Sympathy for the Devil

In dieser Etage des Rathauses und zu einem fünfzigsten Geburtstag war mir ein Stammgast der „Schinken-Bar“ so sicher wie der „Titanic“ ihr Eisberg. Noch hinter meiner artigsten Lederjacke würden die Frauen der Stadt-Stiefväter die faltigen Näschen rümpfen, und am Aschenbecher war mir die Überzeugung durch eine aus einem dünnen Jungen geschnitzte Feministin sicher: Dieses System, das mich zu mir machte, war unmenschlich, und am Schlimmsten war, dass ich mir darin als Lustobjekt der Herrscher gefiel. Vor allem aber wollte ich dort keine Beziehung vorspielen, wie ich sie zu Frank gar nicht hatte.

Ich hatte Barbara an ihrem Sonntag-Nachmittag mit der Gemälde-Sonderausstellung und der nur oberflächlich renovierten Mokka-Milch-Eisbar zur Lagebesprechung gelockt, und nun sagte sie den befreiend erpresserischen Satz einfach nicht. Sie kratzte mit dem langen Silberlöffel die Schokosoße vom Sahne-Gebirge, und das Gemisch von Sahne und Soße leckte sie erstaunlich heterosexuell ab.

„Mir scheint es schon so, dass er dein Freund ist… Dass du dazu noch mich hast, geht ja niemanden außer uns etwas an, oder?“

„Und das ist ja unser Problem, dass wir immer nur unter uns reden und streiten und feiern“, beruhigte mich Frank. „Genau genommen ist das nur eines unserer Probleme, und es absurd und Tatsache: Obwohl wir mit nur zwei Plätzen weniger die zweitstärkste Fraktion sind, kommt kein Journalist, kein Intendant und kein Unternehmer freiwillig zu uns. Nicht mal der Zoodirektor!“

Ich schlemmte nur die kleinen Kekse von unseren Kaffee-Untertassen, während sie sich als ältere Familientier und Eisbecher-Fresser verbündeten.

„Und wenn er da mit seiner Geschiedenen auftauchen würde, wäre das doch erst recht falsch, Schätzchen!“

„Na, das hoffe ich aber, dass er sie und seine Kinder einlädt“, protestierte ich. „Schlimm genug, was er alles von seinen DDR-Ver­brechen vergisst!“

„Ich? Was für Verbre…?“ Richtig unglücklich sah Frank aus, noch als er den Witz verstand. Er nahm den Kopf schief und bettelte mit dem Blick eines  kahlen Dackels. „Fremde kommen nicht, und unsere Genossen gehen nicht in dein Bordell! Die können gar nicht mehr. Und: Ja… Wenn jemand danach fragt, sage ich ehrlich, was du arbeitest!“

Ich schob den Unterkiefer vor und die Unterlippe nach oben, und ich verdrehte die Augen. Vielleicht war ich ihm für das gelegentliche Stottern böse gewesen, und vielleicht summierte sich das mit der Abneigung gegen solche Feste und mit dem Missfallen an der hohen Jahreszahl. Und Barbara, wenn es bei ihr so weit sein würde, würde mit mir nicht mal verhandeln… Also machte ich einen Fischmund und stieß die Luft aus, um nicht zu seufzen.

Es war dann ganz einfach, und es war sogar ein bisschen komisch. Vor dem eher schlichten als bäuerlichen, aber breiten Buffet im Bittsteller-Foyer verriet Frank zwei Mal, dass ich eine Hetäre war. Eine großartige Formulierung! Was man sich unter dem Wort vorstellte, passte einerseits genau auf mich, und andererseits glaubte das niemand. Eine der Stadt-Stiefmütter vermutete sogar eine Beschimpfung in einer Beziehungskrise, nahm mich auf ein Glas Wein zur Seite und beschwor mich, Frank einfach zu verzeihen. Er lebte erst wieder, seit er rote Ohren bekam und aus den Beratungen schlich, in sein Handy flüsternd. Für eine Viertelstunde sah sogar der Oberbürgermeister vorbei, und auch drei, vier politische Gegner und richtige Klassenfeinde musste ich als Franks Lebensgefährtin lächeln.  

