Crazy Horse

Katharina brauchte weder elektrische Sonnen noch diese Art Blicke, aber als Frau Doktor Goebbels war sie ihrem picasso-großen Farbkasten hörig, und auch als Missionarin der Betriebswirtschaftslehre hatte sie Verpflichtungen. Deshalb fuhr sie vor dem ersten Heimweg mit allen Fingern durch die nachblondierte Mähne, und dann schüttelte sie im leeren Sekretariat und vor den verschlossenen Büro-Türen den Kopf. Es war niemand zurückgeblieben, um sie auf ein „Bit“ zu bitten, und so blieb ihr nur, wenigstens ein paar Worte mit dem Pförtner zu wechseln. Sie reckte die Brust und fragte nach dem Weg zur nächsten Sauna.

„Aschenbach ist nicht Rußland“, sagte er und grinste über das feiste, unrasierte Funktionärsgesicht. „Obwohl: die Russen sind noch freiwillig abgezogen...“

„Ich wollte Sie wirklich nicht... Und es gibt ja auch bei den Finnen Saunen, nicht? Sogar bei den Lakota!“

„Lakotistan ist das auch nicht, Madame!“

Katharina bekam schamheiße Ohren und eine wutkalte Nasenspitze. Mit jedem fundamentalistischen Kopftuch-Händler des Kairoer Basars wäre sie besser zurecht gekommen als mit diesem neuen Landsmann, und sie mußte sich ziemlich angestrengt an die Lehrgedichte ihrer achtundsechziger Kinderstube erinnern. Der Mann war ein ältlicher Proletarier, und offenbar fühlte er sich trotz der Jahrzehnte unter einem vormundschaftlichen Staat von der Art und Weise der Wiedervereinigung zuückgesetzt.

„Lakota... Na, dieser Indianerstamm doch“, wollte Katharina ihm freundlich auf die Sprünge helfen. „Manche sagen noch immer ‚Dakota‘, aber das ist definitiv falsch. Das ist eine Verballhornung, die...“

„Saunen“, sagte der Pförtner und ließ sich gegen die Lehne seines Drehstuhls zurückfallen.

Katharina Goebbels drehte auf den zu hohen Absatzen um und ging schnell zum Direktions-Park­platz. Um einen Rest zwischen den Klischees und sich zu lassen, würde sie nun auf drei Rädern abfahren müssen, falls die vierte Sportfelge auf einen „Trabant“ gepaßt hatte. Auch eine Zigarette brauch­te sie, obwohl sie wegen möglicher Probleme beim Versicherungsschutz am Steuer eigentlich nie rauchte.

Katharina stand noch im Bau-Stau, als sich die jeweils dritten Straßenlaternen einschalteten, und ihr ebenso wie der Bürgermeister Bescheid gaben, daß sie überflüssiger weise und zu spät gekommen war. Mit dem Gas der Stadtwerke hatte sich noch eine Woche zuvor in der Bundeskanzler-Lud­wig-Erhardt-Straße eine Verwaltungs-Veteranin der Weberei in die Luft gesprengt, und genau genommen waren die Aktien ja auch gar nicht verschwunden. Verschwunden war nur der Vorstandsvorsitzende, der als einziger wußte, wo die Anteilsscheine lagerten, und der Minister­prä­sident hatte Bürgermeister Krause als dem Aufsichtsrats-Vorsitzenden erst eine Audienz gewährt und ihm danach öffentlich das Vertrauen ausgesprochen.

In den nächsten Wochen brachte sich Katharina von den Heimfahrten die in zehn Jahren gesammelten und nicht gelesenen Bücher mit. Sie lernte das Programm aller großen Kabelsender und das Whisky-Sortiment des AMERICA SHOP kennen und wußte irgendwann beides auswendig, aber tagsüber legte ihr ihre Leih-Sekretärin mit jeder neuen Akte nur einen neuen Stapel Verachtung auf die Bronzeglas-Platte des Schreibtischs. Freundliche Beachtung fand Katharina nur bei einem dürren alten Mann, der gegenüber ihrer Wohnung auf dem Balkon rauchen mußte und ihr zunickte, wenn sie nach dem Umziehen im Rest-Licht der Bettlampe kam, um das Fenster einen Spalt weit aufzuklappen, und auch das mußte sie bei den heimischen Parties verschweigen.

In den LADEN geriet Katharina Goebbels zufällig. Trotz der Sprechzeit war die Geschäftsstelle der örtlichen SPD geschlossen gewesen, und von den Leuten, die hinter der Schaufenster-Scheibe nur mäßig Bier tranken und redeten kannte sie niemanden, weder aus dem Wohnpark noch aus den Stadt­werken. Ein Computer-Ausdruck an der Tür lud alle Bürgerinnen und Bürger zum Stammtisch von „ASSE – Die Aschenbacher Selbständigen e.V.“ ein, und Katharina holte tief Luft und ging noch einmal die Check-Liste eines durchschnittlichen Sexisten durch. Sie war leicht gepudert und auf dynamisch geschminkt, steckte in genügend engen Jeans und konnte in ihrem Alters die Jeansjacke über dem NikeT-Shirt noch aufknöpfen, ohne peinlich zu wirken.

Der Bierträger, der sie abwarten und überlegen sah, nickte ihr knapp zu, hereinzukommen, und nach einem kurzen Staunen zog der einzige Mann im korrekten Anzug gönnerhaft einen Stuhl vomNachbartisch neben sich. Er hob sogar andeutungsweise den Hintern.

„Müller! Jens Müller, von Wasserbetten-Müller!“

Weil niemand zotig lachte, setzte sich Katharina und lächelte unsicher.

„Also um es gleich zu sagen: ich bin nicht wirklich selbständig...“

„Also Sie... Sie sind gut“, japste die einzige Frau der Runde, während die übrigen noch kicherten, lachten und prusteten. „Und nicht von hier, stimmt’s?“

       „Düsseldorf“, sagte Katharina vorsichtig. „Aber ich bin bestimmt nicht Ihre Feindin! Praktisch muß ich noch immer, wie Sie hier sagten, meine Arbeitskraft verkaufen.“

„Ich nicht! Ich war nicht in der Partei“, sagte Wasserbetten-Müller. „In keiner...“

„Niemand sagte hier so“, flüsterte Bloch der aufgedonnerten West-Tussi zu. Er war gerade dabei gewesen, ihr das zugetraute Rotwein-Glas hinzustellen, und so dicht bei ihren blondierten Locken und dem mit einem magentafarbenen Glastropfen behangenen rechten Ohr, mußte er einfach flüstern.

„Interessant“, flüsterte Katharina zurück. „Aber da ist Marx doch sehr präzise...“

„Eben“, antwortete Bloch. „Und deshalb...“

Bloch hörte auf, weil nun eine ganze Vorlesung fällig war, und die konnte er, vornüber gebeugt und mit dem Haß der ganzen Unternehmerschaft Aschenbachs im Nacken, unmöglich halten. Außerdem hatte die Tussi feine Risse im sichtbar teuren Make up. Bloch fielen feine Fältchen um die Augen, an den Nasenflügeln und den Mundwinkeln auf, und die aus der Entfernung herausfordernd lasterhaften silberblauen Lidschatten verrieten enorme Anstrengungen. Unter den zurecht gezupften Brauen begannen sie hell und fast durchsichtig, und dunkel und kräftig gingen sie in die Lidstriche über.

„Und wem kann ich als Selbständiger noch 'n Bier hinstellen“, wandte sich Bloch an die ASSE.

„Nicht, daß Sie mich für eine Marxistin halten“, beendete Katharina die Bestellpause recht glücklich. „Ich bin Betriebswirtschaftlerin, Doktorin der..., und da kann ich mir Vorurteile nicht leisten. Das ist alles...“

„Ich, das wissen ja doch sowieso alle, war in der SED“, sagte die Frau und nahm Katharina Goebbels damit als Klagemauer in den Verein auf. „Und wir dachten, ich und mein Mann, Schreibwaren, Schulhefte und so weiter, werden immer gebraucht...“

Irgendwie klappte es an diesem Abend. Die Aschenbacher Selbständiger hatten jemanden gefunden, der ihre Geschichten noch nicht kannte, und Katharina kannte Geschichten solcher Existenzgründungen sowenig wie den Wein-Ersatz, den sie Glas um Glas schlürfte. Mit den vier letzten Männern, Wasserbetten-Müller eingeschlossen, trank sie gegen Mitternacht sogar Brüderschaft und tauschte sie wodkafeuchte Küsse.

Als die Forschungsreisende vom Toiletten-Ausgang direkt auf den Tresen zu kam, spürte Bloch nach einem Augenblick pauschaler Vorfreude einen sehr konkreten Hodenkrampf. Sie hatte sich nicht nur die Haare wieder auf dynamisch gekämmt, sondern hatte auch alle Spuren von Menschlichkeit frisch überpudert.

„Was schulde ich Ihnen?“

„Fünf mal vier achtzig West“, sagte Bloch kühl. „Und meine Beförderung zum Reserve-Hauptmann, mein Betriebskulturhaus und den vorverhandelten Vertrag mit dem Berliner Ensemble.“

„Ja... Nehmen Sie Kreditkarten“, fragte die Wessi-Tussi routiniert und lachte dann über sich, wenn auch nur sehr kurz. „Also...“

„Da kommt es ja auf die vierundzwanzig Mark auch nicht mehr an“, sagte Bloch. Zum Einkaufspreis verlor er nicht einmal die Hälfte, und trotzdem ärgerte er sich noch während des coolen Spruches über sich. Man war nicht geil auf den Klassenfeind. „Und sicher haben Sie uns noch viel beizubringen, nicht?“

Katharina bog den Kopf zur Seite und kniff die Augen zu Spalten.

„Und das meinen Sie jetzt wie?“

Bloch kratzte sich durch die dünnen und gerade sehr kurzen Haare die Kopfhaut, die Hand vor dem Gesicht.

„Naja, ich könnte Ärger mit den Bullen bekommen, wenn ich Ihnen nicht den Zündschlüssel wegnehme...“

„Wenn es kein Dreier wird“, sagte Katharina und grinste.

Es wäre nicht ihr erstes Mal, und es wäre ihr sogar egal gewesen, aber Katharina gefiel ihre witzige Antwort auf ein witziges Angebot, und sie betete, daß der Barbar ein Kondom im Hinterzimmer oder in seiner nicht zu weit entfernten Wohnung hatte. Ohne Gummi lief bei ihr seit langem gar nichts mehr, aber ohne daß wieder einmal etwas lief, hätte sie den nächsten Stadtwerke-Morgen wohl nicht mehr erlebt und den nächsten Stadtwerke-Tag nicht ertragen.

Geweckt wurde Katharina durch Kinderflüstern, und sie bemühte sich instinktiv, den beiden einen ruhigen, tiefen Schlaf vorzuspielen. Freilich hielt sie zuviel Zudecke in der Schere der Schenkel, und sie fror am Hintern und an der Schulter so, daß sie halbwegs aufgeklärten Gören nicht mehr als flüchtige Bekannte des Vaters durchging. Nur der formellen Vorstellung entging sie, bis Bloch, Erik, vom Bäcker zurück war, Tassen klirren und die Mikrowelle fauchen ließ.

„Ihr hattet wohl Sex“, fragte ein ziemlich kleiner Junge.

„Und war es schön“, wollte ein Mädchen wissen.

„Ja“, sagte Bloch ohne Verlegenheit. „Und noch mal ja.“

„Aber Kinder kriegt ihr davon nicht“, hakte die kleine Inquisitorin nach.

„Nicht, wenn wir sie jetzt nicht aufwecken“, behauptete Bloch.

Es wurde wirklich leiser und dann still, und als Katharina wieder aufwachte, hatte Bloch sie schon auf den Rücken gedreht und war gerade dabei, zwischen ihren gehobenen und gespreizten Beinen niederzugehen. Er machte das schon vorsichtig, aber wollte offenbar nicht abwarten, ob seine Partnerin noch zu sich kam uund überhaupt einverstanden war. Katharina zitterte vor empörung von rechts nach links und vor Zufriedenheit von links nach rechts, jaulte und winselte ein bißchen bohrte ihm die gespitzten Fingernägel über den Schlüsselbeinen in die Haut.

„Hej, du Kommunist!“ Katharina warf den Kopf hin und her. „Fragt ihr vorher nie?“

„Vorher schon“, schnaufte Bloch. „Aber das, das war ich dir... noch schuldig! Nein?“

Ja, ja... Für das Begrüßungsgeld...“

Katharina hob ein paar Mal die Armband-Uhr vor das Gesicht und bereute nur, daß ihr Pförtner nicht darauf kommen würde, daß ausgerechnet sie in seiner Stadt ohne Sauna ziemlich heftig gebumst wurde. Ein Whisky-Rausch oder ein Stau war soviel normaler, und Katharina badete und frühstückte auch noch in dieser Niesche des Himmels.

„Wahrscheinlich schulde ich Dir jetzt fünfzig mal vier achtzig West“, verabschiedete sie sich nach zehn und fuhr direkt auf Arbeit.

Niemand störte sich an ihrem Zuspät Kommen und an der verlorenen Aprilfrische der Unterwäsche, das buntere Abend-Makeup ließ Katharina im Büro-Spiegel jünger aussehen, und ihr herzhaftes Gähnen war im Grunde genau das, was die Aktenhefter auf ihrem Schreibtisch verdienten. Die roten Zahlen der schwarzen Geschäftsführung ließen sich sowieso durch keine Rechnung umfärben, und gegen drei Uhr machte Katharina vor dem offenen Fenster ein paar Dehnungsübungen und ging in das Vorzimmer, um die Sekretärin zu ihren Kindern heim zu schicken. Frau Kruse sah verwirrt aus, weil ihre Kinder längst selbständige Langzeit-Arbeitslose waren, aber sie nutzte die Gelegenheit dann doch noch. Im federnden Lederstuhl fingerte Katharina Blochs Visiten-Karte aus der Brusttasche der Jeans-Jacke, und erst als die linken Fingern schon  dicht über den Nummertasten des Telefons waren, bekam sie ihre Hand wieder in die Gewalt.

„Das machen wir nicht“, ermahnte sich Katharina halblaut und grinste. „Jedenfalls nicht so bald, und ganz bestimmt nicht heute. Da nehmen wir uns erst mal einen alten Stasi-Detektiv...“

Nur ihren Pförtner durfte eine auswärtige Buchprüferin nicht nach der Sauna fragen, entdeckte Katharina nach dem ersten Vierteljahr. Sie stand, weder besonders klein noch besonders heimlich, unter den Sponsoring-Ausgaben der Stadtwerke, und sie diente der städtischen Gesundheitserziehung sowie der Rehabilitation und Resozialisierung nach Sportunfällen der Aschenbacher Rappen.

Das Ansteck-Abzeichen, den goldenen Umriß des Ferrari-Pferdes auf schwarzem Schild, fand der Aufsichtsratsvorsitzende in der Dose für die Büroklammern, und er hielt das lackierte Teilchen der Sparkommissarin ent­ge­gen wie einer Vampirin das Kruzifix.

„Das ist ein Sinnbild, Frau Doktor! Sehr viel Dunkel, aber auch ein deutlicher Lichtstreif! Dynamik, unbändige Kraft...“

„Nein, das kaufe ich Ihnen nicht ab, Herr Krause! Und unsere Gesellschaft hat das ja wohl auch schon bezahlt...“

„Sie hat sich daran beteiligt“, sagte Krause bescheiden und schob die Unterlippe ein Weilchen über den Stalin-Bart. „Viele haben sich daran beteiligt, und den Nutzen werden einmal alle spüren. Deshalb dürfen wir da prinzipiell keine Nestbeschmutzung zulassen! Und wir können jederzeit hinfahren! Damit Sie nicht immer nur die Zahlen sehen, sondern...“

Katharina bekam unwillkürlich große, spöttisch funkelnde Augen.

„Sie wollen mit mir in die Sauna? Reiten? Na, Rappen sind doch Pferde...“

„Die Aschenbacher Rappen“, Krause bekam den amtlichen Stolz befriedigend gut in die Stimme, „die sind unser Golf-Sportverein! Nicht nur ein Golf-Club, wie Sie das von sich daheim kennen: exklusiv und eine gehobene Freizeit-Aktivität. Wir sehen die Aschenbacher Rappen als einen Teil unserer kulturellen Standortvorteile und damit perspektivisch als einen Motor unseres wirtschaftlciehn Aufschwungs...“

Es war einer der gar nicht so seltenen Momente, in denen der Bürgermeister und vielfache Vorsitzende Katharina leid tat. Für einen vierzig von seinen fünfundfünfzig Jahren eingesperrten und zu fett ernährten Diplomingenieur war er erstaunlich kontaktfreudig und vielseitig interessiert, und er hatte mit bewunderungswürdigem Fleiß alle nötigen Vokabeln gelernt, ohne deren Bedeutung zu  kennen. Als Kontakterin einer Agentur für die Fälschung von Markenzeichen oder als eine in die Gesundheitsbranche abspringende Puffmutter wäre Katharina sogar einmal mit ihm in eine Sauna gegangen, aber sie bekam ihr Geld nun einmal für die Aufdeckung solcher Geschäftsbeziehungen, und ansonsten hatte sie ja ihre Donnerstag-Termine mit Bloch.

In ihnen lege Katharina Wert auf das Geschäftliche, um nicht in eine Affäre zu geraten. Ohne Gegenleistung hatte Bloch an einem regnerischen Dezembertag von ihr hundert D-Mark bekommen, und nun mußte er von Kopf bis Fuß und mit Haut, Haar und Seele Zins und Zinseszins abarbeiten: alternativlos, rechtlos und ohne die Illusion, seine Schulden je loszuwerden und je eine Entschädigung für den Dienstrang, das Arbeitertheater und den Hauptstadt-Vertrag, die fünf Gläser Rotwein und den Stricherdienst zu bekommen.

„Zehn Jahre noch“ flüsterte Katharina im Einschlafen. „Noch fünfhundertzwanzig Donnerstage... Dann ist dein Sohn reif, und dann spiele ich mit ihm und vielleicht gleich noch mit deiner Tochter geile alte Westhexe und Hänsel und Gretel!“

„Ja, träum mal schön“, flüsterte Bloch an ihrem Hals. „2004, nach den Wahlen, wiederholen wir im Stadion der Völkerfreundschaft die Schlacht am Little Bighorn. Mit dir als Frau Generalin Custer, und ich lasse als Crazy Horse fünfhundertzwanzig wilde Rote auf dich los!“

„Ja, ist das nicht phantastisch, wie sehr wie wir uns nicht lieben?“

„Es ist phantastisch“, bestätigte Bloch und gähnte. „Nicht der bewaffnete Aufstand, sondern das Aufreiten ist die höchste Form des Klassenkampfs! Und fünf, sechs Jahre früher angefangen, und wir hätten noch ein prima Kind zustande bekommen.“

„Du bist verrückt“, protestierte Katharina noch leiser. „Einen Elternmörder zeugen... Wie Chronos und Gaia...“

Außerdem war Bloch ein Stadtbild-Erklärer und Zeitzeuge, der in Düsseldorf Karriere als Fantasy-Schriftsteller gemacht hätte. Wo nun ein unvermieteter Büro-Palast stand, wollte er im Frühjahr 90 vor der Museums-Apotheke gestanden haben, um die es der zwergenhaften Amerikanerin gegangen war.  

„My husband was born here“, kreischte sie begeistert und zeigte auf die etwa gleichaltrige Fassade.

„Mein Ehemann wurde hier geboren“, übersetzte Schröder, Wiesbaden, überaus korrekt.

„...and he visited your town in 1987...“

„Und er hat uns schon 1987 besucht“, verriet Bloch dem Geschäftsmann.

„Und mein Ehemann hat testamentarisch verfügt, daß ich das Zentrum wieder aufbaue, wenn die Stadt frei von Kommunisten...“

„Vom Kommunismus befreit“, verbesserte Bloch.

„...ist und bereit wäre...“

„Restauriert? Die Apotheke muß also nicht zum Parkhaus aufgestockt werden?“ Bloch fand, daß die drei TV-Shopping-Makeups der kurzen Lady gar nicht so schlecht zueinander paßten, und er gestand sich ein, daß ihr rosa Kleid von der Stange eines Woolworths für Reiche stammte. „In diesen Dingern ist es nämlich fast unmöglich, mit unseren alten Trabbis bis unter’s Dach zu kommen.“

„...vom Kommunismus befreit ist und bereit wäre, seinen Namen zu führen.“ Schröder grinste breit. „Etwa in der Form ‚Walther-R.-Marx-Stadt Aschenbach‘. Oder auch umgekehrt...“

„Marx“, fragte Bloch nach. „Walther-Marx-Stadt? Und wir reden hier ganz im Ernst über viele Dollars?“

„Über sehr, sehr viele...“

Von der Apotheke aus, an deren Platz seit 1994 statt eines vollen Parkhauses der leere Büropalast stand, hatte Bloch in seinem Büro angerufen, daß er von der Kantine statt des Jäger- drei richtige Schnitzel brauchte, und die Lady war auch von den Kantinenstühlen aus Aluminium-Rohr und mit Kunstleder überzogenen Spanplat­ten begeistert gewesen. Die heulende Altsekretärin, die sich rundheraus weigerte, den Verkaufsvertrag über das Stadtzentrum zu tippen, mißverstand Mistress Marx als ein immer noch erschüttertes Opfer der kommunistischen Zwangsherrschaft, und als Bloch die Papiere selbst in die alte Maschine spannte, fand sie das ganz und gar fascinating.

„Sie erinnern Mistress Marx an George Washington“, übersetzte Schröder und gab dem Zigarillo der  Lady Feuer. „Und das können Sie als Kompliment nehmen! Sie hat ihn ja bestimmt noch persönlich gekannt....“

„Baue ich jetzt Scheiße“, fragte Bloch naiv.

„Und ob“, sagte der Makler. „Sie haben keine Provision ausgehandelt. Aber lassen Sie nur! Das kriege ich irgendwie hin... Den formalen Vertrag sollten ohnehin ‚Beltz & Schröder – Wiesbaden‘ abfassen.“

Irgendwie waren sie nach dieser Transaktion zu dritt selig gewesen, und umso mehr überraschte es Bloch, daß ihm Mehnert dafür ein Standgericht ankündigte.

„Ja, und was machen wir, wenn wir die Wahlen gewinnen“, fragte Mehnert nach einiger Bedenkzeit, noch immer aufgeregt. „Die Leute wählen den Sozialismus, den demokratischen natürlich, aber ihre Stadt ist schon verkauft!“

„Das glaubst du doch selbst nicht“, sagte Bloch und schob Mehnert die Geschenkschachtel mit den letzten fünf Damen-Zigarillos über den Beratungstisch. „Nur zweimal haben Leute den Sozialismus gewählt, aber da ging es immerhin um die Pariser Kommune und Allende.“

„Die Sozis... Mechtel“, fragte Mehnert, fast flüsternd, aber Bloch grinste und schüttelte den Kopf. „Oder sogar die Schindler?“

„Krause“, tippte Bloch. „Krause wird es, und wenn wir danach Zeit kriegen, unseren Kram zu packen, haben wir noch Glück gehabt.“

Vielleicht hatte Bloch schon in diesem Augenblick, in dem er Mehnert den würdigen Abgang eines gestürzten Politbürokaten vorzuspielte, den Durchschlag des Vertrags irgendwo zwischen das künftige Schmierpapier geschoben, denn selbst hatte er ausreichend Bedenkzeit bekommen.

Krause war zwar mit der von Bloch erwarteten Mehrheit gewählt worden, aber als guter Sieger erinnerte er sich daran, daß er durch Bloch zum Statisten der „Wolokolamsker Chaussee“ und deshalb zum beglaubigten Revolutionär geworden war. Obwohl er den Besuch der Kreisleitungssitzung nicht einen Aufstand nennen wolle, hatte sich Mehnert gegen Mitternacht an Krauses Rede erinnert, sei er im Prinzip genau deshalb mitgekom­men.

„Und willst du wissen, was sie über dich herausgefunden haben“, fragte Krause kichernd. „Nach den Akten des MfS/Amtes für Nationale Sicherheit bist du als Philosoph, Schriftsteller und Regisseur nur mittelmäßig... Aber intelligent und ein feindlich-negatives Element... Ach, und einer IMF ‚Arachne‘ sexuell hörig...“

„Ich will das aber gar nicht wissen“, sagte Bloch.

„Auch nicht, wer diese Arachne ist?“

„Man ist nicht zehn Frauen hörig“, sagte Bloch düster, trank den Sieger-Whisky und überlegte zum ersten und einzigen Mal, ob er nicht doch die Seiten wechseln sollte. Krause war zwar ein unbegabtes Ekel, das noch weniger zum Bürgermeister taugte als er selbst, aber gerade deshalb würde er einen guten Persönlichen Referenten brauchen. Das mit der Hörigkeit stimmte nur halb, aber der Deckname paßte einfach zu gut auf Petra.

Nur bei diesem Spaziergang, vor dem sie Bloch in den Adenauer-Passagen getroffen hatte, konnte Krause Katharina in der diskreditierenden Begleitung gesehen haben, aber offenbar wußte jeder seiner Geburtstagsgäste davon. Als bunteste der wenigen Frauen stand sie verloren zwischen überernährten Pinguinen, aß mit falschem Kaviar belegte Eier und trank zu warmen billigen Schaumwein.

„Unser Bürgermeister mag sie“, sagte plötzlich ein riesiger, quadratischer Mann in eindeutig geliehenem Gefieder. Sie sind die einzige eingeladene Kommunistin, nämlich.“ Unelegant nahm er der Kellnerin ein Sektglas vom Tablett und hielt es Katharina gebieterisch hin. „Ich mag Kommunisten auch: mit Pommes und viel Ketchup! Aber Krause mag Sie wirklich!“

„Ich schätze den Herrn Bürgermeister auch“, quälte sich Katharina ab und bekam ihre Parteiohren. „Trotzdem muß ich hier einen Job erledigen! Das verstehen Sie doch sicher, Herr...“

„Sie doch nicht! Wie Sie aussehen, Genossin, müssen Sie nicht arbeiten. Sie, Sie wollen das! Und das ist doch ein Unterschied!“

„Und Sie arbeiten einfach zuviel“, übernahm nun Krause die Konversation. „Ich würde Sie gern meinen Freunden vorstellen, Frau Doktor Goebbels! Den Honoratioren, wie man bei Ihnen sagt... Denken Sie mehr an sich, lernen Sie uns besser kennen, und...“

„...dann klappt’s auch mit dem Nachbarn“, sagte das antikommunistische Quadrat. „Haben Sie hier schon mal Deutschländer Würstchen gegessen? Dann waren Sie an einem Stand von mir! George’s Deutscher Imbiß...“


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