir wäre doch auch lieber, die SPD wäre nicht erkältet und die F.D.P. wäre nicht... Wo ist die Krüger denn heute hin? Jedenfalls ist das doch wohl ein Sachzwang, dem alle Demokraten einfach zustimmen müssen! Und ich gebe Ihnen ja zu, Herr Doktor Seichter, daß das mit der Finanzierung eine etwas komplizierte Materie ist...“

„Vonwegen“, johlte George’s Deutscher Imbiß. „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung: mehr versteht ihr Roten von dem Thema doch gar nicht! Ihr Arm..., ihr Arme-Leute-Leuchter!“

„...aber wir entlasten den Haushalt damit auch ganz real“, versuchte Krause unbeirrt, den Meister aller Bürger zu geben. „Wir sparen an Glühlampen, unmittelbar, und wir schonen auf lange Sicht die kommunalen Laternen und Leitungen.“

Als Mehnert, ökonomischer Berater der Sozialisten und einziger Gast der Ratssitzung, mit seinem früh ergrauten Lenin im Ratskeller saß, brauchte Seichter erst einmal zwei halbe Liter Schwarzer Steiger.

„War ich so schlecht? Aber sei ehrlich!“

„Du warst sehr gut“, sagte Mehnert ehrlich und trank von seinem kleinen Pils.

„Und wieso stimmen dann zwei von meinen Idioten mit diesem idiotischen Dutzend?“

„Also das...“ Mehnert zündete sich eine Zigarette an und verschluckte sich für ein, zwei Minuten absichtlich am Rauch. „...das wollte eigentlich ich dich fragen!“

„Immerhin sind wir zu den Wahlen angetreten und damit theoretisch auch das Risiko eingegangen, an die Macht zu kommen“, sinnierte Seichter über der Neige im zweiten Glas. „Wir haben Visionen, bestimmt nicht weniger als die römischen Vestalinnen, und wir wollen etwas und eigentlich alles für unsere armen alten Mütterchen tun... Und dann halten es diese Idioten für notwendig und richtig, an den Glühbirnen zu sparen!“

Mehnert bekam seine Antwort weder damals noch später, aber nachdem Frau Krause in der Keller-Sauna gewesen war, war das theoretische Risiko, bei den Wahlen zu gewinnen, ein praktisches, wenn auch kleines praktisches Risiko geworden. Es gab diese Fälle durchaus, sogar in der mittleren Nachbarschaft, und Mehnert fühlte sich zwischen verschiedenen Optionen hin und her gerissen. Zum Beispiel konnte er seinen Ruf als Direktor des Baumarkts für seine Partei riskieren, und zum anderen konnte er bei der Firmenzentrale anregen, den Verkauf von Fertigteil-Saunen in den neuen Bundesländern vorübergehend auszusetzen. Eine dritte Möglichkeit war, Seichter zu einem unabhängigen Kandidaten zu raten, der dann sehr gut Bloch sein konnte. Eine Sauna konnte sich der Freund sowieso nicht leisten, und einmal hatte Mehnert ihn ja schon für das Himmelfahrtskommando der Stadtverwaltung gewinnen können.

Als hätte er mit der „Wolokolamsker Chaussee“ nicht schon genügend Ärger mit dem Zweiten Sekretär bekommen, war im Frühsommer auch noch Blochs Gedichtband erschienen, über den Mehnert ja nur privat lachen durfte. Es ging darin um zum Beispiel um einen Elefanten­friedhof, auf dem die großen Tiere, die hartstirnigen Bullen, die grauen Bolschewiki nur noch angelehnt herumstanden, die tauben Rüssel wie früher im Wind, im drehenden Auge die Schatten des eigenen Ohres. Derlei konnte nicht einmal der Cheflektor absegnen, schon in Blochs eigenem Interesse nicht.   

„Du meinst daß sie große Ohren haben, die alten Genossen, und  das soll doch wohl 'lange Ohren' bedeuten...“   

„Nicht doch! Elefanten haben große Ohren“, sagte Bloch und schielte zu seiner Lektorin, die neben ihm auf dem Audienz-Sofa saß und nach der Verteidigung seiner Apologie des Oidipus verschnaufte. „Besonders lang würde ich sie nicht nennen. Ich habe wirklich nur geschrieben, daß auch Elefanten sterben. Und wie...“                  

Der Cheflektor, der selbst groß, dick und selbstgefällig war, schüttelte den Kopf. „Und daß ich immerzu an das Politbüro denke, bei 'dicke, aber empfindliche Haut', ist ein Zufall? Das willst du mir allen Ernstes erzählen?“   

„Nein“,  erklärte Bloch  geduldig. „Daß auch diese verdienten Genossen sterben werden, ist durchaus kein Zufall.“   

„Das wäre aber eine eher banale Botschaft.“ 

„Dann wäre sie ja zu drucken“, sagte Bloch.  

„Banale Texte drucken wir nicht“, sagte der Cheflektor. „Eher schon provokative.“   

Bloch  holte noch einmal Luft, obwohl die Tasse Gäste-Kaffee längst ausgetrunken war. „Daß Elefanten sterben, wird Honecker bestimmt nicht provozieren.“   

„Aber daß du aus seinen Knochen Flöten machen willst!“   

„Dazu sind seine Knochen doch zu dünn“, sagte Bloch. „Im Unterschied zu Elefantenknochen, womit bewiesen ist...“

„Daß es ein schlechter Text ist! Wenn schon ich mich nicht zurecht finde! Mal sind sie Elefanten, mal Bolschewiki... Sie stehen noch, aber sie riechen schon... Vielleicht ist das ja wirklich nur ein schlechter Text.“   

„Nein“, meldete sich endlich die Lektorin, „der ist nun wirklich mal nicht schlecht.“ Sie opferte sicher nicht ihre und ihrer drei Kinder Brötchen, aber sicher wäre es für sie bequemer gewesen, Bloch zu opfern. „Dann halte die Elefanten eben für Parteiführer, aber gib zu, daß die Beschreibung stimmt!  Stehen noch, aber riechen schon...“   

„Ich bin ja nur Germanist und staatlicher Leiter“, schnaufte der Cheflektor. „Also in Gorbatschows Namen: wenn das bei den Elefanten so ist und wenn ihr für das Buch einen anderen Titel  findet...“

Um nicht auch noch diesen Skandal erörtern zu müssen, war Mehnert Bloch ein Vierteljahr lang aus dem Weg gegangen, und dann war die Zeit plötzlich aus ihrer Grünspan bildenden Denkmals-Starre in einen Schweinsgalopp verfallen, sogar in Aschenbach. Mehnert war befördert worden, um mit unverbrauchter Kraft Parteibücher einzusammeln und Partei­orga­nisationen aufzulösen, und er wurde selbst von den verdienteren Genossen bestaunt, wenn er außerdem den noch nicht desertierten Apparatschiks Mut und den kampfbereiten Alten und Kindern Besonnenheit zusprach. Für Aschenbach hing fast alles davon ab, ob seine Bekannten von der Parteihochschule inzwischen an Schaltstellen saßen, die einen übergroßen Teil der Landes-Apfelsinen in den östlichsten Zipfel umleiten konnten, ob zu Weihnachten Schnee liegen und ob ir­gend­ein noch größeres Wunder passieren würde.

Ärgerlicherweise regnete es jedoch anhaltend, und ein besonders kräftiger Wolkenbruch jagte Mehnert in die HO, in deren Hinterhoflager Bloch seit Monaten seine ähnlich ausweglose Situation in den Griff zu bekommen suchte: achtzig Kilometer vor Moskau, Hitler an der Kehle und Stalin im Nacken. Also stieg Mehnert mit einer Flasche Berliner Wodka die ausgetretenen Stufen in das natürliche Tiefkühlabteil hinauf und duckte sich unter die nassen Plastefolien, immer auf der Geräuschspur des Heißlüfters oder eines schweren Asthmatikers. In einem Bretterabteil, dessen Tür noch mit „Back- und Teigwaren“ beschildert war, hockte Bloch in drei Pullovern unter dem Federbett auf einem Sofa aus dem örtlichen Sperrmüll. Er las nicht wirklich, und er überließ es Mehnert, mit dem Tauchsieder Teewasser zu kochen und die Tassen für den Tee und die Universal-Medizin auszuwaschen.

„Die Große Sozialistische Dezember-Revolution“, krächzte Bloch eine Viertelstunde später, undeutlich, aber eindeutig höhnisch. „In Aschenbach... Und wie stellst du dir das vor? Wir besuchen euch nach der Probe in der Kreisleitung? Mit den Theaterknarren, oder wie?“

„Also das... Du, da bin ich gar nicht drauf gekommen“, sagte Mehnert begeistert. „Kannst du dich auf deine Gaukler denn so verlassen?“

Bloch knurrte.

„Dann wäre es nämlich schlauer, ihr erobert zuerst die Stasi... Ehrlich, du! Ich arrangiere das, daß sie euch reinlassen und die Waffen abgeben. Mensch, Bloch: das wäre es doch!“

„Und wieso fallen mir da die Matrosen von Kronstadt ein, Lew Dawidowitsch?“

„Weil du immer noch in der Vergangenheit lebst“, sagte Mehnert. „Okay, das darfst du auch, als Künstler! Aber ich, ich als Politiker und Verantwortlicher für den Kreis, ich muß neue Wege suchen. Und eine Konter-Konterrevolution, das wäre doch so ein Weg.“  

„Bestimmt findest du noch einen anderen Weg“,  stimmte Bloch zu und hustete. „Denn vor um acht sind wir mit dem Durchlauf auf keinen Fall fertig.“

„Ach, um acht sitzen wir noch! Ganz sicher“, stöhnte Mehnert. 

„Nein, und Montag bin ich bestimmt schon erfroren.“

„Aber ich könnte das Dach und die Heizung reparieren lassen“, sagte Mehnert und goß Bloch noch einmal Wodka nach. „Noch könnte ich das... Und ich werde dafür sorgen, daß die Bullen nicht da sind! Und weißt du, wie gut das tut, dieses Wort wieder sagen zu können? Bullen...“ Er kippte seinen Wodka und hustete genießerisch. „Bullenschweine!“

 Blochs Vereinsfreund Hartmann, den das Schimpfwort damals mit gemeint hatte, war am nächsten Montag wirklich woanders. Überall wur­den damals Parteien gegründet, und Mehnert hatte in der schicksalhaften Sitzung öffentlich bereut, vor einer Sächsischen Sexpartei mehr Angst gehabt zu haben als vor einem ehemaligen, zum Aufständischen gewordenen Kommilitonen.

„Also Aufstand würde ich das doch nicht gleich nennen“, sagte Krause, der schon seit vierzehn Jahren zum Laienensemble gehörte. „Da wäre ich bestimmt nicht mitgekommen...“

Auch die sieben, acht Demonstranten, die sich den sowjetischen Uniformteilen und den leeren Pistolentaschen der Theatergruppe angeschlossen hatten, fühlten sich wieder einmal belogen und betrogen.

Es war der Zweite Sekretär, der den Umsturz rettete.

„Ganz richtig hast du gehandelt, Genosse Erster Sekretär“, sagte er aus reiner Gewohnheit und stockte nur kurz. „Na, ja... Dort, im Unpolitischen, setzt der Gegner doch am liebsten an! Mit den paar offen feindlichen Elementen werden die Organe ganz schnell fertig, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist.“

Bloch setzte sich auf den Stuhl am Chefende des Tischs.

Mehnert hatte ihm diesen Stuhl gleich nach dem Reinkommen als Sitzgelegenheit für den offenen Gedankenaustausch angeboten gehabt, und zumindest als Aufnahme-Arbeit für das Regie-Institut hätte die improvisierte Szene getaugt.

„Und bis dahin mache ich den Bürgermeister“, wiederholte Bloch sein Begehr. „Später ist später...“

„...und ist nicht mehr lange hin“, sagte der Zweite Sekretär düster.

„Ja, und was mache ich“, fragte der ehemalige Bürgermeister. „Ich weiß ja, was eine Revolution ist... Aber ich bin doch nicht nur gewählt, Genossen! Das war auch mein Beruf...“

 


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