Zirtaki

 Jeden zweiten Monaten verreisten sie freitags nach Athen oder Peking, und für Coyllur war das außerdem jedes Mal noch ein Besuch im Schlaraffenland. Nach einer Karaffe Reiswein oder nach dem zweiten Ouzo löste sie in gleichmäßig fließendem Ketschua alle Geheimnisse um Aufstieg, Glanz und Niedergang des Inka-Reiches, und mit dem griechischen Kellner Andreas konnte sie sich noch dann ausgezeichnet verständigen.

„Todos somos hombres de las sierras“, erklärte sie den staunenden Zwillingen, wenn sie die vorgehaltenen Zu- und Nachspeisen nickend annahm.

Bloch lachte. „Mama frißt einfach alles, was Andreas ihr bringt. Das eigentliche Wunder ist, daß sie trotzdem immer so ausgehungert aussieht.“

„Und wann fahren wir nun mal richtig hin“, fragte Tania regelmäßig. Sie saß wie gewohnt gegenüber der schneeweißen Athener Akropolis im wolken- und smoglosen Wand-Blau. Dieses Stück Tempel war der Hintergrund ihrer Saurier-, Katzen- und Indianer-Zeichnungen, und bei einem spezielleren Fernsehquiz hätte sie dank Blochs Vorlesungen aus Lexika, Reiseführern und Geschichtsbüchern diese Reise zweifellos gewonnen.

„Ach, das lohnt nicht“, nörgelte Bloch ebenso zuverlässig. „In Wirklichkeit ist das viel kaputter. Braun von den Abgasen... Zu essen könnten wir uns dort nur Hamburger leisten, und die Musik ist doch dieselbe.“

Sie lachten alle, obwohl Bloch ganz im Ernst fürchtete, daß in Platons Akademie die Kunden eines griechischen ALDI parkten und Athen nicht halb so griechisch klang wie sein 87er Sommer-Berlin. Damals war er mit Zehntausenden vor die Volksbühne gezogen, wo das Politbüro selig Theodorakis zulächelte, der den Kopf auf das Doppelkinn gebettet hatte und sein Publikum zählte, während der Dolmetscher den Text des nächsten Liedes vorlas: Sie reden, und schon lügen sie.

Wahrscheinlich aß halb China täglich weniger Peking-Ente als der General und Opa Bloch zu Eriks 40. Geburtstag spendiert hatte, jeder Kartoffel-Toma­ten­auflauf war ja ein peruanisches Nationalgericht, und seine größten Reisen hatte Bloch schon lange hinter sich. Sie gingen von oben nach unten. Nach einem tollkühnen Schritt aus der klappernden Antonow riß die Nabelschnur aus Gurt, die seidenen Eingeweide kamen frei und flogen nach oben weg, und der Todegeweihte sank langsam dem schönsten Stück seiner Erde entgegen, das von seinen grimmigsten Feinden besetzt war, seinen Vorgesetzten und Landsleuten.

Jede Ankunft in der Wirklichkeit verlief nach diesem Schema, auch wenn statt der Fallschirmtasche der Jeans-Schlitz aufging und die Kommunale Putze diesmal breitbeinig auf Blochs Schoß landete und sich selbst bewegte. Bloch walkte gehorsam ihren Nacken, vermaß mit den Händen die Admiralsschultern und schob die Hände dann unter das graue Arbeits-Sweetshirt. Mit den Fingerpitzen und im kleinsten Winkel des Gehirns beneidete er Anke Kühne um den festen Bauch, bevor er die Finger in die flachen Brustmuskeln drückte.

„Das ist meine absolute Problemzone, Mann!“

„Oh, ja, meine auch“, gestand Bloch. „Ich bin absolut süchtig danach!“

„Das ist doch, du Bock, kein Problem! Für keinen Kerl... Das ist banal! Sexismus... Keine Phantasie...“ Anke Kühne war wie gewohnt über Bloch gekommen, aber nun auch in seine ungehorsamen Hände geraten, und sie war zu sehr Sportlerin, um sich durch passiven Widerstand aus dieser widersprüchlichen Situation gekommen. Die Kommunale Putze beschloß, den junge Mann hinter ihrem Rücken fertig zu machen, körperlich und geistig, und  stieß den Unterleib kräftiger gegen ihren Reitchef. „Und? War sie besser, die Reformistin? Na, die geschorene Nutte... Das Kind vom Freitag... Kinderschänder!“

Bloch ließ die Kommunale Putze los, verstört und verärgert, aber sie stand nur auf, um die Tür zum Vorratsraum zu öffnen und die Hände auf die Bierkästen zu stützen.

„Hej, mein Hintern! In meinen Hintern“, befahl Anke Kühne. „Und dann... Und jetzt sag es! Sag mir, daß sie besser war! Mach schon!“

Bloch wollte nicht lügen, gegen keine der beiden, und darum bemühte er sich, der älteren und gegenwärtigen Frau zu gefallen, sich gierig zu zeigen und sich doch bis zu ihrer Zufriedenheit aufzusparen. Er war für Simone ein Snack gewesen, etwas für den kleinen Hunger zwischendurch, und Dresden war weit und Aschenbach eben zu eng und zu wachsam.

„Tja, soviel hat sich eben nicht geändert“, sagte die Kommunale Putze und klatschte den Wischlappen dicht vor den Chef-Stuhl. „Der Genosse Kühne erfährt noch immer alles Wichtige!“

„Also schlecht war es nicht“, schnaufte Bloch, weil er instinktiv die Füße hochgerissen hatte. „Aber wichtig?“

„Für seine Partei schon“, sagte die Kommunale Putze. „Sie ist eine Reformerin, und du...“ Sie grinste stiefmütterlich auf Bloch herab, der ihre Freundlichkeit wie immer damit bezahlen mußte, die Hosen offen zu behalten. „Du könntest bei der Wahl schließlich ein Konkurrent sein...“

Bloch wußte nicht, worüber er mehr staunen sollte. Die Spiele hinter dem LADEN-Tresen konnten nicht die Wanzen-IMs und Video-Neunaugen der Baumarkt-Regale verraten haben, und ein grandioser Kurzschluß oder ein unauffälliger Verräter mußte aus den lückenlosen Petz-Berichten alle Hinweise auf die Frau des Chef-Spions entfernt haben. Aber auch die Annahme, Bloch konnte aus dem regelmäßigen Wechsel zwischen ABM und Arbeitslosigkeit und ABM in das abenteuerliche Leben eines frei gewählten Bürgermeisters wechseln wollen, war verrückt genug. Selbst ihrem revolutionären Nachfolger hatten die Geister aller toten Aschenbacher Bürgermeister einen mörderischen Terminkalender diktiert, und jeder Bürotag war ein Praktikum für eine Inszenierung von „Julius Caesar“ gewesen.

Es war auch eine Frage der gewohnten Höflichkeit, daß Bloch den früher aufgestandenen Angestellten des Rathauses Guten Tag sagte, aber vor allem wollte er seinen Artemidorus, ein Sophist von Knidos, nicht übersehen. „Caesar, hüte dich vor Brutus, sei wachsam gegen Cassius, halte dich weit von Casca...“ Bloch rechnete damit, daß ihm die Stadt­rätin für Handel und Versorgung diesen Zettel zustecken würde. Sie saß ihm mit dem Mandat der liberalen Demokraten gegenüber, die Ohren von altem, schweren Behang für die Sorgen der Handwerker, privaten Bäcker und irgendwie anders Gewerbetreibenden geöffnet, und sie schien seinen Jeans-Anzug, Kurzhaarschnitt und Dreitage-Bart zu mögen. Ansonsten waren um sie ja Männer, wie sie sich Shakespeares Julius wünschte: Let me have men about me that are fat, Sleek-headed men and such as sleep o’night. Die klassische Übertragung „wohlbeleibte Männer“ untertrieb etwa so, wie die „glatten Köpfe“ ungenau beschrieben waren, und obwohl die demokratischen Sozialisten, die christlichen und die nationalen Demokraten fette Männer mit feisten Gesichtern und über die Glatzen gekämmten Haaren waren, erschienen sie unausgeschlafener als Bloch zu den sie gemeinsam knechtenden Terminen.

„Sie wollten mit mir die Kindergartensituation beraten“, sagte Bloch. „Also bitte...!“

Sie sahen sich gegenseitig ratlos an, der Regisseur und die Räte.

„Und was ist da unsere Linie“, wollte die Liberale aushelfen.

Bloch zuckte die Schultern.

„Verehrter Her Bürgermeister“, begann Metellus, gegen Caesar verschworener Verantwortlicher für die Schulen, eher höhnisch als niederknieend. „Zunächst einmal: daß wir die führende Rolle der Partei abgeschafft haben, war längst fällig, und das war schon lange meine eigene Vorstellung. Aber gerade deshalb muß für uns hier die erste Frage sein: wer führt uns jetzt? Und wohin?“

„Das ist nicht zufällig unsere Arbeit“, fragte Bloch interessiert. „Ich dachte, Sie beschreiben mir erst mal die Situation...“

„Kompliziert“, half einer der dicken Männer aus. „Die Situation ist doch eher sehr kompliziert.“

„...und jemand, der davon mehr versteht als ich, macht einen Vorschlag...“

„Ja, ja, aber die Linie“, erinnerte der Brutus des Inneren. „Auf welcher Linie sollen wir...“

Bloch sah im Kalender, daß bis zu den Iden des März noch Zeit und gleich noch die Sitzung zum Kaufhallen-Standort zu verschieben war.

„Gut... Wir sollten uns, Genossen Kommissare und Herren Senatoren, heute und morgen vor Ort umhören: wo konkret rosten die Heizkörper zu, wie kommen die Omas am schnellsten an die Buletten? Und dann werden Sie mir und dem kleinsten Bürgerrechtler unserer Stadt am Runden Tisch Auskunft geben und Alternativen vorschlagen: Donnerstag, und zwar,  wie es sich für eine deutsche demokratische Revolution gehört, nach Feierabend. Ist Ihnen das Linie genug?“

Bloch hielt den Räten die Tür des Beratungsraums auf, aber sie gingen wie degradiert an ihm vorbei.

„In fünfzehn Minuten wird Ihnen die Sekretärin des Bürgermeisters Ihre Ziele durchgeben.“

Bloch wußte von Mehnert, daß Kühne zwar mit seinem Aufstand sympathisiert hatte, aber dutzende Anzeigen auf ihrem Weg durch die Institutionen waren, und er rechnete durchaus damit, daß sie irgendwann mit dutzenden Haftbefehlen beantwortet werden konnten. Er fürchtete sich nur nicht davor, und nach jedem Besuch in einem Kindergarten, Geschäft und Betrieb erließ er sich ein weiteres Jahr Zuchthaus. Ohne jedem Bürger Roms fünfundsiebzig Drach­men zu vermachen und ohne seine Lustgehege, verschloßnen Lauben und neu­gepflanzten Gärten zu öffnen, konnte er am 18. März leicht erleben, daß die Stadt ihre Freiheit mit einer kleinen Hatz auf Brutus, Kühne und Mehnert feierte. Und wenn sie Bloch als einen der kommunistischen Machthaber vor ihre Bierflaschen bekamen und er sich als Bloch der Dichter bekannte, würden sie ihm klassisch antworten: „Zerreißt ihn für seine schlechten Verse!“ Bestenfalls bekam er noch eine Gnadenfrist bis zur Wiederholung der Kommunalwahlen, und eigentlich mußte er sich um sein Arbeitertheater kümmern und das Berliner Ensemble an sich erinnern. Er war zur Abteilung Heitere Gegenwartsdramatik des Fernsehens bestellt worden, und nicht zuletzt wollte er dort weitermachen, wo der Stasi-Sturm Petra und ihn auseinander getrieben hatte.

In dieser Proben-Pause trat Krause aus dem Theater-Ensemble aus und schrieb sich selbst eine Hauptrolle in seiner Partei, auch wenn er nur eine freundliche Ablehnung des Bundeskanzlers auf die Kreisseite der ehemaligen SED-Bezirkszeitung bringen konnte. Im Moment verhinderte der Terminkalender, daß sein Helmut Kohl den bewegenden Wunsch seines lieben Parteifreundes erfüllte und die Freunde von Einigkeit und Recht und Freiheit durch sein persönliches Erscheinen unterstützte. Seine besten Wünsche aber galten dem lieben Manfred Krause, auf dessen Erfolg bei der Bürgermeister-Wahl er zählte und dem er versichern durfte, daß aufgeschoben nicht aufgehoben war. Krause erzählte Bloch am Runden Tisch komplizenhaft von diesem Putsch, und Bloch revanchierte sich mit dem resignierten Witz, daß der künftige Sieger mit diesen Kanzler-Pfunden nicht einmal mehr wuchern mußte.

Das Versprechen, den ganzen Osten in einen einzigen Botanischen Garten mit ABM-Parkwächtern zu verwandeln, gab es erst später, aber Klaus Mehnert war mit seiner Prognose schon bei der Kandidaten-Kür im eigenen Verein gescheitert. Das Ausbleiben der schwarzen Regen aus den benachbarten Tagebauen und Kraftwerken, das Reißen der Hoffnungsfädchen für die Textilfabrik und den Bruch der Zukunftsbrücken aus dem Glaswerk wollte auch dort nie­mand zum Ausgangspunkt wählen. Die Erfolge der nicht nur erfolgreichen vierzig Jahre, die diebischen Fehler Erich Honeckers und der verräterische Putsch Erik Blochs lagen den Genossinnen und Genossen näher, und Langer wiederholte unter Beifall seinen Satz, daß Bürgermeister doch seinen Beruf war.

Doktor Anders war für die SPD optimistisch, weil er weder auf die vergangenen vierzig Jahre noch auf das beginnende Jahrhundert Helmut Kohls setzen konnte, und Demokratie Jetzt drängte Bloch auch nur ganz kurz zu seiner Kandidatur. Im Unterschied zu Corinna Schinder sah er in absaufenden Tagebauen keine Chance für einen naturschonenden Massentourismus, und er wollte die Kraftwerke in Betrieb lassen, bis wirklich die letzte Stasi-Akte verheizt war.

„Ja, was denn“, fragte Corinna fassungslos. „Willst du denn nicht wissen, was in deiner Akte steht?“

„Nein“, sagte Bloch und prostete ihr mit dem Schoppenglas Bärenblut zu. „Und vor allem will ich nicht, daß du das erfährst!“

„Aber wer von deinen Bekannten und Freunden dich verraten hat... Oder nicht... Das willst du ignorieren?“

„Genau! Stell dir doch mal die Katastrophe vor: mein Dozent für Parteitheorie, den ich gehaßt habe wie die... Nein, eine Krankheit kann man ja nicht hassen. Also der...“ Es machte Bloch nicht nur Spaß, mit einer märtyrer-mageren und glutäugigen Bürgerrechtlerin öffentlich Rotwein zu trinken. Sie war auf der Wolke des Triumphs herangeschwebt, und doch folterte er sie fast erotisch, und er folterte sie, indem er sie christliche Vergebung und den Weg im Zeichen von Dao und De lehrte. „Was, wenn ich herausfinde, daß mich gerade dieser öde und geistlose Spruchbeutel Schneider NICHT bei der Stasi verpfiffen hat? Da brächen mir doch zwanzig Jahre Wetbild zusammen!“

Corinna überlegte eine Weile, bevor sie einem offensichtlich Geisteskranken vorsichtig eine Zigarette wegnahm. „Aber wenn eine Freundin, zum Beispiel, hätte...?“

„Ja, Anne zum Beispiel“, überlegte Bloch. „Aber dann hätte ich doch trotzdem noch von ihr meinen bisher besten Oral-Sex gekriegt, nicht?“

„Du verarschst mich“, behauptete Corinna, als sie mit dem Husten fertig war.

„Nein, sie hat prima geblasen, und du verarschst dich“, widersprach Bloch. „Ihr verarscht euch! Das kann ja sein, daß irgendwelche Scheißtypen an euren Leben gedreht haben, aber wolltet ihr denn anders leben, im Prinzip?“

„Was weißt denn du von meinem Leben!“

Von einem zum nächsten Zwinkern waren aus Corinnas Glutaugen abgrundtiefe Höhlen-Seen geworden, und Bloch schenkte ihr eine Grimasse Mitgefühl, weil er schon etwas davon wußte. Seine Petra war als Schwert-Verbie­gerin in den Westen geekelt worden, zum Beispiel, und wnigstens das Happyend von Corinnas Geschichte kannte er durch Mehnert.

Als Haushälterin eines katholischen Pfarrers war Corinna Schindler noch zu jung, und sein protestantischer Kollege hatte dem Göttlichen Shakespeare vorgeworfen, in „Hamlet“ den Beruf des Totengräbers ganz unverantwortlich romantisiert zu haben. Dabei hatte er nicht anders als die staatlichen Kaderleiterinnen nach oben geschielt, obwohl seine Instruktionen unpolitisch gewesen waren. Würde er die Opposition unter das Dach der gemeinsam genutzten Kirche lassen, hatte ihm der zuständige Kirchenjurist signalisiert, könnte der Staat trotz der D-Mark-Spende beim Kupfer für dieses Dach noch sehr anders disponieren.

Sogar ihr Vater, dem die Bezirksleitung jeden letzten Wunsch erfüllt hätte, war hart geblieben: Corinna hatte sich gegen den Staat erhoben, und wenn den Berliner Genossen in solchen Fällen manchmal Kompromisse angeraten schienen, verpflichtete das in Aschenbach zu gar nichts. Deshalb war sogar die gutmütige alte Kreis- und Stadtratspförtnerin sicher gewesen, daß die verlorene Tochter am Tag nach der Beisetzung des Ersten Revolutionärs von Achenbach zur Abteilung Inneres wollte. Nur aus plötzlichem Trotz hatte Corinna Schindler sie einmal mehr die Abteilung Arbeit in das Besucherbuch eintragen lassen.

Mehnert, der den Fall allgemein als Kuriosität und durch den Zweiten Sekretär als Skandal kannte, wurde in dieser Angelegenheit schon eine Stunde später zum Ersten zitiert.

„Was sagst du dazu, Genosse Mehnert?“

„Das war ein Fehler“, sagte Mehnert routiniert. „Ganz im Ernst und ohne jede Beschönigung... Und mir ist klar, daß die politische Verantwortung ganz allein bei mir liegt.“

Beide, der Erste und der Zweite Sekretär, starrten entgeistert Mehnert, dann einander und endlich wieder den Judas der Kreisleitung an.

„Du also“, flüsterte der Erste.

„In letzter Konsequenz schon“, bestätigte Mehnert wie üblich. „Ohne Einzelverantwortung kann die kollektive Führung nicht funktionieren. Das ist doch allgemein bekannt! Es fällt mit wirklich nicht leicht, Genossen, aber ich muß den Tatsachen ins Auge sehen, und diese Tatsachen sprechen eine eindeutige Sprache.“

„Du kannst gehen, einstweilen“, entschied der Zweite Sekretär.

Weil ihm in der ganzen Kreisleitung niemand sagte, was los war, und weil er beim Mittagessen allein an einem Achter-Tisch gesessen hatte, war Mehnert an diesem Tag früher als je zuvor und jemals danach nach Hause gegangen, und erst am von ihm gedeckten Abendbrottisch hatte Ines ganz nebenbei erzählt, was ihm schon so gut wie unvermeidlich den Kopf gekostet hatte.

Einen Stapel mit Meldungen von Ungarn-Urlaubern auf dem Schreibtisch und eine arbeitslose Ökonomin davor hatte Doktor Ines Mehnert in ihrer ersten Amtshandlung zur Wiedereröffnung der Volksbuchhandlung kombiniert. Die etwas magere, aber augenscheinlich gesunde Bittstellerin hatte ihr dieses Machtwort erst bei der zweiten Wiederholung geglaubt, und der hysterische Stasi-Jüngling war erst so richtig aus seiner Jugendstil-Villa geraten, als ihm die Genossin Doktor Ines Mehnert ihre erste erfolgreiche Stellenvermittlung erst bestätigt und danach schimpfend bekräftigt hatte.

„Du hörst mir jetzt zu, junger Mann! Die Schulbücher müssen raus“, schrie Ines ins Telefon. „Und dafür ist mir die neue Volksbuchhändlerin Frau Schind­ler nun mal behilflicher als deine Behörde! Das ist eine staatliche Entscheidung, und du hast sie abzusichern. Machen wir also beide unsere Berufe!“

Mehnert war sicher, nach einem Tag des Schmorens zum Vierteilen bestellt zu werden, aber Kühne kam ihm durch das ganze Büro des Zweiten entgegen und gab ihm die Hand. Nach den Berichten im inzwischen bedarfslos eingestellten „Sputnik“ bedeutete das bei den Kollegen Berijas zwar nichts Gutes, aber der Zweite Sekretär sah nun auch noch den Stasi-Chef mißtrauisch an.

„Unser Beruf ist, möglichst viele Feinde unschädlich zu machen“, erklärte Kühne und bot Mehnert einen Platz nahe dem Sekretärs-Sekretär an, bevor er sich dem Zweiten zuwandte. „Weniger bekannt scheint zu sein: unser Beruf ist nicht, uns möglichst viele Feinde zu machen. Der Unterschied zwischen beidem scheint marginal, aber eines Tages könnte alles von der Beachtung dieses Unterschieds abhängen!“

„Aber soll das heißen, daß so etwas jetzt in Ordnung ist“, fragte der Zweite Sekretär bestürzt, und Kühne war ihm die klare Antwort darauf ebenso schuldig geblieben wie Mehnert.

Schon vor der ersten freien Bürgemeisterwahl, als noch gar nichts darauf hinwies, daß er jemals das Zubehör für die erotische Arrangements der Kommunalen Putze sein würde, waren Blochs Erinnerungen und Gedanken also ziemlich bizarr gewesen. Für das Kompliment, daß er doch nicht zu Corinnas Nicht-Partei paßte, bedankte er sich artig mit dem Kompliment, daß er sie gern in seiner Nicht-Partei gewußt hätte, und er hatte im Café Am Markt die Arme gestreckt wie Anthony Quinn am Strand von Kreta.

Noch niemand hatte je zuvor gesehen, wie eine mit ziemlich viel Mühe und Hingabe errichtete Seilbahn so ruhig und schön zusammenbrach. Es war die Zeit, tanzen zu lernen: auf die beiden Töne, die das Klopfen des Schicksals an Beethovens Tür noch unterboten, Da-Damm...

„Und du wärest ja nicht mal ein schlechter Konkurrent“, sagte die Kommunale Putze, wieder in Anke Kühnes langem Feldmarschalls-Mantel. „Das kannst du dem Genossen Kühne schon glauben!“

„Quatsch“, sagte Bloch überzeugt. „Stell dir mal vor, ich werde gewählt! Dann wissen wir doch beide nicht, was wir Mittwoch Vormittag machen sollen!“

Anke Kühne grinste zufrieden, und ein bißchen sah es aus, als drohte sie selbst für diesen Fall ihre Besuche an. Dann trat sie in den Schneeregen auf dem Untermarkt, und Bloch sah ihr nach und bemerkte, daß sie ihm damit das einzige ernst zu nehmende Gegenargument genommen hatte. Die Stadt war wieder einmal genug auf den Hund gekommen, um einem Hundephilosophen hinterher zu laufen, und er würde nicht nur richtig Urlaub, sondern auch das Geld haben, sich in Korinth umzusehen.


Einstein

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