Nattereri Serrasalmus

Der Kandidat der Christdemokraten war wie erwartet Wieczorek, der die roten Zahlen des Rathauses verwaltete und von der Schwarzen Witwe bereits neben den Ministerpräsidenten montiert worden war. Selbst im finstersten Bayern hätten seine tropisch große Fliege und die Jägerjacke mit den Hornknöpfen zwischen fünf und zehn Prozent der möglichen Wähler abgeschreckt, aber die Aschenbacher waren der Magie der Bilder wahrscheinlich noch immer verfallen. Im Stadtmuseum wurden die ersten freien Wahlen und die Wochen der Aufschwungs-Erwartung von schwarz-rot-gelben Waschlappen und einem schwarz-auf-weißen Frottee-Kohl versinnbildlicht, und das Glaswerk hatte die Produktion nach einer Versuchsserie eingestellt, in der die Glücks-Schweinchen in Richtung Kanzler aufgeblasen wurden und die Sandmännchen blaue Bismarck-Helme bekommen hatten. Nicht einmal für den Bautzener Senf wurden die Gläser in Aschenbach bestellt, und die ausgegründeten gläsernen Illustrationen zum Kamasutra schafften es nicht einmal bis in den Erotik-Keller des örtlichen Schreibwarenladens.

Im Aschenbacher Fischladen sah es anders trostlos aus, wie Bloch seit dem April des wieder einmal angekündigten Kanzlerbesuchs wußte. Auf dem zerlaufenden Eis hatten zwei Forellen, ein halber Karpfen und drei Scheiben Lachsfilet Platz wie im Polarmeer, und neben dem Karpfen-Schafott, auf der Fischstäbchen-Kühltruhe lag ein offenes Lehrbuch der Allgemeinen Betriebs­wirt­schaftslehre auf dem Gesicht. Der Fischverkäufer, der dicklich und befleckt wie ein Fischverkäufer aussah, zuckte entschuldigend die Schultern.

„Na, über Fische weiß ich alles. „Und nun will ich halt alles über den Kapita­lismus wissen.“

„Und dann schlachten Sie den auch?“

„Komiker“, sagte Cousteau und grinste. „Ich bin Cousteau, Mensch! Die BGL und die AG Kampffische, das war mein Ding.“

Bloch beulte die linke Backe mit der Zunge aus, sah auf seinen Hosenschlitz und erinnerte sich wirklich. Dick war der Meeresbiologe, der einer Kunst-Glasbläserin ins Netz gegangen war und über den tropischen Uferwäl­dern der Braunkohle-Zeit von kubanischen Korallenrif­fen und zu verderbenden schwarzen Seejungfrauen geträumt hatte, geworden.

„Aber du wolltest eine Zoohandlung aufmachen... Mindestens!“

„Tja, und Kredit habe ich nur für diese Art Fischladen gekriegt. Und auch das nur, weil ich dem Sparkassen-Heini das dreizehnte Zimmer als Salzwasser-Aquarium eingerichtet habe.“

„Also ich brauche zwei, drei Piranhas“, fragte Bloch.

„Nattereri Serrasalmus... Hast du denn ein so großes Becken?“

„Nöö, ich werde einfach zwei Pfannen nehmen.“

Cousteau wußte auch, daß die Killerbarsche gebraten eine Delikatesse waren, aber dafür wollte er sie gleich gar nicht nach Aschenbach importieren. Bloch tarnte seine Enttäuschung, indem er die gemeinsamen Witze über die Maueröffnung  wiederholte, kaufte einen halben Karpfen und ging ohne jede Idee, was er stattdessen verschenken sollte.

Es war das erste Mal, daß Coyllur am 9. April Geburtstag haben sollte, anderthalb Jahre nach der Hochzeit und eine Woche nach dem Einfall, und trotz der auslaufenden ABM schuldete Bloch seiner Frau eigentlich sechs Piranhas.

Coyllur verstand dieses deutsch-spanische Problem gar nicht.

Der Geburtstag in ihrem Paß war sowieso falsch, in den Jahren als Capita­nes-Ma­tratze war sie ohne Geburtsage ausgekommen, und noch früher war sie froh gewesen, an irgendeinem Tag irgendeines Jahres halbwegs satt gewesen zu sein.

„Jederre Tack ier es Geburt“, erklärte sie nachdenklich und überdeutlich.

„Día“, überlegte Bloch. „Cada... Cada día es...“

„Día de años“, vollendete Coyllur. „Reden gut wie col.“

„Kohl!“

„Si, Kohl es col y col es Kohl.“

Es war einer der Momente, in denen Bloch selig war, mit einer fast nicht mehr minderjährigen peruanischen Ex-Prostiuierten verheiratet zu sein. Sein Satz war zwar gewesen, daß sie die deutsche Sprache fast so gut beherrschte wie der deutsche Bundeskanzler, aber im Prinzip meinten sie ja dasselbe, und der Rest würde sich auch noch finden. Der Rest würde sich sogar ganz ohne Heinz und Petra finden, auch wenn Heinz bei seinem letzten Priester-Besuch sicher Recht hatte.

„Mensch, sie war bestimmt nicht vom Heiligen Geist schwanger!“

„Von zwei Heiligen Geistern“, witzelte Petra. „Aus der Heiligen Geisterbahn... Du mußt ihr nur sagen, daß du endlich mit ihr schlafen willst!“

„Petra wird das bestimmt einfühlsam übersetzen!“

„Ja, ich übersetze das gern“, versicherte Petra. „Immerhin seid ihr ein Jahr verheiratet und habt noch nie...“

„Sie muß vorher noch ein paar Ponchos fertig kriegen“, lehnte Bloch ab. „Daß es eben ziemlich viele Peruaner in ziemlich hohen Bergen gibt, ist alles.“

Schon wegen der eisigen Berge waren die Piranhas eigentlich keine gute Idee gewesen, und Bloch hätte lieber die Geflügelsortiererin im Kaufland nach einem schon gerupften Kondor fragen sollen. Alle aus Deutschland bestellbaren CDs mit Anden-Folklore besaß Coyllur bereits, und wenn sie lesen wollte, ging sie an den Bücherregalen entlang und nahm sich das am wenigsten eingestaubte Exemplar mit hinter ihr Wörterbuch. Irgendein Stück Reizwäsche hätte ihr Blochs Lust weder zu aufdringlich noch mißverständlich signalisiert, aber um es passend zu bekommen, hätte er einmal mehr von seiner Frau sehen müssen als die anderthalb Meter Kleinheit. Vor ihre Brustgröße hatte sich Coyllur immer die Kindsköpfe gehalten, und sie besaß einen farbenbeschmierten Bastel-, einen Musik-Hör-, einen Ausgeh- und einen vom vielen Waschen verfilzten Schlafponcho.

Im Sommer danach stand  Coyllur neben dem Telefon, natürlich im Poncho, die Kopfhörer um den Hals, und sie heulte für alle Indianer, die nie geweint hatten. Um sich zu erklären, hielt sie Bloch den Telefonhörer entgegen.

„Ihr habt es noch immer nicht getan“, sagte Petra vorwurfsvoll.

„Doch“, behauptete Bloch. „Und es war phantastisch.“

„Dabei würde sie es dir sehr gern französisch machen! Soll ich ihr sagen, daß du das willst?“

„Das kann ich mit dem Wörterbuch selber!“

„Und sie hat nachts nie ein Höschen unter dem Poncho an. Wußtest du das?“

„Klar!“

„Und wenn du das Licht ausläßt und sie nicht anfaßt, dann reitet sie dich auch gern.“

„Genau“, sagte Bloch. „Ich sage doch, daß alles bestens ist.“

„Bloch...“ Petra schnaufte. „Sie hat mich angerufen, Mensch! Sie mich... Sie hat Angst, daß du sie wegschickst, weil sie nicht... Aber eben auch, wenn sie... Gib sie mir noch mal!“

Bloch legte den Hörer auf, lachte und wischte Coyllurs Tränen mit Coyllurs Haaren ab. Er küßte sie ein paar Mal auf die Augen, und so waren sie einerseits sehr glücklich, und andererseits hätte Coyllur ihm nur noch durch das Fenster entkommen können. Bloch krallte den Poncho ohne Hast und hob ihn hoch, und gleich auf den ersten Blick verstand er Coyllur, Petra und die Berliner Kastrationsschwester. Die Narbe an der linken Brust stammte nicht vom Skalpell eines Schönheitschirurgen, und auf beiden Brüsten und um den Nabel hatte Coyllur vernarbte Brandflecken, Spuren von Zigarettenglut.

„Isch bin un monstruo“, heulte Coyllur im dicken Stoff, rührte sich aber nicht. „Dreck zu!“

Bloch zog den Poncho mitsamt den Kopfhörern hoch und warf ihn schnell zur Seite, um Coyllur vor ihrem Fenstersprung an sich zu ziehen.

„Eres esposa mia“, sagte er. „Und ich habe immer schöne Frauen! Ich habe die schönste Frau und die schönsten Kinder der Welt, claro?“

Bloch fand sich überhaupt nicht großartig und hatte keine Lust, sich auch auszuziehen, aber er wußte nichts anderes zu sagen, und das Öffnen seines Gürtels übernahm Coyllur. Sie packte sich ihr Geschenk zu ihrem selbst gewählten Geburtstag nun sehr fraulich und entschlossen aus, und so ging der  fernen Spezial-Kompanie ihr Schlachtfest gegen die Guerrilleros oder Bandi­dos doch noch gründlich daneben.

Manchmal überlegte Bloch freilich, wie wohl er mit seinen Genossen das Dorf irgendeiner bayerischen Coyllur erobert und den Lederhosen-Widerstand unterdrückt hätte, und wirklich glückliche Momente waren das nicht. Sieger und ein Mörder oder ein toter Unschuldiger zu sein, waren keine Alternativen, zwischen denen er wählen wollte, und zumindest bei einer Nachwende-Geburtstagsvorbereitung hatte sogar Blochs Generals-Vater auf seine Weise ganz ähnliche  Skrupel einge­räumt.

„Ja, hast du mich denn für ein Monster gehalten", empörte sich Generalleutnant Bloch. "Das mußt du doch noch wissen, wie oft wir bei Tante Ursel waren!"

„...bei der ich den ekelhaften Pflaumenkuchen immer essen mußte", erinnerte sich Bloch.

„Genau", sagte Bloch Senior erleichtert und leerte das Bierglas.

„Und was soll das jetzt beweisen?"

„Na, daß ich mich um dich gekümmert habe! So gut das ging, natürlich, bei meinem Beruf... Da kann das doch nicht sein, daß mein eigener Sohn mich genauso für ein Monster hält wie die ganzen Stasi-Bälger aus der Bürgerrechtsbewegung ihre Alten!"

„Manfred", mahnte Blochs Mutter.

„Ja, was denn", rief der General im warenzeichen-gefälschten Adidas-Jogginganzug. „Darf ich jetzt nicht mal mehr zu Hause meine Meinung sagen? Das sind sie doch gewesen: von Haus aus größenwahnsinnige Stasi-Bälger, die nur ihren Vätern an die Hosenbeine pinkeln wollten und die nach der Verhaftung nicht in Einzelzellen, sondern an englische Hochschulen kamen: Lengsfeld, Brasch, Gysi und wie die alle heißen!"

„Machst du mal die Pfirsich-Büchse auf", versuchte Blochs Mutter, das Thema zu wechseln. Sie bestrich die Böden für die Obsttorten mit Margarine und wackelte dazu vorsichtig mit dem Kopf. „Keine Politik, heute, hatten wir ausgemacht."

„Jetzt spielt er den illegalen Lenin", sagte Blochs Vater ruhiger und trieb die Spitze des Büchsenöffners mit einem kurzen Schlag in den Blechdeckel, „dieser kleine Scheidungsanwalt... Sehr viel besser wären wir mit diesen Klugscheißern fertig geworden, ohne diese anderen Klugscheißer! Soldatisch direkt, ganz ohne politischen Schmus!"

Die USA aber hatten die alten Genossen ernsthaft  nie angreifen wollen, ließ sich General Bloch beim Kaffee­trinken noch einmal bestätigen, und auch die bundesdeutschen Klassenfeinde waren für sie zuerst verführte Deutsche in anderen Uniformen gewesen.

Sogar die strategischen Bomber der Freunde sind immer nur mit Bomben-Attrappen geflogen", bestätigte der ehemalige Adjutant. „Schließlich hätte  sonst was passieren können, wenn mal einer abgestürzt wäre."

„Und wie die abgestürzt sind", sagte der Unbekannte General mit der Schlagsahne-Allergie. "Russische Technik eben..."

Er hob sein Wodkaglas mit großen, eckigen Bewegungen, als hätte er einen großartigen Trinkspruch auf die Waffenbrüderschaft ausgebracht.

Bloch nahm sich eine Zigarette, drehte sich aber auf der Schwelle der Balkontür noch einmal zu seinem ehemaligen Oberkommando um.

„Da hatten wir wohl noch ziemliches Glück, daß ihr uns richtige Fallschirme mitgegeben habt, wie?"

„Jedenfalls den meisten von euch", sagte Blochs Vater und die Rentnerrunde lachte wie über einen schweinischen Witz. „Also gewollt hat das keiner, wie gesagt. Aber wenn wir den Befehl bekommen hätten, hätten wir sie angegriffen, natürlich."

„Natürlich", sagte Bloch und machte seinen letzten distanzierenden Schritt in den Strausberger Winter.

„Und ganz brav hättest du dann die Freiheitsstatue gesprengt", rief ihm der Vater gutgelaunt nach. "Du Demokraten-Darsteller..."

Spätestens seit Coyllurs letzter Poncho halb fertig auf den Jeans lag, aus denen Tania zwischen ihrem elften und zwölften Jahr herauswachsen sollte, mißfiel Bloch aber auch sein untotes und unschuldiges Umgehen in der alten Stadt aus immer fremderen Häusern.

Zwischen der Hausaufgaben-Verschwörung und den Bierabenden der eingetragenen Vereine fand Bloch genug Zeit, einen biographischen Roman in den Chef-Computer zu schreiben, und die schönsten Bettszenen und witzigsten Dialoge speicherte der unter fünf verschiedenen Namen ab. Jemand wie er blieb unter der Fahne und wurde nach der Wende Söldner einer Antiterror-Terroreinheit, und der desertierte Kulturwissenschaftler mit denselben Erinnerungen geriet in einem Lausitzer Bergbaudorf in alle Schwierigkeiten eines amerikanischen Privatdetektivs. Es gab einen umbenannten und blond gefärbten Bloch, der aus seinem ABM-Club ein erfolgreiches Bordell machte, und der glückliche Familienvater Bloch wurde von seiner Internet-Chefin im Namen der Königin aller Vampire gebissen und ausgesaugt. In der fünften Datei hieß derselbe Held Jeshua und war ein Bauunternehmer im Galiläa der Römerzeit, und Bloch wechselte zwischen den Textblöcken hin und her, ergänzte und feilte sie einzeln und über Kreuz. So gab es keinen LADEN-Tag ohne ein paar hundert neue Zeichen, aber nach der schönsten Exposition endeten alle Utopien dort, wo die Niederlagen, Siege oder nur Kämpfe, wie es sie außerhalb Anschenbachs ja vielleicht noch gab, beginnen mußten. Zumindest seine ehemaligen Bekannten und Freunde mußten jenseits der Kiesgruben und absaufenden Tagebaue noch etwas tun, argwöhnte Bloch, und er schuf eine Staffel von *_a- und *_b-Dateien. Ab und zu verschickte er sogar einen Ausdruck an irgendeinen Verlag, der noch den alten Namen hatte und mit den alten prinzipiellen Glückwünschen zurückschickte, was kein Kochbuch und kein fiktiv-feministischer Dokumentarroman über eine Päpstin war, die es nur in der Phantasie der Verleger gegeben hatte.

Immerhin erfuhr Bloch von Katharina dazu, daß er sich nicht als Opfer des Ost-West-Konflikts feiern konnte. Ihr gefielen seine Geschichtchen, auch wenn ihr nur eine Aschenbacher Lösung einfiel. Das Stadtfernsehen konnte bisher nur übersehen haben, daß in seinem Einzugsgebiet jemand lebte, der sogar noch dem regionalen Wetterbericht einen frechen Witz oder eine kleine Ferkelei abgewinnen würde. Sie selbst sah so ein Zeug nicht, nicht einmal daheim, aber sie wußte wie alle Nicht-Zuschauer in Aschenbach, daß das Stadtfernsehen Kranzlers unabhängiges Eigentum, sein überdimensioniertes Spielzeug und seine fundamentalistische Kanzel war. Bloch paßte da so schlecht hinein wie in eine Versammlung islamischer Gelehrter, aber das war ja kein Problem.

   "Ich würde das für dich tun", sagte Katharina und schob die Brille bis in die falschblonden Locken. "Lade uns beide zu deiner nächsten Party ein, dann lerne ich ihn schon kennen und überzeuge ihn auch."

"Danke", sagte Bloch und grinste breit. "Aber ich gebe aus finanziellen und baupolizeilichen Gründen keine Parties, und außerdem ist der Laienprediger altersschwul."

"Na, und wo ist dann das Problem?"

"Ja, du siehst einfach nicht wie ein Junge aus", sagte Bloch.

Katharina lachte, packte Bloch am Ohr und holte sich sein Gesicht zum Auslecken des Mundes näher.

"Dann kannst du ihm doch den Pimmel lutschen", keuchte sie beim Luftholen. "Mach ihm den Handarbeiter..."

Bloch deutete ein Kichern an, das Katharina mit dem nächsten Kuß erstickte.

"Dreihundert Prozent Gewinn, und es existiert kein Verbrechen, das man nicht riskieren darf - selbst auf Gefahr des Galgens..."

"Ich bin nicht das Kapital", erinnerte Bloch.

"Das war 'ne Metapher, das mit dem Verbrechen! Du sollst ihm ja auch nur den Mund oder den Hintern hinhalten", stellte Katharina klar. "Alles könntest du dadurch gewinnen, und das hast du doch gemerkt, in meinem: es kann sogar Spaß machen, beim elften, zwölften Mal."

"Danke für das Angebot, und danke für den Tip", lehnte Bloch auch nach dieser Ermunterung ab. Er war nun selbst angesprungen und wollte mit der Zunge in ihrem Mund wühlen, aber Katharina bog den Kopf zur Seite.

"Du verstockter, unverbesserlicher Kommunist", stieß sie zwischen den Zähnen hervor. "Alle... Ihr wollt die Marktwirtschaft ja gar nicht begreifen!"

Bis zum Begreifen von innerparteilichen Machtspielen war Bloch aber voran gekommen, denn er begriff sofort daß Seichter die Abstimmung im „Deutschen Haus“ gewinnen würde. Anders konnte es gar nicht sein, wenn ein  Grammatiker vor Polit-Offizieren, Betriebszeitungsredakteurn und Kaderleiterinnen einen Dichter lobte.

„Ich rede über den anderen Kandidaten, weil ihr mich ja seit Jahren gut kennt“, sagte Seichter und beugte sich, wie bei solchen Gelegenheiten immer, zu weit über den Tisch. Während er sein Bier zurückgelehnt trank und den Genießer-Bauch präsentierte, gab er so einen Gelehrten, der sich in eine komplizierte Problematik vertiefte. Seine Schultern hingen, und er sah über die halb auf die Nase geschobene Lehrer-Brille zwischen den Stadtältesten hin und her. „Und aus meiner Sicht spricht soviel für Herrn Bloch, daß wir uns vielleicht wirklich an einige neue Dinge gewöhnen sollten: daß unser Spitzenmann nicht zu jeder unserer Versammlungen kommen wird, etwa. Daß er eine in unserer Runde nicht selbstverständliche Sprache spricht... Der politische Gegner wird uns daran erinnern, daß Herr Bloch seine Abwahl und die Währungsunion mit einem kleinen Alkohol-Exzeß begangen hat, daß er eine Scheinehe geführt habe und einige wenig appetitliche Weibergeschichten gehabt haben soll, aber was heißt das schon? Wir alle wissen doch, daß es uns weder um die Papstkrone noch um eine reichlich sprudelnde Geldquelle für einen arbeitslosen Künstler geht, sondern um eine linke Alternative im höchsten Amt der Stadt!“

„26 : 2“, flüsterte Bloch Mehnert das erwartete Ergebnis zu. „Außer dir wird noch er für mich sein, und er wird dann die Kurzsichtigkeit dieser verblendeten Stalinisten bedauern.“

„Quatsch“, flüsterte Mehnert. „Worum wetten wir?“

„Borge mir zehntausend für meinen Wahlkampf“, verlangte Bloch. „Und ich: wenn die Schwarzen oder IKEAS Schwarzer Haufen euch beide mal aufhängen, werde ich dich abschneiden. Ehrlich! Aber nur dich...“

„Borgen“, sagte Mehnert kopfschüttelnd. „Und zehn... Dafür wird mich Ines aufhängen! Aber gut: ich wette auf ein Foto-Finish. Für wen, weiß ich allerdings nicht...“

Der Letzte Staatsbürgerkunde-Lehrer wollte noch einmal feststellen, daß er dem verläßlichen Sympathisanten Bloch die Sprüche von der Marktniesche kommunistischer Bestattungen nie und bei so einer Entscheidung schon gar nicht ankreiden wollte, und er zeigte der Versammlung den am Boden geschlitzten leeren Schuhkarton. Alles würde ganz demokratisch und unanfechtbar zugehen.

„Falls nicht Sie gewinnen“, sagte Seichter während der Auszählung der Zettel zu Bloch, „und ich habe meine Stimme Ihnen gegeben, dann werden Sie mich doch sicher unterstützen: als Fachmann für Werbung...“

„Ich denke, dann warte ich lieber im Wald auf die Rückkehr von Richard Löwenherz“, sagte Bloch, ebenfalls wie ein chinesischer Diplomat lächelnd.

Mehnert schloß für einen Moment die Augen und ging nun doch einmal durch, wieviele Monate länger er und Ines ihre alten Autos fahren mußten und wo sie im preiswerten Ausland Urlaub machen konnten, beim ja nicht unbeträchtlichen Schuldendienst für das Haus.

„Robin Hood ist mit Sicherheit keine historische Figur“, sagte Seichter lehrerhaft. „Das wissen Sie wohl nicht?“

„Die Sheriffs von Nottingham schon“, behauptete Bloch und zündete sich eine Zigarette an. „Es gibt kein Kaff, zu keiner Zeit, in dem sie nicht im Dutzend, nicht zu Hunderten vorkämen...“

Seichter nahm die Brille ab und wandte das Gesicht Mehnert zu. „Und du? Ich müßte dich ja als meinen wirtschaftspolitischen Berater entlassen, wenn du...“

„Aber du hast doch noch nie einen Rat angenommen“, sagte Mehnert verwirrt. „Und ich bin doch gar nicht bei dir angestellt...“

„Nicht“, staunte Seichter. „Aber wichtig waren mir deine Einwände immer! Es geht dabei um den Diskurs, in dem...“

Mehnert ließ seinen verdienten Fraktionsvorsitzenden im Präsidium sitzen, um mit Bloch durch die breite und lockere Gasse für die Verlierer aus dem Saal zu gehen, und draußen schüttelte er zum Händeschütteln noch mal den Kopf. Ines würde ihn für die Wette aufhängen, aber eigentlich schlimm fand er, daß er sie verloren hatte.  

Bloch dagegen ging nach Hause, sah Che ein bißchen bei Civilisation zu, las Tanias hunderstes Gedicht über ihre Katze Rosa und überlegte, wen er nun anrufen sollte. Simone würde ihm nun sicher zur Seite liegen, bis er gegen Wieczorek und Seichter unterlegen war, aber ohne politische Ambitionen konnte er nach Krauses Tod ja auch an eine geschäftliche Zukunft denken.

Bloch gruppierte eine Vita Cola, die halbvolle Flasche Whisky und das Mobil-Teil des Telefons auf dem Hocker neben der Badewanne, betrank sich ein bißchen und verabredete sich für neun Uhr.

„Sie kommen also auf Empfehlung, auf diese etwas ältere Empfehlung, von Frau Goebbels...“ Kranzler spielte das Nachdenken sehr schlecht, und es war außerdem eine nicht für ihn einnehmende Szene. Er rieb die umgebogenen Lippen an den Kanten der dritten Zähne, sein massiger Oberkörper wurde vom flachen, hastiger werdenden Atmen bewegt und auf der Stirn perlte Schweiß. „Ja, ich erinnere mich...“

Block folgte dem riesigen, schlecht sitzenden Anzug aus dem Erdgeschoß-Salon in die Führungs-Etage, wahrscheinlich am Kinderzimmer seiner Andrea-Fee vorbei, und stand endlich in der Aschenbacher Filiale des James-Bond-Bösewichts. Im verglasten Monumental-Erker stand ein alter Eichen-Schreib­tisch vor und hoch über der in aller Sparsamkeit erstaunlich romantisch funkelnden Stadt, aber Kranzler ließ sich in einen Leder-Thron-Sessel neben dem kalten Kamin sinken.

„Aufgeschlossen und lernfähig seien Sie, hieß es bei der verehrten Dame ja wohl, und ich sollte Ihre gelegentliche Aufsässigkeit als etwas Originelles, als Herausforderung auffassen und schätzen...“

„Danke“, sagte Bloch heiser und zupfte am Reißverschlußband des Beinahe-Schulranzens mit den Arbeitsproben und der Geschäftsidee. „Ich bin...“

„Oh, ich weiß!“

„...und ich könnte für Sie, für die regionale Werbung, Drehbücher schreiben... Festfrei, zum Beispiel... Wie wir in der Werbung sagen... Das ist betriebswirtschaftlich günstig, und...“

Kranzler rieb die umgebogenen Lippen an den Kanten der dritten Zähne, sein massiger Oberkörper wurde vom flachen, hastiger werdenden Atmen bewegt und auf der Stirn perlte Schweiß.

„Festfrei“, sagte Kranzler höhnisch. „Frei und ledig, aber fest an uns gebunden... Und Drehbücher... Ja...“ Vorsichtig beugte er sich vor und nahm die Fernbedienung für den Monster-Fernseher vom Couchtisch. "Dann sehen wir uns erst mal einen Film an! Und Sie..., also du kannst die Unterhose anlassen, dabei."

Bloch ließ die Tasche von der Schulter rutschen, sehr langsam, und begann,  das Hemd vom Kragen her aufzuknöpfen.

"Ich ziehe die auch aus... Wenn Sie wollen..."

"Nein, nein", sagte Kranzler eilig. "Alles zu seiner Zeit! Heute sehen wir Sport, und ein anderes Mal, vielleicht..." Er zielte mit der Fernbedienung an Bloch vorbei, und hinter Bloch lärmte ein ganzes Stadion. "Du mußt dich an mich und an meine Anforderungen gewöhnen. Das verstehe ich schon!"

Bloch ließ sich Zeit und redete sich ein, daß er nur bei einer Armee-Musterung war, aber irgendwann stand er eben doch mit offener Jeans vor dem Aschenbacher Fernsehchef und bemerkte, wie Kranzler zwischen den Jackett-Teilen und im Schatten seines Bauches den Hosenstoff knitterte. Bloch wandte sich etwas ab, steckte die Daumen hinter den Bund und schob den Stoff nach unten. Dabei sah er im rechten Augenwinkel, wie behelmte und um die Schultern noch gepanzerte Footballer einen der ihren unter der Dusche vorzerrten.

"Aber wie du willst, Sklave", flüsterte Kranzler. "Ziehe dich nackt aus! Und dann auf alle Viere, okay?"

Bloch baute sich so auf, daß er von der amerikanischen Männerfreundschaft nur sehen mußte, was sich in den wandhohen Fenstern spiegelte, und Kranzler legte ihm like a cowboy die Füße auf den Rücken. Mit der Zeit wurde die Last schwerer, Blochs Arme und Oberschenkel begannen zu zittern, und Herr wie Sklave schwitzten im selben Aquarium der Macht. Manche Menschen waren Haifische, und die andere waren nur kleine rote Piranhas, die die Masse und den richtigen Zeitpunkt brauchten, um fürchterlich werden zu können.


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