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Nie würde ich nicht gleich sagen. Aber kaum einmal, nur höchst selten habe ich bisher im Bett gelogen. Warum auch? Wenn ich mit einem Kerl unzufrieden bin, dann merkt er mir das sowieso an, und bei meinem Quantum Masochismus wird ja fast jede Erfahrung ein Ereignis.

Nein, im Bett, wo wir ja ein Drittel unseres Lebens verbringen, wo wir die tägliche besinnungslose Ohnmacht suchen und kaum verkleidet oder ganz nackt sind, sollten wir nicht lügen. Und Frauen sollten sich insbesondere das Vortäuschen eines Orgasmus’ sparen! Die meisten Männer verstehen darunter ohnehin nur, was männliche Regisseure ziemlich bescheuerter Filme ganz nett aussehenden, aber schlechten Schauspielern abverlangen. Und dann setzen wiederum meist männliche Cutter die farblich am besten passenden Sequenzen verschiedener Einstellungen so zusammen, dass alle üblichen Fetische vorkommen und die allgemeinen Sehgewohnheiten  des Fernseh-Publikums bedient werden. Alle um und um geschnittenen Filme von der Ermordung Kennedys haben zehn Mal mehr mit dem wirklichen Tathergang zu tun, als die einschlägigen Szenen in „Basic Instinct“ mit dem Orgasmus von Sharon Stone, der noch nicht mal die Hälfte der abgelichteten Körperteile gehörten. Und last not least: So sehr sich die Symptome auch gleichen mögen, haben wir so wenig zwei Mal denselben Orgasmus wie dieselbe Grippe.

Und wie sollte etwa mein Frank einen Orgasmus erkennen, wenn er weder beim Mitmachen noch beim Überdenken und auch nicht zum fünfzehnten Jahrestag mit bekam, dass sein Staat in einer kleinen Revolution untergegangen ist? Natürlich parodierten die Bürgerrechtler-Bärte Marx, Bakunin und Castro eher schlecht als recht, und die Französische Revolution kam mit Napoleon bis Moskau, während die Ostdeutsche schon bei Beate Uhse am Westberliner Bahnhof Zoo scheiterte. Der Punkt ist aber doch, dass nirgends aufgeschrieben steht, dass Revolutionäre schön, revolutionäre Volksmassen vernünftig und ihr Scheitern heroisch sein müssten. Walter Benjamin meinte sogar gegen Marx, Revolutionen seien nicht die Intercity der Geschichte, sondern der entschlossene Ruck an der Notbremse, wenn der Zug auf den Abgrund zu rase. Und das war in den achtziger Jahren der Fall, muss ich zugeben, auch wenn die Absage des Atomkriegs mich um das Thema für die B-Promotion gebracht hat.

Vor jedem Geburtstag mit dem von einem Sekretär angekündigten Anruf Michail Sergejewitschs, muss ich mir das zugeben, wiederholen und ein hämmern: Dass er den Abmarsch in den Atomkrieg verhindert hat, war, ist und bleibt die große Leistung von Gorbatschow! Und ein bisschen habe ich ihm geholfen. Freilich ist das tragisch für den Mineralsekretär, denn im Unterschied zu all seinen Ideen hätte von den Raketen sicher die Hälfte funktioniert.

So wie wir sie damals verstanden und wie Gorbatschow sie in seinen „Erinnerungen“ erklärte, waren das einfache, vernünftige und gute Ideen – und wie es wohl richtig hieß, die Fortsetzung des Leninschen Denkens. Freilich: Indem wir unten und oben mal wieder dasselbe dachten, stellten wir uns völlig Verschiedenes vor. Wäre es nicht gekommen, wie es kam, hätte unser Erlöser schon bald Trotzki und die Rote Armee nach Kronstadt, ins Internat und nach Bilibino geschickt. Aber es kam noch schlimmer. Während wir ganz unten und ganz oben noch aufeinander hofften, handelte die zwischen uns stehende Heerschar. Die Natschalniks der Apparatschiks bildeten mit ihren Saufkumpanen, Vorzimmerdamen und Dorfältesten die Sowjets ohne Kommunisten, die dann verfassungsgemäß aus der Union austraten, und die Betriebsdirektoren nahmen das mit der Eigenverantwortung ernst und ließen die Rubel auf die eigenen Konten rollen. So zerfiel die Version 2.0 der großen sozialistischen Revolution in anderthalb Dutzend nationale, und jede von diesen brachte binnen Kurzem ihren nationalen Stalin hervor. Die Wiederholung der Tragödie in der Farce, wie Marx schrieb, und dabei kannte er den Führer aller Turkmenen noch gar nicht. Nicht das vergoldete Denkmal, das sein Gesicht in die wandernde Sonne dreht, die Theater mit nur seinem Drama und sein Buch als das einzige in allen Bibliotheken, Lehrbuch der Chirurgie und Straßenverkehrsordnung…

