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Das Einzige, was in Aschenbach erfunden wurde, bevor es irgendwo anders nur noch im Schnäppchenverkauf loszuschlagen war, war eine Art des Farbzusatzes, die Kranzlers Sanitärporzellan marmoriert aussehen ließ. „Ein so gestaltetes Wasch- oder Klobecken verkörperte in den Bürger-Wohnungen der zwanziger Jahre Stil-Empfinden und Wohlstand“, behauptete der Bildband zum fünften Jahrestag der zweiten Befreiung, „und die Aschenbacher Spezialanfertigungen für alle besseren Hotels in Deutschland waren äußerlich nicht von der Marmorauskleidung der entsprechenden Räume zu unterscheiden.“

Mit dieser Broschüre war Bloch zwar das einzige Werbe-Geschäft entgangen, das in Aschenbach jemals gemacht worden war und gemacht werden würde, aber eigentlich bereute er das nicht. Was er von Aschenbach nicht hatte nach Übersee verkaufen können, gehörte schließlich Kranzler, und wer von den Einheimischen nicht von den armen alten Tuchmachern abstammte, war entweder ein Verwandter oder ein ehemaliger Angestellter der Kranzlers. Vom Stamm der Klo-Kranzlers waren sowohl der Glas- als auch alle Bäcker-, Fleischer- und Drogerie-Kranzler abgezweigt, und selbst Blochs Runde-Tisch-Liebe Andrea gehörte dann doch nur zu diesem Klan.

Eigentlich war Andrea zu feenhaarig, zu kurzsichtig und zu still, um das landesweite Ende ihres Demokratischen Aufbruchs in der Kohl-CDU stilvoll zu zelebrieren, und Bloch war ja bekanntermaßen der erste Revolutionär der Stadt gewesen. Deshalb blieben sie nach den Zänkereien um die Straßennamen und um die Kosten der Denkmals-Reparatur, und worüber zankte man damals denn nicht, immer öfter allein an den entgegengesetzten Enden des Beratungstischs im Büro des Bürgermeisters sitzen. Bloch kaufte die Zellstoff-Taschentücher nur noch in ihrer Apotheke, und er war gerade dabei, sich eine langwierige, aber harmlose Krankheit auszudenken, als ihm die Pharmazeutin den Treff im Café am Am Markt vorschlug.

„Neben dem August, den ihr Chaoten kaputt gemacht habt“, fragte Bloch überrascht nach.

„Wo deine Folterknechte vierzig Jahre lang ihren Eiskaffee genommen haben“, bestätigte Andrea. „Paßt es dir um fünf?“

Es paßte Bloch, und er war nur zur Bestellung des Eiskaffees gekommen, als Andrea herein kam: mit der viel zu großen dicken Brille und den dicken, genau richtigen Brüsten in einem Lumpenjeans-Anzug aus der Designer-Werkstatt.

„Kännchen Kaffee, zwei schottische Whisky“, bestellte Andrea durch den ganzen Raum und setzte sich auf den Stuhl neben Bloch. „Stört dich eigentlich, daß mein Onkel bei der SS war?“

„Äh... Kommt der auch noch?“   

Andrea lachte. „Und bist du eigentlich beschnitten?“

„Wieso“, fragte Bloch und schielte zwischen den Bistro-Tisch und dem locker gezupften Hemd nach unten. Er wollte die Jeans noch bis zum Sommerschlußverkauf tragen und wäre finanziell in der Klemme gewesen, wenn der Reißverschluß bereits im Februar aufgegeben hätte.

„Nur so“, sagte Andrea und kippte ihren Whisky sofort. „Das soll ja wohl abhärten, und ich wollte einfach wissen, ob das stimmt.“

Bloch faßte sich an das linke Ohr, das noch beruhigend kühl war.

„Du, und die Araber machen das auch“, klärte ihn Andrea weiter auf und schob das andere Whisky-Glas gegen Blochs Hand. „Und wieso bist du eigentlich nicht... Naja, du weißt schon!“

„Ja, weißt du... Ich bin kein Araber.“

Andrea lachte falsch. „Ich meine: du glaubst nicht, daß Jehova dir...“

„Allah“, berichtigte Bloch. „Der arabische Jesus heißt Allah und der Papst Khomeini, aber ich bin nicht nur kein Araber, sondern auch Atheist. Und mein Schwanz ist völlig in Ordnung, und es tut mir leid, wenn ich dich irgendwie beleidigt habe. Ich wollte...“

„Nein, mir tut es leid“, widersprach Andrea. „Und das ist wirklich eine blöde Idee von meinem Alten, daß wir uns kennenlernen und heiraten sollten.“

„Daran ist wirklich nicht alles so blöd“, sagte Bloch versöhnlicher.

„Und mit Sex hat das auch nichts zu tun! Ich bin, vor allem Papa ist doch katholisch, weißt du!“

„Ja, manchmal stört die Vorhaut beim Sex sogar“, tröstete Bloch sie. „Alles okay!“

„Aber Papa meinte eben, es könne nicht schaden, wenn... Also wenn die Rückübertragungsansprüche der Juden kommen, dann wäre es gut, meinte Papa... Wenn ich und ein Jude, verstehst du...“

Bloch faßte sich kurz zwischen die Beine, bevor er die Zigarettenschachtel aus der Hemdtasche zog.

„Habt ihr euch denn 38 irgendeinen jüdischen Laden gerafft?“

„Nein, nein“, sagte Andrea eilig und sogar etwas empört. „Aber du weißt doch, wie die Juden sind!“

Bloch spülte den Satz, daß ihr Onkel ihn nun doch störte, mit Whisky herunter, und er nahm sich vor, die Taschentücher wieder im Konsum zu kaufen. Wie Andrea rauchte, und wie sie ihn am nächsten Runden Tisch beschuldigte, schlimmer als Mehnerts Bindestrich-Sozialisten zu sein, machte ihn freilich wieder schwankend. In Andreas Frühlingshimmel-Augen war so etwas wie ein Funken Hoff­nung, Bloch könnte sie dafür aus ihrer Beerdigungs-Fraktion zerren und vor aller Augen unglaublich schmutzig behandeln: eben so wie der jüdische Revolutionär Absalon den Harem König Davids.

Woher Simone wieviel von dieser Geschichte wußte, verriet sie nicht, und sie ließ die Harpune auch erst einmal unberührt in Blochs Walhaut stecken. Obwohl das Back-Gas aus war, drehte sie sich aus der Lederjacke, und sie holte vier Radeberger und einen Packen Parteipapier aus dem Seesack für die Große Boutiquen-Fahrt. Als Bloch noch die Bier-Gläser nachpolierte, rieb sich Simone schon die vom dreivierteldurchsichtigen T-Shirt ausgesparten Oberarme, bis hinauf zu den Schultergelenken.

„Hast du jemals eine von unseren Parteizeitungen gelesen?“

„Nein“, log Bloch, um ihr nicht im Anschluß mit seiner Meinung weh tun zu müssen.

„Weil man so etwas nämlich gar nicht lesen kann“, triumphierte Simone. „Und die Bilder sind auch nur deshalb besser als die Binsen-Blödheiten verkalkter Professoren, weil keine Bilder drin sind! Und wenn doch, dann erkennt man durch die großen Rasterpunkte wenigstens nicht die kleinen Köpfe...“

„Naja, vom Wegsehen kenne ich sie auch.“

„Und weißt du, wo Hinterhermsdorf liegt?“

„Hinter Hermsdorf“, fragte Bloch und setzte sich Simone gegenüber, wenn auch nur auf die Stuhlkante. 

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Simone. „Und deshalb wette ich, daß sie den nächsten Parteitag dort machen...“

„Ich werde einfach nicht hinfahren“, versprach Bloch. „Ich hatte es übrigens sowieso nicht vor.“

„Das wirst du aber vielleicht machen müssen...“

Bloch goß die Biere ein und suchte dann alle Taschen der Überlebensweste nach der Zigarettenschachtel ab.

„Denn das ist die gute Nachricht“, sagte Simone und hielt ihm ihre hellblaue Schachtel für Light-Araber hin. „Wir suchen dringend jemanden, der das in Ordnung bringt! Zeitungen, die man lesen kann, Parteitage, die man findet, und Mitteilungen, die nicht nur bis in die Papierkörbe der Presse kommen... Das wäre der Job.“

„Ich denke, das könnte ich“, sagte Bloch vorsichtig.

„Und du könntest Internetseiten machen“, ermutigte Simone ihn. „Na, jedenfalls warst du schon mal im Internet...“

„Ja... Und wo ist der Haken?“

„Da gibt es keinen, denke ich.“ Simone trank schmatzend das halbe Glas leer. „Du kannst anfangen, wann du willst! Und wenn ich hier Bürgermeister bin oder nur knapp verliere, dann habe ich endlich auch genug Einfluß, dir dafür ein Gehalt zu besorgen!“

„Tja, ich bin ja gar nicht in deiner Partei!“

„Och, das macht nichts“, versicherte Simone. „Da mußt du wenigstens keinen Beitrag bezahlen!“

„Aber spenden darf ich doch“, fragte Bloch. „Weil ihr so sozial und solidarisch und gegen jede Ausbeutung seid... Ich würde auch gerne die Patenschaft für einen hungernden Abgeordneten übernehmen, wenn das geht.“

„Du verarschst mich!“ Simone drückte die erst halb aufgerauchte Zigarette aus. „Wir machen das schließlich alle so! Praktisch als Investition... Ist ein blödes Wort, aber es ist wahr: immerhin kannst du bei uns Landtags- oder sogar Bundestagsabgeordneter werden, und den Bürgermeister von Aschenbach schaffst du doch sowieso nicht!“

Simone hätte Bloch gern irgendetwas an den Kopf geworfen, aber zum einen war sie ja bei ihm zu Besuch, und andererseits war sein ganzes Museum der beste Beweis, daß sie Recht hatte. So wohnte nicht nur kein Bürgermeister einer vermieften Kleinbürger-Kleinstadt, sondern zwischen den paar Erin­ne­rungsstücken an den kurzen zweiten Frühling des Inkatums lebte Bloch eigentlich schon unter einer Brücke, an der Endstation einer eingestellten Buslinie. Nun wurden um Aschenbach zwar immer mehr Buslinien und sogar der Bahnverkehr eingestellt, so daß das nichts besonderes war, aber Simone ertrug nicht einmal die Vorstellung, daß Leute das einfach so ertrugen.

Endstationen waren übrigens eins von Simones Vorstands-Themen, und sie kannte die entsprechenden Zahlen ebenso gut wie die Herren in den Vorständen der Verkehrsverbünde. Mit dem „Menschenrecht auf Mobilität“ war ihr oder jemand anderem, das nahm man in der Partei gottlob nicht so genau, sogar eine Formel eingefallen, gegen die noch keine noch so unfreundliche Versammlung angekommen war. Sehr kleine Kinder und sehr alte Omas fuhren bekanntlich keine überalterten oder auf Raten gekauften Autos, und gerade ihre Wege zu den Knoten im ausgedünnten Schulnetz und den Märkten vor den Vorstädten unterstrichen allen die verkehrspolitische Gleichgültigkeit des Kapitalismus. Die unglücklichen Mütter, die die Sicherheitsschalen ihrer Krippenkinder aus den Autos heben mußten, statt als glückliche Mütter ganze Kinderwagen in erdgasgetriebene Busse zu stemmen, überließ Simone allerdings den jüngeren Genossinnen und Genossen. Dafür hatte sie zuviele Gründe, nicht Mut­ter zu sein und werden zu wollen, mit Bus oder Bahn hätte sie ihr Versammlungspensum gar nicht mehr bewältigen können, und lügen wollte sie eigentlich nicht.

Simone konnte die Lügen nur nicht ganz vermeiden, nachdem sie einmal in die Politik geraten und nun daran interessiert war, dort auch eine gewisse Karierre zu machen. Sie wollte ja nicht nur Bloch einen Job besorgen, sondern fand die Zeitungen wirklich fürchterlich, und sie war weniger mit ihrer Kritik und ihrem Vorschlag und viel mehr mit der Forderung eines Gehaltes für den Kandidaten abgeblitzt, der der Par­tei ein zu eroberndes Bürgermeisteramt kosten konnte.

Seichter dagegen rechnete völlig anders.

„Wenn Herr Bloch antritt, wird uns das nur nutzen“, erläuterte er dem Landesvorstand. „Bei seiner persönlich tragischen Geschichte, die uns aber in dieser Angelegenheit nicht zu interessieren hat, wird er für die Schwarzen wie der Hauptfeind vor der Revanche aussehen. Sie werden ihn dämonisieren, bis sie selber daran glauben, und wenn es so weit ist, wird die Mitte ihrer Wählerschaft schwanken.“

„Der Mittelbauer schwankt gewöhnlich“, bestätigte ihm der Vertreter der Kommunistischen Plattform. „Und ihr müßt Lenin ja nicht mögen, aber...“

Seichter rieb seinen Kinnbart, um zu erinnern, wer in ihrer Runde Lenin am meisten glich, und der Geschäftsführer knurrte unwillig und schnitt mit einer Kopfbewegung das Zitat ab.

„Und in der Krise, in die die CDU die Stadt gebracht hat, und vor dem Abgrund, den Bloch bedeuten würde, bleibt gerade dieser Mitte nur ein Ausweg, nur ein Kandidat“, vollendete Seichter die Lage-Skizze. „Deutlich, aber gemäßigt links, in der Stadt bekannt und durchaus bürgerlich, kompetent, geistvoll...“

„Eben der Kandidat der SPD“, sagte der Wahlkampfleiter, klappte das Notizbuch zu und warf den Kugelschreiber darauf. „Das ist doch...“ Der Kugelschreiber rollte unangenehm auffällig bis zur anderen Tischkante, und der Geschäftsführer knurrte noch ärgerlicher.

„Gerd... Ich verstehe ja, daß dir das nicht paßt“, sagte der Landesvorsitzende. „Und ich verstehe, was du meinst, und meine durchaus, daß wir auch das bedenken müssen... Aber hören wir doch erst mal die Genossen, die vor Ort arbeiten müssen, zu Ende an!“

Seichter lachte gemütlich und knöpfte das Jackett über seinem gemütlichen Bauch auf. „Das mit der SPD ist natürlich nicht auszuschließen, Genossen. Und Genossinnen... Daß jeder oder jede aus unseren Reihen gewinnen könnte, gar gewinnen müßte, will ich wahrlich nicht behauptet haben. Da müssen wir sehr verantwortlich prüfen und uns trotz der knappen Zeit alle nötige Zeit lassen... Vielleicht habt ja auch ihr einen Vorschlag!“

Auch in dem schlecht geheizten Tanzsaal, in dem sie bei schlechter Beleuchtung an zusammengerückten Tischen saßen, auf denen Spitzendeckchen aus rosa Gußschaum lagen, kochte Simone gut sichtbar über. Der Blutdruck ersetzte ihr ein Dutzend Stunden im Sonnenstudio, und sie straffte den Rücken und drehte den Kopf auf dem sehr steifen Hals. Nur die dazu passende Rede konnte sie noch runterschlucken. Bestenfalls würde sie nach diesen bescheidenen Nichtlügen der Vorschlag von Außenstehenden sein, eher die Chancenlose, die nicht geistvoll, nicht kompetent, zu wenig bürgerlich und in der Stadt gar nicht bekannt war.

„Tja, ich will der Entscheidung in Aschenbach zwar nicht vorgreifen“, resümierte der Landesvorsitzende prompt. „Aber für meinen Teil kann ich sagen: wir haben eben vielleicht nicht den, aber doch einen möglichen aussichtsreichen Kandidaten gehört.“

Simone verstand nicht, was ein promovierter Gymnasiallehrer in einem Wahlkampf und im Büro des Bürgermeisters noch gewinnen konnte und wie sowohl Bloch als auch Seichter übersehen konn­ten, daß nur sie glaubhaft einen linken Neuanfang verkörperte und zumindest eine achtenswerte Niederlage brauchte. Während sie mit der Minderheit in der ebenso schlecht beleuchteten, aber leidlich warmen Kneipe neben dem Tanzsaal ein Bier trank und das angekohlte Bauernfrühstück aß, drehte sie die Gedanken, bis sie sich zu einem anderen Puzzle fügten: der Inka-Prinz wußte schon, daß sie einen noch viel mehr versprechenden Körper besaß, und dem Deutsch-Pauker mußte sie zumindest eine Nachhilfestunde in Mathematik geben. Wenn Simone verlor, wäre er der bessere Kandidat gewesen und konnte einen tröstenden Platz auf der Liste zur Landtagswahl beanspruchen, und wenn sie Bürgermeisterin wurde, schied sie für sieben Jahre aus der Konkurrenz aus und wollte dann begreiflicher weise ihren Fraktionsvorsitzenden und den Vorbereiter dieses Erfolgs im Landtag wissen. 

 Gegen halb acht kam Tania nach oben, um hinter der roten Plaste zu duschen, und sie störte sich nicht daran, daß Simone im Renten-Konzept der Bundestags-Gruppe raschelte und anstrich. Bloch nahm Coyllurs Kopfhörer ab und stand von Coyllurs Schaffell auf, um den Tisch für das Abendbrot zu decken, und Simone fand großartig, daß Teller und Teeglas ihren Arbeitsplatz einengten, und es auch ganz normal war, daß sie die Papiere einfach unter den Stuhl legte und in den Brotkorb faßte.

„Comandante“, erinnerte Bloch mit vollem Mund, „du müßtest auch mal wieder in die Wanne.“

„Freitag“, legte Che fest und imitierte mit ein paar Scheiben Salami, Schinken und Käse einen Hamburger. „Da kann ich morgens wenigstens ausschlafen.“

„Und was hat Ausschlafen mit Duschen zu tun“, fragte Bloch.

„Nichts“, sagte Che. Er riß den Mund für das Mehrschicht-Brot auf und klappte ihn noch einmal zu. „Ich habe heute einfach keine Lust drauf...“

„Heute“, wieherte Tania. „Und überhaupt müßtest du längst schwarz sein! Du!“

Simone grinste und schüttelte den Kopf.

„Bei euch sind wohl alle ein bißchen verrückt?“

„Naja, sagen wir mal so“, sagte Tania. „Ja! Doch...“

„Sogar die dummen Kühe werden in dieser Welt verrückt“, erklärte Che und zwinkerte Simone machohaft kühl zu. „Und dazu diese Eltern...“

„Und von denen bin ich noch die vernünftigere Hälfte“, stimmte Bloch zu.

Tania klappte die sowieso zu breite Oberlippe bis zur breiten Stupsnase um, aber weil die Männer ihre Kampfansage nicht annahmen, mußte sie irgendwann aufgeben. Also machte sie sich krumm, zog den Kopf etwas zwischen die Schultern und biß um so entschlossener vom Quark-Brot ab. 

„Und wer ist nun wirklich euer Comandante“, fragte Simone und schlürfte ihren Tee.

„Die Königin von Saba“, behauptete Bloch.

„Natürlich der Inka“, sagte Tania und ließ die Nüstern beben.

„Papa“, verzichtete Che auf die familiäre Federkrone und legte sich nun Schinken zwischen zwei Scheiben Käse. „Wie in jeder Familie ohne Mutter...“

Zum Zähneputzen mußten die Kinder vor das Waschbecken hinter dem Plastevorhang, und während Bloch das Geschirr abwusch, nahm sich Simone wieder ihre Zettel vor. Sie trug inzwischen drei Gänsehäute übereinander, aber sie wollte nicht in die Lederjacke zurück und würde nur aus dem T-Shirt kommen, wenn Bloch ihr Frieren als Angebot interpretierte. Daß sie sich ernsthaft für die Funda­mente, Säulen und Spitzdächer der verschiedenen Rentenmodelle interessierte, konnte er eigentlich nicht annehmen. Bloch legte einen illustrierten Band über die Indianer Südamerikas vor sich hin, und er blätterte vor und zurück, las die unterstrichenen Zeilen durch und suchte zwischen den Rasterpunk­ten flauer Grauweiß-Fotos.

„Kennst du eigentlich ‚Basic Instinct‘?“

Zwischen Wand und rechtem Lautsprecher holte Simone ihren dunkelbraunen Plastebeutel hervor, und es rasselte, als sie ihn vor Bloch hinstellte. Seine Antwort war ihr allerdings nicht wichtig, da Simone ihm ja eine Zusammenfassung geben wollte.

Diesmal paßte sie das Bett-Halsband Bloch an, dann knöpfte Simone ihm das Hemd auf und zog es ihm von den Armen. Die breiten Ledermanschetten für seine Handgelenke waren schon mit kleinen Vorhängeschlössern mit einer verzinkten Baumarkt-Kette verbunden, und daran ließ sie ihn aufstehen und daran zog sie ihn zum Bett. Als die Handkette hinter Blochs Kopf um den Bettrahmen gewickelt und mit einem weiteren Schloß gesichert war, mußte er noch einmal mitspielen. Er mußte den Hintern heben, damit Simone ihn aus den Hosen bekam, aber die Fesselung seiner Fußgelenke war wieder echt.

„Ich glaube, daß ich das erste Mitglied einer Parteiführung bin, das du so kennenlernst“, sagte Simone, als sie über Bloch in die Grätsche und dann auf ihn nieder ging. Erst als sie fest saß, zog sie das schwarz-blaue T-Shirtchen über den Kopf. „Und das ist eine Form der politischen Auseinandersetzung, die mir sehr liegt.“

„Tausend Mal besser als ein Bürgerkrieg“, flüsterte Bloch. „Aber witzig ist es nicht...“

„Das ist ja auch kein Witz! Und mit Karriere oder Laufbahn oder Profi-Politik will ich dir gar nicht kommen... Um das Gehalt geht es natürlich auch, aber zuerst... Ihr seid hier doch zehntausend Wähler oder so, und ihr braucht endlich wieder Jobs, Kredite und Träume! Und du verlierst die Wahl doch sowieso... Ich nur vielleicht!“

Bloch sah Simone mit großen Augen an. Er verstand jedes Wort und begriff auch alles, aber er sah eben den falschen Film zu diesem Monolog. Die schmalen Schultern hoben sich lebendig, aufflutende Zufriedenheit schob weiches Fleisch um das feine, runde Kinn, und sogar ihre Mädchenbrüste faßte Simone selbst an. Sie senkte die Lider, um sich darauf zu konzentrieren, was der Unterleib ihrem Skla­ven abverlangte, und dann beobachtete sie aufmerksam, wie er seine Phantasie und die Tittengier der Finger in die Körpermitte leitete, zum einzigen Punkt, der sie beide verband.

„Und da ist das doch ein legitimer Kompromiß... Ich sag doch gar nicht, daß du für irgend etwas, für irgendeine große Idee, verzichten sollst! Nur für mich, wenn du magst... Und erst mal müßtest du das ja nur mir versprechen! Wenn unsre alten Stalinisten Seichter nominieren, diesen Grammatiklehrer... Dann kannst du immer noch, dann solltest du sogar...“

Bloch wollte nun ernsthaft davon, aber die Ketten hielten ihn, und in diesem Arrangement gewann Simone noch durch seine Unzufriedenheit. Sie stieß ihm die Knie in die Seiten, bog den Kopf in den Nacken und bewegte ihn ausholend in Halbkreisen.

„Und du könntest mich ins Fernsehen bringen, meint Cousteau. Ins Dorffernsehen, hier... Weil deine Freundin, damals, Kranzlers Tochter war. Und dem gehört doch...“

„Die Klo-Fabrik, jaja... Und kannst du es nicht mit bißchen ‚Huch‘ und ‚Hach‘...?“


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