IKEA

Aschenbachs Jugend trainierte für Olympia, und ihr Zusammenstoß mit Bloch hätte die Sprint-Punkerin leicht mehr als die Bestzeit kosten können. Deshalb hielt er sie trotz ihrer Ellenbogenstoßes in seinen Bauch und des Fußtrittes gegen das Schienenbein fest und beruhigte sie mit endlich einer mittelschweren Ohrfeige.

„Na, hej“, schnaufte der Baseball-Trainer und blieb fünf Schritte vor den beiden stehen. „Ist die Kröte etwa deine Tochter?“

„Meine etwas mißratene Tochter“, sagte Bloch und schon die zitternde Punkerin hinter seinen Rücken. „Von klein auf sage ich ihr, daß sie an der Straße immer erst nach rechts und dann nach links sehen soll! Und nicht grundlos durch die Stadt rennen...“

„Grundlos“, keuchte die nun herangewalzte Baby-Glatze. „Sie hat die Wahlplakate einer ganz legalen Partei... Und du bist selber so eine Zecke, wie?“

„Zecke? Nur früher mal... Bevor ich zu den Killerameisen gewechselt bin. Und ihr seid wohl unsere Skinheads, ja?“

Der Baseball-Trainer starrte Bloch fassungslos an, ließ den Arm mit dem Schlagholz baumeln und schob den Unterkiefer vor.

„Und? Was dagegen?“

„Nicht doch“, sagte Bloch. „Solange ihr niemandem was tut, könnt ihr von mir aus rumlaufen, wie und wo ihr wollt!“

Bloch legte den Arm um die Schultern der Punkerin, krallte die Finger in den Anorakstoff und zog sie mit auf seinen Heimweg. Er war sicher, daß die Jagd der beiden rasierten Milchbärte zu Ende war und sie vorziehen würden, ihrem Kameradschaftsabend vom Auftauchen eines Zwei-Meter-Verrückten  zu erzählen. Nur für den äußersten Notfall ging er einige Übungen aus der Armeezeit durch: seine Ferse gegen den Spann würde wohl noch immer den Fuß eines gestiefelt angreifenden Klassenfeindes schaffen, und dem Ellenbogenstoß gegen das Kinn mußte der Faustschlag gegen den zurückkippenden Kopf folgen, die Knöchel auf die Nasenwurzel.

„Du bist vielleicht ein Arschloch“, schimpfte die Punkerin schon eine Straßenecke weiter. „Das sind Nazis, und gegen die muß man einfach was haben, verdammt!“

„Aber die könnten immerhin meine mißratenen Söhne sein...“

„Na, prima! Und die lauern mir sowieso wieder auf!“

„Aber du kannst bei mir die anrufen, die denen auflauern, die dir auflauern“, versprach Bloch. „Geht euer Spiel nicht so?“

„Spiel“, zischte die Punkerin giftig.

Am Küchentisch wurde die Punkerin zu Anja aus der elften Klasse, und obwohl sie mit der Löffelspitze die Hackfleisch-Krümel aus dem Chili schob und wegen des Che-Kruzifixes de Stirn runzelte, registrierte sie Blochs Knutschen und Knuddeln mit der kleineren und kaum älteren Exotin.

„Hast du das Mädchen aus so einem Scheißkatalog“, fragte Anja leise, als Coyllur wieder unter den Kopfhörern saß und weiter an einem bunten Kinder-Poncho strickte.

„Nein, das sind die heißen Russinnen", sagte Bloch und hielt ihr vergeblich die Zigarettenschachtel hin. „Diese Sorte gab es neulich im Sommerschlußverkauf.“

Ihn überraschte angenehm, daß Anja am Mineralwasser vorbei nach der Rotweinfasche langte, aber schon eine Stunde später machte diese einzige Schwäche der Arbeiterveteranin mit der Skalplocke Bloch Sorgen. Sie saß steif und stumm, bewegte nur die Hand zum Glas und bekam einen fahnenfarbenes Gesicht mit Augen wie lebendige Billardkugeln. Wenn Bloch nach der Telefonnummer ihrer Roten Hilfefragte, bewegte sie den Kopf mit unwilligen Rucken, und sie verriet weder ihren Familiennamen noch das Maß ihrer Müdigkeit. Endlich pflückte Bloch die starre Aktivistin vom Stuhl und legte sie in seine Betthälfte, und am Morgen frühstückte er mit vier Kindern und konnte geradezu zusehen, wie sich Che zum ersten Mal ernsthaft verliebte. Er und Anja waren ja auch weniger verschieden alt als Bloch und Coyllur, und Tania war mit dieser Liason zufrieden, weil die Schwägerin ihr das genaue Studium der verrückten Frisur erlaubte und ihrerseits die Rasta-Zöpfchen nachzählen wollte.

