Die Schwarze Witwe

Mit dem übervorteilten Prediger der Thomas-Kirche war die Hälfte der Einwohner vom einzigen Glauben abgefallen, und hundert Jahre später waren die einen wie die anderen von einem protestantischen Heerhaufen zur Kriegskasse gebeten worden. So gesehen hatte die Rübe nur Zwietracht gestiftet und doppelt Geld gekostet, aber um diese Aspekte ging es Krause auch gar nicht. Unstrittiger als seine Echtheit und seine Geschichte war, daß das Haupt Johannes des Täufers ein Geschenk der Zünfte an ihre Stadt gewesen war, und dort sollte wieder angeknüpft werden.

Jeder Schlüsseldienst, der auch Absätze annagelte, war nur ein peinlicher Kaufhallen-Stand, obwohl er im Prinzip der Zunft der Schlosser und der Zunft der Schuhmacher angehören konnte. Zusammen mit George’s Deutscher Imbiß, der der Fahrer der Schlesischen Weberin gewesen war und mit der Zunft der Fuhrleute beginnen wollte, berechnete und beschrieb Krause dieses Aschenbacher Wirtschaftswunder bis in die Details. Es würden jährliche Mitgliedsbeiträge herein kommen, die Zünfte der Tuchmacher und Schneider konnten Banner und Uniformen für die monatlichen Zunftfeste herstellen, und allein der Baumarkt würde die Zunft der Feinschmiede mit Wappen für Zimmer- und Bauleute, Maler und Tischler die Zunft der Feinschmiede beauftragen müssen. Den Griechen und China-Vietnamesen würde man die Konzessionen natürlich nicht entziehen, aber außer der Hygiene konnten ihnen dann eben auch die einheimischen Schankleute bestimmte, der Allgemeinheit nützende Auflagen machen.

„Wir waren schon vor fünfhundert Jahren und ohne, sogar gegen die Türken und ihre Döner reich und groß“, schloß Krause und legte Mehnert die in Plastedeckel geschweißten Satzungs-Entwürfe auf den Schreibtisch.

„Also ohne der Zentrale zu weit vorgreifen zu wollen...“ Mehnert schüttelte den Kopf. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, daß wir uns in einem solchen Fall zu Freimaurern erklären werden...“

Krause fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger zu den Schnauzbart-Enden, langsam und stolz. „Sie sind hier nicht mehr der Erste Sekretär, Herr Mehnert!“

Mehnert holte tief Luft, schloß die Augen und erinnerte sich an die Tips des Führungskräfte-Trainers. Zumindest in Gedanken sollte man in solchen Situationen den Südwind berühren, den Norwind teilen oder mit dem Bären tanzen: während die Arme nach außen flossen und gestreckt wurden, hob sich und streckte sich das rechte Bein.

„Aber sobald mein reitender Bote diese Dokumente unserem Firmen-Advokaten übergeben hat“, sagte Mehnert chinesisch freundlich, „dann sind Sie hier nicht mehr der Bürgermeister, Herr Krause! Das heißt: wenn sie schon ALDI und LIDL in die Zünfte der Buletten-Bäcker, Cola-Mixer und Champignon-Einschweißer eingeladen haben, kann ich uns sogar das Kilometer-Geld sparen.“

„Nein, nein! Ich brauchte auch Steinbohrer“, sagte Krause nachdenklich und rieb den Bart nun gegen den Strich. „Und ich versuche doch immer, möglichst viele Aspekte zu verbinden.“

Mehnert blies die Backen auf und hielt  Krause die Papiere, die die Kurierfahrt nicht lohnten, entgegen. Dann rief er über die große Sprechanlage nach Kühne, der zwar für die Badmöbel zuständig war, aber ihrer aller frei gewählten Bürgermeister gern abführte und mit einem Satz Steinbohrer zufrieden stellte.

