Vorspiele

Als mich der Hunger aus dem Bürgerkrieg im Trick-Tierreich vor den übervollen Kühlschrank trieb, sortierte ich eine halbe Stunde lang Wurstbüchsen, Käseschachteln und Joghurt-Becher nach dem Haltbarkeitsdatum um. Erst dann ging mir auf, dass der merkwürdig unzivilisierte Geruch in der Geheimdienst-Pension aus meinen sibirischen Socken kam. Jeden Morgen meines zweiten Lebens hatte ich sie routiniert angezogen, genau wie Slip und BH, Levi’s und T-Shirt, um dann im Verhörraum dämlichen Fragen auszuweichen und später im Bronzeglas-Büro die Geheimdienstberichte über das irakische Atomprogramm zu prüfen.

Bevor sich meine Vernunft einschaltete, stand ich nackt vor der Wanne, in der ein heißer Wasserstrahl dicke braune Brühe aus meiner sowjetischen Garderobe schlug. Es gab ja kein Waschpulver in den Spinden des Badezimmers, und die Einbauschränke im Wohn- und Schlafzimmer enthielten nichts, was ich überziehen konnte. Das Telefon war nicht nur verwanzt, sondern auch tot, und ich sah fröstelnd durch die Gardine auf die regennasse Frühherbst-Straße.

Da ich nicht verhaftet war, stand mir nicht einmal ein Anruf bei einem Anwalt zu, und ich musste auch nicht erst die Wetterjacke vom Türhaken nehmen, um das Portemonnaie ohne Papiere und Geldscheine zu finden. Nur damit ich mich verloren, nackt und einsam fühlte, ließen sie mir einen freien Sonnabend, meine Bonner Todfeinde aus der CIA-Zentrale in der Wallstreet. Genossin Kandidatin der kernphysikalischen Wissenschaften Tatjana Zorn war entführt worden und wurde im Vorraum der Folterkammer oder Todeszelle gehalten, und kein Kommando der Roten Armee oder einer ihrer Fraktionen war zu ihrer Befreiung unterwegs, ja, der Genosse Minister für Staatssicherheit saß selbst in einer Zelle und konnte seine Befehle nur in ein Kindertelefon aus roter Plaste geben.

Zu Hause, dachte ich fröstelnd an Bilibino, konnte ein Regen um diese Zeit schon mit dem ersten Schnee vermischt sein, und die Wasserfahnen würden dort von bunten „Shigulis“ statt schwarzen und silbernen Leichenwagen gegen die Fußgänger geschwenkt werden. Weniger vornehme Busse spieen dort größere Portionen dickerer Kaufhaus-Kunden zwischen die Pfützen, aber alles in allem waren die von den Regenvorhängen unterteilten Straßenszenen völlig normal. Das größte Problem, das ich hatte, war also wohl ich, und ich kreuzte die Arme vor der Brust, umarmte und rieb mich warm.

Das Mädchen im Schaufenster fiel mir ein, Marina Vlady noch in Schwarz-Weiß, von Lino Ventura begafft und noch lange bevor sie durch die Hochzeit mit Wyssozki eine russische Nationalheilige geworden war. Der mal in Moskau gesehene Film spielte in Amsterdam, das nun um die Ecke lag, und ich wäre mir glücklich ein paar Jahre voraus gewesen, wäre ich schon damals so schlau wie das reife Internet gewesen: nach einem Drehbuch von Pasolini kippte das Proletarier-Drama in eine Milieu-Studie.

So kämpfte ich den Schweiß zweier Kontinente mit reichlich Wasser und mörderischen Martial-Arts-Griffen aus meiner Wäsche, und die Erfahrung mit den sowjetischen graphit-moderierten Reaktoren half mir, mit meiner ersten West-Kaffeemaschine fertig zu werden. Ich brachte die Glasplatte unter einem Edelstahl-Topf voll mit gefüllten bunten Nudeln zum Glühen, teilte die vom Siemens-Geheimdienst überreichten Zigaretten auf die Stunden des Wochenendes auf und zappte den Abend lang zwischen all den vielen Kanälen, in denen nur Sendungen für Freunde der englischen Sprache liefen und wabberten. Sie benutzten die in Amerika steingewaschene Sprache Shakespeares, um auf die verrücktesten Zuschauer zu wetten, Cola und Rasierklingen zu servieren und die Synthesizer-Folter für die Ohren zu verschärfen. Im Vergleich damit war fast von Goethe, was die amerikanischen Serien-Polizisten in die Bissspuren in ihren Pausenbroten nuschelten, und es war sogar richtig komisch, was die amerikanischen Drehbuch-Schreiber für unsere Atombomben hielten - die dämonisierten Küchenherde ihrer puppenhaft geschminkten Schauspielergattinnen.

Allerdings wurde ich in der ersten Nacht mit dem neuen Fernsehen nicht müde, während mich später keine der Wiederholungen zwischen A-Team und ZDF-Nach-
richten zu irgendetwas provozieren konnte. Weder ließ ich mich von Unwetterwarnungen hoch schrecken, sofort Winterreifen aufzuziehen, noch zum Kauf eines Paars der letzten 333 Oma-Ohrringe bewegen. Und ich habe nie kontrolliert, ob die heißen Lesben wirklich noch hörbar spielten!

Ich weiß zwar, dass ich Frank bei der ersten passenden Wiederholung wecken werde: „Du stell dir vor – die haben tatsächlich eben die Mauer aufgemacht…“ Aber Barbara, und die ist nun wirklich eine kochende Lesbe, sehe ich im flackernden bunten Licht gern schlafen. Ja, wenn die Mobiltelefone einmal so weit entwickelt sein werden, dass man mit ihnen auch in so einer Situation vernünftige Fotos machen kann, werde ich das folgende Weihnachten einmal ein vernünftiges Geschenk für sie haben: ein Album ihrer Träume und ihrer Zufriedenheit mit der Welt und den großen Beweis, dass sie ihre schicksalhaften Spenden für die Kosmetikindustrie wirklich auf ein Konto des Zapatistischen Heeres der Nationalen Befreiung überweisen kann. Was für Falten und trockene Hautpartien will sie überdecken, und wie viele von ihren zweieinhalb Jahrzehnten will sie eigentlich warum verstecken? So straff leuchtet ihr Gesicht aus dem blauen Kissen, so glatt verhüllen die Lider ihre dunklen Augen, und in der Nachtwolke ihres Haares zucken an den Ansätzen schon die ersten silbernen Blitze des Morgens. Was immer eine Neu- mit ihrer Lehrlesbe spielen könnte, und erst recht mit einer traditionellen Erzieherin wie meiner Barbara, reicht doch nicht an diese Viertel- oder halbe Stunde heran, in der ich ihr mit fast angehaltenem Atem beim Schlafen zusehe…

Doch damals war eine solche Entdeckung außerhalb aller meiner Vorstellungen. Nach Zahl und Sorten der Joghurts in meinem Geheimdienst-Kühlschrank konnte meine Luxus-Gefangenschaft noch eine Woche dauern, fand ich zum Sonntagmittags-Programm des ZDF heraus, und mir fiel nur die koreanische Gegenwehr ein. Nackt, aber exakt wie im Dojo absolvierte ich die Katas, die den alten Kampfmönchen ja vielleicht in einer ähnlichen Klausur eingefallen waren. Ich blockte von hinten angreifende Afghanen und spaltete mit den Handkanten weiter meine Atome. Der Tritt zum Kinn von Saddam Hussein gelang mir exakt, und ich umtanzte Konstantin, wich Amal aus und stampfte die Panzer meiner bolschewistischen Genossen in den Moskauer Asphalt. Revolution ging wirklich anders.

Viertausendköpfig hatten wir einen Weltkrieg angehalten, und wir waren mit Gagarin im Weltall und mit Raketen auf Kuba gewesen. Wie Flöhe hatten unsere Kundschafter in den Schlüsselstellungen der Spionageabwehr gesessen, und Stalin hatte Hitler das Genick, Breshnew Dubcek und Husak das Rückgrat gebrochen. Genosse Andropow: kaltblütig hatte er gelogen bis 1956 die Panzer um Budapest und 1983 Gorbatschow im Politbüro in Stellung gewesen waren… Und nun scheiterte ein mit aller Staatsmacht vorgetragener Putsch daran, dass uns niemand verriet, wo Jelzin gerade seinen Wodka soff. Und so fett waren wir nach 75 Jahren endgültiger und unumkehrbarer Siege und ein paar koreanischen Choreographien, dass der Rest des Kommunismus so keuchend und zitternd zusammenfiel wie Tanja Zorn auf dem Bett der Kölner Geheimdienst-Pension.  

An jenem Sonntag war ich nur gedankenlos glücklich fertig, aber vermutlich werde ich das erst auf dem Sterbebett zum letzten Mal gegeneinander abwägen: Durfte ich das Land, und auch das System, für das so viele Menschen (so oder so) in den Tod gegangen waren, wirklich dem reinen Prinzip opfern, dass man Opa nicht haut? Und wenn zumindest sein jämmerliches Ende gegen den Kommunismus spräche, wenn ich ganz und gar moralisch und weltgeschichtlich richtig gehandelt hätte… Wäre es dann persönlich gesehen nicht immer noch saudämlich von mir gewesen, Gorbatschow das Kommando-Köfferchen ohne jede Gegenleistung zurück zu geben?

Zunächst freilich kämpften in meinen Därmen die westeuropäischen mit den fern-
östlichen Fäulnis-Bakterien, und mein Herz zählte die Sekunden wie ein verlässlich altertümlicher Wecker. Um den Nabel herum setzte ich die Atemzüge an, und bis in die Fingerspitzen feierte ich mein neues Leben mit einem Feuerwerk kleiner Luftbläschen. Ich war gerade 27 Jahre alt und konnte mein bisheriges Leben gleich in zwei Sprachen widerrufen, und ich wusste nicht nur, was die Welt im Innersten zusammen hielt, sondern auch noch, wie man diese Beziehung spalten konnte.  Physiklehrerin oder Kremlastrologin waren konkrete Perspektiven, und mit ein bisschen Flunkerei war aus meinen sibirischen Jahren ein GULAG-Roman oder ein tschuktschisches Reisebild zu machen. „Wie ich Gorbatschows Leibwächterin wurde“ war ein Hollywood-Stoff, und als Poeten-Preisträgerin taugte ich auch noch zur Werbe- oder Schlagertexterin der Extra-Klasse. Eigentlich sprach also nur die sicher saftige Strafe für eine fahrscheinlose Exkursion dagegen, dass ich mir sofort ein Vorstadt-Haus mit Meerwasser-Pool aussuchte.

Dass anderthalb Jahre zuvor auch die reifste Bulettenschmiedin der „Trabant“-Betriebskantine ganz ähnlich von der Zukunft geträumt hatte, hätte ich nicht gedacht und hätte ich auch niemandem geglaubt. So gesehen schwamm ich nur als bleierne Ente mit Adleraugen auf einer Wurstsuppe herum, die eigentlich niemandem bekommen konnte, und ich wollte meinen Luchs-Ohren nicht trauen, als mich meine Betreuer und Bewacher endlich doch noch aus der Plauder- in die Telefonzelle baten.

„Tja, seit vierzehn Tagen sehe ich mich in Köln um. Und den Umständen entsprechend geht es mir gut… Sehr gut. Und dir? Und Mama und Margit? Erzähl doch!“

„Oh, uns geht es auch gut, natürlich“, sagte mein Vater konspirativ vorsichtig. „Äh…, ja… Also das stell dir mal vor: inzwischen, gerade jetzt bin ich doch tatsächlich Kommissar geworden!“

„Ach, dann störe ich dich beim Sprengen von Brücken und Zügen?“

„Na, ja, so etwa… Kriminalkommissar eben, wie im Roman. Aber… Ich könnte das ganz gut gebrauchen, wegen all dieser Überprüfungen! Hast du schon deine Anerkennung als Verfolgte, als politische? Sie haben dich doch dort… Tanja?“

Ich sah meine Vertrauens-Gefängniswärter ein wenig hilflos an. Ich hatte eben wirklich gewusst, warum ich vor fünf Jahren in der Lubjanka nicht auf einen Anruf bei meinem Vater bestanden hatte. Eher hätte er mir ein Verbrechen unterstellt als seinen sowjetischen Genossen einen Irrtum, und es war auch nicht nötig gewesen, ihn zwischen Vater- und Vaterlandsliebe und Vasallentreue zu zerknirschen, während ich im kalten Bilibino prächtig gedieh. Aber nun war er schon viel länger so frei wie ich, offenbar noch immer im gewohnten Dienst und weiter behaust, und er hätte mir von allen Müttern, Schwestern, Omas, Tanten und Nichten erzählen und sofort die große Heim-Holung vorschlagen müssen. 

„Oder nicht, Tanja? Oder haben sie dich sogar… Ich meine: du verstehst das doch sicher, dass wir da nichts unternehmen konnten, ohne dich zu gefährden?  Wir standen ja durch dich praktisch selber mit einem Bein…“

„Diese roten Schweine haben dir ein Bein abgenommen“, höhnte ich, vor Wut ziemlich bleich. „Trotzdem wäre es nett, wenn du die mir Geburtsurkunde hier her schicken würdest! Natürlich nur, falls es dir und Mama nicht all zu sehr schadet…“

Mit einem Mal wusste ich, warum mich die smarten Sieger in noch keiner meiner Gefängniszellen vergewaltigt hatten. Sie wollten einfach, dass ich gekrochen kam und nach soviel Zuwendung winselte, und sie hatten außerdem noch ein paar weitere Tricks auf Lager, um mich dazu zu bringen. Sie kleideten mich in einer Sammelstelle des Deutschen Roten Kreuzes aus zweiter Hand ein, und sie schleppten mich in eine Meldestelle, damit ich auch noch die Sicherheit verlor, die mein gewohnter Name war.

Wohl, weil in Ostdeutschland die Russen das Sagen gehabt hatten, grübelte eine steife alte Römerin über der geheimdienstlich beglaubigten Übersetzung meiner russischen Aufenthaltspapiere: Hieß ich Antragstellerin nun Tanja oder Tatjana oder Petrowna und war das die Russifizierung von „Petra“ oder wie? Denn mein angeblicher Vatersname war standesamtlich beglaubigt ein noch anderer.

„Bitte“, wandte ich mich an meinen schadenfrohen Bodyguard. „Bitte schicken Sie mich wieder nach Hause zurück! Ich wollte doch sowieso in Sibirien bleiben!“

„Ach, das sind nur die Anfangsschwierigkeiten“, tröstete mich die Beamte da, und sie ließ die Zeigefinger schicksalsschwer auf die Tastatur fallen. „Nehmen wir halt das eine oder das andere! Tat…ja…na… Petrowna!“

Und ich zuckte die Schultern, weil ich nicht ahnte, dass ich diesen Vornamen zwei Monate später in Plaste gegossen und so änderungs- wie fälschungssicher für zunächst zehn Jahre bekommen und er mir wohl auf ewig die amtliche Anrede „Du“ einbringen würde: „Du verstehen, Tatjana?“

Immerhin kam ich an der Amtskasse, ohne direkt betteln zu müssen, auf die leidige Frage eines Taschengeldes, und der Bodyguard verzog erst das Gesicht und zog dann sein Portemonnaie. Von diesem privaten und zinslosen Polizeikredit von 100 D-Mark bezahlte ich die Gebühr und kaufte ich mir für das zweite Wochenende die dreibändige Werkausgabe des „Prinzip Hoffnung“ und eine Flasche Wodka Gorbatschow, drei Schachteln „Camel“ und eine Fernseh-Zeitung.    

Allmählich freilich ließen die Geheim-Bullen den Tümpel der Unverbindlichkeit auslaufen, und heimlich freuten sich wohl über mein Zappeln im Uferschlamm. Dass die Allgemeine Ortskrankenkasse jeder umworbenen Beitragszahlerin eine mobile Universitätsklinik auf den Hals und an Herz und Nieren schickte, war schon weniger als nur unwahrscheinlich, und doch ließ ich eines der Teams auch noch mit dem Lügendetektor nach meinen Kinderkrankheiten forschen. Sicher hätte die Fakultätssekretärin in Dubna eine hinreichend beglaubigte Kopie meiner Promotions-
urkunde schicken können, und doch gab ich dem Sachbearbeiter eine ganze Liste von Sachverständigen, so wie ich schulterzuckend die Entschuldigung seiner Grippe-Vertreterin akzeptierte und die Namen noch einmal aufschrieb….

Warum bloß wollten sie auch noch wissen, wer von meinen Trainingspartnern meine Karate-Prüfungen bezeugen würde? Eine ganze Zeit behielt ich meine Unterlippe weit vorgeschoben und die linke Hand vor den Augen.

„Das können wir ganz anders machen“, sagte ich dann. „Holen Sie einfach einen sportlicheren Kollegen von sich, und dem haue ich dann überzeugend genug auf’s Maul! Oder der Siemens-Onkel kommt wieder und macht mir endlich einen Gehaltsvorschlag…“

„Also dreihundert Rubel beim gegenwärtigen Wechselkurs“, höhnte der James Bond vom Dienst vorsichtig. „Da müssen die ja ihren türkischen Putzfrauen das Mehrfache zahlen… Machen Sie jetzt keinen Fehler, Fräulein Zorn!“  

„Ach, als ob es auf den einen noch ankäme…“

Sicher war ich ungerecht gegen ihn, der sogar ohne besonderen Eifer in meinem wirklich privaten Süppchen aus Hühnerflügeln und Rentierflechten gerührt hatte, denn er hatte noch nicht einmal die Lizenz zum Drohen. Er bekam rote Ohren und sah mich sehr unglücklich an: vielleicht wegen eines Absturzes von seiner Karriereleiter, vielleicht weil er von der anderen Tonart hatte läuten hören, die für meine weiteren Verhöre vorbereitet war.

„Wenn sich die Russen einmal entschlossen haben, Sie auszuliefern… Und Sie kennen hier doch niemanden, der Ihnen helfen könnte!“

„Außer Ihnen?“

Er bot mir eine von seinen Zigaretten an, und als wir die Reste zeitgleich ausdrückten, ließ er mir noch einmal eine Bedenkzeit, die ich nicht mehr nutzen wollte. Dann ging er mit den schleppenden Schritten, die eigentlich mir zustanden, zur Tür, und die Tür blieb offen, Minuten, eine halbe und eine Stunde lang.

Es war sehr still im Korridor des kleinen Bürotrakts, und als nach der zweiten Stunde meine „Camel“-Schachtel  leer war, rechnete ich nicht einmal mehr mit der Gefahr, auf der Flucht erschossen zu werden. Ich klinkte an verschlossenen Zimmern, bevor ich nach der zweiten Ecke die große Glastür aufdrückte und mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss fuhr, wo eine dickliche, kräftig geschminkte Oma im strengen Kostüm eine bunte Schilderwand bewachte. Überall wurden alle möglichen Dinge im- und exportiert oder gemakelt, kanzelten Anwälte das Recht ab oder konnten sich Unternehmen Ratschläge abholen, aber unsere siebte Etage gab es gar nicht. 

Ich fasste in die Hosentasche und war erleichtert, dass wenigstens der Schüssel zur Geheimdienstwohnung weiterhin existierte, so wie der vorläufige Ausweis im Touristengürtel.

Aber womit beschäftigte man sich an den Feierabenden der Freiheit, wenn man im erstbesten Laden mehr Wurst bekommen, als man bezahlen konnte? An jedem Zeitungskiosk verrieten hunderte verschiedene Traumfrauen-Fotos, was die hundert verschiedenen Uniformen für die Schönste der nächsten drei Monate sein würden, und wonach suchte da eine Neubürgerin die passende Dienstvorschrift aus? Eine Zeitschrift „Tanja“ gab es gerade nicht, und am besten gefiel mir eine Negerin mit golden ausgemalten Augenhöhlen, die ein Ketten-Abendkleid trug, wie es in den Schaufenstern der nächsten einhundert Boutiquen nicht ausgestellt war.  Vielleicht musste ich doch gut sowjetisch danach suchen, bis ich selber schwarz wurde…

Einige Schritte tiefer in meinem zweiten Leben stand ich zum ersten Mal vor einem McDonald’s, und ich ging ohne Hunger zum Tresen und war dann so neugierig, dass ich an meinem Burger verzweifelte. Ob ich ihn zu sehr drückte oder zu zögerlich anfasste: erst rutschte das Gemüse heraus, und als es wieder zwischen Bulette und Brötchen steckte, war der Teigdeckel so durchgeweicht, dass meine Fingerspitzen ins Ketchup tauchten.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida