Schindlers Liste

Es hörte sich nur wie eine geschlossene Gesellschaft an, und es war nicht einmal wirklich ein Herrenabend. Für die Christdemokraten würde ja Andrea Kranzler im Landtag sitzen, und hinter den letzten Säulen des großen Ratskeller-Saales waren Tische für die anderen demokratischen Parteien zusammengeschoben. Auch die Partei der Stadtältesten feierte, aber das war nur zu hören, wenn die Serviererinnen die Tür des Vereinszimmers öffneten, um Biere und Bockwürste hinein zu tragen.

Bloch kippte für sich und seine Familie vier Stühle von der Kante des Sekten-Tischs, und dann langte er für die Kinder am Sonnenblumenstrauß vorbei nach dem Teller mit den Ananasstreifen. Daß ihre bisherige Mitarbeiterin die glücklose Kandidatin aus ihrem Tag-Alptraum flüsterte, war Bloch beinahe peinlich.

„Jetzt bloß nicht die Dankesrede halten“, sagte Bloch und grinste. „Auch wir haben dich nicht gewählt.“

„Son terroristas“, erklärte Coyllur freundlich. „Nehmen die... comunistas caducas?“

„Die altersschwachen Kommunisten, ja“, übersetzte Bloch und hebelte für alle Erwachsenen Hanfbiere auf. „Wir fahren eben gern schnell Auto, essen gern billige Eier und fettes Fleisch und betreiben den Recorder für die Porno-Videos mit Atomstrrom...“

„Ist ja gut“, sagte Corinna Schindler und setzte sich gerade hin. Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und erstarrte wieder, aber als ihr die Mitarbeiterin ein Streichholz anriß, zuckte sie ärgerlich mit den Augenbrauen. „Tja, da sind wir also wieder arbeitslos...“

„Daran kann man sich heutzutage gewöhnen...“ Bloch sah zur Serviererin auf. „Und jetzt können Sie die grünen Tofu-Würstchen bringen!“

Nun lachte Corinna doch, und um etwas für die Fischer von Peitz und Saßnitz zu tun, hatte sie aus der Stan­dardkarte die Fischgerichte vorbestellt. Aber anders als Jesus hätte sie die Herings-Esser vermehren müssen, da blieb die Hochrechnung aus dem Rats-Fernseher hart. Die Besoffenen hatten die Zwei-Drittel-Mehrheit knapp verpaßt, die vor­nehmen Sozialisten waren von den altersschwachen Kommunisten eingeholt worden, und Corinna Schindler war wieder zwischen den einfachen, normalen und ehrlichen Menschen gelandet.

„Und dafür bist du 89 schließlich nicht auf die Straße gegangen, nicht?“

„Du bist ein so gemeiner Arsch, Bloch“, sagte Corinna und grinste flüchtig. „An so einem Tag kann ich doch nicht lachen, Mensch!“

Gerade diese Ersthaftigkeit war immer Corrinas Problem gewesen, und wenn so etwas nicht schon in den Genen pro­gram­miert war, dann lag es wohl an der strengen Erziehung durch den immer zu alten Vater. Jemand wie Hanns Schindler wurde nur alle zwölf Jahre einmal schwach. 1945 verzichtete er auf die Stellung der Klassenfrage, 1957 war er der Nachstellung seiner neuen Sekretärin erlegen, und 1969 wurde er gegen alle Vernunft zum Sancho Pansa  des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft. Das ganze Land lachte bereits über den sächsischen Don Quijote, der dem Genossen Professor Ardenne die Welt erklärte, seinen Chemiewerkern für die folgende Woche Kesselstein versprach und auf seinem Steckenpferd Robotron gegen den Riesen IBM anreiten wollte, als Hanns Schindler seine erste Audienz bei ihm bekam. Nicht nur die eigene Seele überschrieb er dem Genossen Generalsekretär damals, und so gab es in Schindlers  persön­li­chem Archiv auch ein Foto, auf dem Corinna zwischen Genossen Walter und Genossin Lotte saß: im gesteiften Blauhemd, noch ein wenig pausbäckig und sehr großäugig, unbekümmert wie Rotkäppchen vor dem ersten Waldspaziergang.

Es war vom Tag der Aufnahme an ein nutzloses Foto gewesen, weil es schon auf dem Altenteil des Politbüros gemacht worden war, und Hanns Schindler in den letzten Jahren seiner Amtszeit Stück um Stück seiner Insel an die Sofakissen-Kommunisten und ihren Lokführer verlor. Sie richteten in seinem Bahnhof einen Laden für geknickte West-Schokoladen ein, schirmten die neue Verstärkerstation ungenügend gegen das Feind-Fernsehen ab und griffen endlich sogar nach dem Exportbetriebs seines persönlichen Klassenfeindes. Dafür war die ganze Kreisleitung zusammengerufen worden, und das Referat hielt ein extra aus Berlin angereister Durchschlag-Doktor.

„Aber ich habe Kranzler, dem Vater, mein Wort gegeben“, rief Hanns Schindler in das Schluß-Drittel der strategischen Rede. „Das Werk für sein Auto...“

„Für ein Auto? Interessant“, sagte Dr. Dr. Rackwitz. „Und soll ich dir das Wort sagen, daß wir in Berlin für solche Geschäfte verwenden?“

Hanns Schindler lehnte sich im sicheren Gefühl einer gewonnenen Schlacht zurück, während der schwitzende Erste Sekretär dem Sonderbotschafter am Anzugärmel zupfte, bis er sich der Geschichte zu beugte, die in Aschenbach jedes Kindergarten-Kind kannte.

Berlin war bereits von den sowjetischen Freunden befreit worden, die im Süden zum ersten Mal auf Prag marschierten, aber in einem Aschenbach ohne Strom, Gas und fließendes Wasser regierten gerade deshalb seine verlorensten Söhne unbeschränkt: Zabel, dessen Hauptmanns-Bruder im Stalingrader Kessel von der eigenen Kompanie aufgegessen worden war, und SS-Kranzler, dessen Fahrer bei einer Melde-Mission gefallen oder mit dem Dienstwagen desertiert war. Auch sie wußten, daß Aschenbach auf dem falschen Ufer der Neiße lag und die Schützengräben im sandigen Boden keine wirkliche Befestigung waren, aber sie hatten Haus um Haus, die Kirchen nicht ausgenommen, in ein dichtes Netz von Zündschnüren geknüpft. Wenn dem Volkssturm der Bürger die Luft ausging, bevor eine wunderbar verborgene Entsatz-Wehrmacht eintrafen, dann sollte Aschenbach doch als blutgefüllter Kratersee der Roten Armee ihren Weg nach Sachsen versperren. Nicht einmal der heimliche Kommunist Hanns Schindler hatte beim öffentlichen Gelöbnis am Hitler-Geburtstag diesem Plan widersprochen, und nicht einmal Albert Kranzler, der einzige Großunternehmer der Kleinstadt, hatte sich seiner Eingliederung unter die gemeinen Vaterlands-Verteidiger entziehen können. Seite an Seite marschierten sie unter dem Kommando des dicklichen, aber hitlerbärtigen Buchhalters der Porzellan-Fabrik zum Strategischen Punkt Kleingarten-Sparte.

„Und diesen Idioten habe ich Idiot für unabkömmlich erklärt“, knurrte Kranzler. „Schon längst gefallen und gebraten könnte dieser Goldfasan sein! Polen, Paris, Stalingrad...“

„Wenn man sich schon auf’s falsche Pferd gesetzt hat“, sagte sein unabkömmlicherer Motorenschlosser scha­den­froh, „dann sollte man wenigstens rechtzeitig absteigen.“ Schindler fingerte die vorletzte Zigarette aus der halb zerdrückten Schachtel und hielt sie seinem Ausbeuter hin. „Ich weiß, wo Sie Ihr Fluchtauto versteckt haben, und Sie sollten jetzt einfach tauschen: Ihren Garagen- und Zündschlüssel gegen unser Leben, unsere Stadt und Ihre Fabrik...“

In der Dämmerung fuhr Hanns Schindler das letzte intakte und betankte Auto der Stadt vor das Rathaus, ließ den Motor laufen und ging hinter dem August-Denkmal in Deckung. Bürgermeister Zabel und SS-Kranzler, unerschroc­ken auf alle Panzer der Roten Armee eingestellt, hielten dem leisen Tuckern nur Minuten stand, und kaum waren sie in die Horst-Wessel-Straße abgebogen, schlich Hanns Schindler ins Rathaus. Er hißte die leicht befleckte Tischdecke des Überlebens, und als diese Nachricht herum war, ging sogar Kranzlers Buchhalter nach Hause, um sich zu rasieren.

„Ja, ohne ihn säßen wir jetzt nicht hier“, sagte der Erste Sekretär ernst. Nach einem kurzen Blickwechsel mit dem Sonderbotschafter sah er ernst zum Ewigen Roten Bürgermeister. „Aber den endgültigen Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse kann niemand und nichts aufhalten... Auch nicht du mit deinen unbestrittenen Verdiensten, Schinderhannes...“

Zu Anfang hatte Hanns Schindler die feindlich-negativen Schänder seines Namens den sowjetischen, später den eigenen Behörden übergeben, und daß ihn nun seine Genossen unter der wegweisenden Hand des Öl-Lenins verspotteten, bedeutete ihm seinen Sturz und das Ende für sie alle.

Lenin kontrollierte auch noch das Dankessen für das Dankessen nach dem Nichtwahl-Empfang. Corinna Schindler schnitt am Eßtisch des Plüsch-Wohnzimmers Schweinebraten, Schinken und Salami für eine Soljanka, Coyllur strickte am Freundschafts-Poncho und las im Geschichtsbuch der achten Klasse, und Bloch holte den Kindern die Spielzeuge der untergegangenen Macht aus dem verglasten Buffet: Ordens-Kästchen, Gips-Klassiker und versilberte Eisenbahnen, Panzer und Mähdrescher. Den Kakao gab es aus verschnörkelten Tassen mit verblassten Abzieh-Teddies, und als Tafelmusik schmetterte Ernst Busch, daß los cuatros generales und ihre Mohren nicht durchkommen würden, niemals: no pasa nadie. Nur der Gründer und Hausherr dieses Museums der Jugend von Corinna und Bloch kam nicht herein und kam nicht wieder.

Zu Weihnachten bekam die ehemalige Abgeordnete einen Posten in der Stadtverwaltung, der Ewige Arbeitslose er­hielt den Bescheid über das Ende seiner zweiten ABM, und das Schicksal trieb sie mit seiner größtmöglichen Macht erst auseinander und dann gegeneinander. Als im letzten Tagebau die die letzten Bagger angehalten wurden, schickte Corinna ihre Landvermesser in den künftigen Badesee, während Bloch die Bierseen von den LADEN-Tischen wischte und die grollenden Kumpel erinnerte, daß sie ihre vertrottelte und gleichgültige Obrigkeit eben wiedergewählt hatten.

„Aah das sinn nuh mal die mit der Kohle“, beharrte der lauteste Grubenphilosoph hob die linke Hand und rührte in den Qualmschwaden. „Unn mit die Ahnung! Wir rechnen uns eben nich...“

„Gott“, stöhnte Bloch. „Schwarzer Steiger... Nach dir haben sie das Bier benannt, wie?“

Zwei, drei der blauen Arbeitslosen verstanden den Witz noch, aber ihr Sprecher machte aus seinem Herumfuchteln einen Schlag nach Blochs Kinn. Er traf das rechte Auge, und die Kante seines ganz unmöglichen Rings schnitt parallel zu Blochs Braue.

Bloch mußte erst noch die Überraschung aus dem Kopf schütteln, und so wußte er schon vor dem Gegenschlag, daß das Auge kaum schwellen und wahrscheinlich keine Narbe zurückbleiben würde. Daß ein klares Image die halbe Miete war, wußte er freilich auch, und er wollte nicht derjenige Kneiper sein, der sich von seinen Gästen prügeln ließ.Bloch atmete tief ein und gründlicher aus, während er die Füße schulterbreit setzte, die Arme über den Kopf nahm und sie in die Kampfposition sinken ließ. „Ein wahrer Feldherr ist nicht kampfeswütig“, lehrte Lao Dse, auch wenn die Übersetzung ins Deutsche ein wenig komisch aussehen mochte. Bloch blockte einen lässig besoffenen Schwinger und führte dann die Dreier-Kombination aus: Kopf, Bauch, Unterleib.

Die Kumpel des Schwarzen Steigers sahen unbewegt zu, als sei Bloch die personifizierte Marktwirtschaft, und während sich Bloch über dem Gläser-Waschbecken das Blut abspülte, hoben sie resigniert den Grubenphilosophen vom Boden auf. So wie sie ihn abführten, brachten sie ihn in der nächsten Abenddämmerung wieder mit, und zur Entschuldigung wies er eine LIDL-Tüte mit zwei Flaschen Whisky vor. Bloch rückte dafür die Stühle vom Tisch und ging nach den Gläsern.

„Unsre Herrn, wer sie auch seien“, schlug Bloch als Trinkspruch vor, „sehen unsre Zwietracht gern...“

„Aar die sinn nu mal die mit der Kohle“, erinnerte der Schwarze Steiger.

„Aar Kohle iss nich Ahnung“, beharrte Bloch auf dem Minimum. „Nur solang sie uns entzweien, bleiben sie ja unsre Herrn.“

„Ej, das reimt sich ja“, staunte der Schwarze Steiger. „Dich muß man sich ja merken, Mann! Für Hochzeits-Zeitungen und so...“

Bloch verdrehte die Augen. „Na, wenn ich noch ein bißchen über, sollte das zu machen sein...“

Zu seinem Glück wurde in Aschenbach kaum noch geheiratet, und als diese Keimform der gewerkschaftlichen Organisiertheit vertrocknete, fehlte sie Bloch wieder. Sie fehlte auch als Einnahme-Quelle im LADEN, und als ein Vierteljahr später der Autobahn-Kampf begann, kam auch nur mehr Leben hinter das Schaufenster. Vor allem Schüler ohne eigenen Führerschein erwählten die Tagebau-Vermesserin zu ihrer Göttin, und auf ihr Mineralwasser konnte und mochte Bloch keine nennenswerten Aufschläge rechnen. Er packte den Kühlschrank voller Broccoli-Brätlinge, die nur selten abgefordert wurden, und ganz unbezahlt malte er der Kampagne einen grünen, die Autobahn zerpickenden Specht.

Dafür setzte sich Corinna Schindler in der engen schwarzen Lederhose neben dem Chef-Computer auf den Schreibtisch, beobachtete Bloch ein Weilchen und blies dann hörbar Zigarillo-Qualm in seine Richtung.

„Du kommst ganz weit oben auf meine Liste, Mann!“

Bloch knurrte unbestimmt.

„Doch, ehrlich! Irgendwann mal, wenn ich wieder richtig Zeit für mich habe, zerre ich dich gnadenlos in mein Bett!“

„In dein Feld-Bett, ja“, witzelte Bloch. „Aber sicher mußt du nach der Autobahn noch McDonald’s zerschlagen, nicht? Und die Legehennen befreien...“

Corinna rutschte von der Tischkante und stellte sich sehr steif hin.

„Das ist gar nicht lustig, du! Nicht die Proletarier und nicht die peruanischen Bergbauern, diese Hühner sind heute die Verdammten der Erde...“

Bloch staunte, die Augen weit offen. Freilich hätte er es nackt in einem Käfig kaum ausgehalten, aber Coyllurs Geschwister, die Stasi-Schlagersängerinnen des mdr, die Trinker-Frauen von Aschenbach und sogar die traurigen Kanaren-Erlebnisse des Generals-Vaters gingen ihm unendlich näher als alle wunden Hühnerärsche der Welt. Er kannte auch die Horrorvision des Jüngsten Tages, an dem eine halbe Milliarde Chinesen in ihre gebraucht importierten VWs steigen würden, um in einer halben Stunde sogar die Redeluft der grünen Bundes­tags-Abgeordneten zu verheizen, aber er setzte dagegen eben eher auf die fernöst­liche Vernunft. So nahe er Corinna war und so weit oben er auf ihrer Liste stehen mochte, sahen sie einander wahrscheinlich nur von den Aussichts-Platt­formen ihrer jeweiligen Parallel-Universen.

Trotzdem wurden sie von den Aschernbacher Ferengi, die genau ausge­rech­net hatten, um wieviele Stunden die Autobahn einem baye­rischen Investor die Fahrt nach Aschenbach verkürzen würde, gemeinsam besiegt. Daß nur weitere zehn Minuten entfernt die wirklich billigen Handwerker, Grundstücke und Prosti­tuier­te auf deutsche Käufer warteten, war Corinnas richtigere Rech­nung, die auf Blochs besseren Flugblättern verteilt wurde, aber sie war eben vierzig Kilo­meter zu früh gemacht. Corinna verlor den Bürgerentscheid und gewann ihrer Partei fünf kleine grüne Frösche, während Kazimierczak-Bleibe­threu-Heizungen den Katalog-Auftrag an die Schwarze Witwe vergab.

Als einziger Kunde des LADENs hatte Bloch damals schwere Tage. Er aß noch nach Mitternacht gegen die Nachwirkungen des Biers, aß sich mittags die Grund­lage für das einsame Besäufnis an und begann, zu den Bieren die vegeta­ri­schen Bouletten zu vertilgen. Auch die verständnisvollste deutsche Frau hätte ihn für diese Lebensführung unter die nächste Autobahnbrücke schlafen geschickt, aber Coyllur kochte ihm weiter allen nötigen Kaffee, kuschelte sich immer zuverlässig an den schwellenden Bauch und versuchte hartnäckig, ihn mit den Händen oder Lippen anzuspitzen.

„Ist ein Geschwur“, erkundigte sich Coyllur eines nachts aber doch. „Ja­más... Also nicht mehr amor vor communismo?“

Bloch verschluckte sich am Lachen, hustete und wurde endlich weinerlich.

„Scheiße, nein!“ Bloch kniete sich neben das Bett und begann, Coyllur von der Stirn bis zu den Zehen zu küssen. „Das ist eine Kopf-Grippe! Das ist ein Kreis in der Zeit, ein Knoten in den Schlagadern. Ein Jahr ohne Frühling... Viel mehr als sonst brauche ich dich, Prinzessin!“

Wenn Platon Recht hatte und die Welt schon öfters untergegangen war, über­legte Bloch, dann war Buddha in Wirklichkeit vielleicht ein übrig gebliebener dissidenter Dichter gewesen, und Bloch hatte noch nie gemocht, Zweiter zu werden. Lieber stand er in der besiegten Kompanie an, um irgendwo zwischen Capua und Rom ans Kreuz geschlagen zu werden, lieber nahm er den Scheiterhaufen gegenüber von Giordano Bruno und mümmelte noch einen letzten Witz am eisernen Knebel vorbei.

„Wir werden zusammen Ponchos stricken“, versprach er Coyllurs linkem Knie. „Als sie euch eroberten, hatten die Spanier so riesige gefaltene weiße Kragen... Richtige Hosen, die Fräcke, die Fliegen, die Jeans... Alles das kam viel später, wurde verkauft und kam aus der Mode! Aber deine Ururururur-Großmutter oder so hat  damals schon Ponchos gestrickt, und unsere Ururur-Enkel werden das machen... Bis alle diese Spanier selbst aus der Mode sind! Comprendes?“

Coyllur streichelte Blochs zu dünne Haare. „Si! Du saufen und hauen... O ni saufen, ni hauen! Claro?“

„Serio? Das meinst du doch nicht ernst?“

„Serio“, sagte Coyllur. „Es una vieja costumbre peruana ... Und du ein Mann mein!“

Es war das zweite Mal gewesen, daß Coyllur ihm das Leben gerettet hatte, zu­min­dest aber seine noch halbwegs ansehnliche Figur,  und es mißfiel Bloch schon, daß Simone auf solche Heiligengeschichten wahrscheinlich eifersüchtig war. Sie war uneingeladen und unangekündigt gekommen, und ihr Halsband hatte sie diesmal in die Hündchenstellung gezwungen, vor der Bettkante und in der Mitte der Matratze. So lud sie Bloch zur Wildheit und zum sachlichen Miteinander der Geschlechtsorgane ein, ließ ihre Beine erst weit auseinander rutschen und straffte sich dann zu einer zähen Turnerin mit stolz gerecktem Hintern. Nur daß der Schweiß ihre Nackenzotteln sammelte und nachdunkelte, war ihre Belohnung für Blochs Mühe.

„Nach dem schwarzen Jaguar eine Schneekönigin“, sagte Bloch selig und wollte die skandinavisch bleichen Brustwarzen küssen.

Simone zeigte ihm die kaum verschwitzte Schulter.

„Du, bei mir ist schon mal einer rausgeflogen, nur weil er Mamas Hefeklöße wollte. Und ich halte es privat wie die ganze Partei: ihr könnt uns gerne von eurer glorreichen Vergangenheit erzählen, aber wählen mußt ihr schon uns!“

„Ich kann dir viel erzählen“, fragte Blank.

„Ja, alles kannst du mir erzählen!“

„...aber es interessiert dich nicht wirklich?“

Simone bog die halbe Unterlippe unter die Schneidezähne, zog die Brauen hoch und sah Bloch mit den großen hellgrauen Augen eher ärgerlich an. Sie hatte zu locker geplaudert, und die Falle war zu raffiniert gestellt gewesen, aber die immerhin halbe Wahrheit wollte sie auch nicht gänzlich widerrufen. Bloch dagegen schloß seine Augen fast und biß sich auf den Knöchel des gekrümmten Zeigefingers. Gegen Coyllur sollte die Kandidatin besser nicht kämpfen, und von einer Basisgruppe ihrer Partei mußte sie ihn auch unterscheiden. Das schien ihm kein zu hoher Preis für eine Beziehung, aber Simone kam einfach nicht darauf, daß sie nur eine Fingerspitze im Schweißfjord der Leistenfalte baden mußte.

„Aber laß mal“, sagte Bloch und hustete knapp ein Stück Lunge aus. „Ich halte es ja mit dir auch wie mit deiner Partei: manches geht ohne sie eben nicht, und für den Rest habe ich ja noch meine Erinnerungen.“

„Na, siehst du“, sagte Simone zufrieden, streckte den Arm hinter den Kopf und holte den Aschenbecher vom Fensterbrett. „Und die Leute hier werden dich nicht danach fragen! Die wollen wissen, wie du ihnen Arbeitsplätze beschaffen willlst, wie du zur Staatsquote stehst und all solches Zeug.“

„Und du verstehst was davon“, fragte Bloch und verschluckte die Wiederholung der Lektion über Brandflecken auf dem Bauch. „Und es macht dir auch noch Spaß?“

Während er aus dem Bett aufstand und los tappte, um sich ein Büchsenbier aus dem Kühlschrank zu holen, beschloß Bloch, wieder zu heiraten. Er mußte das auch schnell tun, bei der Abwanderungsrate der noch gehfähigen Bevölkerung, aber vor allem brauchte er in seinem Alter ein ruhigeres und entspre­chend enttäu­schungs­ärmeres Sexualleben: keine Inka-Prinzessinnen, keine Ma­­na­ge­rinnen und keine Politkerinnen mehr. Und nicht obwohl, sondern gera­de weil sie schon verheiratet war, fiel Bloch die Kommunale Putze ein. Er verschluckte sich am Bier und hustete reichlich davon auf den Teppich.

Simone starrte auf seine Körpermitte und schüttelte den Kopf.

„Ich bin doch kein Sex-Objekt“, sagte sie ernst. „Ich wollte dir gerade erklären, mit welchen Steuereinnahmen du für die Stadt überhaupt rechnen kannst!“


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