Später tauchte das Wirtschaftswunder als offizielle Drucksache der Stadtrats-Mehrheit noch einmal auf, von einem hauptstädtischen Wirtschaftsjuristen beschnitten, und dazu wollte Seichter eine große Auseinandersetzung. Er war in alten Chroniken darauf gestoßen, daß das Heilige Grab von Görlitz auf Boden stand, der in der Inflation des Görlitzer Pfennigs billig beschafft worden war, und darin sah Seichter eine subtile, aber deutliche Analogie.

„Wenn wir die Christdemokraten immerzu wie dumme Jungen behandeln, dann behaupten wir doch nur, daß die große Mehrheit der Wähler so dumm war, Idioten zu wählen“, erklärte der Deutschlehrer seinen Plan und blinzelte listig.

„Behaupten“, knurrte Scheer, der ehemalige Staatsbürgerkunde-Lehrer. „Das ist ja wohl die nüchterne Feststellung einer unbestreitbaren Tatsache!“

„Aber die Wähler“, setzte Seichter unbeirrt geduldig fort, „und zwar ihre genauso wie unsere, mögen es nun mal nicht, wenn sie beschimpft werden... Und deshalb bietet dieser Antrag uns eine große Chance! Wir werden ihnen sagen: da habt ihr in der Geschichte keine schlechte Idee ausgegraben, aber... Aber wenn ihr ein kleines bißchen schlauer und ehrlicher wäret, wäret ihr wie wir, und dann wäre euch dazu noch erstens... und zweitens... aufgefallen! Und dann hättet ihr die gar nicht schlechte Idee noch durch drittens... und viertens... verbessern können!“

Scheer schüttelte den Kopf, aber auch als Kreisvorsitzender war er nur ein einfaches Mitglied der Fraktion und mehr für die Ideologie zuständig. Für die Kompetenz bürgten der Versicherungsvertreter, der Oberst der Rückwärtigen Dienste i.R. und die Nationale Synchronschwimmerin. Der Fröhliche Jungarbeitslose war an diesem Abend entschuldigt, und Mehnert war der externe Sachverstand. Weil Scheer sein Amts-Brutus gewesen war, rechnete er freilich nicht mit Mehnerts Unterstützung.

Trotzdem meldete sich Mehnert.

„Es ist in diesem Fall nur so, daß es eine schlechte und eigentlich überhaupt keine Idee ist! Alles, was die Zünfte an brauchbaren Regeln und Vorschriften aufstellen könnten, haben der Staat und die Industrie- und Handelskammern längst erlassen.“

Prustend tauchte die Nationale Synchronschwimmerin aus der Langeweile auf.

„Und zwar Regeln, die für euch Große gemacht sind! Wir Mittelständler, wir Existenzgründer, wir brauchen andere Regeln, und deshalb wählen ja so viele von uns die PDS!“

„Aber es gibt halt zu wenige von euch, wie?“

Scheer stand auf und ging zur Tür, um seine Wut auf den Revisionismus mit Nikotin zu besänftigen.

„Mir gehört der Baumarkt ja gar nicht“, erinnerte Mehnert und gähnte. „Aber das System heißt nun mal Kapitalismus, nicht etwa Stehimbissismus oder Kramladenismus!“

„Und daß wir Kleinen achtzig Prozent aller Arbeitsplätze schaffen, soll uns künftig egal sein“, fragte die Nationale Synchronschwimmerin empört und sah Seichter mit den chronisch chlorgeröteten Augen Hilfe suchend an.

Das Not-Diplom als Sportlehrerin war als ihre Altersversicherung gedacht gewesen, und nachdem es sie nicht im Schuldienst gehalten hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich das Erdgeschoß der geerbten Villa mit drei Paar Skiern, drei Fahrrädern und drei Zimmer-Trampolins vollzustellen. Zwischen den Entziehungskuren half ihr ihr Kreis-Fußballtrainer beim Verkauf der eben ausgelaufenen oder in Polen nachgenähten Adidas- und Nike-Kollektionen, das Arbeitsamt förderte die Ausbildung ihrer Tochter zur Fachverkäuferin, und über alles das hatte sie sogar auf dem Bundesparteitag gesprochen.

Mehnert wußte nicht, ob die Nationale Synchronschwimmerin mit diesen Atemzügen, Gesten und Augenaufschlägen jemals eine Medaille an Land gezogen hatte, aber in diesem Moment gewann sie damit nicht einmal Seichter, der im Prinzip in alle Genossinnen zwischen sechzehn und sechzig verliebt war. Seichter ging es um eine Formel, die verschiedenen Meinungen soweit zu versöhnen, daß seine Frak­tion ihm nicht immer widersprach, und seinerseits winkte Mehnert die Debatte ab. Herr Georg Emmerich, gestorben 1530, war im Vergleich zur Nationalen Synchronschwimmerin unschädlich, und die konnte der Vorsitzende hinter sich bringen, indem er für diese Abstimmung den Fraktionszwang aufhob.

Was die Ganz Große Koalition aus CDU, DSU, F.D.P., SPD und Synchronschwimmerin endlich beschloß, war kaum mehr als die Ausschreibung eines Wettbewerbs innerhalb der örtlichen Werbewirtschaft. Mit fünf Entwürfen für eine Serie von Zunftwappen waren zehntausend D-Mark zu gewinnen, und Mehnert kreuzte mit dem Papier noch am Abend der Ratssitzung im LADEN auf, um sich von Bloch auf ein Bier einladen zu lassen.

„Da kannst du dir ein neues altes Auto kaufen oder für ‘ne ganze Weile den reichsten Alleinerziehenden des Kaffs geben, Alter!“

Bloch hebelte zwei Bierflaschen auf, war aber nicht im Geringsten begeistert.

„Ich kenne hier zwar keinen, der oder die das auch könnte... Aber ich kenne Krause, Mensch!“

„Daß du vielleicht gar kein Geld verdienen willst, könnte nicht zufällig die Ursache sein?“

Bloch tippte sich an die Stirn. „Nee, das wäre ein ziemlich blöder Zufall! Ich würde das gerne jeden Monat verdienen, und ich würde für mein Geld sogar arbeiten wollen.“

„Arbeiten“, fragte Mehnert und schüttelte den Kopf. „Dafür müßte dich ja erst mal jemand einstellen!“

„Du könntest das machen“, schlug Bloch zum hundertsten Mal vor. „Immerhin bist du mein Freund und der Chef der größten Firma, hier.“

„Nur der zweitgrößten! Die Kaufhalle ist schon mal größer, und dann habe ich ja die halbe Stasi unter Vertrag.“

„Sind es die Kinder?“

„Genau“, sagte Mehnert ging zum Tresen und holte die Whisky-Flasche hervor. „In deinem Alter und so wie du rumhurst, kannst du jederzeit wieder schwanger werden.“

Tatsächlich war Bloch schon seit Jahren die Geisel für das Wohlverhalten Blochs, und Krause war Mehnert gegenüber in aller Allgemeinheit sehr deutlich gewesen. Wie das Bermuda-Dreieck auf plötzliche Methan-Aus­brüche zurückzuführen war, die den Auftrieb von Schiffen und Flugzeugen verringerten und diese für alle Zeiten schluckten, so hing der ganze Aufschwung Aschenbachs an Blochs Durchschlag des Vertrags mit der verrückten und vermißten Amerikanerin. Formaljuristisch verhinderte dieses Papier den Bau des Bürohauses, des C&A-Kaufhauses und der Adenauer-Passagen, die also auf frem­den Grund standen. Bei den amerikanischen Schadensersatz-Summen heiserer Rockstars konnte sich der Chef eines Baumarktes doch ausmalen, was die Erben der Pharmazie-Zwergin aus der informellen Absichtserklärung des Usurpators herausschlagen würden, und die vereinbarte Umbenennung der Stadt würde mögliche Investoren für alle Zeit vertreiben. Weiter östlich und weiter westlich übernahmen Geheimdienste oder verbündete Mafiosi bereits weniger große Fälle, aber Krause schwebte aus alter Verbundenheit diese zivile Form des Managements vor: bis die Sache gütlich geklärt war, durfte Bloch weder aus dem Melderegister der Stadt noch aus der Fürsorge ihrer öffentlichen Hand verschwinden.

Nicht einmal das Arbeitsamt, in dem immerhin Dr. Ines Mehnert das Sagen hatte, konnte Bloch aus dieser Klemme erlösen, aber das hatte er bei seinem ersten Zusammentreffen mit einer Schaufensterpuppe aus dem Oldenburger Karstadt selbst verschuldet.

„Oberleutnant, Philosoph und Regisseur“, las sein Arbeitsberater, Herr Korsch, die Monitorzeile vor und korrigierte einen Tippfehler. „Haben Sie denn nie was richtiges gelernt? Und vor allem: könnten Sie sich vorstellen, mal etwas ganz anderes zu machen?“

„Doch, schon.“

„Das kommt in Spalte... Und was möchten wir denn gern machen?“

„Also ich... Bundeskanzler“, sagte Bloch.

„Bundeskanzler?“

„Ja“, sagte Bloch. „Das könnte ich, und ich würde das auch für das halbe Gehalt machen.“

„Herr Bloch... Ich verstehe ja Ihre Verbitterung, aber... Wenn Sie nicht ernsthaft mit uns reden...“

„Aber ich könnte das wirklich“, sagte Bloch. „Und... Sagen wir für fünfundvierzig Prozent des Gehalts, ja?“

Herr Korsch atmete heftig.

„Wenn Sie nicht ernsthaft mit uns reden wollen, dann können wir Ihnen unmöglich eine Arbeit vermitteln!“

„Aber das dürfen Sie ja nicht einmal“, sagte Bloch, und sein Arbeitsberater sah nun nicht nur vom Monitor weg. Er starrte Bloch geradezu erschrocken, aber auch unverschämt neugierig an.

„Nach der Haager Landkriegsordnung von 1912 dürfen Sie kriegsgefangene Offiziere nämlich gar nicht zum Arbeiten zwingen“, erklärte Bloch.

„Moment mal! Heißt das, daß Sie der Vermittlung durch das Arbeitsamt nicht uneingeschränkt zur Verfügung stehen“, fragte der Arbeitsberater rituell das Sesam Öffne Dich seines amtlichen Sparprogramms. 

Bloch grinste. „Hören Sie! Ich bin bereit, am anderen Rand des Landes und zum halben Tarif zu arbeiten... Da glaube ich nicht, daß Sie mich so interpretieren können!“

„Bundeskanzler also“, sagte Herr Korsch nachdenklich. Er schüttelte den Kopf, tippte Blochs ausdrücklichen Berufswunsch und mußte dann auch grinsen. „Tja, aber da wird frühestens in zweieinhalb Jahren eine Stelle frei...“

„Wußte ich es doch“, sagte Bloch. „Jeder Bergmann hier wird viel länger warten müssen... Oder?“

Hätten sie Zuschauer gehabt, wäre das ein perfektes Stück aus Boals Theater der Unterdrückten gewesen: soziale Aufklärung durch theatralische Aktion an Originalschauplätzen. So blieb Bloch nur die Genugtuung, seine vierteljährliche Bittprozession dieses Mal mit einem Happening gekrönt zu haben, und er stieg in den „Tra­bant“, um draußen vor der Tür der Stadt eine CD für Coyllur zu kaufen: irgendeine, aber eine mit viel El Condor pasa.

Später ging Bloch nach solchen Terminen gelegentlich bei der ehemaligen Deutsch-Sowjetischen Freundschaft vorbei, in deren Erdgeschoß der Schreibwaren-Laden darbte und die Wendeltreppe ins Souterrain tarnte. Noch einmal von zwei Schaufenster-Puppen in blauer Spitzenwäsche gedeckt blätterte dort Hegewald in seinen schlecht verkäuflichen Pornomagazinen. Wenn er Bloch damit nicht belog, waren seine einzigen Geschäfte, daß er für ihn Hefte mit kopulierenden Negerinnen und Latinas zurücklegte und dem ehemaligen Fahrer der SED-Kreisleitung die Ehe mit einer schwarzen Katalog-Brasilianerin angebahnt hatte.

 Daß er schon für einen Teil dieses Geldes den betonierten Hof mit der Zufallsbirke, der Fluchtgarage und den zwei Geschossen Paradies hätte kaufen können, sagte Krause Bloch nie. Er nahm durchaus nicht an, daß Bloch durch gar nichts zu bestechen war, aber das Angebot konnte nicht er machen. Es  wäre ja faktisch das Eingeständnis gewesen, daß Bloch das Stadtzentrum tatsächlich versprochen und verkauft hatte. Bei Mehnerts Einzugsfeier waren sie am Azteken-Ofen aus dem Baumarkt trotzdem sehr nahe an einen Vertragsabschluß gekommen.

Eigentlich erzählte Bloch den Zwillingen und Mehnerts Kindern am Goldfisch-Teich unterhalb der Terrasse eine Kinderfassung von Moby Dick, aber die Kammsteaks rochen fertiger als sie waren. So stand Bloch plötzlich zwischen den Honoratioren herum, und er mischte sich gewohnt sarkastisch in ihren Aufschwungs-Smalltalk.

„Weißt du, Ines: du solltest mit deinem Arbeitsamt an die Börse gehen! So wie kein Computer ohne Windows läuft, läuft hier doch ohne euch gar nichts!“

„Aschenbach sollte an die Börse gehen“, entdeckte Krause darin eine realisierbare Geschäftsidee. „Daß wir mit unserem Sand nichts anzufangen wissen, heißt ja noch nicht, daß auch den Amerikanern nichts einfallen würde...“

„Genau!“ George’s Deutscher Imbiß hob die angebissene Bratwurst. „Sand ist Silikon, und damit machen die Amis doch aus ihren Weibern Schauspielerinnen!“

„Ach, und wir stopfen damit die Ritzen der Neubauten“, witzelte Mehnert in die Peinlichkeits-Pause. Er hätte den DSU-Mann ja nicht eingeladen, aber Ines war nun einmal eine überparteiliche, gesellschaftliche Institution.

„Jedes Haus ist eine Sharon Stone“, variierte George’s Deutscher Imbiß und grinste noch stolzer.

„Auch für Computer braucht man doch Silikon“, entschuldigte sich Krause für den Koalitions-Freund. „Aber ohne die Börse erfahren die Amerikaner eben nicht, was hier für sie zu holen ist...“ Er stieß Bloch mit dem Ellenbogen an. „Du bist ein Genie, Brecht! Wenn du nicht in der falschen Partei wärest, könntest du hier bald Wirtschaftsdezernent sein!“

Mehnert ließ das zum Umdrehen gehobene Steak auf den Rost zurück fallen, Ines zwinkerte hinter der großen Brille ziemlich eindeutig, und Seichter verdrehte vornehm die Augen. Für George’s Deutschen Imbiß begann eine neue Wende, und Krause strahlte zufrieden.

„Ich bin in gar keiner Partei“, sagte Bloch und schielte über die Terrassenkante zu seinen bunten Waisenkindern, zwei Verdammten dieser Erde. Selbst war er ohne Wut, aber den Zwillingen konnte und wollte er eine Arbeit für Krause nicht erklären. „Ich stehe auf der anderen Seite, und dort rechnen wir Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Bloch bestand nicht darauf, im Einzelnen Recht gehabt zu haben. Vielleicht war seinen Entwürfen die Skepsis und Lustlosigkeit angemerkt worden, vielleicht war Krause auch schon damals weniger allmächtig gewesen, als er glaubte.  So oder so gewann die Schwarze Witwe den Wettbewerb.

Sie hieß Verena und mußte noch für ihre „Bürgerinitiative Pro Autobahn“ belohnt werden, was wegen ihrer Vergangenheit als Pionierleiterin und bei ihrer Stasi-Akte nicht innerhalb des Öffentlichen Dienstes zu arrangieren, aber auch sozial geboten war.

Ihr geschiedener Mann holte ihre Tochter zwar jeden zweiten Freitag am Grufty-Ausstatter auf der anderen Seite des Untermarktes in ein BMW-Wochen­ende ab, aber „Verena‘s Empire of Darkness“ war mehr ein Hobby als ein Business. Bloch konnte die Neugierigen, die sich jemals zu den Souterrain-Schaufenstern bückten, an den Fingern abzählen, und für die monatliche Kundschaft genügten ihm sogar die Daumen. Wenn er im LADEN beinahe ernsthaft im „Wochenblatt“ las, konnte er sich vorstellen und wünschte er sich, daß gerade Verena die Zärtliche Hausfrau war. Allerdings erkundete er weder das noch machte er einen konventionellen Annäherungsversuch. IKEA konnte noch so sehr behaupten, daß die Schwarze Witwe als seine Pionierleiterin blond wie Andrea Kranzler und rot wie Margot Honecker gewesen war, aber zumindest über zwei Parkreihen Autos und ein Blumenbeet hinweg hatte sie dieselbe kleine Größe und Zierlichkeit wie Coyllur.

Ein wenig zu vornehm und zu leichtfertig hielt Bloch ihr Zeichnen der Zunftschilder auch nur für eine gehobene Va­riante ihres Haloween-Geschäfts, und nur wenig später begann ja bereits sein Herbst als Donnerstags-Kater bei Katharina.

Mal warf die West-Tusse ihr höhensonnen-braunes und duftendes Fleisch vor eine schamlose Bestie, mal ließ sie ihre rasierten Achseln und die frisierte Schamgegend von einem demütigen Bauern bedienen, aber immer passierte es donnerstags und endete mit einer kleinen, demütigenden Überraschung für Bloch. Da konnte einen Nachschlag zum Begrüßungsgeld oder ein Befehl zum linkshändigen Entleeren sein, eine Vorlesung zur Betriebswirtschaft oder zur Psychologie, aber einem seligen Entschlafen baute Katharina immer vor.   

"Ich habe mit meiner Tochter über dich gesprochen", sagte Katharina düster. "Und physisch und psychisch, fand sie, bekommst du ihrer alten Dame ja. Aber 'pc' sei das ganze nicht... Na, immerhin habe ich dich doch am Arbeitsplatz angemacht und eindeutig zum Sex bestellt...“

Bloch sah sie unsicher an, aber Katharina kaute wirklich auf ihren vollen Lippen und fand die Rede kein bißchen witzig.

"Dann erzähle es auf der nächsten Party nicht als Ost-West, sondern als S/M-Nummer", schlug Bloch vor. "Dann ist genau dasselbe statt 'nicht pc' einfach 'in', nicht?"

Über derlei Neuigkeiten verpaßte Bloch wahrscheinlich den Ausverkauf im „Empire of Darkness“ und sah eines Montags überrascht das weit gefährlichere Firmenschild der Schwarzen Witwe:  „Way of Success - Marketing & Advertising“. Beim Frühlingfest trugen die Ehefrauen der christdemokratischen Stadtratsfraktion nur leicht abgeänderte und durch goldene Accessoirs aufgewertete Vampir-Roben, und die Schwarze Witwe folgte George’s Deutschem Imbiß wie eine orientalische Sklavin von seinen Bratwurst-Ständen zu seinen Bierwagen. Am Rand der großen Bühne stellte Krause die Schwarze Witwe sogar der Landesmutter vor, die bereits traditionell die Schirmherrin der Veranstaltung war, und Bloch verkrampfte zwischen Kurzhaarschnitt und zu enger Jeans ziemlich schmerzhaft. Er mochte sich jemanden, der Coyllur glich, nicht über oder unter George‘s Deutschem Imbiß vorstellen, und er sah seine Konkurrentin nicht gern im Lichtkreis der Macht, so trübe diese Funzel auch war.


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