Wolokolamsker Chaussee

Seit er als Siebenjähriger eine entsprechende Zeichnung gesehen hatte, konnte Bloch die Kalaschnikow mit geschlossenen Augen und ohne Hilfe der Hände auseinander nehmen und zusammensetzen, und das schien ihm noch immer nützlicher als das Zählen von Scrapie-Schafen. Beim Einschlafen half ihm die Übung zwar nur selten, aber bei der Fahne war diese Fähigkeit sehr praktisch gewesen. Der Spind, den seine Hauptleute für in Ordnung befanden, hätte General Walter Bloch noch an Bakunins Schreibtisch erinnert, und alles in allem war Bloch mit achtzehn in ein dreijähriges Geländespiel freigelassen worden. Er wußte zwar, daß er als Letzter seines Kommandos mit gebrochenen Beinen und zwei Lungen-Steckschüssen weiter kriechen sollte, damit die Handgranate aus seinen erkaltenden Fingern in den feindlich dampfenden Raketenschacht fiel, aber Bloch hielt seinen Vater auch für zu intelligent, das von ihm wirklich zu erwarten. Zumindest unterbewußt hatte der rote Preuße seinem rot bemützten Sohn wohl einfach das Privileg beschafft, aus einem abgehobenen Flugzeug aussteigen und sich ganz legal darauf vorbereiten zu dürfen, in jeder Kneipenprügelei zu siegen. Genauso sagte Bloch ihm das auch, als der General in einer gewöhnlichen Lagebesprechung das Neujahrs-Ei köpfte.

„Natürlich sind das Erstschlagswaffen“, sagte Blochs Vater von den SS-20. „Und auf ihren fahrbaren Rampen sind die Dinger wirklich besonders gefährlich. Vor allem natürlich, wenn sie bei Waren kurz vor dir quer über die Autobahn rollen.“

Bloch lächelte gequält.

„Und für Zigarren der Freunde sind sie ziemlich genau“, verriet sein Vater das nächste Dienstgeheimnis. „Es heißt, wenn sie auf Bonn abgeschossen werden, dann werden sie auch irgendwo zwischen Hamburg und Genf runtergehen.“ General Bloch löffelte sich das weiche Gelbei über die leicht vorragende Familien-Unterlippe. „Das heißt: natürlich nur, falls sie nach dem Abschießen auch wirklich losfliegen...“

„Sag mal, Papa“, sagte Bloch. „Und nur ganz theoretisch... Wenn der Sohn von einem Oberst oder General zur Reserve einberufen wird und den Wehrdienst verweigert, dann würde der Vater doch ziemliche Schwierigkeiten kriegen, nicht?“

Blochs Mutter ließ den Kaffeelöffel fallen und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.

„Na, das will ich wohl meinen“, sagte der General und lachte, bis auch er begriff. „Du? Du bist... Du hast...“

„Aber das könnte passieren“, sagte Bloch und stand für drei Jahre vom Familientisch auf. „Es wäre wirklich für alle besser, man bittet mich nicht mehr, diese wandelnden Kalksteinbrüche von Wandlitz zu verteidigen.“

„Erik“, fragte die Mutter. „Du willst doch nicht in den Westen? Oder doch?“

„Ich möchte zu Ende promovieren, Gedichte schreiben und Regie studieren“, sagte Bloch den Rest seines Wunschzettels auf. „An der Karl-Marx-Universität Leipzig und in Berlin, Hauptstadt der DDR... Ich kann das, und ich schaffe das, und ich will nur, daß mich dabei nichts und niemand stört.“

Wenn Bloch gewußt hätte, daß Petra in dieser Silvesternacht beim Zettelkleben gegen alle Raketen verhaftet worden war, hätte er sie ohne Bedenkzeit mit auf seine Forderungs-Liste gesetzt, und er wäre wahrscheinlich nie in diese 6.24-Uhr-Lage gekommen.

Bloch war schon zehn Minuten an den Gedanken gewöhnt, der mitleidig beäugte Adoptivvater von zwei schwarzen Zwillingen zu sein, als auch noch das nur theoretische oder statistisch Mögliche passierte. Die Hebammen und Ärzte sahen einander an, als hätten sie irgendeinen Fehler gemacht.

„Und wem gebe ich den Zettel mit den Namen“, fragte Bloch und fingerte am grünen ZuschauerKittel. „Wir haben die aufgeschrieben, weil sie für Fremde ein bißchen kompliziert klingen...“

„Aah, ja“, sagte die ältere Hebamme, die fast die ganze Zeit im Zimmer gewesen war und wußte,  daß Bloch kein Wort Ketschua verstand. „Klar... Und wir werden dazu auch aufschreiben, daß sie der Kindsvater sind, ja?“

Endlich flüsterte Coyllur Bloch etwas, was Bloch ein bißchen Spanisch vorkam.

„Ob sie die Babies mal bekommen kann“, übersetzte Bloch. „Besonders das Mädchen. Das ist so dunkel wie ihr Vater...“

„Ja, das kommt vor“, sagte der hauptsächliche Arzt, nur wenig überzeugt.

„Ich liebe dich, Kleines“, sagte Bloch und küßte Coyllur flüchtig und eigentlich erst zum zweiten Mal. „Und vielleicht könnte mal irgendjemand ein Foto von uns Vieren machen?“

Als Bloch aus dem Krankenhaus Friedrichshain kam, ging eben die Sonne auf, und er leistete sich sein erstes Westgeld-Taxi. Petra und Heinz warteten wie verabredet in seiner von zwei Jahren eingestaubten Hinterhaus-Wohnung, und Petra starrte mit großen Augen statt des Polaroids Bloch an.

„Du siehst echt wie einer aus, der gerade Vater geworden ist“, sagte sie und warf dann nur einen kurzen Blick auf das Foto. „Mensch, da fehlt euch ja nur noch ein Chinese!“

Heinz murmelte so etwas wie ein Gebet und gähnte dann ausgiebig.

„Und ich frage dich auch ganz bestimmt nicht, ob ich die Kinder taufen soll!“

„Oh, das verstehe ich“, sagte Bloch und kam nun mit den Fingern in die Hemdtasche mit den Namenszetteln. „Bei...“ Er faltete den rot beschriebenen Zettel auf. „Bei Ocllo Tania Elisabeth ist ja wenigstens noch ein christlicher Name bei. Aber dann haben wir in Blau einen Tupac Amaru Che Walter Bloch, und da meint Walter meinen Vater, und der...“

„Trinke erst mal einen Kaffee“, sagte Petra und nahm die Glaskanne aus der Kaffeemaschine. „Das beruhigt! Und so sind dort nun mal die Sitten! Irgendetwas Traditionelles, etwas mit Bedeutung und der Name der Eltern des Vaters...“

„Und seit wann beruhigt ausgerechnet Kaffee“, fragte Bloch resigniert.

„Aber du mußt ein bißchen schlafen“, sagte Petra großzügig. „Um vier ist Besuchszeit, und ich hole deine Alten vom Ostbahnhof ab!“

„Danke“, sagte Bloch und war trotz Entbindung und Kaffee wieder hell wach. „Du hast meine...?“

„Na, sie sind doch Großeltern geworden! Praktisch, im Prinzip...“

„Tja, dann kann ich ja gehen“ sagte Heinz und beeilte sich, dem unvermeidlichen Gewitter zu entkommen. 

„Oh, ja! Im Prinzip ja“, schrie Bloch. „Nur bin ich jetzt katholisch, und sie müssen zu einer illegalen minderjährigen indianisch-peruanischen Hure...“

„Sie ist nur noch minderjährig und indianisch“, sagte Petra. „Ansonsten ist sie noch zwei Wochen genauso DDR-Bür­ger wie du, und auf den Strich wirst du sie doch nicht schicken wollen, oder?“

„...Tochter sagen“, wütete Bloch weiter. „Und zu den Früchten ihrer Spätschicht...“ Er trank schnell zuviel Kaffee und hustete ihn über die Tischdecke, über die Jeans und über Petra. „...tschuldigung!“

Blochs Inszenierung dieses ersten Besuches der Großeltern kam wohl deshalb gleich nach seiner Revolution. Er stellte Coyllur artig ihre Schwiegereltern vor, entschuldigte das Schweigen seiner Frau mit der ganz sichtbaren Schwäche und erklärte Tania mit der Farbe ihres Großvaters.

„Aber von dir selber hat sie auch ziemlich viel“, sagte Blochs Mutter. „Du müßtest mal Baby-Fotos von dir sehen!“

Bloch nickte und schielte zu seinem Vater, der das Namenspflaster am Bett des Jungen las.

„Tupac Amaru ist ein indianischer Freiheitskämpfer“, erklärte er. „Und Walter, da habe ich...“

„An Walter Ulbricht gedacht“, sagte General Bloch und riß seinen Sohn in die Arme, als hätten ihre Armeen eben den Kessel von Stalingrad geschlossen.

„Aber sein Rufname ist Che“, verteidigte sich Bloch erschrocken und wurde dafür geradezu gewürgt.

„Gut! Sehr gut!“ Der General atmete tief durch. „Ich glaube, ich... Wir, meine Generation... Wir haben wohl doch einige taktische..., vielleicht sogar strategische Fehler gemacht. Jedenfalls sieht es so aus, im Moment.“

Coyllur flüsterte irgendetwas, und Bloch übersetzte es als das Versprechen, sobald wie möglich bei Mutter und Vater vorbei zu kommen.   

„Falls sie euch so nennen darf, sagt sie.“ Bloch senkte die Stimme. „Bei ihr zu Hause ist das eine nicht so selbstverständliche Sache.“

„Hier schon“, sagte General Bloch. „Und wie steht sie eigentlich politisch?“

„Und wo ist das“, fragte Blochs Mutter. „Na, bei ihr zu Hause...?“

„Peru“, sagte Bloch. „Ein Dorf in Peru... Aber wahrscheinlich werden wir hier bleiben. Berlin, höchstens Aschenbach.“

„Und sie ist Studentin“, setzte die Mutter das Verhör fort.

„Ja“, sagte Bloch. „Das heißt nein! Also Ja und Nein. Sie muß doch erst mal Deutsch lernen, ist ja klar! Und dann gibt es, wenn wir der Westen sind, wahrscheinlich Probleme. Bürokratische, mit der Anerkennung des peruanischen Abiturs... Aber dann studiert sie bestimmt. Auch Theaterwissenschaften übrigens. Da haben wir uns ja überhaupt kennengelernt, im Theater... ‚Troilus und Cressida‘ von Shakespeare. Aber das wird euch nicht viel sagen...“

„Shakespeare, das ist gut“, sagte General Bloch. „Und ‚Troilus und Cressida‘, Oberleutnant: da geht es um den Trojanischen Krieg.“

„Nein“, sagte Bloch erstaunt.

„Und ob!“ Blochs Vater drohte mit dem Zeigefinger. „Ich habe zwar fast nur Fachliteratur gelesen, aber bei meinem Fach kommt man an Shakespeare gar nicht vorbei! Ich bin ein ziemlich kultivierter Barbar, du Dichter!“

Coyllur sagte wieder etwas, und als Bloch noch Luft holte, übersetzte seine Mutter, daß seine Frau noch ein paar Minuten mit ihm allein sein und dann schlafen wolle.

„Und du hast in der Kaufhalle heimlich Spanisch und Ketschua gelernt, ja“, fragte Bloch, und war mit einem Mal unsicher, wieviel Petra seinen Eltern durchtelefoniert hatte.

„Frauen verstehen sich auch so“, sagte seine Mutter, sehr großmütterlich. „Und ganz süße Kinder habt ihr! Und die Kleine: so dunkel und dir doch so ähnlich! Nicht zu glauben!“  

Bloch setzte sich wie betäubt auf die Bettkante. Er hatte keine Idee, wo und wie er eine Wöchnerin und ein völlig fremdes kleines Mädchen zugleich zärtlich und doch unverbindlich anfassen durfte, aber dann brauchte er so eine Idee gar nicht. Coyllur bewegte den Oberkörper gegen sein Bein und holte sich seine Hand an die rech­te Schulter, und zumindest tat sie so, als schlafe sie ein. In den einkaufswagen-großen Gitterbettchen schliefen die Kinder, und Bloch bekam zum ersten Mal seit seiner Wiederbelebung Alkoholdurst und wurde zugleich spielend mit diesem Verlangen fertig.

Vielleicht gab es zwischen Mehnert und Petra alte oder Stasi-Kontakte oder irgendeinen Draht zwischen dem Guerilla-Popen und dem Gott, an den sie alle drei nicht glaubten, und Coyllur und Bloch mußten sich gegenseitig retten. Nur daran, daß sein Vertrag mit dem Glaswerk Ende des Jahres auslief, durfte Bloch in diesem Moment nicht denken.

Das leise Tür-Öffnen erschreckte nur Bloch, und er stand vorsichtig auf und folgte dem Nicken einer dicken Hebamme auf den Korridor und bis in das Zimmer eines mageren Arztes. Dieser hatte Akten und Fotos vor sich und versuchte, ein bißchen polizeilich auszusehen.

„Machen Sie den Vaterschafts-Test gleich“, forderte er Bloch nach ein paar Minuten bedeutungsschweren Schweigens auf.

„Wieso? Wird das jetzt Pflicht?“

„Nein, nein! Aber es ist nur noch vierzehn Tage umsonst...“ Der Arzt zuckte die Schultern. „Und ich werde dann keinen Grund haben, mich zu beschweren, aber Sie... Überlegen Sie sich das gut, ob Sie wirklich für zwei fremde Kinder sorgen wollen! Sorgen können...  Denn daß diese, daß Ihre Frau und Sie eine farbige, eine sehr farbige...“

„Eine schwarze Tochter“, half Bloch ihm aus der Verlegenheit. „Ein richtiges Brikettchen, nicht?“

„...gezeugt haben können, das glauben Sie doch selbst nicht!“

Die Hebamme nickte bestätigend.

„Alle Menschen sind Neger“, sagte Bloch und zuckte die Schultern. „Entwicklungsgeschichtlich...“

„Danke, ich weiß das!“

„Na, bitte!“ Bloch stand auf. „Und die anderen, die werden ab dem 3. Oktober schon merken, wie sehr sie die Neger sind.“

 „Moment noch“, sagte der Arzt und schichte die Fotos um. „Denn wenn das Ihre Frau ist und wenn das Ihre Kinder sind, dann... Dann müssen Sie beide ein paar sehr riskante Sex-Praktiken haben, sehr schmerzhaft für Ihre Frau...“

„Aber die verrate ich Ihnen nicht“, sagte Bloch und merkte, daß er sich so sehr im Ton vergriffen hatte, daß er mit einem Bein im Gefängnis stand. „Kommt nicht wieder vor, ehrlich! Ich bin jetzt katholisch geworden, und die Adresse von unserem Gemeindepfarrer kann ich Ihnen gern geben! Vielleicht glauben Sie ja ihm?“

Es war die Hebamme, die zu überzeugen gewesen war, und sie klopfte Bloch auf die Schulter und ging bis zur Tür der Station vor ihm her. Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle sie die Tür öffnen, aber tatsächlich hielt sie die Tür zu und klemmte Bloch zwischen ihrem Arm und ihren Ammenbrüsten ein.

„Ar wenn de nich katholisch jenug bist, Männeken“, grollte sie. „Die Kleene kann mir imma anrufen, waa! Und dann hilft dir kein Jemeinde-Kasper mehr, klaar?“

„Bei den Bärten von Jesus, Marx und allen Bürgerrechtlern“, schwor Bloch. „Und Sie haben doch bestimmt durchs Schlüsselloch gesehen...“

Freilich gab es auch Situationen, in denen nicht einmal Bloch ein Witz eingefallen wäre. In der Vorstel­lungsrunde für das zweite Studium war das so gewesen, im Stühlekreis auf der kleinen, zugigen Bühne in der Belforter Straße.

„Theaterpraxis habe ich natürlich“, witzelte Bloch angestrengt. „Als Oberleutnant im Ruhestand und fast promovierter marxistischer Philosoph... Und bevor Ihr fragt: natürlich bin ich mit meinem Großonkel Ernst verwandt, obwohl ich nicht begreife, warum sich alle Welt für den Metzger des Lausitz-Kaffs Jauernick interessiert.“ Erleichtert nickte er seinem rechten Nachbarn zu.

„Tja, ich bin der Ralph-Uwe... Tontechniker, bisher“, sagte der lange Nickelbrillenträger noch gequälter. „Ralp-Uwe Mielke.“

Mielke wurde weder an diesem Tag noch irgendwann später nach seiner Verwandtschaft gefragt, und obwohl er wie alle arbeitete, trank und stritt und sich nach der Wahl Gorbatschows wie alle anderen auch zum Korrespondierenden Mitglied der KPdSU erklärte, wurde ihm am Anfang des vierten Studienjahres das einzige Berliner Engagement angeboten.

„Wollen wir nicht tauschen“, fragte Mielke in der Eck-Kneipe an der Schönhauser, und alle vier, die obere Hälfte des Studien­jahrgangs, schwieg düster.

„Als Spezialist für die Weltanschauung der Arbeiterklasse fühle ich mich an einem Arbeitertheater wirklich gut aufgehoben“, sagte Bloch und schob Mielke sein Wodka- neben das Bierglas. „Ich werde irgendwo in der Taiga Heiner Müller aufführen: ‚der Boden unter unsern Stiefeln heißt Sowjetunion und ich bin die Sowjetmacht...‘„

„Leute, ich bin wirklich nicht mit ihm verwandt!“

„Sagt doch auch keiner“, tröstete ihn Carmen, die rechtzeitig mit dem Rostocker Theater geschlafen hatte und eigentlich ebenso zufrieden war wie Bloch.

„Es glaubt dir nur keiner“, präzisierte Bloch. „Von mir abgesehen... Denn Jauernick gibt es zwar, und bestimmt haben sie da einen Fleischer, aber auch mit dem bin ich nicht verwandt.“

„Niemand kann für seine Verwandtschaft“, versprach sich Wolfgang, der in Radebeul, also fast  noch in Dresden beginnen sollte. „...für seinen Namen, meinte ich. Und selbst wenn du das gewollt hättest: den Namen zu ändern, würde sich doch kein Standesamt trauen, nicht?“ Er gab eine Runde Zigaretten, hob dann das Bier-Glas und setzte es wieder ab. „Trotzdem würde ich gern wissen, wieso gerade du in Berlin bleiben kannst! Als einziger...“

Es war um ein Engagement am Kinder- und Jugendtheater gegangen, um das Bloch den Kollegen erst als Familienvater beneidete, und inzwischen saß Mielke dort in einem eigenen Büro und konnte einer Sekretärin befehlen, für den Besucher Kaffee zu kochen. Mehr freilich war in den letzten Tagen zwi­schen den Wölfen des Stalinismus und den Schoßhunden der Marktwirtschaft nicht möglich.

„Jetzt entscheiden die Bürokraten, Schlachter-Enkel! Ich habe ehrlich nicht die geringste Ahnung, ob der Laden morgen zu ist oder ob ich übermorgen ordentlicher Intendant bin... Und wenn ich Intendant bin, dann kann ich erst recht nichts für dich tun! Sie würden das eine ‚alte Seilschaft‘ nennen, und das würde in diesem Fall ja sogar stimmen.“

„Weil wir ja zusammen die Höhen der Kultur stürmen wollten“, sagte Bloch verständnisvoll.

„Genau!“ Mielke atmete erleichtert auf. „Und du weißt ja, daß du dich immer auf mich verlassen kannst.“

Bei den anderen zu lange nicht besuchten Bekannten, beinahe Freunde ging es Bloch noch besser. Es gab keinen, der nicht einen Job für ihn wußte. Er konnte jederzeit als Leitartikler, Leiter eines soziokulturellen Projektes oder Video-Regisseur anfangen, wenn er dafür nicht sofort und nicht regelmäßig Gehalt erwartete. Seine ehemaligen Uni-Kollegen wollten ihn gern den ihnen vorgesetzten Versicherungs- und Lexika-Vertretern vorstellen, und Blochs privatisierte Lektorin war mit jedem unzensierten Gedichtband und jedem entwicklungslosen Heimatroman einverstanden, dessen Veröffentlichung er ihrem Verlag bezahlen konnte. Außerdem klebten an allen Laternenmasten und S-Bahn-Auf­gängen, an denen Bloch auf seinen Spaziergängen vorbeikam, kopierte Zettel mit Telefonnummern auf den ausreißbaren Bartstoppeln: Millionär im Nebenjob, von Zu Hause aus.

„Wir hätten dich nie darum gebeten“, sagte Petra im Blumen­dschun­gel um die Krankenhausbetten.

„Nein, wirklich nicht“, bestätigte Heinz. „Daß du die drei einfach geheiratet hast, ist ja schon mehr als genug gewesen!“

„Aber du nimmst uns damit eine ziemliche Sorge ab... Wir hätten für den Moment nämlich gar nicht gewußt, wo wir deine Familie unterbringen und wie wir sie füttern sollten!“

„Hört ihr mir überhaupt zu“, begann Bloch laut, erschrak und setzte scharf flüsternd fort. „Ein Zimmer habe ich hier ja, aber ich habe keine Ahnung, wovon wir eigentlich leben sollen!“

„Jaja“, sagte Petra. „Wir haben eben alle drei nix Richtiges gelernt! Warum sollten die wissen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, da sie sowieso nur vorhaben, sie zu verkaufen. Oder zu kaufen... Dein alter Herr meinte doch...“

„...daß er mir einen prima Nachtwächter-Job vermitteln könnte! Bei einem Stasi-Oberst...“

„Wachmann oder Detektiv“, berichtigte Petra und zog den Kopf zwischen die Schultern. „Klar, über dich, mich und die Stasi müssen wir ja auch noch reden. Das war...“ Sie reckte den Hals, um in Coyllurs Flüstern zu hören. „Sie will nicht unbedingt in Berlin leben, sagt sie gerade. Sie folgt dir überall hin...“

„...wie ja die Bibel vorschreibt“, ergänzte Heinz grinsend.

„...weil das so Sitte ist, in Peru. Die Kinder werden eine Weile von ihr leben, und sie kann sehr gut stricken. Und Tontöpfe machen... Ja, wahrscheinlich braucht ihr weniger Geld, als du im Moment denkst!“

„Weil wir nie Tontöpfe kaufen müssen, klar.“ Bloch holte tief Luft. „Laßt uns mal allein!“

„Aber ihr könnt doch kein Wort miteinander...“, staunte Petra, hob besänftigend die Hände und stand vom Besucherstuhl auf. „Schon gut, ja!“

Bloch stellte seinen Stuhl tief in die Ecke aus Coyllurs Bett und den Einkaufswagen der Zwillinge, und er streichelte vorsichtig über alle Decken, von rechts bis nach links, von hellblau über rosa nach weiß. Gerade über dem größten Körper zitterte seine Hand am meisten.

In der Zeit des Verrates waren nicht nur die Landschaften, sondern auch die Frauen schön, dachte Bloch einen Müller-Text weiter. Weil die Luft nicht nach Rauch geschmeckt hatte, waren die Panzer nicht gekommen, die Rote Rosa unter den Ketten, Stalin im Turm, aber damit fehlte der „Wolo­ko­lamsker Chaussee“ ja noch ein neuer Schluß. Die Genossen auf Tauchstation, das Rau­schen in der toten Leitung: das galt in Berlin wie in Aschenbach, wo Bloch immerhin den Regierenden Bürgermeister kannte. Du kannst mich nur noch bei dir selbst anzeigen. An Sand für Milchgläser und Ton für Rö­mer­töpfe war dort leichter heran zu kommen, im Grunde war es egal, wo er keine Theaterarbeit fand, und selbst eine Phil-Marlowe-Kopie mußte in Aschenbach nur mit einer sehr überschaubaren Konkurrenz rechnen. Noch einfacher freilich würde sein, wenn Bloch nach diesem achten Besuch in die gewohnte Einsamkeit zurückfuhr, um soviele der neuen Spirituosen zu verkosten, wie das auslaufende Gehalt, das Arbeitslosengeld und die Arbeitslosenhilfe zuließen. Wenn er dazu endlich eine kräftige Zigarettensorte fand, konnte er die Teerarbeit an seiner Lunge noch vor dem vierzigsten Geburtstag beendet haben, und nicht einmal Petra und ihr partnerschaftlicher Guerilla-Priester durften ihm das vorwerfen. Mit der katholischen Kirche im Rücken würden sie den buntesten Blochs aller Zei­ten eine Hinterbliebenen-Rente besorgen können, und es konnte keine Sünde sein, nicht älter als Che Guevara werden zu wollen.

Weil der kleine Che gerade da in die Abschieds-Arie seufzte, mußte Bloch grinsen, und weil eine gute Mutter sich aufstützen und nach dem unruhigen Sohn sehen mußte, konnte Coyllur die Grimasse gut als Fröhlichkeit mißverstehen. Außer beim rituellen Schmatz in der Kirche waren sich ihre Gesichter noch nie so nahe gewesen, und Couyllur streckte die Lippen für einen schnellen Kuß vor und Bloch spürte plötzlich die harmlose perverse Lust, ihr die Zungenspitze in das breite Nasenloch zu schieben. Seine Hände waren neugierig auf ihre exotische Mähne, und sie versuchte, etwas von seinen Stoppeln zwischen die Fingerspitzen zu bekommen. Als gelernte Katholikin mußte Coyllur auch eine Zweckheirat als ein unauflösbares Sakrament feiern, und wenn die Sowjetunion einst ganz verschwunden war, und wenn auf der verbrannten Erde nur noch die leeren Panzer aufeinander krachten, dann mußte Bloch, und besonders als Fallschirmjäger, doch in den Wolken weiterkämpfen: eine Insel im deutschen Meer, das unsre Heimat wegbrennt.

„Ach, ihr armen Würstchen... Sie haben euch an den größten Trottel des Landes verschenkt, und ihr freut euch auch noch darüber“, sagte Bloch, während er seine kleine Frau vorsichtig auf das Kissen  zurücklegte. „Okay, daß wir nicht erfrieren und verhungern, kann ich euch versprechen. Das, was man hier für Berge hält... Und erst mal können wir uns ja ein Puppentheater bauen, nicht?“


Einstein

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