Star Trek

Irgendwann, nach einer besonders mißlungenen Argumentation, kam diese Erklärung auch in unserer FDJ-Gruppenversammlung an: Fernsehen und Zeitung müßten reden, wie sie redeten, weil das Politbüro über bestimmte Dinge gar nicht informieren wollte, sondern nur auf die Unterstellungen der feindlichen Medien antworten musste. Ich erinnere mich nicht mehr, worum es ging, und das war auch schon damals unwesentlich. Dass es prinzipiell so war, wussten wir in der 10. oder 11. Klasse ja längst. Die Neuigkeit war das Eingeständnis dieses Zusammenhangs, und dieses Eingeständnis war offenbar ein Punkt auf einer neuen Linie. Sogar mein Vater brachte diese Nachricht aus seiner Parteiversammlung mit - freilich in die Frage gekleidet, ob nun zum besseren Verständnis der eigenen Agitation und Propaganda endlich der West-Empfang in Ordnung gebracht werde. Ansonsten würden nur die Alteigentümer in den Weinbergen, die ihre Eigenbau-Antennen als Wäschepfähle tarnten, gebildete gute Staatsbürger bleiben, während die massenhafte Informiertheit über die Systemauseinandersetzung vom schlechten Wetter abhängig blieb, das dem Stadtzentrum wenigstens eine verschneite „Tagesschau“ erlaubte.

In der Folge gab es Gerüchte, zunächst in den Elfgeschossern der Proletarier-Intensivhaltung würden die feindlichen Provokationen der Altherren-Runde demnächst über Kabel verteilt werden, aus Anlaß eines nächsten Jahrestags oder bedeutenden Geburtstages, und auch von ersten Streiks im Arzneimittel-Werk war die Rede. Die Bandarbeiterinnen wollten sonnabends Rudi Carrells „Am laufenden Band“ sehen können, oder etwas in der Art. Das mit dem Streik konnte meine Mutter mit dem Wissen aus erster Hand dementieren: niemand in der ganzen Belegschaft wollte ein Pole werden, und es gab einfach weder Ersatz noch Ersatzteile für einen Vorkriegs-Motor in der Beruhigungspillen-Fertigung.

Es waren solche Ereignisse, die mich aus den Kinderträumen vom deutschen Schlaraffenland weckten, aber im Grunde war ich mit dem Programm des DDR-Fernsehens recht zufrieden. Der „Polizeiruf 110“ genügte, alles Beunruhigende in nur 90 Minuten aus unserer Welt zu schaffen, bei uns war mehr Literatur verfilmt als im Westen gelesen worden, und es gab Serien zur Unterstützung des Russisch-Unterrichts und mein privates Programmfenster „Für die Freundin der russischen Sprache“.

Deshalb sah ich „Raumschiff Enterprise“ in seiner hundertsten Schleife über ganz  Deutschland zum ersten Mal im Fernsehraum des Internats, wo wir auf das Auslandsstudium vorbereitet wurden, und ich sah es verbotener und überflüssiger weise. Unsere Versammlung künftiger Führungskader und Exoten war ebenso bunt und gemäßigt extrem, und weil mich unsere Kirks, Scotties und McCoys langweiten und die erste Freistellung zu einem Poetenseminar der FDJ erst nach einem halben Jahr eintraf, bekam ich bei einem der heimlichen Vorabendbrot-Termine den Namen „Miss Spock“ verliehen. 

„Die Brunft ist für Vulkanier ja wohl auch lebensgefährlich“, stichelte Gisela, eine künftige Gallenblasen-Transplanteurin, die nur achtzehn geworden war, weil sie am anderen Pol des Universums geboren war. „Aber wenn du mal willst, nehme ich dich gerne als meine beste häßliche Freundin zur Disco mit.“

„Ein faszinierendes Angebot“, sagte ich vornehm kühl. „Seit ich nicht mehr Jungfer bin, habe ich beim Kükenschubsen nämlich ziemliche Komplexe.“

„Was denn? Du meinst..., du bist gar nicht mehr...?“

„Also das sollte man am 16. Geburtstag wirklich hinter sich bringen“, orakelte ich weiter. „Sonst bleibt man mental zurück, und das logische Denken nimmt irreparablen Schaden.“