Ach, so bitter und lächerlich alles geworden ist: Nur deshalb möchte ich in fünfzig Jahren noch oder wieder leben, um die auch nicht ganz unbegründete Annahme überprüfen zu können, dass die Menschheit begonnen hat, sich damit heiter von allen Parteisekretären, Staatsmännern und Werkzeugen der Vorsehung zu verabschieden. Das alte Rom hatte unter seinem Caligula ja auch nichts zu lachen, und doch finden wir heute plausibel, dass das Pferd eines Gottkaisers zumindest römischer Senator sein müsste. Ja, wir treten als kollektiver Imperator alle vier Jahre an, um selbst Esel ins Parlament zu wählen. Und während Caligula für die verrückte Liebe zu seiner Schwester noch mit dem Schwert erschlagen wurde, können heute sogar in Sachsen Bruder und Schwester für ihr Menschen- und Bürgerrecht klagen, ungestraft einander ficken zu dürfen. Sehr wohl gibt es also einen Fortschritt, auch wenn er sich nur langsam bewegt, nicht immer auf der schnurgeraden Hauptstraße, und wenn er obendrein merkwürdige Breakdance-Einlagen vorführt.  

Von außen sah es ja auch lächerlich aus, dass ich vor einem randkölnischen Pferdeschwanz geflohen war, um mich mehrmals die Woche von Provinzpudeln umschwänzeln zu lassen. Doch zu meiner Geschichte gehörte auch die Auftragsflaute der Werbeagenturen, zu denen mich mein heimisches Arbeitsamt geschickt hatte. Eine war nur im Souterrain der Eigentümer-Villa angesiedelt, und die geschäftigere Hinterhaus-Etage erinnerte an die Übungs-Firma einer Fachschule. Die erste schuldete ihren Angestellten seit zwei Monaten die zwei Drittel des von der anderen gezahlten Gehaltes, und für diesen Betrag hätte Uwe kaum zu erwarten gewagt, dass  jemand zum Kaffeetrinken vorbei kam.

„Viel Geld, und ohne Zweifel bist du das wert“, sagte mein Vater am Grill-Abend des zweiten Vorstellungs-Tages. „Aber hier kriegt man das nur als Bulle, Lehrerin oder Hure.“

„Vielleicht solltest du also doch noch mal in Köln anrufen“, überlegte meine Mutter mit. „Du kannst hier wohnen, gern, natürlich! So haben wir das Haus ja gebaut. Aber vielleicht musst du doch noch einmal klein anfangen…“

„Ja, als Spitzel, Kindergärtnerin oder auf dem Straßenstrich…“

„Genau. Es gibt so viele schöne Berufe…“

Wir genossen den Vorsommerabend, an dem in den Männern des Wohnparks der alte Jägerinstinkt aufflackerte und sie in Funktionäre der Urhorde zurück verwandelte. Sie hatten selbst für das Aldi-Fleisch gesorgt, hüteten mit Spritzern aus Bierflaschen die Glut des Herdes und präsentierten sich durch angekohlte Steaks als verlässliche und gutmütige Ernährer. Zu so einem zeitlosen Abend passten auch die banalen Sätze, die konkret  logen, und ich sah in den Orangen-Mond über dem strikt vorgeschriebenen Abstand zwischen den Nachbarhäusern. Das wäre schon beruhigend gewesen, wenn die Amis nicht wirklich da hinauf gekommen wären, und es beunruhigte mich nicht mal, dass mit dem fremden Qualm herüber wehte, wie ein besoffener Hausherr Auschwitz zu einer Lüge erklärte.

Mutter hatte den Salat gemischt, ideenreicher und gründlicher als jeder Grieche, duldete mein Anlehnen und wusste eben Bescheid. Ich trank in kleinen Schlucken von ihrem Weißwein, und sicher nisteten auch in mir genug Schlauheit und Selbstverleugnung für eine lange, glückliche Ehe, die mich ähnlich fleischig, zufrieden und behaust werden ließ.  

„Das hat sich alles sehr zur so genannten Wohnungsprostitution verlagert“, brachte mein Vater mit den letzten vier Nackensteaks die Gegenwart zum Gartentisch mit. „Tja… Wir müssen das schon mit beobachten! Das ist eine organisiertere Szene als euer lyrischer Widerstand, und zumindest durch den Menschen-, also Frauenhandel kriminell. Geschichten könnte ich dir da erzählen…“

„Du solltest deine Schulfreunde anrufen“, machte meine Mutter noch einen Gegenvorschlag. „Und ich werde mich bei meinen umhören.“

Als meine Mutter vor der Nachttemperatur kapitulierte, holte ich den noch warmen Grill auf die Terrasse. Ich nahm nun ein „Radeberger“ an und zog den Reißverschluss des Bewerbungs-Motorrad­jäckchens so hoch, dass das Lederfutteral die weiß verhüllten Brustbälle stützte. Mir war schon in der Nierengegend kalt, ebenso wie vom abschätzend-abschätzigen Blick des ewigen Kommissars, aber er war eben im Alter der Herren der Welt, die ich in Köln kennen gelernt hatte. Ich wusste also, wie sein nächster Satz beginnen und klingen würde: Tief, über dem Resonanzboden des Wohlstands­bauchs und mit dem Akkord eines romantischen Liebeslieds.

„Eine Frau wie du…“ Er holte tief Luft. „Und wenn… Wenn ich inzwischen diese Gewohnheit hätte?“

Ich drückte mir die Bierflasche gegen die rechte Schläfe. Das durfte ich doch wohl noch hoffen, dass er und seine Brüder bei so einem Treffen ohne Predigt ein Zimmer weiter gingen, und erst einmal wollte ich ja nur etwas zum Thema wissen.

Ich machte an den nächsten Tagen auch die Anrufe, die nichts brachten, und bei einem Mineralwasser im Sonnenstudio rechnete ich mir den kleinen Neuanfang durch. Allerdings kam ich nur darauf, dass ich mir als erstes die Sonnenbank sparen müsste, und obwohl die Maklerin des folgenden Tages ihre Provision schlauerweise vom Vermieter verlangte, gab es in ihrer Wohnwelt bestimmt keine Friseusen und ALDI-Verkäuferinnen. Aus meinem kleinen Auto sah ich neiderfüllt zu Leuten auf, die sich Landrover oder Fahrscheine für die Straßenbahn leisten konnten, und in den Boutiquen las ich mich eher an den Preisschildern fest als an den Computerausdrucken, mit denen freundliche Hilfskräfte gesucht wurden. Im Stadtzentrum gab es erste Gassen, die mit Restaurant-Ti­schen verbarrikadiert waren, und dort würde ich mich beim Verteilen von Bier und Bockwurst mit den Prachtbrüsten hoffnungslos verklemmen. Position um Position und Gewohnheit um Gewohnheit addierte ich meine Ansprüche bis zur Höhe eines Gehaltes, wie ich es von Uwe bekommen hatte – abzüglich der Prämien für die vertraulichen Wochenend-Termine.  

Erst bei einer dritten Expedition in das Dreieck zwischen alter Straße, Plattenbauten und Wohnpark wagte ich mich bis zum Eingang der „Schinken-Bar“. Dann freilich klopfte ich den Türsteher trotz der zu frühen Stunde heraus. Er war ein nicht mehr ganz junger und fetter Kerl, der sich zum Skinhead rasierte, um es in seinem Job einfacher zu haben.

„Mutter, so nötig du es hast… Komm gegen neun, kaufe dir ’ne Damen-Karte und packe die Muschel auf den Barhocker, klar?“

Entschlossen machte ich die Lederjacke auf und fasste hinein, an den Saum des T-Shirts.

„Ich muss Lutz sprechen. Dringend, sofort.“

Wie meine Brüste aus der Jacke, so quollen seine Augen aus dem Kopf, obwohl er den Türspalt noch immer verteidigte.

„Kennt Lutz dich denn?“

„Noch nicht. Aber wenn…, dann hast du mit Sicherheit keine Chance mehr.“

„Aber keine Zicken dann!“

Sehr selbstverständlich, übermächtig und geschickt nahm er mich am Jackenkragen. Mit nur einer Hand zog er mich in die erste und beste Nachtbar der Stadt, und er schob mich gegen den Garderoben-Tresen und machte mit der anderen Hand sofort den Nieten-besetzten Gürtel meiner Lederhose auf. So schnell ging es, dass mir nur seine Neugier auf die Füllung des T-Shirts Zeit und Gelegenheit ließ, seinen Kolben noch mal aus der Ritze zwischen meinen Schenkeln zu schieben.

„Gummi!“

Ich fingerte das Folietütchen aus dem von der Brustwölbung beschatteten Täschchen der Jacke und hielt ihn über der Schuler hoch.

„Dafür mache ich dich fertig, Oma! Geile Kuh… Das wirst du bereuen, du Sau!“

Er verpackte sich brav, bevor er mir in die Haare fasste und meinen Kopf bis kurz vor den Genickbruch zog, und dann pfählte er mich so brutal, wie es zu seiner Statur und zu seinem Job passte. Er hielt mich gespannt, und ich litt, während er zum ersten Mal den allgemeinen Türsteher-Traum auslebte: Eintritt in Naturalien zu zahlen. Dass es in seinem Sprechfunk-Gerät knatterte und fluchte, bekam nur ich mit, und ich sagte es ihm nicht, weil er mir sonst die Brüste wohl wirklich abgerissen hätte.

Der Schweiß weichte mein Makeup auf, während ich auf die innere Tür starrte, wo ein ältlicher Jeans-Typ in Cowboy-Stiefeln im Rahmen lehnte, grinsend zusah und die rechte Hand locker zwischen den Beinen hatte. Er rauchte eine Zigarette, deren Rest er in unsere Richtung schnippte, und sah auf die Armband-Uhr.

„Jetzt nimm dir die Bierfässer vor, Markus! Und die Neue bringe in mein Büro! Die Hose muss sie sich gar nicht erst hochziehen…“

Ich machte das selbstverständlich, bevor ich mit zitternden Knien zum ersten Mal durch den Bar-Raum ging, und vor der Büro-Tür streichelte ich noch einmal die Türsteher-Hose. Ich schuldete Markus nichts mehr, aber sicher was es kein Fehler, sein Wohlwollen zu gewinnen.

„Tausendfünfhundert“, sagte ich, kurz gegen die innen gepolsterte Tür gelehnt. „Die Woche… Und du kannst es mir schenken oder organisieren! Wie, das ist deine Sache…“

Lutz wartete zurückgelehnt im Schreibtischsessel, ein Whisky-Glas in der Hand, doch es überraschte ihn, dass ich selbst ihn zu mir drehte und geschickt hin kniete, um ihn in den Mund zu nehmen. Er wurde die wenig wichtige Frage, ob ich überhaupt tanzen konnte, nicht mehr los, und ich übersprang die Besetzungs-Couch, absolvierte die Probezeit und zeigte ihm, wie Madonna als „Evita“ singt, a little touch of star quality.

Für den Abschluss des Vorstellungstermins zerrte ich mir eine Ecke des karierten Cowboy-Hemdes heran, und ich putzte ihn damit ab, bevor ich aufstand und mir mit einem Schluck aus der Whisky-Flasche den Mund spülte.

„Da muss ich dir aber Gäste in die Garderobe schicken“, flüsterte Lutz aufgeregt. „Und ich will freien Zugriff… Verdammt, du ruinierst mich! Aber ja, einverstanden.“

„Ich bin Tanja“, sagte ich ungerührt. „Und ich müsste dir zu diesem Vertragsabschluss gratulieren, wenn das nicht ein bisschen eingebildet rüber kommen würde.“ 

Ich hätte ihm auch zum sauberen polizeilichen Führungszeugnis gratulieren können, denn Herr Lutz Andersch war gleich nach der Wende herüber gekommen, um Sachsen das Rotlicht anzuschalten und zu investieren, wo sein Schein ins Neon-Licht überging. Die „Schinken-Bar“ war nur als Anbahnungs-Lokalität kategorisiert, und als ganz harmlos galt die Agentur seiner Frau, die die Tänzerinnen und Turnerinnen anwarb und vermittelte: Einheimische aus normalen Verhältnissen, weil auch die Masse der Erotik-Kunden aus solchen Verhältnissen kam. Lieber verschiedene und kleinere Gewinn­spannen ein längeres Familienleben lang, war die Kalkulation der Beiden. Man kam gegen die Albaner, Bulgaren, Tschechen, Ukrainer, Vietnamesen und Zigeuner sowieso nicht an, wenn man sie erst als Konkurrenten ansah und annahm, und nur in deren Gegend verlor sich das Rotlicht ins Dunkle des Verbrechens...

Nun gut: Vielleicht wurde diese Legende von Amts wegen gepflegt, weil auch Polizisten, Richter und Staatssekretäre bei Junggesellen-Abschieden und runden Geburtstagen männlichen Spaß wollten, aber brutal war in meiner ersten Woche in der „Schinken-Bar“ nur der Drill durch Marietta. Um die Show, um Theater ging es ihr, um mein Turnen an einer Metallstange und um Gymnastik über einem Schoß. METALL und ÜBER, das betonte sie wie eine verbitterte Nonne, und wäre es in dem Laden tatsächlich um die Biegsamkeit und den präzisen Ausdruck eines weiblichen Körpers gegangen, wäre sie noch immer die Primaballerina gewesen.

„Solange du die Neue bist, wirst du ihn nicht los werden“, sagte Marietta, bevor sie mich vorführte. „Da musst du durch, und nur solange dauert das. So groß deine Ohren auch sind… Und er sollte dir das nicht versprechen, aber vor allem du solltest an eins gar nicht erst denken… Lutz wird das Haus, die Kinder, den Dackel und mich nie verlassen! Klar?“

Ich hob die Schwurfinger.

„Ich mache das doch nur, um einen viel älteren Millionär kennen zu lernen und dann die Anna-Nicole-Smith-Nummer durch zu ziehen!“ Ich zupfte den vom Schweiß dunkelblauen Gymnastik-Anzug vom – bei aller Selbstkritik - doch unvergleichlichen Bauch. „Nicht, was das Essen angeht…“

Marietta, die mit der Zeit und hauptsächlich hinter dem Schreibtisch da ein Problem bekommen hatte, grinste säuerlich.

„Und dass du dein Geld erst einmal…, in Wirklichkeit niemals mit Tanzen verdient, hat dir unser gemeinsamer Wild-East-Gigolo hoffentlich gesagt?“

Ich zuckte die Schultern und ging über die Bühne ab, um zu duschen und mich für das Vortanzen zu bemalen und mit Kettchen zu behängen. Ich spürte schon meinen Magen, den man ja ein zweites Gehirn nennt, obwohl er wahrscheinlich das schlauere ist. Ich hatte das so ausgerechnet und dann gewollt, und ich konnte gar nicht mehr durchfallen und musste nun nur noch anfangen. Wieder anfangen… Denn zum Glück war es nicht viel anders als in Helgas Badehaus: Wir waren ja keine Huren.

Lutz stellte mir die Besucher meiner Garderobe immer persönlich und als Bewunderer vor, und dann war schon in einem umständlichen Verfahren aufwändig ausgehandelt, was die Herren bewunderten und deshalb haben wollten: meine sinnlichen Lippen, den straffen Hügel oder den geil zitternden Hintern. Es machte dem Schweinehund Spaß, die schon vermieteten Körperteile und Dienst­leistungen populär-romantisch zu benennen und damit zu verhöhnen, und sogar wie ich mich aufführen sollte, schrieb er mir vor.  Dazu nannte er mich Tanja-Schätzchen, Tanja-Herzchen oder Tanja-Ferkel, und er freute sich beinahe wie vor einem freien Tag mit mir, wenn er verkündete, dass ich das rundum bewunderte Tanja-Ferkel war. Das kam selten vor, auch weil Lutz ja seinen freien Zugriff nutzen wollte, und zwischen meinen beiden Auftritten zwei speziellere Bewunderer unterbrachte. Und die Hauptattraktion war ohnehin, was mich von den jüngeren und nie lange im Team aushaltenden Kolleginnen unterschied: Tanja-Schätzchens phantastische Titten, von denen der Bewunderer herausfinden wollte, ob sie echt waren. Oh, wie ich in diesen Momenten den Kapitalismus hasste, weil ich ihm als Chef dafür nicht die Klunkern abreißen und durch Quecksilber-Kugeln ersetzen lassen konnte! Und gerade  meine Brüste hatten die meisten Dates, und es machte ihren Bewunderern gar nichts aus, wenn sie nicht frisch gewaschen und deodoriert waren. Dann war ich eine stinkende Sau, eine herrliche Schlampe oder eine leidenschaftliche Hure, wie sie noch nie eine gehabt hatten und auf die sie mal wieder ohne den blöden Gummi abspritzen konnten.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida