Die zärtliche Hausfrau

Im Märchenland war der Menschenfresser Taxator im Städtischen Pfandhaus, und alle bieder gewordenen Märchenhelden bemühten sich um diesen krisensicheren Zweitjob. Bloch hätte nicht mitbekommen, wie tief er in diesem Stück steckte, hätte er nur den kräftigen Schatten unter seinen Augen ins „Marchwitza“ geschickt, aber zum Glück stand in seinem Wohn-, Koch- und Schlafzimmer seine Frau alle vier Stunden auf, um fremdländisch zu singen. Eigentlich tat sie es, damit sich die Zwillinge ohne Geschrei aus der Tropenfeuchte der gelb gefleckten und nach Karamel duftenden Windeln heben ließen, aber die Serie über das Kind mit den Kindern wühlte Bloch um so unerbittlicher auf. Die bunten Babies würden ja wie in ihren Anden hungern müssen, wenn sie die kleine Folklore-Gruppe ausgesogen hatten und ihrem Not-Vater bis dahin kein Hit eingefallen war.

Vom Treffen ihres Gefangenen-Chores erwartete Bloch zwar keine Erleuchtung, aber ein Besuch auf seinem Arbeitsamt hätte länger gedauert, und seine näheren Bekannten saßen diesen Tag ja vor dem Samtvorhang mit der unbesieglichen Inschrift aus unausgeblichenem Kardinals-Purpur: Das Volk ist seines Glückes Schmied!

Um nicht wieder von der fehlenden Wohnung anzufangen, hatte Bloch zu den rauchgelben Papp-Buchstaben aufgesehen, als der Glasknochen am Ende der Probe in den Lichtkreis des Verfolgers getreten war.

„Ich weiß, ich weiß! Die Losung ist für ein Glas-Kombinat ein wenig zu militant... Aber auf dem alten Vorhang war ‚Die Belegschaft dankt dem Führer‘ sogar  nur ergänzt: ‚...des Weltproletariats, Gen. Stalin!‘„

„Gen-Punkt“, fragte Bloch. „Gen-Punkt Stalin... Das wäre ein geniales Bühnenbild für unser Stück, Gen-Punkt Generaldirektor. Liegt die heilige Textilie noch irgendwo?“

„Also so alt sind selbst bei uns nur die Anlagen! Und die Armaturen in den Waschräumen...“ Vor dem Aufglühen der Zigarette brach der Glasknochen drei Riesaer Sicherheitszündhölzer ab, was für das Gerücht sprach, daß er mit den realen Zahlen aus der Krisenmappe beim Politbüro gewesen war. „Jedenfalls waren wir damals wirklich froh über unseren neuen Vorhang, und gerade da kam leider Ulbrichts ein Wander-Poet des Bitterfelder Wegs...“

„Tja, und nun geht bald schon der Honecker“, versprach Bloch, mitfühlig grinsend und schaltete das Verhör-Licht ab. „Nehmt diesmal besser ein ganz dunkes Grün! Und nichts sonst...“

Der Vorhang war geblieben, wo er hing, während das Kombinat seinen Namen ablegte, die Betriebsverkaufsstelle schloß und die Betriebskindergärtnerinnen verstieß, während Honecker wieder einmal ins Zuchthaus gesteckt wurde und der Glasknochen vom dicken Kopf zum kleinen Treuhand-Finger zunahm. In einer billigen Umkehrung der Klischees assistierte er dem siebten bayerischen Zwerg, der das Klubhaus samt Vorhang kaufen und zum Möbel-Para­dies qualifizieren wollte. Nur, ob es für die Kampffischer, Volkstänzer, Glaspoeten und Karnevalsgardisten eine Perspektive als verführerische Schlangen, Putzkätzchen, Tragesel und Wächterengel gab, war eine offene Frage.

„Gen..., Kolle..., also Herr Bloch“, fuhr der Glasknochen vorsichtig die zweite Reihe an. „Sie scheinen nicht einverstanden, Herr Bloch?“

„Nein, nein!“ Bloch nahm den müden Kopf gerade. „Ich weiß doch noch gar nicht, was Sie mit mir vorhaben. Vielleicht brauchen Sie ja jemanden, der die Raten-Schuldner Ihres Möbelhimmels vermöbelt, und das würde ich zum Beispiel sehr gern machen.“

„Tja, unser Chef-Kasper“, sagte die hauptamtliche Faschingskönigin-Mutter und sah sich wie in einer Büttenrede nach Beifall um. „Aber der kann ja immer nach Berlin davon...“

„Das meinte der politisch“, verriet jemand hinter Bloch.

Bloch zuckte die Schultern und nahm sich eine Camel vor. Ab und zu nuckelte er am Filter, dann faßte er um und ließ das schweißige Papier trocknen, aber hauptsächlich starrte er auf die gepreßten Tabak-Krümel. Es war sicher klüger, alle Träume so umzubrechen und der Marktwirtschaft daraus ein Rauchopfer zu machen, als gerade an der Schwelle einer anders kranken Zeit ein gesundes Leben beginnen zu wollen.

Von rechts wogte die margot-blaue Dauerwelle der Garderoben- und Vertrauens-Oma heran.

„Erik, du... Ich werde hier ja wohl der Betriebsrat! Und da kann ich dir doch nicht verschweigen, daß du als erster fliegst, Genosse Bloch!“

„Was denn“, flüsterte Bloch. „Obwohl ich gar keine alleinerziehende Frau bin?“

„Wer zuletzt kommt, geht zuerst. Und das finde ich auch gerecht! Irgendwie...“

„Ja, ja“, sagte Bloch, nahm die Zigarette zwischen die Lippen und durchsuchte beidhändig die Universen seiner Jackentaschen nach einem Feuerzeug. „Und du bist immerhin der Betriebsrat! Beinahe...“

Selbst dieser bescheidene Wunsch war der Genossin unerfüllt geblieben, hörte Bloch später von Cousteau, und nach dem Ersten Aschenbacher Selbst­mord-Attentat dachte er sofort an seine Vertrauens-Oma. Wahrscheinlich waren nur Kittelschürzen durch die Luft geflogen, statt der international üblichen Schrauben, und das brachte Bloch unter anderen auf die Frage, ob wohl auch die Zärtliche Hausfrau so standesgemäß empfing.

Eine, zumindest eine, zärtliche Hausfrau gab es bei ihnen ja, seit das „Wochenblatt“ erschien. Getarnt von einer ganz frühen Handy-Nummer war sie das städtisch-sündige Angebot an die umwohnenden Dörfler, und Bloch liebte sie jahrelang unbekannterweise und auf eher antiplatonische Art. Ihn interessierte, ob sie zu zärtlich oder zu sehr zu Hause war, ob sie als alte Wölfin aus Köln zugewandert oder vor Ort aus einer FDJ-Knospe erblüht war und mit welchen Extras sie auf dem Markt der Exotinnen erfolgreich wirtschaftete. In einer Stadt, in der jeder Eingeborene alle anderen kannte, versteckten sich inzwischen auch eine Analita und ein polnisches Strapsmodell, die Jungsklavia Eva und die Privatmasseuse Michelle vor Bloch, und selbst ohne einen Hausbesuch bei ihm verdienten alle genug für ihre wöchentlichen Anzeigen.

Ab und zu wechselten die sehr dicken Über- über den gleich bleibenden zierlichen Telefonnummern-Zeilen, und mit dieser „Wochenblatt“-Seite und einem populären Fachlexikon begann Bloch sein Selbststudium. Bald konnte die atombusigen, heißen und anschmiegsamen Unbekannten als Phänomene der Helvetica Inserat identifizieren, und als ehemals junger Lyriker lautmalte er das Straps-Mo­dell zur eleganteren Straps-Mamsell, assoziierte er Strapsdrosseln und verknappte er die manchmal umständlichen Einladungen zur allgemeinen Verständlichkeit: Ruf Hure an! Auf dem Chef-Com­puter des LADEN lernte er das Verzerren, Färben und Kombinieren der Ladenschilder- und Visitenkarten-Bildchen, die die Gratis-Beigabe zum ersten CD-Laufwerk gewesen waren. Diese Cliparts hatten die Bildwelt der Existenzgründer mehr verändert als El Greco, Picasso und alle schlecht angezogenen Zeichenlehrerinnen, und ihre Erfindung war der Erschaffung der karolingischen Minuskel vergleichbar. Endlich gelang es Bloch sogar, die Foto-Streifen des Handscanners pixelgenau zu steppen und sein Paßbild in Porno-Scans zu montieren und alles ohne Moiree ausdrucken zu lassen.

„Du machst jetzt was“, fragte Mehnert erschrocken.

„Werbung“, behauptete Bloch, von diesem Unterton unerschüttert. „Ich mache garantiert die beste Werbung in Aschenbach.“

Tatsächlich malte er den Llama-Umriß, den Coyllur mit Kreide vorgezeichnet hatte, leuchtend blau aus und erschuf den schönsten Putz-Rest ihres Hinterhoflagers.

Mehnert, der ein schäferhundgroßes rosa Meerschweinchen zwischen die Kellerfenster zwängen mußte, nahm einen viertellitergroßen Schluck aus der Bierflasche.

„Quatsch! Werbung muß man studieren! Da muß man Psychologie können, Marketing und hundert Theorien über...“

„Quatsch“, widersprach Bloch. „Das sind alles nur die Werbesprüche über Werbung! Und außerdem bin ich sehr gut in Psychologie! Ein Psychologe sagt einem Typen mit Minderwertigkeitskomplexen einfach nicht 'Der Nächste bitte!'„

„Sondern?“

„Sondern... Na, vielleicht: also ich finde, ihre häßliche und abnorm große Nase verspricht ein Glied, wie ich es gern hätte... Etwas in der Art eben!“

Mehnert bückte sich weiter und spiegelte sich ein bißchen in der kohlenstaubigen Scheibe.

„Okay...“ Er richtete sich auf und schnaufte erleichtert. „Du bist Psychologe und bist Werbe-Fuzzi! Und das heißt, daß du jetzt das große Geld verdienst? Oder wie?“

„Tja, das wird das einzige Problem werden“, sagte Bloch und bestand so auch noch eine Prüfung als unabhängiger Marktforscher und sein eigener Marketing-Berater.

Es gab in Aschenbach keinen Markt, und weil Blochs Oma kein klein Häuschen zum Versaufen oder Verpfänden besaß, blieb ihm sowohl ein Erholungs-Urlaub als auch ein Abenteuer in der nicht blühenden Landschaft versagt. Darum saß er noch als Ein-Mann-Agentur im Büro hinter dem LADEN, als seine Mitbewerber schon als Vermögensberater, Getränkehändler und Blumen-Boutiquer pleite gingen, nach dem Scheitern ihrer zweiten Anläufe als Fahrlehrer, Getränkehändler und Erlebnisgastronomen. Weder seine Brötchen noch die Butter auf das Brot verdiente Bloch mit seiner dritte Kunst also, aber ab und zu Kaviar auf das Frühstücksei war immer noch erheblich mehr als gar nichts.

Diese Zutat verlangten die Zwillinge, seit sie aus den Bonbon-Jahren waren, so verläßlich, daß jedes Frühstück bei den Großeltern mit diesem Ritual begann. Der Jogginganzugs-General knackte jedem ein Fünfzig-Gramm-Glas und meinte, damit die Aufmerksamkeit für eine Staatsbürgerkunde-Lektion eingehandelt zu haben.

„Naja, Fischeier sind das vielleicht... Aber Kaviar, richtiger, russischer... Der ist, genau wie russische Kofferradios und Farbfernseher, fünf Mal so groß! Also wenn wir zum Raketenschießen in Kasachstan waren...“

„Qué me dices“, staunte Che. „Was hast du dort gemacht?“

„Ich glaube nicht, daß das richtige Raketen waren“,  behauptete Bloch und schlürfte den frisch gepreßten Orangensaft.

„Fünf Mal so groß?“ Tania hob den Toast abschätzend vor die Augen. „Dann müssen sie doch wie kleine Glasperlen aussehen!“

„Und es gab sie immer in fünf Mal so großen Dosen“, sagte Blochs Vater dankbar. „Für die einfachen Soldaten natürlich nicht! Aber ich war...“

„Keiner Fliege konnte Opa was zu leide tun“, verriet Bloch Junior. „Und als die Feinde kamen, hat er ihnen mit seiner ganzen Armee die Waffen übergeben.“

„Und wozu hattet ihr da diese Armee“, fragte Che.

Blochs Mutter grinste und holte tief Luft. „Tja, ich glaube, daß das gar keine richtige Armee war...“

Sie sah in diesem Moment sehr weise aus, weißhaarig, hager und sanft, und Bloch wünschte sich alte Tage mit soviel Gelassenheit. Natürlich würde er dazu ebenfalls eine Terrasse unter Birken und Kiefern und zyprische Salz- und Pfefferstreuer auf dem Plastetisch brauchen, eine dicke Siamkatze und den Prospekt des nächsten Charterflugs neben dem aus Bast geflochtenen Eierwärmer. Streng nach Hamlet mußte man ehrlich wie ein Fischhändler, und zumindest durfte man nicht systemnäher als eine Kaufhallen-Leiterin gewesen sein.

„Aber Kaviar haben sie dort in Kasachstan wirklich gegessen“, sagte Bloch versöhnlich. „Und deshalb ist Opa ja General geworden: russischer Kaviar, russischer Wodka und russische Lieder! Po dolinam po sgorjam...“

„...schla divizija wperjod“, stimmte der General ein, und sie sangen so schief, daß sie trotz aller Nostalgie lahend aufhören mußten. „Ach, deine Kleinen werden das nie begreifen!“

„Es war auch eine ziemliche Dummheit“, sagte Blochs Mutter seufzend. „Ich wäre schon gerne nach Griechenland gefahren, solange sich die Männer nach meinem Badeanzug umgedreht hätten.“

„Nein, nein“, widersprach der General und biß weit in den Honig-Toast. „Die Idee, die wir verteidigt haben, war nicht dumm!“

„Nur daß ihr sie gar nicht verteidigt habt“, erinnerte Bloch. „Nicht mal gegen eure Vorgesetzten! Und 89 erst recht nicht... Wogegen dann freilich nichts mehr zu sagen war...“

In jener Wahnsinns-Nacht hatte Bloch sowieso mehr darüber gesprochen, daß er doch nur noch selten nach Berlin kam und eine vergessene Pille wirklich für kein großes Drama hielt. Er war ja damit einverstanden, daß der schlecht ziehende Kachelofen das himmelhohe Hinterhof-Zimmer gut durchheizen mußte, und er freute sich echt über die auf dem Eßtisch gereihten Romantik-Kerzen einer Leipziger Montags-Demo. Sie tranken auch ein ganzes Leistungsstipendium Rotwein, Bloch durfte zum ersten Mal gern in die Gemüseküche, um zu rauchen, und Anne stand immer wieder für ein abkühlendes Bad oder für das anfeuernde Porn in the USA von den nebeneinander stehenden Liegen auf.

Das sachliche Lockenköpfchen wurde Hauptfrau der Fremdenlegion, Senatorin der Republique und Ehrenmitglied der Academie Francaise, ohne Bloch damit erweichen zu können, und endlich heulte es ganz mädchenhaft los.

„Du, es ist nur... Ich habe einfach Angst vor anal“, schluchzte Anne. „Da will ich lieber‘n Kind!“

„Um Gottes willen, nein“, erschrak sich Bloch bis zur Impotenz und sah verlegen auf die Uhr. „Da kann ich mir keins leisten, und deinem Klempner will ich meine Tochter erst recht nicht anhängen!“

„Frank ist Elektriker“, erinnerte Anne. „Und wieso willst du nicht lieber einen Sohn? Und vielleicht passiert ja auch gar nichts, nicht?“

„Noch nie ist hier was passiert“, sagte Bloch, kippte sich gegen die kühle Außenwand des Zimmers und gähnte. „Aber wenn ich jemals ein Theaterstück mit Flötistin inszenieren sollte, weiß ich wenigstens, wo ich die absolute Konzertmeisterin finde.“

Anne zwinkerte müde, leckte sich die Lippen und strahlte dann wegen des Kompliments. „Ich schenke mir Erkenntnistheorie, ja? Und Pol Ök Soz... Dann können wir wenigstens richtig ausschlafen, nicht?“

Bloch nickte und schloß für einen Moment die Augen, und als ihn Anne wenig später in die Dämmerung zog, sah er zwei schwankende Klempner, die ihm mit ihren Sektflaschen erstaunlicherweise nicht die Schmerzen aus dem Kopf schlugen. Sie hielten sie ihm einladend entgegen.

„Von drüben, Mann!“

„Mir iss schon schlecht“, sagte Bloch undankbar.

„Echt! Von drüben, Mann“, jubelte Frank. „Ich habe die selber von drüben mitgebracht, Leute!“

Zwischen seinem mit Wein und Ketchup bekleckertem Anorak und Annes weißer Schulter wurde der Fernseher warm, und Bloch schüttelte den Kopf. Drei Treppen tiefer und zwei Querstraßen und zweihundert Schritte weiter war aus dem Ende der Welt ein Grenzübergang geworden.

„Na, so was... Jetzt wird mich doch glatt die höchste Strafe und die tiefste Verachtung der ganzen Arbeiterklasse und des werktätigen Volkes treffen! Aber andererseits...“ Er ließ sich auf die Liege zurück fallen. „Das war es schon wert!“

„Also dann will ich jetzt auch rüber“, sagte Anne vorsichtig und hob den Pullover vom gehäkelten Teppich auf. „Wer kommt mit?“

Bloch verlor seine kinderlose Familie ja nicht wirklich, weil Anne Franks Geschenke mehr brauchte als die Sprüche, die sie ohnehin studierte. Er schlief aus, bevor er in einem Zug übernächtigt lärmender Heimkehrer bis Aschenbach stand, und dieses Nest war gar nicht so sehr menschenleer, wie er annahm.

Lediglich die Zahl der Urlaubsanträge war deutlich gestiegen, erzählte Cousteau Bloch am nächsten Morgen, und Cousteau saß im Auftrag der Betriebsgewerkschaftsleitung und mit Billigung des Glasknochens schon daran, die Wünsche der Belegschaft und die Technologie des Werkes miteinander zu vereinbaren. Das würde nicht leicht werden, aber daß er für eine Woche die Kampffische der neugierigsten Zirkelmitglieder mit fütterte, schuldete er ja den Tieren, den Kollegen und der an sich guten Sache zu gleichen Teilen. Auch in Blochs Proben hatten selbst in langweiligeren Zeiten schon mehr Darsteller gefehlt, und was alle Welt bisher den Obstregalen und den Fassaden hatte ablesen müssen, stand nun in den Zeitungszeilen: das Land war ziemlich pleite. Zugleich durfte man aber annehmen, daß alle, die in den Glaskästen der Kaufhallen nach den Konsumbrötchen angelten, nun freiwillig nach dem Latex-Ersatzstoff griffen. In der Kreisleitung baten Delegierte der Betriebe, Sekretärinnen und Kraftfahrer Mehnert aus dem Dachgeschoß in die Etage des Ersten Sekretärs, und Bloch begann nun doch an eine Premiere des Müller-Stücks zu glauben: Hörst du das Rauschen in der toten Leitung?

Um sich mit der Stadt seines nächsten Winters anzufreunden, verpaßte Bloch dem Heizkörper seiner Boden-Hälfte jeden Morgen eine Serie halbhoher Karate-Tritte, und vier Tage später ging er pflichtbewußt  zur Ersten Aschenbacher Montags-Demonstration.

Drei gescheitelte Jung-Nazis überlegten, ob sie die vier Abiturientinnen, die sich eine Erweiterte Oberschule „Sophie Scholl“ wünschten, anpöbeln und anbaggern sollten, und als die Raumtextilien-Verkäuferin nach dem Abschließen des Ladens herüber kam, waren sie mit Bloch auch noch fünf Erwachsene.

„Sind Sie der Anmelder“, fragte ein hagerer alter Mann, der den Niesel von seiner Buchhalter-Brille putzte. „Denn Sie wissen doch, daß wir dafür eine Anmeldung brauchen?“

„Ich könnte..., würde ein paar Gedichte rezitieren“, bot Bloch verwirrt an. „Das Bürokratische interessiert mich nicht so, nicht mal an einer Revolution.“

„Nein, nein“, flüsterte die Frau des Rechtskundigen. „Das ist es doch nicht, oder? Bei so etwas würden Karl und ich nicht mitmachen!“

„Keine Angst“, sagte Bloch. „Die Bullen sind sicher auch in Westberlin!“

Ein paar Minuten später kam eine junge Frau über den Platz gerannt. Sie trug ein Barett, vor ihrem Gesicht blitzten Brillengläser, und die Haare schaukelten in feuchten, schweren Strähnen.

„Oh, entschuldigen Sie bitte! Drei Grippe-Kranke kamen noch, fünf vor...“

„Sind Sie die Anmelderin“, fragte der Buchhalter.

Die Frau nickte.

„Tja, und wir sind Ihre Demonstration“, sagte Bloch. „Aber ich würde mit Ihnen auch ein Bier trinken gehen.“ Trotzdem gab er ihr die Hand, um ihr beim Aufstieg auf die nasse Steinbank zu helfen. „Wenn wir unsere Runde gedreht haben, natürlich erst.“

„Liebe Aschenbacher Bürgerinnen und Bürger! Ihr alle kennt mich ja...“

„Nöö“, rief einer der Jung-Nazis.

„Also ich bin Frau Kranzler! Andrea Kranzler... Ihre Pharmazeutin...“

Es war eine kurze und recht gute Rede, die von Gleichgültigkeit und Importmedikamenten für Nomenklatur-Kader handelte, aber rechts hinter Bloch schnappten währenddessen die Regenschirme auf. Die Schülerinnen retteten ihr Forderungslaken unter den Balkon am Bekleidungshaus, und als Andrea Kranzler andere Demokraten zur Meinungsäußerung aufforderte, traten die Jung-Nazis ihre Zigaretten aus und trotteten davon.

„Nun... Dann wollen wir jetzt friedlich durch unsere schöne alte Stadt demonstrieren“, sagte die Anmelderin und klang nun doch etwas weinerlich. „So wollen wir denen, die noch Angst haben, zeigen...“

Sie zupfte an dem Stoff-Knäuel, das in ihrer rechten Manteltasche naß geworden war, und es fiel in den Schlamm des Marktplatz-Beetes. Bloch bückte sich nach dem weißen Häufchen und behielt eine „Keine-Gewalt“-Armbinde, aber die Apothekerin wollte die übrigen nicht zurück und sprach auch nicht mehr weiter. Die Verkäuferin blies ihre Kerze aus, und die kleine Menge ging auseinander. Sie gingen von schlechtem Gewissen beschwert, aber unaufhaltsam.

„Nein, ich will jetzt kein Bier“, sagte Andrea Kranzler.

„Eigentlich muß ich auch Schüsseln unter die Löcher im Dach stellen“, sagte Bloch. „Das ist eine ziemliche Katastrophe, das Dach...“

Auf dem Heimweg kam Bloch an einer Baustelle vorbei, wo der Wind eine halb abgerissene Schaufenster-Folie gegen die neu verputzte Wand klatschte. Weil er sich allein wußte, weil bei Revolutionen immer geplündert wurde und weil er sich für das Volkseigentum im Erdgeschoß-Lager irgendwie verantwortlich fühlte, riß Bloch diese Folie ganz ab. Er raffte und faltete sie, bis er sie abschleppen konnte, und so gesehen war der Abend nur ein halber Reinfall gewesen.

Freilich ignorierte Bloch am nächsten Montag den Einladungszettel der traurigen Apothekerin ebenso, wie er später die beständige Anzeige der zärtlichen Hausfrau ignorierte, und daß er später gerade in diesem Nest Aschenbach in einen Hintereingang genötigt wurde, war schon ein ziemliches Wunder.


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