Von da an waren wir wirklich praktisch befreundet, weil Gisela einerseits meinen Ruf verbreitete und mir andererseits schon Empfehlungen zu den interessierten Jungen gab, und bei einer ihrer Parties lernte sie einen Dreißigjährigen kennen, der einmal mit uns beiden ins Bett steigen und uns dabei in den siebenten Himmel vögeln wollte. Er schaffte das sogar, und ich versuchte Gisela ein paar Mal zu Wiederholungen zu überreden, aber sie ekelte sich gerade vor den faszinierendsten Momenten, in denen wir, sie zwischen ihm und mir, ich zwischen ihr und ihm, Tausende Engel singen gehört und sie noch übertönt hatten. Dass ich mich so vergessen konnte, war auch eine wichtige Erfahrung, aber die systematische Vorbereitung und Feier meines sechzehnten Geburtstags blieb schon die wichtigere und nützlichere.

Mit der Leidenschaft einer Gemüse-Großhändlerin untersuchte ich damals die Kaufhallen-Möhren auf ihre Brauchbarkeit, sowohl was ihre Größe und Form als auch ihre Härte anging. Nach dem Kaninchen-Prinzip härtete diese Vitamin-Kur meine Augen gegen alle Bibliotheks-Lampen, Monitorstrahlen und Glitzer-Spots der folgenden zwei Jahrzehnte ab, aber vor allem kam ich darauf, dass eine hart gekaufte Mohrrübe nach anderthalb Tagen die Beschaffenheit von hart gequetschtem menschlichem Fleisch hatte. In der Drogerie log ich sehr geschickt von meinem genierlichen großen Bruder, der nicht selbst nach „mondos“ fragen wollte, weil ich mir nicht sicher war, ob die Gummis ähnlich wie Zigaretten nicht an Minderjährige verkauft werden durften. Kindlich sah ich aber nicht mehr aus und psychologisch stimmte die Geschichte sowieso, und natürlich gab ich dem hilfreichen Gemüse keinen Kose-Namen. Es hatte beim Geburtstags-Duschen einen biologisch unnützen Hautrest zu entfernen, und danach entsorgte ich meine erste Liebe nach einem nochmaligen Abwaschen wie die mörderische Hammelkeule in der Kurzgeschichte von Roald Dahl. Den Kondom, der nicht in der Toilette unterging, schmuggelte ich in der Socke aus dem Bad und bis zum Papierkorb an der Straßenbahn-Haltestelle, und nach so einem Anfang war für mich eben kein Eindringen in meinen Bauch mehr mystisch, weder im Guten noch im Schlechten.

Der Geschlechtsverkehr ist physiologisch ja auch nur eine biomechanische, episodische und kürzestzeitige Anstrengung in tierisch einfachen Rhythmen, zu denen nur die Zwergschimpansen und wir Menschen phantasieren und improvisieren, bis aus den Hirnen Belohnungshormone rieseln: schön, dass es schön war, aber auch schön, wenn der Schmerz nachlässt. Streng betrachtet steuern uns also die Hormone gar nicht, sondern wir benehmen uns bewusst oder unbewusst wie Hormon-Junkies, und diese Sucht ist eigentlich viel leichter in den Griff zu bekommen als andere. Jahrhunderte hindurch haben sich Hunderttausende brave Priester mit den Hormon-Rülpsern von Abenteuern wie Taufen, Brandpredigten und Letzten Ölungen für den Goldenen Schuss nach dem Entscheid des Konklaves bereit gehalten, woraus die Legende vom zweiten, dem Amts-Leben der Päpste entstand. Und todkrank wird unser Gegenwärtiger zu jeder Oster- und Weihnachts-Messe getragen, aber der Hormonschub der öffentlichen Verehrung belebt Ihn für das nächste Semester. Oder umgekehrt: wie schnell verfielen doch Erich Mielke und Erich Honecker, nachdem ihnen die Lakaien vom Vortag die Schulterstücken und roten Telefone weggenommen hatten...

An der hormonellen Verwechselbarkeit von Sex und Gewalt lag es wohl auch, dass ich mich in die beiden kaukasischen Boxerinnen verliebte, so gut das in einer Woche Gefängnis ging, und obwohl sie im Unterschied zu Elena  nie mit mir redeten. Sie nannten mich einfach „Katzenzunge“, und indem sie mich riefen, befahlen sie mir schon, und während ich die eine bediente, drosch mir die andere spielerisch in den Magen oder auf die Brüste. Das war ihre Art, von Elena Honorar zu kassieren, und es erinnerte mich zugleich, dass nur Elena mich den Tag über vor ihren Trainingseinheiten und ihren gynäkologischen Untersuchungen bewahren konnte. Die beiden Bergleopardinnen waren nur vom selben Typ, und nach dem Zerfall der Sowjetunion entdeckten sie vielleicht sogar, dass sie seit jeher feindlichen Stämmen angehörten, aber als ferne Erinnerung erscheinen sie mir wie eine erste Marketing-Studie zu dem, was heute die Box-Industrie mit den Brüdern Klitschko versucht. Es gab in Lefortowo nur keine Amerikanerinnen, die die beiden von Zeit zu Zeit auf ihr wirkliches Format zurück klopften, und so war ich doch froh, als ich wieder mit zwei steifen Jünglingen vom KGB zu tun bekam.

Die Männer drehten sogar die Köpfe mit den roten Ohren zur Seite, als ich Unterwäsche, Rock und Bluse aus einem Dienststellen-Magasin anzog, neue, wenn auch eine Nummer zu groß bestellte Teile. Die Tür des „Ladas“, der im Hof wartete, öffneten sie mir zackig, und sie klemmten mich für die Fahrt zur Lubjanka auch nicht auf der Rückbank ein.

„Es hat da ein Missverständnis gegeben“, sagte mein erster Untersuchungs-
richter, der behaarte Gorbatschow, und er goss mir öligen Likörwein in ein kleines Glas. „Ein Missverständnis und eine unglaubliche Schlamperei... Aber dass der verdiente Vorsitzende des KGB, Genosse Andropow, selbst die Perestroika angebahnt hat, wissen Sie ja! Wegen genau solcher Schlampereien... Sie waren letztens plötzlich weg, als ich zurückkam, und ich konnte Sie nirgends finden!“

„Ich bin bestimmt nicht freiwillig gegangen“, sagte ich und trank das Glas in einem Zug aus.

„Natürlich nicht“, sagte er, nickte traurig und goss nach. „Aber es war nicht meine Absicht, dass man Sie...“

„Natürlich nicht“, bestätigte ich ihm und bekräftigte es mit einem Schluck.

Er holte tief Luft.

„Schließlich sind Sie doch nicht nur völlig unschuldig, Tatjana Petrowna! Niemand wirft Ihnen irgendetwas vor, und ich hatte Sie lediglich als Zeugin hierher gebeten.“

„Tja... Dann kann ich jetzt wirklich gehen?“

„Im Prinzip schon“, sagte er und langte wieder nach der Weinflasche. „Aber es wäre phantastisch, wenn Sie mir einen letzten Gefallen tun würden!“

„Das wäre sicher auch besser für mich?“

Er lächelte verlegen.

„Würden Sie mir denn unterschreiben, dass Sie hier immer korrekt behandelt worden sind? Und dass Sie über alles, was im Kraftwerk geschehen ist, Stillschweigen wahren wollen... Gegenüber jedermann, hier und bei Ihnen zu Hause...“

„Und dann kann ich wirklich gehen?“

„Versprochen! Wir werden Sie sogar fahren“, sagte er schnell, klappte eine rote Kunstledermappe auf und legte einen dicken roten Kugelschreiber auf das vorbereitete Papier. Das Tscheka-Wappen auf dem Kugelschreiber war fein vergoldet. „Wir fahren Sie ins Wohnheim und helfen Ihnen beim Packen, damit Sie Ihr Flugzeug bekommen, Genossin Zorn!“

„Ins Institut komme ich mit der Metro“, sagte ich vorsichtig.

„Ja, ja... Aber ich weiß doch, dass Sie immer bei uns promovieren wollten! Und ich habe Ihnen inzwischen die Genehmigung besorgt... Und ein Werks-Studium!“

Ich legte den Kugelschreiber hin, ohne einen Strich gemacht zu haben.

„Ist das wieder irgendein Trick?“

„Beim Andenken an Feliks Edmundowitsch! Sie können den Stift übrigens behalten... Tatjana Petrowna...“ Er straffte den Rücken, und seine Stimme zitterte feierlich. „Sie haben auf Fürsprache des Komitees für Staatssicherheit eine Ingenieur-Planstelle und ein Promotionsthema bekommen, und die Genossen erwarten Sie schon. Sie sind in Ihrem Studium ja auch, so heißt es überall, das Nachwuchstalent überhaupt...“

„Und wo genau erwarten sie mich“, fragte ich und schrieb meinen Namen.

„Im Kraftwerk Bilibino. Das ist...“

„...in Sibirien“, half ich ihm aus. „In Ost-, in Nordnordost-Sibrien... Bei den Tschuktschen!“

„Genau! Bei sehr freundlichen Leuten also... So gut wie in Japan“, sagte der Untersuchungsrichter. „Fast schon wieder im Westen! Tatjana Petrowna, wir kennen die Instituts-Witze darüber selbstverständlich, aber die sind ein bisschen ungerecht.“

Es war paradox, dass mir nach all den Studententräumen vom Praktikum in einem Betonbunker hinter dem Ural nun das Wort „Verbannung“ einfiel und mir kalte und heiße Schauer über den Rücken jagte. Im Grunde hatte mich ja einer der mächtigsten Geheimbünde aller Zeiten adoptiert, und wer wusste schon vorher, ob sie in Bilibino ihr Teewasser nicht mit kleinen Testexplosionen heiß machten. Wenn es die legendäre Stadt wirklich gab, lag sie aber nicht nur hinter dem Polarkreis, sondern auch in einer Sonderversorgungs-Zone, und man bekam Gehaltszulagen, Orangensaft in Eiswürfeln und durfte sich aus den Zobeln, die sich in den Kellern wärmten, Pelzmützen machen.

„Von meiner Seite aus war das alles“, sagte der Untersuchungsrichter und schraubte die Weinflasche zu. „Denn an dem Gerücht, dass sie eine muslimische Untersuchungsgefangene vergewaltigt haben, ist doch nichts dran, oder?“

Ich stand aus dem Sessel auf.

„Nein, Sie hatten doch nie eine begeistertere Verbannte! Beam me up, Scotty!“

Auf meinem Internats-Bett lagen drei Stück Begrüßungs-Konfekt, die ich gierig aufaß, während ich mich umzog, und dann klopften schon meine Reisehelfer mit den Beweismittel-Kartons an der Zimmertür. Gut die Hälfte der Garderobe würde ich an meinem neuen Studienort ja nicht brauchen können, und die leicht und günstig zu kaufende DDR-Literatur und die von zu Hause mit gebrachten russischen Original-Romane durfte ich spätestens den Anschlussflügen nicht mehr aufbürden. Ich musste die klassische Frage, welche drei Dinge ich auf eine einsame Insel im Eismeer mitnehmen würde, praktisch beantworten, und zum Recorder mit den Wyssozki-Kassetten packte ich noch „Master i Margarita“ und die fünfbändige Brecht-Auswahl.

Selbst das KGB bekam auf die gewünschte Schnelle keinen so langen Überlandflug, und weil mir auch noch keine Sonder-Maschine zustand, musste ich auf dem reservierten Kurier-Ticket reisen. Mein rechtes Handgelenk wurde mit einer Handschelle an einer gebraucht aussehenden Aktentasche befestigt, und gegen Abend flog ich zu den Warteräumen der Deputierten des Obersten Sowjets in Nowosibirsk, Aldansk und Nishnij Kolimsk. Dass es sogar noch dort roten Plüsch und rund um die Uhr heißen Tee gab, verwunderte mich nicht. Schließlich kannten wir alle die Geschichte vom zum XXIV. Parteitag delegierten Genossen Tschuktschen: Er erlebte eine Stadt aus hohen Steinhäusern, ein Hotel mit gut geheizten Zimmern, einen Palast aus Gold und Glas, ein Buffet mit Gemüse und Orangen und den Saal mit dem Transparent „Im Mittelpunkt aller unser Bemühungen steht der Mensch“. Und diesen Menschen hatte der Genosse Tschuktsche noch gesehen, aber mir fiel es in diesem Frühsommer doch schwer, zu glauben, dass dieser Mensch schon fast vier Jahre tot sein sollte.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida