Schwanensee

Selbst im November wurde man nur unter der kaputten Dachrinne an der Giebelwand so naß, für das blasse Blau der Lippen mußte Simone eine halbe Stunde Februarwind in das Designer-Lederjäckchen gelassen haben. Sie war also mehr eine Gefrierfleisch gewordene Erpressung als eine eiskalte Verführerin, und eigentlich hielt Bloch ihr die Panzertür nur der Zwillinge wegen auf. Mit acht waren sie noch zu jung für ihren ersten gemeinschaftlichen Mord, und ihrem Kreuzverhör wäre Bloch so oder so nicht entgangen.

„Der Nudelbunker der HO“, erklärte Bloch den Wohnungsgrundschnitt, bevor er das Flurlicht anschaltete. „Also nichts mit toller Innenarchitektin und Originalität...“

„Höchstens der Uhrenkasten“, sagte Simone, während sie sich auf die rund getretenen Industriestufen mit den Eisenkanten wagte. „Na, vorhin waren hier Kinder eingekerkert, die mit mir Geißlein und böse Wölfin gespielt haben... Ich mußte ihnen das Parteidokument zeigen und die Internationale vorsingen, bevor sie mich dann doch nicht reingelassen haben.“

„Weil du nur die erste Strophe kanntest...“

Bloch zündete das Gas in der Backröhre an, und um zu demonstrieren, daß sie ihn nicht im Geringsten aufregte, zeigte er Simone nur sehr langsam, wie sie ihr Leben retten konnte. Hinter der bodenlangen, halb durchsichtigen Plaste-Arbeiterfahne stand die Badewanne, und daneben ging es auf den Wäscheboden mit Maschine, Leinen, Spinden und selbstgestrickten Haßkappen und Ponchos für eine mittelgroße terroristische Vereinigung. Dann bereitete Bloch die Kaffeemaschine vor, und er sah aus den Augenwinkeln heraus zu, wie Simone ihrerseits mit der Langsamkeit spielte. Stück für Stück legte sie die monatliche Sozialhilfe einer kinderreichen Familie auf den Eßtisch, und dazwischen nahm sie sich für alle Reliquien der Schlafküche Zeit: für das Hochzeits-Polaroid und das revolutionäre Kruzifix neben dem Papst-Brief, für den winzigen Farbfernseher und die Verstärker aus dem Ausverkauf der weltgrößten Boy Group.

„Wirklich nur für einen Moment“, sagte Simone und huschte an der Zimmertür vorbei, zum Stammesbett unter den einzigen großzügigen Fenstern des Gebäudes. Sie hob die altmodischen Federbetten kurz an, verlor sich darunter und schob erst ein paar Minuten später den nassen blonden Igel auf das heilige Kopfkissen. „Das ist nicht originell, das ist wie bei Urmenschs, du!“

Bevor Bloch etwas mit Heureka oder Abhauen sagen kannte, knarrte die Tür, und so hatten sie alle vier einen Grund, sich als die Weltwunder anzusehen, die sie waren.

„Also... Das ist die Genossin Simone Herzberg“, übernahm Bloch endlich die Vorstellung. „Das sind die Zwillinge Tania und Che.“

„Ah, ja“, sagte Simone sehr gedehnt und bekam immer größere Grauaugen. „Und wie heißt der Junge richtig? Ich meine...“

Bloch wußte genau, was sie meinte, und es war ja auch nicht so, daß er Simone und Aschenbach überhaupt nicht verstand. Er hatte selbst fünfunddreißig Jahre gebraucht, um dieses eine Mal Vater zu werden, und früher hatte er sich manches mal gewünscht, wie Millionen andere Kinder nur graue oder kuhfarbene Katzen gesehen zu haben. Konkret war seine Schicksalskatze freilich schwarz und der Regenbogen nichts als die Verarbeitung des Traumas gewesen, daß sich in der ganzen Stadt niemand außer ihm über die Benzinspuren in den Schlagloch-Pfützen freuen wollte. Außerdem konnte Bloch nicht besonders gut zeichnen und nicht ordentlich radieren, und nachdem ihm die Katze fünfbeinig geraten war, war im nur dieser Ausweg, nur der Sprung in diesen unerbittlich rollenden Zug geblieben.

Es war Bloch gar nicht leicht gefallen, seinen Vater so zu hassen, wie der es verdiente. Ohne seinen Vater wäre Bloch ja weder zu seiner Familien-Unterlippe noch zu Thea von der Märchenwiese gekommen. Weil es für einen Offizierssohn nicht korrekt war, sich vor allen Tieren von der Stubenfliege an aufwärts zu fürchten, war die Schäferhündin ins Haus gekommen, und zur Strafe für die erste Zigarette seines Lebens war Bloch zum Philosophen bestimmt worden.  

Von dieser Zigarette war Bloch müde geworden, und die Mitschüler hatten ihn ein wenig panisch als Nikotinleiche auf der sonnenwarmen Wiese am See liegenlassen. Deshalb war sein Ausgang um zwanzig Minuten überzogen, als Bloch mit grollenden Därmen zu Hause anlangte, und sein Vater war bereits von der Erkundung in Blochs Zimmer zurück. Obwohl er zur Uniform Pantoffeln trug, legte er mit ernster Miene sämtliche Beweise für weitere Verfehlungen auf den Schreibtisch. Das waren sowohl eine Bibel als auch Stalins „Grundlagen des Leninismus“, zwei aus dem „Magazin“ gerissene und als Lesezeichen benutzte Aktfotos und die Fotokopie eines Beatles-Plattencovers.

„Daß wir einige erzieherische Maßnahmen ansetzen müssen, um deinen inneren Schweinehund in den Griff zu bekommen, ist dir ja wohl klar! Wie denkst du zum Beispiel über eine disziplinierende Sportgemeinschaft?“

„Fußball“, fragte Bloch, weil er wußte, wie sein Vater über die entsprechenden Nationalmannschaften dachte. „Oder Eishockey? Klar, warum nicht?“

„Aber am besten wird sein, du meldest dich bei einer schulischen Arbeitsgemeinschaft !“

„Literatur“, schlug Bloch ernsthaft vor. „Und in Kunsterziehung halten mich die Lehrer auch für ein Talent!“

„So? Und so plötzlich“, fragte der General düster und erinnerte sich an Blochs Regenbogen-Katze und an den Aufsatz im Stil von Goethes Osterspaziergang. „Gut! Dann wirst du dich ab morgen intensiv mit der Kriegskunst beschäftigen!“

Der General, wenn Bloch später darüber nachdachte, war ihm freilich, als wäre  sein Vater damals erst Oberst gewesen, schlurfte vor die  Bücherwand des Arbeitszimmers. Weil er Blochs Reichtümer mit sich schleppte und in Pantoffeln war, reichte er nicht bis in an das Regalbrett mit Caesars „Gallischem Krieg“ und griff als nächstes Schicksalsbuch Franz Mehrings Artikel „Zur Kriegsgeschichte und Militärfrage“.

„Für einen Zivilisten ganz ordentlich geschrieben“, befand der Vater. „Und damit wirst du beginnen!“

Mit sechzehn war Bloch soweit, daß er am Ende der Drei-Städte-Tour Pirna-Dodendorf-Süptitz als österreichischer Feldherr mit einer plötzlichen Südwendung erst Hans-Joachim von Ziethen schlug und erst danach den Hauptteil des väterlich-preußischen Heeres anfiel. So ersparte Bloch Europa drei der sieben Jahre des Siebenjährigen Krieges, und der Oberst und spätere General Bloch verstaute die Skizzen der Schlachtaufstellung im Wartburg-Atlas.  Als Sohn eines Landarbeiters und Offizier der Volksarmee genehmigte er danach mürrisch nickend, daß sich Bloch über Engels' „Bauernkrieg“ und Marx' „Bürgerkrieg in Frankreich“ zu Heraklit vorarbeitete, der ja den Krieg für den Vater aller Dinge gehalten hatte.

Auch die erste große Liebe fand Bloch im Schatten dieses Vaters, keine Woche, nachdem er mit allen Ehren aus dem Ehrendienst entlassen worden war. Sie begegnete ihm als trauriges Waschbrettchen auf der Treppe des Leipziger Wohnheims.   

„Jetzt willste 's auch wissen, stimmt 's?“   

Bloch  grinste prophylaktisch.  

Halb verhungert, das war für Bloch gleichbedeutend mit höherem Semester, und auf die  höheren  Semester mußte Bloch nach seinem ersten Studientag hoffen. Bei den Mädchen  seines Seminars fiel es ihm leicht, an die Imkerweisheit zu glauben, daß die Bienen nie die Kirschen des eigenen Gartens anstachen. Das Gedicht von den zwei  auf ein Brett gezweckten Erbsen schmeichelte dem Mädchen auf der Treppe zwar, aber Bloch hatte zwei Flaschen Bergmanns-Schnaps in der Plastetüte und hätte  sich  an diesem Abend sogar auf ein Waschbrett ohne so traurige, tiefe und große graue Augen gelegt.   

„Kenne keinen, der das nicht will“, sagte Bloch.

„Genau!“   

„Tja...“   

Bloch hätte abbiegen müssen, und er hätte eins der Rohre hergegeben, hätte er dafür eine Eingebung tauschen können, von einer  Einladung ganz zu schweigen. Bloch zuckte die Schultern.   

„413 doch.“   

„Und ich bin Erik.“ 

Das Mädchen lachte wie ein Russenauto fuhr. 

„Petra. Du bist der Kumpel von Hartmut, nicht?“

Bloch nickte begeistert. Einerseits war er das wirklich nicht, und andererseits kannte er auch einen Hartmut.   

413 war die Nummer des Zweierzimmers, in dem ein düsterer Rotbärtiger im Schein der Schreibtischlampe in einem Marx-Band herumstrich und in dem Petra sofort in die obere Etage des Doppelstockbetts kroch. Sie mußte Bloch trotzdem nicht lange winken.   

Zuletzt war Bloch bei dem Spezialkommando gewesen, das mit Steinchen und seiner Melkerin gewettet hatte. Der Schwarze Adler  schlug vor, daß jeder einen Hunderter darauf setzte, daß nicht einmal eine Fachfrau ihren Freund und die Fünferbande schaffte, und auch Bloch war einverstanden. Die Mehrheit aller Tiere machte es in aller Öffentlichkeit, und die Menschheit hatte es die meiste Zeit ihrer Geschichte nicht anders gehalten. Daß er beim Fingerlotto den dritten Platz zog, störte Bloch nicht, und daß die Melkerin schon unter ihm zu jammern und zu bocken begann, hatte ihn ja nicht mehr als ihren Freund stören dürfen. Alles nach allen, erinnerte  der  Schwarze Adler die Bedingung, für eine Deserteurin aber gar  nichts. Zwar hätte Bloch seine Verlobte nicht für die letzten beiden Nummern fesgehalten und zum Abschluß noch selbst bestiegen, aber an einen Abgang ins Kloster hatte er deshalb auch nicht  gedacht.   

Bloch beeilte sich natürlich, doch als er die beiden Rohre und  sich  neben Petra hatte, hatte Petra bereits eine brennende „F 6“ zwischen den Lippen.

„Weißt du“, sagte Bloch grinsend, „rein zufällig stamme ich aus einer Dynastie von Wahnsinns-Tischlern.“ Er nahm einen ungesund tüchtigen Schluck.   

„Haste es nicht leicht gehabt, nicht, an die Uni zu kommen“,  mißverstand  Petra ihn. „Na, mit sozialer Herkunft Handwerker...  Schöne Scheiße!“

Bevor Bloch Petra aufklären konnte, bemerkte er, daß er auf der ganz falschen Party lümmelte. Bei den Leuten, die sich in dem  Zimmerchen sammelten, waren nur noch zwei andere Frauen, und alle bemühten  sich, wie  in einer Kirche zu flüstern.  Die Tonband-Spulen begannen, sich zu drehen.

Niemand hatte  sich bis dahin an Blochs Anwesenheit gestört, aber  Bloch  hatte  es im Urin, daß ihn alle für einen Spitzel halten würden, wenn er nun noch ging. Außerdem war Bloch ja schon damals ein bißchen Lyriker gewesen, Biermann sang ihm aus der in drei  Armeejahren kurz- und niedergehaltenen Seele und dann war da eben noch Petras spitzes Knie zwischen seinen Rippen. Petra hatte die Knie vor den Oberkörper gezogen und auseinander gedrückt, denn vor der spannenden Jeans stand ihr der blaue Glas-Aschenbecher, in den Petra und ihre rechten Nachbarn die Zigaretten ausdrückten. Immer dann stöhnte Bloch, und irgendwann rauchte er die zweite  Zigarette seines  Lebens. Er tauschte eins der Rohre gegen eine Schachtel „Karo“, und sackte mit der Gewißheit weg, daß die Erde so oder so rot würde.   

Danach war Blochs Problem gewesen, daß die nächste Folge seines Films einen klappbaren Titel gehabt und in fast menschenleeren Gängen und Zimmern gespielt hatte.   

„Du warst doch bei den Fallschirmjägern, Genosse Bloch“, wiederholte der väterliche Typ unablässig. „Und ihr seid doch, gottverdammt, eine Elitetruppe, uns gar nicht unähnlich...“   

Bloch nickte.

„Und da hätte ich einen Alarm, gleich,  welchen, doch bestimmt nicht verpennt...“     

„Also bleibst du dabei: keine Versammlung, kein Konzert und  kein Alarm? Das würdest du auch beeiden?“   

„Das müßte ich mir noch gut überlegen“, sagte Bloch. Es fiel  ihm nicht schwer, einen schwer Betrunkenen zu geben, weil er sich zumindest so fühlte. „Ich habe nur keinen Alarm gehört, das aber bestimmt nicht!“   

„Also war da nur das Unschuldslamm Bloch“, brüllte der Ungeduldige.   

„Was denn? Das Mädchen habt ihr nicht mit verhaftet?“   

„Vorläufig festgenommen... Nein“, sagte der Ungeduldige fast traurig. Dann blies er sich wieder für ein Schreien auf. „Na, bitte! Sitzengelassen hat sie dich in der Scheiße! Und bestimmt vor dem Fick!“   

Bloch stöhnte, und daran war nun gar nichts gespielt.

„Und dabei hast du den Schnaps rangeholt!  Und er ist doch 'n ganz schmucker Kerl, nicht, Eberhard? Also wie diese blöde Kuh heißt, würde ich doch zu gerne wissen!“   

„Ich auch“, sagte Bloch.   

„Und? Sah sie wenigstens nach was aus?“ 

„Nee“, sagte Bloch und ärgerte sich, daß ihn seine Genossen für so blöd hielten. „Ganz schön fett war sie sogar, aber...“ Er  kicherte. „...aber sie hatte eine Fotze aus blauem Glas.“ 

Bloch war weder nach Witzen noch nach Widerstand. Er versuchte einfach, aus der Klemme zu kommen und nebenher die offenbare Ungleichung zu lösen: wenn er redete, würde das Waschbrett ohne  Zweifel von der Uni und aus dem Wohnheim geworfen werden, während  die  Historische Mission des Politbüros genauso zweifellos nicht an dem einzigen Waschbrett scheitern würde, das er bildlich und wörtlich decken wollte. Daß sie ihn immer wieder vor den väterlichen Typ holten, war im Fall des jungen Ödipus Bloch ein  grober Fehler der zuständigen Organe, und daß sie ihm seine restlichen „Karo“ immer wieder wegnahmen, zerknirschte ihn am Tag nach der ersten noch gar nicht. Was blieb, war ein kameradschaftlicher Wettbewerb zwischen zwei sich nicht unähnlichen Abteilungen desselben Unternehmens, und Bloch hatte die besseren Ausgangspositionen. Er hatte drei lange Jahre lang geübt, ein bißchen zu verhören und ziemlich lange ohne Schlaf auszukommen, während die andere Fakultät seit drei Tagen im Dauerstreß arbeitete. Und nicht zuletzt hatte Bloch Glück gehabt: einer der Studenten hatte das tönende Beweisstück auf die Flucht  mitgenommen, und der Rotbärtige hatte begriffen, daß er den unleugbaren Fremden in seinem Bett nur als Unbekannte Schnapsleiche aus der Kaderakte heraushalten konnte.

Bloch nickte seinem Sohn die Erlaubnis, die richtigen Namen aufzusagen.   

„Tupac Amaru Che Walter Bloch“, sagte Che und freute sich über einen der wenigen Witze, den er schon begriffen hatte. „Walter klingt bißchen komisch, aber so heißt Opa nun mal.“

Umfallen konnte Simone nicht mehr, denn sie lag ziemlich genau an der Stelle, an der Bloch von seinem Schicksal aus seinem persönlichen schwarzen Loch geholt worden war. Mit den sechseinhalb Monaten zwischen dem Tag nach seiner ersten freien Wahl und dem letzten Abend seines freien Lebens war dieses Loch kleiner als die Abgründe anderer Biographien, und es klaffte zwischen den Eiswürfeln in einem Whisky-Glas und den Eiswürfeln in einem Frottee-Socken.   

„Ej, du wirst noch gebraucht“, sagte seine IM mit Feindberührung und berührte Blochs Stirn noch einmal mit dem Eisstrumpf.

Bloch blinzelte angestrengt, aber den Mann, der außer Petra in seinem persönlichen Leergut-Lager  stand, hatte er in seinem vergangenen und vergehenden Leben noch nie gesehen.

„Ist das dein Führungsoffizier“, fragte Bloch.

„Das ist Heinz“, sagte Petra. „Und er ist Priester.“

„So schlimm steht es um mich?“

„Du besoffener Idiot!“ Petra lachte. „Schön zu leben wirst du jetzt anfangen! Wir nehmen dich nämlich nach Westberlin mit, und dort wird Heinz dich erst taufen und dann verheiraten.“

„Gut“, sagte Bloch und setzte sich stöhnend auf. „Daß ich weder an Gott glaube noch eine geeignete Braut zur Verfügung habe, spielt in diesem operativen Vorgang wahrscheinlich keine Rolle, nein?“

„Ich glaube auch nicht an Gott“, verriet der Priester und probierte, ob sein elektrischer Rasierapparat mit Oststrom funktionierte. „Also nicht in dem Sinn wie irgendwelchen alten Mütterchen...“

„Der Gott, der ist, ist der Gott der Proletarier“, zitierte Petra ein Gedicht, das Bloch kennen mußte, und kippte ihm eine Schüssel Eiswasser über den Kopf. „Und du mußt einfach nur die heiraten, die wir besorgt haben.“

„Also wir, Petra und ich“, versuchte Heinz es etwas ausführlicher, „wir machen sehr viel zusammen: Pfarrer in Partnerschaft etwa. Und wir sind in der Ausländerarbeit tätig, und da...“

„Bloch, lieber“, unterbrach Petra, und obwohl sie nicht dicker und kräftiger geworden war, konnte sie die Reste von Bloch ohne Mühe aus dem Bett ziehen, auf die Füße stellen und auf den Beinen halten. „Einmal, ein einziges Mal, mache bitte...“ Sie mußte selbst kichern. „Mach ein letztes Mal, was ich dir sage! Ja?“

„Aber taufen lasse ich mich nicht“, beharrte Bloch und machte todesmutig einen Schritt auf das Waschbecken zu, über dem ein Spiegel hing. „Wenn ich mich hätte taufen lassen, wäre ich nämlich jetzt keine Schnapsleiche, sondern ein Charakterschwein in der neuen Regierung oder so...“

„Tja“, sagte Heinz verlegen.

„Jesus hat nie getauft“, erinnerte Bloch ihn.

„Richtig, aber...“

„Es ist ein absolut kindisches und theologisch höchst fragwürdiges Ritual“, legte Bloch nach und merkte, daß weiter zu leben auch ein paar lustige Seiten haben konnte.

„Auch richtig“, sagte der Priester. „Es ist nur leider so: wenn du katholisch heiraten willst, mußt du vorher katholisch getauft sein.“

Wieder schaltete Heinz am Rasierapparat, und die Eis-Waschung, die elektrische Körperpflege und das Kilo Milchschnitten waren erst der Anfang ihres inquisitorischen Programms. Danach setzten sie Bloch in ein zu kleines und zu lautes Auto, und Petra spielte mit den glühenden Knochenfingern an Blochs Ohrläppchen. 

„Du, ich muß dir noch was sagen...“

„Bestimmt, daß du mir bestimmt nicht geschadet hast“, fragte Bloch.

„Etwas über deine Frau..., die Braut. Sie ist Peruanerin, weißt du, eine Indianerin aus Peru...“

„Das sagtet ihr schon. Und ich muß sie heiraten, damit sie mit wiedervereinigt wird.“

„Aah, ja! Gut!“ Petra rauchte eine Zigarette, sehr langsam, und kaute dann eine Zigarettenlänge lang auf ihrer Unterlippe. „Und sagte ich schon, daß sie erst sechzehn ist, in Wirklichkeit?“

„Ja“, sagte Bloch und beugte sich nach vorn, um dem Fahrer-Pfarrer, der sämtliche Geschwindigkeits-Gebote brach, vorsichtig auf die Schulter zu klopfen. „Sag du es mir, Genosse Pope!“

„Ehrlich? Also sie hat dort oder hier... Oder dort und hier... Wie nennt ihr das bei Euch doch gleich?“

„HWG“, half Petra aus. „Na, Häufig Wechselnder Geschlechtsverkehr!“

„Genau das hatte sie, ja“, sagte Heinz. „Wahrscheinlich, gelegentlich... Das mußt du verstehen, Bloch! Mit einem Touristenvisum eingereist, da hat sie sich natürlich keinen Job, keinen richtigen Job, suchen können. Tja, das war’s eigentlich!“

„Okay“, sagte Bloch. „Ihr reißt mich aus dem schönsten Delirium, damit ich eine illegale peruanische minder­jährige Prosituierte heirate, ja?“

„Sei nicht sauer“, bettelte Petra. „Wir machen so was auch zum ersten Mal.“

„Zum fünften Mal, um ganz offen zu sein“, sagte Heinz und fuhr nun langsamer als die Autobahn-Polizei erlaubte. „Aber wir machen das immer nur in wirklichen Ausnahmefällen. Ganz ehrlich!“

„Ausnahmefälle“, fragte Bloch und nahm Petras Kopf so in die linke Ellenbeuge, daß sie ihn ansehen mußte. „Meine illegale, peruanische und minderjährige Prostituierte ist eine illegale, peruanische, minderjährige und ein bißchen schwangere Prostituierte, richtig?“

„Richtig“, flüsterte Petra. „Ein bißchen. Sogar ein bißchen mehr als nur ein bißchen... Ende achter Monat, schätzen wir, und ein bißchen riskant... Na, so jung und so klein, da muß man Zwillinge doch als ein Risiko bezeichnen. Oder?“

Bloch lachte „Ja, und bestimmt sind es auch noch zweieiige Zwillinge von verschiedenen Vätern!“

Die ganze Geschichte tischte Bloch nach Simones Bad wortlos, in die Spaghetti-Soße aus frischen Tomaten, zwei Pepperonis und einem Pfund Rindsgehacktem verrührt, auf, und sie aßen stumm, weil jeder von ihnen mit dem arglosesten Satz zerstören konnte, was es in der Schlafküche seit Jahren nicht mehr gegeben hatte: als Quartett auf dem Bett zu liegen und in den Fernseher zu starren, der so klein sein mußte, weil ein kleiner Fernseher in einem Andendorf ein großer Schatz war. Nach der „Tagesschau“ verabschiedete sich Che an seinen Kampfcomputer und Tania ging, um noch für die Ballettstunde zu üben.

„Und wie ist sie da so“, fragte Simone und starrte auf die zuklappende Tür. „Als schwarzer Schwanensee-Schwan?“

„Sie ist natürlich die Beste“, sagte Bloch, langte den Aschenbecher vom Fensterbrett und zündete sich eine Zigarette an. „Sie hat den schwarzen Gürtel, natürlich. Für Kinder den...“

„Nein!“ Simone gähnte und wurde dann von einem fünffachen Niesen geschüttelt. „Im Ballett...“

„Ballett? So etwas Kindisches würde Ocllo Tania Elisabeth bestimmt nie anfangen.“

„Aber sie hat doch selber...“

„Es sind mehr diese japanischen Tänze“, sagte Bloch. „Eben etwas für’s weitere Überleben...“


Einstein

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