Coyllur wollte Bloch nicht glauben, daß diese schüchterne Besucherin zum Leuchtenden Pfad über die sandigen Anden und sozialen Klüfte Aschenbachs gehörte. Als sie später auf einem Demonstrations-Foto Anjas nacktes Gesicht wiedererkannte, begann sie sogar, ihr eine Haßkappe mit Inka-Muster zu stricken, aber normalerweise kreuzten sich die Wege der Aschenbacher Parteien eben nicht. Die Blochs zum Beispiel versammelten sich möglichst früh zu Sprachspielen, die noch lange nicht zu Ende waren, wenn ihre Jugendorganisation gefüttert, geduscht und in den Schlaf gesungen war.

Wenn der Mond die volle Nachtsonne war, ließ Coyllur Bloch zum Viracochan apocochan ticsi beten: Runa yacha­chuchum huarmay acha chuchum mirachum llacta. Daß das Volk sich mehre und es Kinder gebe, war der Sinn ihrer politischen Arbeit, auch wenn Coyllur sich gern um den Nabel des seit drei Jahren flachen Bauches streichelte.

„Werden Rachen unser Americas: zehn bebés aus Frau del Sur essen zwei aus Frau aus Norte...“     

„Der Rachen – la boca“, küßte Bloch auf ihre Augenlider. „Venganza ist auf Deutsch ‚die Rache‘, die.“

Coyllur wiederholte die Lektion lautlos, bevor sie wie im peruanischen Volks­theater seufzte und den Standard-Witz machte. „Lástima! Das ist deutsch: der Schaden!“

Sie schluckte die Pillen als Perlen für den Reichtum, wusch den Plaste-Panzer wie einen handgefeilten Porsche und klatschte begeistert, als dem Fischer sin Frouw die Gardinen vom Bodden-Blick der doppelt schrägen Dachkammer weg raffte: el océano.

„Ach, Ihre... Ihre Frau“, flüsterte Frau Biedermann Bloch zu. „Ihre Frau sprechen nicht Deutsch? Ist sie Rumä..., Roma oder..., also Zigeunerin?“

„Ich denke, wir bleiben eine Woche“, entschied Bloch sadistisch grinsend. „Und meine Frau ist Amerikanerin. Eine Indianerin aus Amerika...“

„Ach? Ja, also...“ Die Vermieterin fing sich Coyllurs Hand und schüttelte sie herzlich. „Bei meinem Schwager könnten Sie sich auch sehr günstig ein Pferd mieten!“

„Nein, danke“, sagte Bloch. „Sie ist nicht so eine Indianerin.“

„Nicht?“

„Es gibt doch auch die, die ihren Feinden die Herzen aus der Brust reißen“, erklärte Bloch auf der schmalen Treppe. „Rissen..., früher. Und noch ein Stück weiter südlich... Also praktisch hat ihr Stamm die Kartoffeln, die Tomaten und die Paprikas entdeckt. Und die Meerschweinchen...“

Daran gemessen, daß Bloch die Übernachtungen ja bezahlen wollte, war es eine ethnologische Vorlesung, und die Zwillinge, die die Großeltern beschlagnahmt hatten, wären wohl zuviel Weltwunder für ein Fischerdorf gewesen, das selbst ein Weltwunder war.

Nach zwanzig Minuten durch ein Landschaftsschutzgebiet war ein Berg zwischen zwei Ozeanen bestiegen, und Coyllur studierte dort die Gräser und Wolken, Vogelrufe und Maschinengeräusche des Paradieses. Alles, was man zum satten Leben brauchte, fand sich in einem einzigen Erdgeschoß-Laden, und nur drei Autominuten und eine Reihe Kiefern entfernt konnte man nackt auf Mehlsand liegen und in gesalzenem Wasser baden. In der kleinen Abteilung eines Speisesaals gab es für ein Stöhnen und Grünes und Blaues aus Blochs Brieftasche gebratene Fische, Kartoffelstäbchen und buntes Eis, und niemand argwöhnte hier einen Vieh-Diebstahl, wenn Coyllur die traumhaft fetten Schafe massierte und die Ziegen zu einer Poncho-Corrida verlockte.

Ohne nach der Herkunft und Farbe der Kinder zu fragen, merkte Frau Biedermann ihre Familie für ein größeres Zimmer zu einer vielleicht sonnigeren Zeit vor, und erst zwei Tage später kamen sie zu viert und im Trabant in der ostdeutschen Provinz jenes Jahres an. Mehnert hatte die Warnung auf dem Briefpapier des Baumarkts hinterlassen: seit einer Razzia gegen die Aschenbacher Zigaretten-Mafia kontrollierten die örtlichen Skinheads als Hilfssheriffs auch bei allen  schwarzen und braunen Vietnamesinnen die Einkaufstaschen und verdächtigen Körperrundungen. Das Asylbewerberheim und die Eigentumswohnung der Döner-Pioniere wurden video-überwacht, aber die Blochs waren unzweifelhaft Deutsche im Sinne des Grundgesetzes und des Einigungsvertrages, und sie hatten noch nicht einmal einen Drohbrief bekommen. Bloch schickte Coyllur zum Füttern der Waschmaschine und setzte die Kinder vor die freundliche Sesamstraße, während er im Treppenhaus den kranken Sprech-Teddy sezierte. Er entnahm ihm Petras Beute-Makarow und überlegte, wo er seinen drei Bunten dieses letzte Wort der Menschlichkeit unbeobachtet beibringen konnte.

Als er nach einem längeren Klingeln durch einen Gardinenspalt schielte, sah Bloch seine Punkerin als Geisel eines sehr blonden Zwei-Meter-Sturm­bannführers, und er überprüfte die Waffe, bevor er sie im Teddy versteckte und mit dem Spielzeug in der Hand öffnen ging.

„Wir haben gar nichts bei IKEA bestellt“, sagte Bloch und grinste angestrengt.

„IKEA“, fragte Anja, sah zu ihrem deutschen Aktenschrank auf und verstand. „Ach, so... Nein, ehrlich: wir sind doch alle von uns!“

„¿Quién es?“

„El Sendero Luminoso“, meldete Bloch nach oben. „Keine Angst also!“

IKEA grinste wissend, wies eine Rotwein-Flasche vor und hob Anja mit der Linken über die Schwelle. „Nicht doch! Was könnte rechtsstaatlicher sein als ein ehrgeiziger Jura-Student?“

Vom rassistischen Konsens der Umgebung und ihrer leichten Überschaubarkeit abgesehen, war das Hauptproblem der autonomen, antifaschistischen und antinationalen Szene von Aschenbach, daß ihr Deutschlehrer ausgerechnet Seichter war. Wenn jemand seinen Unterricht mit einer antikapitalistischen Provokation aufhalten wollte, überführte er ihn oder sie mit zwei, drei Nachfragen als ahnungslosen Linksschwätzer, und seine Leistungskontrollen  legte er gern an Montage nach wichtigen überregionalen Demonstrationen. Seichter bestellte gerade die Eltern der linken Minderheit zu ernsten Aussprachen, bekannte sich aber prinzipiell zur antiautoritären Erziehung, und obwohl er nie ein Bürohaus beschriftete, keinen Supermarkt bestahl und noch nie einen Fascho-Aufmarsch blockiert hatte, galt Seichter der Kreisseite als der örtliche Stellvertreter des kommunistischen Gespenstes.

Bloch konnte dieser Arie eine eigene Strophe anhängen, und das Seichter-Gutachten war bei den Inszenierungs-Dokumenten abgeheftet, falls das Institut eine Erkklärung für die Verzögerung verlangen sollte. Immerhin verdankte Cousteau diesem blassen Maschinen-Durchschlag die seit zwei Jahren beantragte DDR-Meisterschaft der Chinesischen Kampffische, exakt am Premierentermin, und auch zwei püppchenhafte Jugendfreundinnen profitierten davon. Ihr Verzicht auf die Hauptrollen, den historischen Text über die Jahrzehnte hinweg zu tragen, war dem Zweiten Sekretär Studienzulassungen für Archäologie und Zahnmedizin wert gewesen.

„Nein, nein! Du kannst das nicht behalten“, sagte Mehnert erschrocken und sogar für einen Café-Tisch auf dem Aschenbacher Markt zu laut. „Nicht mal kennen dürftest du das! Aber daß du zwei Berliner Theaterabende und mit Laien in einen presen willst, hier, in unserer Provinz... Damit hat er recht! Das ist keine ästhetische oder ideologische Frage, sondern ganz simple Mathematik.“

„Daß wir mal als Freunde angefangen haben und daß ich deinen Streuselkuchen bezahlen muß, das ist Mathematik“, widersprach Bloch. „In eurem Kloster ist doch sogar die Kaffeekasse Ideologie!“

„Quatsch! Wir haben gar keine Kaffeekasse, und wir dürfen uns nicht mal mehr selber Maschinenkaffee machen!“ Mehnert beugte sich weit über die runde Vorkriegs-Tischplatte aus Kranzlers marmoriertem Porzellan. „Kostenminimierung und Stromeinsparung, wenn du verstehst und das für dich behältst!“

Bloch holte tief Frühligsluft und stellte die Rechenfinger auf. „Kein Strom, kein Kaffee und kein Theater. Und im Sommer kein Schwarzes Meer mehr...“

„Kein Ungarn nur“, berichtigte Mehnert. „Fliegen wird man dürfen! Das ist amtlich.“

„Na, da bin ich ja erleichtert“, sagte Bloch, drittelte die strittigen Blätter und schob sie umständlich in die innere Jackentasche. Trotzdem solltest du das der Opposition zugespielt haben, Alter! Rein versicherungstechnisch...“

„Okay...“ Mehnert schnaufte resigniert und setzte dann ein Grinsen an. „Wenn du da jemanden kennst, kannst du ihnen das ja geben. Und sonst?“

Es war eine der Sekunden, in der ein Kulturschaffender bei der sozialistischen Fee einen Wunsch frei hatte. Ein Sofort-Trabant mußte zwar eine Ebene, ein Dauervisum mußte sogar zwei Ebenen höher bestätigt werden, war aber im Grunde schon genehmigt. Eine großzügig bemessene Neubauwohnung, ein Zimmer pro Person plus ein Arbeitszimmer war schon vor Ort drin, und alles das kostete nicht mehr als ein Quentchen Einsicht. In Blochs Fall war nur die Einsicht in die Vergeblichkeit der eigenen Bemühungen notwendig, aber er hatte schon einmal in Amsterdam Gedichte vorlesen dürfen, konnte den Privat-Trabant des Generalmajors Bloch fahren und wohnte in einem Berliner Hinterhof. Er hauste gerade dieser Premiere wegen in Aschenbach, und wollte später nur zu den Aufführungen vorbei sehen. Also bog Bloch den Kopf in den Nacken, schloß die Augen und zeigte dem Universum die löchrigen Zähne. So tankten Krokodile am Morgen, Abfahrtsläufer vor dem Gipfelhotel und Eskimos im Polarfrühling Sonne auf, und wie lange er noch durchhalten mußte, konnte er nicht wissen.

Mehnert ging so unglücklich wie beleidigt, und er hatte gar nichts erreicht, obwohl er außer dem alten Freund auch noch seinen Durchschlag des neuen Gutachtens verloren hatte. Das ganze war seine nicht unriskante Idee gewesen, denn für den Zweiten war Seichter ebenfalls so ein Gorbatschowist, und Seichter tat so etwas eigentlich nicht: vielleicht zwei Jahre, vielleicht nur zwei Monate vor der biologischen Lösung all ihrer Probleme. Er war kein Funktionär und kein Revolutionär, sondern ein Lehrer, der einfach gern alle Fachberater und Studienräte blaierte und nur an sich und an die Sache glaubte, an die er glaubte.

Im übrigen waren für Bloch die Spätsozialisten ganz die Partei des Letzten Staatsbürgerkundelehrers, der nach Blochs Revolution vergeblich gegen Mehnert geputscht und ihn abgelöst hatte, nachdem Dr. Ines Mehnert die Chefin des Arbeitsamtes geworden war: von der Bürgerrechtlerin Corinna Schindler nominiert und vom Ministerpräsidenten durch einen Händedruck geadelt. 

Eigentlich brauchte es für eine sächsische Karriere nicht mehr, als jemanden zu kenen, dem Biedenkopf die Hand gedrückt hatte, und Bloch hatte dazu noch den freundlichen Verlauf der Machtübergabe an den frei gewählten Bürgermeister Krause.

Dafür war Bloch früher als an jedem anderen Revolutionsmorgen gut gelaunt an der Sekretärinnen-Altlast vorbeigegangen, um das Amt und die nie getragene Amtskette an Krause zu übergeben, der erst gegen Mittag und wenigstens mit drei Leibwächtern des Kanzlers aufkreuzte. Einen Augenblick lang schien Krause enttäuscht, daß Bloch ihn nicht in der Fallschirmjäger-Kampfuniform erwartete, aber auch darauf war er vorbereitet gewesen. Durchaus nicht ungeschickt ließ er die Leibwächter den Tisch der repräsentativen Couch-Garnitur mit blanken Gläsern, natürlich schwarz gelabeltem Johnnie Walker und einem stumpfgrauen Aktenordner decken. Daß die Drei sie als zwei alte Theaterhasen allein lassen sollten, mußte er ihnen nicht einmal befehlen.

„Mensch, Brecht“, sagte Krause zu Bloch und ließ sich in den Sessel fallen. „Hast du dir das bei der Lese-Probe vorstellen können? Oder bei unserer Dezember-Pemiere? 56,87 Prozent für uns...“

Bloch setzte sich auf die Armlehne der Couch.

„Für euch“, stellte er so freundlich richtig, wie er noch in der Wahlnacht auf Mehnerts 9,7 Prozent verzichtet hatte.    

„Klar! Ja, freilich...“ Krause klappte den Hefter auf, der mit Büroklammern und Papierstreifen für eine längere Aussprache vorbereitet war. „Um noch mal auf den Dezember zurückzukommen: es gibt da ein Gedächtnisprotokoll über unseren Besuch bei deinen alten Spezies...“ Er schlug eine Seite auf, grinste und goß Whisky in das Bloch am nächsten stehende Glas. „An ‚Krause, Manfred, CDU seit 1975‘ hat sich der Kreissekretär persönlich erinnert. Zitat: obwohl das kein richtiger Aufstand sei, sei er (M.K.) im Prinzip genau deshalb mitgekommen.“ 

„Da siehst du mal, wie die gelogen haben“, sagte Bloch und steckte die Hand nach dem Glas aus.

„Und über dich haben sie sich gleich ein richtiges Dossier kommen lassen“, sagte Krause und stieß sein Glas gegen Blochs. „Nach den Akten des MfS/Amt für Nationale Sicherheit bist du als Philosoph, Schriftsteller und Regisseur nur mittelmäßig... Aber doch intelligent und ein feindlich-negatives Element... Ach, und einer IMF ‚Arachne‘ sexuell bist du hörig...“

„Blablabla...“

„Kein bißchen interessiert dich, wer diese Arachne ist?“

„Niemand ist zugleich zehn Frauen hörig“, sagte Bloch düster, trank den Sieger-Whisky und überlegte zum ersten und einzigen Mal, ob er nicht doch die Seiten wechseln sollte. Krause war zwar ein unbegabtes Ekel, das trotz seiner Prozente noch weniger zum Bürgermeister taugen würde als er selbst, aber gerade deshalb dringend einen Persönlichen Referenten brauchen.

„Ich habe mich erkundigt, wie du wohnst, und das vom Mittelmaß bis zur Hörigkeit können wir natürlich löschen“, warb Krause und goß Bloch Whisky nach. „Spielend können wir das! Und du läßt dich einfach taufen: katholisch oder evangelisch, ganz egal!“

„Nee, Krause...“ Bloch trank den Whisky in der ganz falschen Vorahnung, daß es für lange Zeit sein letzter Schnaps sein würde. „Nee... In irgendeinem fernen Dezember wird wieder einmal die Tür eines Sitzungssaals aufgehen, und dann wird man deinen Stuhl wollen... Und auch in dieser Szene will ich der in der Tür sein, verstehste?“

„Das mit der Taufe war doch nur so ein Vorschlag“, lenkte Krause ein und musterte seinen ehemaligen Regisseur. „Außer Christen haben wir ja auch Demokraten in der Christlich-Demokratischen Union...“ Dann gab er seufzend auf. „Okay... Aber nimm von dem Krempel ruhig alles mit, was du gebrauchen kannst! Herrn Lenin sowieso, die Schreibmaschine, Schreibpapier... Und vielleicht willst du ja ein Sofa in deiner Höhle? Das Zimmer hier, das ganze Land kriegt jetzt nämlich Stil!“

Spätestens da war der tödliche Durchschlag zwischen die Stapel holzhaltigen und einseitig beschriebenen Papiers geraten, und Krause selbst hatte das Blatt zusammen mit Bloch in seinem Wahlkampft-BMW abfahren lassen.

Drei Armvoll Schreibpapier hatte Bloch in alte Bananenkisten verteilt und hinter dem Eß- und Schreibtisch zu­rechtge­stellt, und den Öl-Lenin ließ er durch das Fenster vor dem Bett sehen, bevor er ganz normal einkaufen ging. Auf den kürzesten der dafür denkbaren Wege nahm er nie irgendwelche Merkzettel mit, und beim Einräumen des Kühlschranks ärgerte er sich sogar noch, daß er Wodka gekauft hatte, obwohl eine halbvolle Flasche im Gefrierfach gelegen hatte. Also genehmigte er sich ein Glas, bevor er den Kessel mit dem Kaffeewasser auf den Elektro-Kocher stellte, und das zweite, als er die Beuteschreibmaschine angeschlossen, den Fernsehapparat angeschalten und den Emaille-Kaffeetopf dazu geholt hatte. Das dritte goß er sich ein, um schneller zu einem Wut-Anfang für den Petra-Brief und danach ins zu lange vernachlässigte Bett zu kommen, und irgendwann überließ ihm die Verkäuferin drei Kartons mit ungebrauchtem Lunikoff-Wodka und Falkner-Whisky und erinnerte ihn, daß er am Sonntag zum ersten Mal richtiges Geld bekommen würde. Weil er weiter trinken und rauchen konnte, mußte Bloch ab und zu auch bei der Sparkasse gewesen sein, und gelegentlich mußte er sogar den Schlüssel in das Schloß des Briefkastens bekommen haben. An Briefe, nach denen das Glaswerk seinen Vertrag zum Jahresende wegen Abwicklung kündigte, das Berliner Ensemble aus offenbaren Gründen den Vorvertrag für nichtig erklärte und seine geschiedene Frau zu irgendeiner Stelle im Rheinland oder in der Pfalz umzog, erinnerte er sich ja ab und zu.

„Ich denke, wir ernennen dich zu unserem Quotenrentner“, resümierte IKEA und seufzte, als ihm Coyllur aus der Höhe seiner Knie ein Bier herauf reichte. „Und eigentlich könntest du hier doch meinem Terroristennachwuchs bei den Hausaufgaben helfen, nicht?“

Bloch nickte, weil der LADEN vor- und nachmittags ja fast ungenutzt war.

„Na, prima“, protestierte Anja. „Und als Danke Schön passen wir dann zwischen den Demos auf seine Kinder auf, oder wie?“

Auch der Rest des Schwarzen Haufens sah nicht begeistert aus, aber IKEA war nun einmal der Florian Geyer der Region, und er besorgte ihnen ja mit dieser Verpflichtung auf die Bürgerlichkeit ihren ersten öffentlichen Versammlungsraum. Bloch hatte das Mineralwasser und das Bier zum Einkaufspreis hingestellt, sie kannten die Geschichte von Anjas Trainingsabend und konnten Aschenbachs einzige Indianerin freundlich angrinsen.

„Nette Idee“, sagte Bloch. „Und im Gegenzug verzichte ich auf den Vortrag meiner Gedichte.“

„Versos sin rimas...“ Coyllur rümpfte die Nase und nickte.

„Versos libres“, widersprach Bloch. „Das klingt doch viel sympathischer.“

„Absolut verrückt sind die beiden“, sagte IKEA zufrieden. „Wer weiß, wo und wie wir in seinem Alter sind.“

„Danke!“ Bloch hob die Bierflasche zum Prost. „Und wie es im Film heißt: Das ist wahrscheinlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

„In welchem Film“, fragte Tom, und da sah Bloch zum ersten Mal, daß Anja auch lachen konnte.


Einstein

Elefantenfriedhof
Der Käseladen
Schwanensee
Wolokolamsker Chaussee
Crazy Horse
Die zärtliche Hausfrau
IKEA
Zirtaki
Die Schlesischen Weber
Die Rübe
Schindlers Liste
Die Schwarze Witwe
Hightech
Lawinen
Nattereri Serrasalmus
Robin Hood