Die Rübe

Es war wirklich ein schöner Friedhof, auch und gerade unter dem feuchten Nacht-Schnee. Er war auf dem steilen Hang angelegt, den inzwischen der Wohnpark „Rübezahl’s“ krönte, und zwischen den blaugrauen und weiß gesäumten Armen der Nadelbäume waren die inzwischen frisch rot gedeckten Altstadt-Häuser erstaunlich nah. Außerdem sagte man von alten Friedhöfen, daß sie schön waren, und von den besuchten Angehörigen, daß sie dort ruhten.

„La Angelita verfault dort unten nicht anders als jede überfahrene Katze“, sagte Tania verächtlich, ließ aber Simones Hand nicht los. „Und es ist gar nichts weiter: du bist eine Frau, und ich werde eine, und da müssen wir uns um Papas Aufmerksamkeit streiten. Das ist völlig normal.“

Bloch wandte den Kopf und strahlte Simone über die rechte Schulter an.

„Bist du sicher, daß sie erst acht ist“, fragte Simone. „Das klingt doch wie...“

„Kindheit ist eine Erfindung zurückgebliebener Erwachsener“, sagte Bloch und wich fast zu spät einem Kiefern-Ast aus. „Kein Jaguar, zum Beispiel, behandelt seine Jungen erst mal ein paar Jahre lang als Schafe, und die üben auch nicht von sich aus erst mal ein bißchen wiederkäuen. Sie suchen sich ein paar Knochen, und bis sie die zerbeißen können, spielen sie damit.“

Simone schüttelte den Kopf. „Hat denn eine ABM für soviel Theorie gereicht?“

Tatsächlich war das Coyllurs erste Lektion für ihren Doppel-Diplomanden gewesen, und sie hatte dafür keines der Worte gebraucht, die sie sowieso noch nicht kannte. Als Bloch vom ersten Wohlstands-Einkauf zurück kam, war das Dachgeschoß bereits tropisch warm, das Essen stand auf dem Tisch und seine erste Indianerin hielt mit jedem Arm ein Kind an die Brust. Zwar war da schon der halbe nie aufgebaute Küchenschrank durch die Esse davon und in die Tortillas waren die Rillen der Kochplatten des Elektroherdes eingebrannt, aber es war atemberaubend, wie geschickt Coyllur die Fladen mit den gekreuzten Händen zerriß und wie tief sie den Kopf diesen Stückchen entgegen beugen konnte. Bloch setzte sich ihr gegenüber hin, und zu seiner Atemnot kam noch ein komisches Gefühl im Magen, als die exotische Soße alle wurde. Coyllur schob das bleichere Bündel für einen Moment in den linken Arm, molk mit den Fingern der Linken ihre rechte Zitze in die flache Porzellanschüssel ab und verrührte die Tunke mit dem nächsten Tortilla-Fetzen.

„Con los pobres de la tierra“, flüsterte Bloch der Doppel-Madonna eine Zeile aus der Guantanamera, „quierro mi suerte echar...“

„Francesa finfzich Mark“, antwortete Coyllur, blieb einen Augenblick angestrengt ernst und blies dann bedacht die Backen auf. „Isch asilo politico. Ecclesia, Kirsche... Verstehen?“

„Kirche“, berichtigte Bloch und lachte.

Er war nun sicher, daß sie Petras Dolmetscher-Urlaub nicht brauchen würden, und er stand schnell auf, um die Spenden-Gitterbetten aufzubauen. Wie sich Coyllur ohne die beholfen hätte, interessierte ihn zwar, aber Heinz hatte ihm als geistiger und gesellschaftlicher Beistand empfohlen, zumindest dem Jugendamt und der Ausländerbehörde zuliebe eine bürgerliche Familie zumindest zu spielen. Deshalb mußte auch gleich noch das Kruzifix über den Tisch, und als es hing, schlug Bloch außerdem einen Nagel für den Brief des Papstes durch den rieselnden Putz.

Der Papstbrief war keine eigenhändige Enzyklika, aber er sah beeindruckend offiziell aus und war direkt an Bloch adressiert, und damit war es eigentlich eine größere Touristen-Attraktion als die, zu der Bloch die Sonnabend-Prozession umleitete. Hinter der Friedhofskapelle, auf dem ehemaligen Russen-Acker, war ein Raststätten-Parkplatz entstanden, und der Eingang in die Unterkirche wurde von zwei gelb-weißen Cola-Automaten markiert. Dort gab es einen Schein-Wechsler, einen Chip-Automaten und ein zu fütterndes, stabiles Drehkreuz, und für zweimal fünf und zweimal zwei Mark stiegen Bloch, Simone, Tania und Che  zwischen nachkolorierten Holzschnitten aus dem Dreißigjährigen Krieg und unscharfen Wende-Fotos den in den Fels gehauenen Gang hinunter. Statt der mittelalterlichen Wachs-Hände und –Füße hingen nun Beton-Stalaktiten von der Decke, und die mit einer schußsicheren Scheibe gedeckte Kammer war mit kräftigen Farben frisch ausgemalt.

„Wieso liegt den Tut Ench Amun gerade in Aschenbach herum“, wunderte sich Tania.

„Ich wußte doch, daß sie unter uns sind“, erklärte sich Che den mit rubinroten Pocken übersäten Titan-Sakopharg. „Das ist ganz eindeutig ein Allien.“

Es waren zwei Antworten, wie sie Bloch im Herbst und Winter der Wunder gebraucht hätte, als selbst Aschenbach in die Fernsehnachrichten geraten war und er von Petra aus diesen zwei Minuten heraus gefiltert worden war. Wenn er sein Begrüßungsgeld abholen wollte, flüsterte sie ihm aufregungsheiser ins Rathaus, konnte er bei ihr übernachten.

Bloch begriff, während er die Adresse aufschrieb, daß ihn Petra schon wieder in eine Klemme zwischen Stolz und Leben brachte. Es war wie auf der Wohnheimtreppe und wie zwei Monate später, als der  rotbär­tige Tonband-Besitzer aufgegeben hatte. Kurioserweise war es nun er, der betrunken in einem fremden, in Blochs Zimmer aufkreuzte, und ihm schien die Lösung, eine Losung an den Straßenbahnhof „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ zu malen: BIERMANN LEBT!   

Bloch glotzte ihn an.

„Na, und? Biermann lebt doch noch.“   

„Verstehst du denn nicht? Das ist doch symbolisch gemeint!“   

„Symbolisch wäre das nur, wenn er tot wäre“, sagte Bloch. „So ist es 'ne Eselei. Denn was ist, wenn sie dich schnappen?“   

Der Rotbärtige nickte begeistert. 

„Ja, hörst du nicht RIAS? Dann werden sie uns abschieben, Mensch! Jedenfalls wahrscheinlich...“

„Eben“, sagte Bloch. „Sie werden dich abschieben.“ Er klappte „Das Kapital“ wieder auf, aber weder Marx noch der Rückzug des Rotbärtigen noch die Zigarette konnten ihn beruhigen. Ihm fiel gerade einmal der  Satz  ein, daß er mit seiner nicht vorzeigbaren Handschrift, der Allergie gegen Ölfarben und der Eins in der Klausur Parteitheorie  unmöglich der Täter sein könne. Helfen würde der Satz ihm kaum.

Bloch sah geradezu, wie er am Ende der Gesprächsserie krank  vom  Zigaretten-Entzug auf der Reeperbahn ausgesetzt wurde,  ohne  Diplom und D-Mark, und nicht einmal ein leichtes Mädchen war er. Im Prinzip konnte Bloch nur retten, wenn er selbst und sofort das Attentat meldete, und vielleicht half ihm ein hieb- und stichfestes Alibi gerade noch, noch einmal mit einem zweiten blauen Auge davonzukommen. Bloch beschloß, nicht prinzipiell zu sein, sondern Petras Verlobten mit ein paar Hieben abzuservieren und Petra endlich und gründlich anzustechen.   

Bloch platzte in eine Fete, und nach einer Schrecksekunde fand er auch das nicht schlecht. Die Zahl der Zeuginnen und Zeuger war größer als erwartet, und zum ersten Mal erlebte Bloch, was er für das gewöhnliche Studentenleben gehalten hatte.  Auf drei der vier Betten war Petting. In einer Ecke erklärte eine Nickelbrille einem Riesenohrring die welthistorische Bedeutung der äthiopischen  Revolution, und Petra erstarrte in einer einsamen Tanzfigur.   

„Der Heilige Michael, Kumpañeros“, meldete Petra.

„Einen Tag lang haben wir gezittert und gedacht, daß wir auch gleich dran sind“, sagte eine der entkommenen Frauen. Sie lag auf  einem der oberen Betten und reichte eine halbleere Rotweinflasche  nach unten.   

„Und dann?“

Bloch trank und stöhnte,  weil die Frau den Spruch bewies, daß die Schönsten immer schon belegt waren.   

„Na, dann waren wir heilfroh, daß nur du dran warst!“   

„Nicht wahr“, flüsterte Petra gegen das Lachen an. Sie nahm  Bloch  in ein Joch aus ihren Armen und rieb ihren Schoß an seinem  Bein. „Ich, ich jedenfalls, wollte mich schon ewig bedanken. Aber dann hatte ich doch immer Muffensausen...“  

„Nicht wahr“, sagte Bloch und biß Petra in das Ohrläppchen. „Das Muffensausen kriegst du erst nachher.“ Bloch biß in ihr Ohrläppchen, wie ein Zirkuslöwe den Belohnungshappen nahm, und auch noch zwölf Jahre später war das die einzige fleischige Stelle ihres Körpers.

Daß sich Petra als Diplom-Marxistin in der Schnäppchen-Etage des Arbeitsmarkts anbieten mußte, konnte Bloch dem Kapitalismus noch irgendwie nachsehen, und auf dem Weg von der S-Bahn zu Petras Wohnung hatte er gleich in mehreren Schaufenstern studiert, daß Farbfernseher erfreulich billig waren. Sie hätten sonst auch nach der kurzen Krönungs-Feier ganz ohne Licht auf dem witzigen Futon liegen müssen, zwischen nur etwas schwärzer als im Osten gestrichenen Spanplatten-Möbeln: Petra ohne einen der NSW-Export­fum­mel aus dem letzten Sommerschlußverkauf und Bloch ohne jeden Ge­danken an die zwei vom Begrüßungsgeld günstig gekauften Vorzeit-Pornomagazine. Von da an verriet Bloch den Staat der Arbeiter und Bauern und seine Konter-Konterrevolution an den Wochenenden ebenso wie zwischen Weihnachten und Neujahr. Sie arbeiteten jede Menge Geschichte auf, erzählten sich, wie die Politik erst viel später befahl, ihre weiteren Biographien und vereinigten  zunächst einmal Petras und sein Berlin, Szene-Kneipen und Pergamon-Museum. Auf Aschenbach, das schon wieder im Fernsehen kam, wollte Bloch da liebend gern, aber Petra erstarrte unter ihm und starrte entgeistert auf den Bildschirm.

Beim nun doch noch passierten Sturm auf die Kreisdienststelle der Stasi war den Bürgerrechtlern ein großes Einweckglas in die Hände gefallen, und das Glas reflektierte das Aufnahmelicht, aber in einer grünlichen Brühe lag unzweifelhaft ein fast kahler, wachsgelber Kopf mit verunglücktem Bart.

„Gott“, flüsterte Petra. „Wer ist das?“

„Keine Ahnung“, sagte Bloch und gähnte. „Im Schriftstellerverband sahen ziemlich viele so aus, aber die leben alle noch. Zumindest schreiben sie immer weiter...“

Bloch ging über Petra in den Liegestütz, kippte zur Seite und zog das Telefon an der Strippe näher, aber ein leises Stöhnen oder das Klappern von Petras bremste ihn noch rechtzeitig. Das Gespräch wäre international gewesen, und seine Traditions-Geliebte war schon Sozialhilfeempfängerin, während Boch der Repräsentant eines wenn auch untergehenden Staates war.

„Und zumindest war das vor meiner Zeit, und kein Stück Verantwortung übernehme ich dafür!“ Bloch gähnte noch ausgiebiger. „Auto hast du nicht... Aber wenigstens einen Bekannten mit Auto wirst du doch auch als Sozialhilfeempfängerin haben dürfen...“

„Aber es ist fast zehn...“

„Ja, und hast du nun einen so guten Bekannten mit Auto und Videokamera? Ich muß dahin, und er kann Stasi-Verbrechen filmen...“

Als Petras bekannter Wessi sie auf den Aschenbacher Marktplatz fuhr, war dort die größte Aufregung bereits vorbei. Der auf der Schwimmhallen-Baustelle kurzgeschlossene Bagger hatte der Figur auf dem Neptun-Brunnen, die August dem Starken nachempfunden sein sollte, bereits den Dreizack-Arm amputiert. Die meisten der eingeregneten und angefroreneren Gelegenheitsbürgerrechtler waren bereits nach Hause gegangen, und die Stimmung schwankte zwischen den abgehobensten Verdächtigungen und den gedrücktesten Prophezeiungen. Seit Jahren habe die Aschenbacher Stasi diesen Tag der Abrechnung vorhergesehen, hörte Bloch, weshalb ihre Folterkeller höchstens unter Moskauer Straßen zu finden seien. Jahrzehnte würde es dauern, meinten die mehr Realistischen, bis die vier, fünf Quadratmeter verheertes Pflaster wieder repariert seien.

Selbst die Menge, die die noch nicht umgezogene Kreisleitung belagerte, war nicht mehr furchterregend groß. Als Blochs Fahrer hupte, entdeckte man schnell das Westberliner Nummernschild und wich langsam zurück. Bloch ließ Petra ihre Ausweiskarte zeigen und kurbelte das Fenster nach unten.

„Kriminalkommissare“, erklärte Bloch die beiden Fremden. „Von drüben...“

„Schon wieder Kommissare“, grölte jemand, wurde aber von spontanem Applaus übertönt.

Sie stiegen unbehindert aus, und trotzdem mußte Bloch eine ganze Weile gegen die Sicherheitstür klopfen, bevor sich im hell erleuchteten Treppenhaus etwas tat und hinter der dicken Scheibe die uniformgrüne Gestalt Hartmanns erschien.

„Schnell“, sagte Hartmann und ließ Bloch, Petra und Petras Bekannten durch einen Türspalt ein. „Was sollen wir bloß machen, Geno..., Chef? Die KL und die ganze Stasi hocken im zweiten Stock! Mit ihren Familien! Aber ich kann doch auch nicht schießen, wenn die reinkommen...“

„Niemand wird kommen“, versprach Bloch und streckte Hartmann die Hand entgegen. „Her mit den Wummen!“

„Oder liefern wir nur die Männer aus“, fragte Moser, von einer der Schmucksäulen gedeckt. „Na, auf die haben sie doch die ganze Wut“

„Niemand wird hier ausgeliefert“, sagte Petra und kassierte für diese Bloch-Kopie die Waffen der anderen beiden Polizisten. „Weil niemand kommen wird...“

Sie sammelten auch bei den Flüchtlingen im ersten Stock weiter Metall ein, und Bloch legte das Notarsenal auf dem Schreibtisch von Mehnerts Sekretärin ab, in seiner Reichweite.

„Die hörten einfach nicht“, beschwerte sich Mehnert über die Belagerer. „Dabei ist das doch nur der Kopf von Johannes dem Täufer! Eine echte Reliquie!“

„Keine echte“, sagte der neben ihm stehende evangelische Pfarrer und lächelte versonnen. „Selbst die Kollegen von der Konkurrenz erkennen sie schon seit einhundertacht Jahren nicht mehr als echt an.“

„Nur aufbewahrt haben wir die Rübe“, sagte Genosse Kühne von der Kreisverwaltung. „Treuhänderisch. Willst du die Akten sehen, Genosse Bloch? Die Kopien des Briefwechsels mit dem Papst, zum Beispiel...“

„Nein, dem schreibe ich morgen selbst“, sagte Bloch gähnend und wählte die Telefonnummer des Hotels Stadt Aschenbach. „Bloch hier! Na, Ihr Bürgermeister, der neue... Haben Sie zwei Doppelzimmer frei? Auch nicht für Westbesuch?“ Dann sah er das Trio der ungehörten Verharmloser selbst mißtrauisch an. „Und warum ist die Rübe dann nicht längst beerdigt?“

Der Pfarrer machte einen spitzen Mund und sah zur Decke.

„Siegfried“, befahl Kühne

„Die Freunde“, erstattete der Stasi-Mann, der später die Abteilung Bewegungsmelder und Video-Überwachung in Mehnerts Baumarkt vor Ladendieben schützen würde, wie geübt Meldung. „Sie haben den Schrein, golden und mit einer Menge Klunkern besetzt, mitgenommen. Fünfundvierzig... Und diesen Schrein will der Vatikan zurück...“

Bloch knurrte atheistisch.

„So sind die Kollegen Katholiken nun mal“, sagte der Pfarrer. „Und vielleicht, Herr Bürgermeister, sollten wir unsere Bürgerinnen und Bürger nach Hause schicken, gemeinsam?“

Er lud Bloch mit einer unerbittlich höflichen Handbewegung zur Tür des schmalen Paradenbalkons ein.

„Ich habe mit den Leuten in diesem Haus und mit dem verehrten Herrn Bürgermeister gesprochen“, sagte der Pfarrer, nachdem er eine Weile päpstlich segnend mit den Händen gewinkt hatte. „Und der Herr Bürgermeister hat mir zugesagt, daß Ihrem Begehren nach lückenloser Aufklärung des Vorfalls entsprochen wird.“                

„Genau“, bestätigte Bloch. „Und ihr werdet euch erkälten, Leute! Denn die Ermittlungen werden beim besten Willen noch ein bißchen dauern... Das kennt ihr doch aus dem Fernsehen! Solange darf kein Verdächtiger die Stadt verlassen, klar... Und das kann er ja auch gar nicht, und zumindest nicht über den Markt... Und wer dort die Straße aufgerissen hat, kriegen die Westberliner Kollegen auch raus! Und der oder die bezahlen das dann!“

Bloch und Petra warteten noch eine halbe Stunde, ehe sie durch die wieder ruhige Stadt schlenderten, dem Auto des Bekannten hinterher, und weil es im Hotel natürlich keine Bar gab und der Besitzer müde und zu mürrisch hinter dem Empfangs-Tresen wartete, gingen sie oben nüchtern ins Bett.

Gegen drei Uhr waren seine Ost- und ihre West-Zigaretten alle, und Petra hockte sich noch einmal vor das Häufchen ihrer Sachen.

„Aber ich habe was anderes für dich!“

„Hepathitis“, fragte Bloch und hob auf der anderen Seite des Betts seine Jacke vom Boden auf.

„Tödlicher!“

Petra legte Bloch schweres, kaltes Metall auf den Rücken, und Bloch hob den Arm und die Hand, um sein Geschenk zu präsentieren: ebenfalls eine abgezweigte Pistole.

„Nie wieder soll uns irgendein Schweinesystem klein und völlig wehrlos erwischen“, sagte Petra feierlich. „Egal, welches Schweinesystem...“

Außer Petra und Bloch wußten nur die Zwillinge, daß und wo es die beiden ultimativen Problemlöser gab, und Bloch dachte gar nicht daran, Simone dieses oder irgendein anderes Geheimnis zu verraten. Sie konnte allenfalls Coyllurs Grab sehen, wo Che das weiße Kiesselmosaik der Steingarten-Ande als Cuzco er­klär­te. In Cuzco standen nur noch ein alter Mann und ein Elfjähriger zwischen ihm und dem Thron der Inkas, auf den Che aber vielleicht verzichten wollte, um nicht nach altem Herrscher-Brauch seine Schwe­ster heiraten zu müssen. Tania zeigte ihm die lila Zunge und weihte Simone in die Papua-Sitte ein, die Gehirne verstorbener Angehöriger zu löffeln und an einer urzeitlichen Form von Rinderwahnsinn zu erkranken, und sie hielt ihre traditionelle Ethnologie-Vorlesung auf dem traditionellen Heim-Umweg zur Orgie mit dem aktuellen McDonalds-Sonderangebot. Che nutzte die Anwesenheit einer Fremden, um einen zusätzlichen McRib und ein Eis mit Schokosoße auszuhandeln und mit eigenen, wenn auch spekulativeren Theorien anzugeben. Seiner Meinung nach gab es keinen Gott, aber er wollte nicht ausschließen, daß sie alle nur aus Rhomben gerenderte 3-D-Figuren in der 40. Version von „Civilisation“ waren. Er wußte nicht zu sagen, wann das Spiel zuletzt gespeichert war, aber irgendwann würde der Besitzer von vorn beginnen, und dann würde aus den winzigen Eingeweisen des erdgroßen Computers auch Coyllur La Angelita wieder auftauchen und wahrscheinlich mit Papa und ihnen zusammen bleiben. Wenn sie Glück hatten, würde das schon in der Römerzeit passieren, und es war gut möglich, daß Bloch dann Arbeit an Shakespeares Theater bekam. Vielleicht würden sie auch die Zulus sein, die dem Computer zumindest in der Version 2 immer erstaunlich sieghaft gerieten, und selbst das würde einen Vorteil bedeuten: Tania würde mit ihrer Hautfarbe nichts besonderes mehr sein. 

Am Schaufenster des Zeitungs- und Tabak-Ladens der Adenauer-Passa­ge, wo Coyllur gearbeitet hatte, feierten sie eine kurze Andacht, und zu Hause erlaubte Bloch Che einen neuen Anlauf zur Befreiung der virtuellen Welt und Tania das Anschalten des nicht angemeldeten großen Fernsehapparates. Die Zwillinge zeigten ihm den indianischen und den afrikanischen Daumen und verschwanden in ihren Zimmern, aber selbst beim Anzünden des Back-Gases war sich Bloch bewußt, daß er das für eine Konkurrentin tat.

Simone war freilich eine phantastisch stupsnasige Konkurrentin, und als sie nackt vor Bloch stand, drehte sie ihm den Rücken zu und bückte sich nach der Reisetasche. Bloch dachte noch daran, daß ein Flatterhemd keine gute und eine viel zu frühe Idee wäre, als Simone schon wieder hoch kam und sich ein schwarzes Lederteil mit klimpernden Schnallen an den Hals hielt.

„Erzähl mir nicht, daß das dich erschrecken könnte.“ Simone lachte. „Einen Jaguar-Bock!“

„Kater“, sagte Bloch und ging hin, um die Schnallen zu schließen.

Er blieb so dicht hinter der Konkurrentin, daß er sie schon beim Ausziehen immer wieder berühren mußte.

„Und so erwachsene Kleine werden doch bestimmt nicht stören“, fragte Simone. „Und ich habe noch mehr dabei. Du kannst mich richtig fesseln, wenn du magst!“

„Schon in den Nacken beißen geht ja nicht“, sagte Bloch, und nach der letzten Nicht-Weltunter­gangs-Feier mußte er Bauch, Brüste und Gesicht der verhinderten Sklavin auf sich zu drehen. „Und ich versklave die Stadt erst nach der Wahl, denke ich.“

„Vielleicht könnte ja auch ich dich fesseln“, fragte Simone und setzte und legte sich auf das Bett. „Gleich und in jeder Beziehung...“

Bloch legte den Zeigefinger auf die schmalen, blassen Lippen, bis sie gemeinsam still und ruhig waren, und er rechnete noch immer kühl aus, daß Simone zwei Frauen war. Er überprüfte es mit dem Umklappen ihrer Unterlippe. Sie mußte für ihr erstes Mal noch ihr Blauhemd für einen Jugendfreund aufgeknüpft haben, aber bald danach war das Zahnweiß für Raucher über ihre Perlzähne gekommen. An ihrem Kinn war der Babyspeck aus der vormundschaftlichen Vorzeit von der Pflegelotion eines dynamischen und erfolgreichen Lebens konserviert worden, und das Halsband war so gepolstert, daß es trotz des ersten sklavischen Anscheins den Hals einer dominanten Gräfin panzern konnte. Simones Mädchenbrüste waren von keinem sächsischen Säugling und keinem Hollywood-Chirurgen gefoltert, und sie ließen sich mit nur zwei Fingern verdoppeln und mit drein verdreifachen, wenn Bloch nur so neugierig und ausdauernd, so vorsichtig und so raffiniert wie Bloch war. Das war ein alter indianischer Brauch oder die Weisheit eines alten Indianers, er alle Teile seines Körpers und nur ein Stück der Geliebten brauchte, um alle mögliche Liebe auszuteilen und auszusammeln.

„Das, das geht so nicht“, zischelte Simone zufrieden. „Das, das ist die Vorspeise als Hauptgang! Das ist eine so gemeine Korruption...“

Bloch küßte den Protest weg, und er legte ihr die Hand unter den Nabel. Er ließ sie liegen und leckte im etwas schweißigen Schatten unter der rechten Brust, bis die auf der Lava schwimmenden Erdteile ihrer Schenkel auseinander fuhren, um Dampf abzulassen und in einem Erdleibbeben wieder gegeneinander zu klatschen.

„Du darfst ja, du darfst ja... Aber... Aber wir sind nur irre, nicht? Nicht verrückt...“

Simone zog die Hände hinter dem blonden Mode-Punk hervor, und zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte ihr das Survival-Pack. Sie hielt es Bloch vor die Augen und machte es auf, während sie um die neutrale Zone des Nabels herum ebenfalls zwei Frauen war. Unten kochte und tanzte sie, während sich ihr Gesicht über das Vorkriechen des bleichen Latex-Wurms freute und ihre Hände ihn in den Handschuh für einen ganz schlimmen Lustfinger verwandelten.

„Du sollst ja, du sollst ja... Aber ich will keine Zwillinge von dir! Nicht mal so bunte! Und du darfst mich fesseln und streicheln und bumsen... Aber ich, ich werde hier Bürgermeister... Ich...“

Als sie sich auseinander geflochten hatten, drehte sich Simone viel zu schnell auf den Bauch, um den Aschenbecher vom Fensterbrett zu langen. Die Camels einer Rettungs-Expedition lagen immer daneben, und als Bloch wieder bei Puste war und wieder Augen für die Wirklichkeit hatte, stand der blaue Sentimentalitäts-Aschenbecher über Simones Nabel.

„Du solltest das nicht machen“, sagte Bloch ernst.

„Der liebe Lungenkrebs, jaja...“

„Quatsch!“

„Klar ist das Quatsch“, witzelte Simone. „Daß ich das schlimmere Tier bin, müßtest du doch gemerkt haben.“

Bloch drehte sich auf die Seite.

„Wegen der Brandflecken... Und nicht auf dem Stoff... Du weißt nicht, wie das aussieht, nein? Ein Bauch und  Titten, auf denen die ihre Zigaretten ausgedrückt haben.“

Simone setzte sich auf, aber das reichte noch nicht, Bloch ihr wieder zuzuwenden. Sie machte einen geräuschvollen Lungenzug.

„Naja... Bei deinem Alter hast du eben noch viel mehr Partisanenfilme sehen müssen!“

„Bauern, Bullen, aber keine Guerilleros“, sagte Bloch noch finsterer. „Das ist das Ende der Welt: keine Guerilleros, nur Bauern, Bullen... Bürgermeister...“


Einstein

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