„Und Sie sind… Du bist auch Schauspielerin“, fragte der Immobilienhändler, der im Wende-Winter einen Monat lang die Hoffnung der Partei gewesen war. „Frank hat ja schon immer in dem Karpfenteich gefischt.“

„Schauspielerin? Ja, wenn es sich so ergibt…“

Franks Ex antwortete immer so, und wenn es sich so ergeben hätte, wäre ich ja auch Journalistin, Heftchen-Autorin oder Rocktexterin gewesen, noch vorher. Instinktiv umschiffte ich nun die Wahrheit, denn ich wäre ihm da wie auf einer Sandbank nahe gekommen, und er war etwas älter und doch dynamischer als Frank. Ein Jäger eben, der davon lebte, alle seine Chancen zu wittern und zu nutzen. Er zog die Mundwinkel hoch, hob die rechte Schulter und sah mir in die Augen. Ein Blick, der mich bis durch die Füße nagelte, damit ich auf die Sektgläser für ihn und mich zurück war.

Zugegeben: Roms erste Christen hatten sogar nur in der Kanalisation gefeiert, einen Gott immerhin, und sie waren nicht bloß Sklaven gewesen, sondern schon ziemlich unbrauchbare Sklaven: Zu dünn für den Circus, zu alt für das Bordell: Sonst hätten sie ja eine irdische Perspektive gehabt. Nicht dass es keine Miss- und Mister-Wahl war, störte mich also an der Geburtstagsfeier, und dass niemand mehr auf die Auferstehung von Erich Honecker hoffte, war ja das mindeste.

Es war seltsam genug, dass Frank als Atheist seine Geburtstags-Runde mit einem frommen Gleichnis verteidigen wollte, aber an diesem Gleichnis stimmte auch gar nichts. Sie waren nicht die Keimzelle einer Graswurzel-Hoffnung gegen die Marmorplatten des Forum Romanum, sondern widerstanden nur wie die Nasszellen der Plattenbauten übrig der ersten Abrisswelle. Immer zwei von ihnen hatten mindestens zwei Fahrpläne zum Weltenheil und glaubten keinem Dritten, und unsere Pontiusse und Pilaten betrogen sie um ihr Martyrium, das Larvenstadium des Erfolgs. Jesus nicht am Kreuz, sondern in Gysis Talkshow-Sessel, und nicht ihre Todesschreie bei der Löwenfütterung, sondern ihr korrekt zugemessenes Stottern in einer Senatssitzung: Rom wäre zumindest nicht an den Christen zugrunde gegangen…

Eher erinnerten sie an Napoleons letztes Karree im „Waterloo“-Film – abgerissen, verletzt und nur noch von der Übermacht Wellingtons zusammen gehalten. Doch währen die müde gewordenen Haudegen der Revolution ihrem General überließen, auf die Kapitulations-Aufforderung mit „Merde!“ zu antworten, war um Frank eine Ka­ko­phonie von Vorschlägen für einmal legendäre Sprüche. La Garde meurt mais ne se rend pas? Von wegen! Es gab seriöse Buchhalter, die Berechnungen für ein wahres Elb-Rom vortrugen, und alternde Jugendliche wollten einen weitern Jahresetat für den Verein, der sie und ihre unehelichen Kinder ernährte. Einige zitierten die zuletzt erschienene Bibel ihres Fernhochschul-Dozenten, und andere rezitierten Laborratten und Legehennen die UN-Menschenrechts-Konvention. Immer wieder erkämpften sie die Einigkeit, weder den vergangenen Sozialismus noch den künftigen Kapitalismus zu mögen, in den Parteitagspausen statt der ewigen Bockwürste mehr Mohrrüben zu essen und sich nicht an der für 2030 geplanten europäischen Marslandung zu beteiligen, und immer wieder widerrief jemand diese Einigung für eine lobende Erwähnung auf der Lokalseite einer Boulevard-Zeitung.

Kaum jemand aus der Geburtstagsrunde würde noch gezwungen werden, der Marslandung vor dem Pflegeheim-Fernseher beizuwohnen, und niemand daraus lebte als Möhren-Bauer. Ihre Anträge zur Gesundheitspolitik schrieben sie, ohne Kranke oder Ärzte zu fragen, und wahrscheinlich hatten sie einen familienpolitischen Sprecher, der persönlich kinderlos und schwul war. Man konnte das vielleicht selbstlose Politik nennen, im Interesse der Armen, die gar nicht arm sein wollten und sie deshalb nicht wählten. Mir schien es mehr der „Die Partei, die Partei hat immer Recht!“, und das unterschied den inzwischen oppositionellen Verein ja nun gar nicht von den neu regierenden.  

„Es hat dich doch keiner dumm angemacht“, fragte Frank, als wir die Einkaufs-Beutel mit den Geschenken in seiner Wohnung hatten. „Oder?“

„Nein…“ Ich lachte, während ich die neue CD mit den alten Stones-Hits in den Player legte.“ „Nein, geschäftlich war die Fete ein absoluter Reinfall. Aber immerhin weiß ich nun, dass ich einen der klügsten Männer des Landes und einen der treuesten Stalinisten sehr glücklich mache.“

Frank brachte zwei Gläser mit Geburtstags-Whisky zum Couchtisch.

„Und ich weiß, dass du den äthiopischen Sozialismus vernichtet hast.“ Er ließ sich in die Ecke plumpsen und wies mir meinen Platz an, indem er den linken Arm auf der Lehne ausstreckte. „Doch! Ehrlich… Gerhard hat es mir erklärt.“

„Ach?“

„Ja, er war als Berater dort…“ Frank streichelte mir das T-Shirt vom Bauch, bis unter die Brüste, und flüsterte mir in die Haare. „Gute Genossen, buchstabentreu und hart und leidenschaftlich im Verhör… Aber ihre Huren, ganze Harems voll… Eben geile schwarze Tiere…“

Ich drehte mich weiter zu ihm und machte den Knopf an seinem Hosenbund auf. „Dann hoffe ich mal, dass du noch ein bisschen ein Äthiopier bist!“

„Sie haben da wirklich gefoltert, die Klassenfeinde. Und natürlich… Er hat wirklich natürlich gesagt! …war er bei Hinrichtungen dabei. Hat er selber…“

Frank hatte nur ein dickes, weiches Schwänzchen, das um diese Zeit und bei diesem Thema nicht auf meine Bemühungen reagierte. Also ließ ich meine Hand auf seinem Geschlecht liegen und ließ ich den Kopf gegen seine Schulter sinken, ’cause I'll never break this heart of stone. Oder weil ich dieses Herz aus weicher Butter nicht zusammen halten konnte…

Auch wenn die dicken Kampfgruppen-Kommandeure kaum als Ikonen eines proletarischen Militarismus taugten, war der Arbeits-Hocker jeder Klo-Frau bekanntlich ein Kampfplatz für den Frieden gewesen. Die Staatssicherheit rühmte sich als Schild und Schwert der Partei, und es gab Ernteschlachten um die kleinen Kartoffeln und Winterschlachten um die bröckelnden Braunkohle-Briketts. Sicher war unser Fliegerkosmonaut ein mutiger Mann, ein Kommunist aus dem Vogtland immerhin, aber nachdem er ein Held der DDR geworden war, musste der fünfzackige und fünfbrillantige goldene Stern auch den Obergeneralen von Armee, Polizei und Staatssicherheit und Generalsekretär Breshnew angehangen werden. Die jungen Männer marschierten im Ehrendienst wie die alten Preußen, vom Ehrenkleid der Deutschen war nur der Adler aufgeflogen, und selbst wer nur Kinderärztin werden wollte, musste sich drei Jahre lang auch durch die Theorie des Klassenkampfes studieren. Kurz: Indizien für die grimmige Entschlossenheit, ihre von Stalin verliehene Macht zu verteidigen, hinterließen die als junge Männer verfolgten, besiegten und eingesperrten Greise überall. Es war eine aus dem Russischen zurück übersetzte Bücher-Entschlossenheit, aber sie fläzte überall vom Kreis bis zur Spitze hinter überdimensionierten Schreibtischen und hatte ihre Anbeter und Vollstrecker in lauter kleinen Beamten.

Der Punk-Lyriker, dem breitschulterige Knastis hinter den zuckenden Schultern meines Vater-Polizisten den Arsch aufgerissen hatten, hatte mir früh dazu zu denken gegeben, und mein bestes Beispiel war ich selber geworden. Wer gewogen und als politisch leichtes Mädchen oder schwerer Junge befunden wurde, konnte alle Hoffnung fahren lassen – außer der, dass Schalck-Golodkowski auch für die nächsten Weihnachts-Apfelsinen ein paar Häftlinge verkaufen musste. In der Sojus hieß es in so einem Fall, Sibirien nach Gold und Diamanten umzugraben, einen Vaterländischen Krieg zu gewinnen, Raketen zu erfinden oder ein Kernkraftwerk zu befeuern.

Das wusste ich aus der Geschichte, und ich wollte schon immer mal das spanische Sprichwort auswendig lernen, dass man keine Tortilla backen kann, ohne Eier zu zerschlagen. („No se puede hacer una tortilla sin romper los huevos“, behauptet mein Internet.) Ohne Revolutionäre für die besseren Menschen zu halten, hielt ich auch immer zu ihnen. Als Volks-Polen schon verloren war, und zwei Stasi-Leute einen katholischen Priester ersäuften, traf es - bei Giordano Bruno, allen Heiden und Indios und Hexen – keinen wirklich Unschuldigen. Spartakus, Müntzer, Marat, Marx, Lenin und alle anderen: Sie hatten den Klassenkampf ja weder erfunden noch angefangen, sondern ihn nur angenommen und meistens verloren. Selbst als unsere Berufsrevolutionäre in Staaten gegen die ewigen Sieger standen, hatte der Kalte Krieg noch immer zwei Seiten der Front, und dass er mit den herumstehenden Atomraketen auch schießen wollte, unterschied den Che gar nicht von den Generalen des demokratischen Kennedy…  

Dass unsere dummguten, dicklichen ABV auf Dienstreisen fuhren, um fern in Afrika schwarzen Volksfeinden die krausen Haare zu krümmen und sich für die Abrechnung mit uns zu üben, wäre mir freilich nicht im Traum eingefallen. Aber gut, oder eben schlecht: Ich musste mir anhören, gegen meine frühere Naivität, wie Mick Jagger als Mister Devil sang „What’s confusing you is just the nature of my game…“

Nur wenn Frank noch immer in der Politik mitspielen wollte und seine früher uniformierten Genossen für harmlose alter Männer hielt, belog er sich oder mich, damals oder heute oder damals und heute. Wollte er nun etwas für uns kleine Leute tun, oder wollte er den Allmächtigen gerade nichts tun? Hatte er inzwischen auch noch Gandhi gelesen, oder schielte er bloß nach seinem Konto-Auszug?

„Du… Es ist zu spät“, sagte Frank privat und vorsichtig. „Und ich bin ja nun nicht mehr der Jüngste… Du bleibst doch?“

Ich drückte den Kopf fester gegen seine Schulter. „Ich bin doch mein hauptsächliches Geburtstagsgeschenk für dich. Gleich, ob du mich nun auspackst oder nicht… Na, komm unter die Dusche!“

„In die Wanne…”

“Aaaach, ja! Du warst ja der Typ mit der Wanne…“

Es war Routine und Ritual, dass ich den Anfang machte, aber an seinem achtzehntausendzweihundertzweiundsechzigsten Tag drehte ich mich um und ging Frank an die Wäsche. Ich wollte ihn frei machen, von Tante zu Onkel Doktor, und ich grinste dabei in mich hinein. Er musste mir weder den Demokraten vorspielen noch zeigen, wie weit er seinen Bauch einziehen konnte. Das Zerren an seinem Hemd verhinderte die gewohnte Verspannung, und meine Hände an seinen Tittchen hoben den Effekt der nach hinten gedrückten Schultern auf. Wie die kleinen Zitzen gehorchten, war lustiger als jede Vortäuschung von Brustmuskeln, und irgendwelche Brusthaare wären sowieso schon grau gewesen. Ich streichelte ihn bis zur unteren Rasur, die sein Tribut war, und er zitterte als mein glattes und weiches Riesenbaby. Mit meinen lachenden sah ich in seine halb feuchten Augen: ein Viertel Scham und ein Viertel Seligkeit.

 „Zwischen Scheitel und Sohle weiß ich doch, wie viel du wiegst, und ein immerzu steifer Schwanz wäre ein Argument gegen mein Können.“ Ich zog mein T-Shirt aus, klemmte die Medizinball-Brüste zwischen mir und ihm ein und sicherte diese Beziehung mit einer Umarmung. „Du bist mein Spielzeug, und ich bin dein Lustobjekt, und so tun wir uns einfach gut, solange es dauert. Geht das bei dir als eine Art Liebeserklärung durch?“

„Bei dir kann der nicht mithalten… Aber deinen dicken Kopf liebe ich auch!“

Ein Schweißtropfen rieselte von zwischen den Brüsten bis zwischen die linken Zehen, und ich bog den Kopf weit in den Nacken und hielt den Mund angestrengt offen.

Nein, die tschuktschischen Pilze logen nicht! Frank würde da sein, am Tag meines letzten Kampfes, ganz vorn am Ring, und er würde alle Grimassen der Boxer-Frauen schneiden. Und sicher hatte er im Portemonnaie einen ordentlich gefalteten Wettschein auf meinen Sieg, für eine symbolisch stattliche Summe: Selbst im unwahrscheinlichsten Fall wieder nicht das ganz große Los.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida