Ich bin.

Jeremias

Dass es im entferntesten und nördlichsten Osten Licht werde und auch winters hell und warm bleibe, war ein ZK-Beschluss gewesen, und die diesem höchsten Gebot gewidmete Kirche war halt das Kernkraftwerk. Wer dort arbeitete, verrichtete eine priesterliche Tätigkeit, und die Stadt war die dazu gehörige klösterliche Ansiedlung. Die Leiden der umwohnenden Sippen und Völkerschaften waren von Stalin veranlasst worden, und die Mückenplagen erklärten sich saisonal und sichtlich aus dem nur an der Oberfläche auftauenden Dauerfrostboden. Nur ein selbstmörderisches Reich konnte dort einen Angriff auf uns wagen, alle Krankheiten waren auf Erfrierungen, Alkoholismus und künftige Strahlenschäden reduziert, und wir wurden in den fetten wie in den mageren Jahren leichter und besser satt als alle anderen Gemeinschaften. Selbst wenn die Partei und das Werk also andere Götter neben sich geduldet hätten, wäre doch kein Bedarf nach ihnen gewesen, und Kirche, Synagoge oder Moschee hätten sich im Schatten des Stahlbeton-Quaders nur irdisch klein und ohnmächtig ausgenommen. Sicher lebten unter uns auch woanders Gläubige, aber nicht einmal alle Atheisten hätten mit ihren Eintrittsgeldern ein Revolutions-Museum erhalten können, und die obdachlosen und mit Rauch, Pilzen und Fleischstücken zufriedenen Höchsten Wesen der Tschuktschen teilten sich mit  allen das kalte Paradies.

So hätte es mich ziemlich überrascht, wenn ich an meinem ersten Freiheits-Tag in der Kölner Vorstadt-Kirche irgendetwas anderes erlebt hätte als die Abkühlung, um die es mir ging.

Ohne zwei Mark für ein Eis oder ein kleines Bier blieb mir keine andere Wahl, wenn ich den heißen September-Nachmittag überleben wollte. Die Wohnung bei seiner pensionierten Kantinen-Köchin hatte mir schließlich der Geheimdienst besorgt, und darum nisteten hinter den pseudoantiquarischen Möbeln und im musealen Telefon wahrscheinlich besonders dicke Wanzen. Wenn sie in die mir fremden Delikatessen im lückenlos gestopften Kühlschrank löffelweise Wahrheitsserum oder Strychnin gerührt hätten, hätte ich das damals nicht herausgeschmeckt, und außer Herrn Jesus kannte ich in der Stadt niemanden, nicht einmal flüchtig.

Ich hatte bis dahin auch noch niemandem telefonisch Bescheid sagen dürfen, dass ich endlich in einem Land angekommen war, in dem niemand mit gültig-
em Pass und Flugschein ohne den geringsten Verdacht und ohne gerichtliche Anordnung verhaftet werden konnte.

Ich rauchte noch eine Zigarette, bevor ich den Anzug-Chef der T-Shirt-Bullen ungläubig fragte.

„Was denn? Dann kann ich also einfach gehen?“

Er nickte, leicht grinsend.

„Das wäre sogar sehr gut! Dann wäre, wie wir das nennen, Gefahr im Verzug, und wir dürften Ihnen in die Kniescheibe schießen. Zumindest…“

„Und wir hätten einen hinreichenden Anfangsverdacht!“ Der T-Shirt-Wikinger zog sofort die Pistole aus dem Halfter in der verschwitzten Achselhöhle. „Endlich kommen wir ein Stück weiter!“

„Leute, Leute“, mahnte der Italiener, der den Verständnisvollen spielen musste. „Das ist doch nun wirklich nicht die Lösung! Wie soll die Russenkuh denn mit kaputtem Knie strippen?“ Er stellte seinen Stuhl dicht neben mich, setzte sich verkehrt und packte die Arme auf die Rückenlehne. „Denn wenn Sie nicht kooperieren, Frau Doktor Zorn, werden Sie einfach keinen anderen Job mehr bekommen. So ist das nun mal!“

Er war nicht viel älter als ich, aber natürlich kannte er das Land ungleich besser, und ich war auch noch nicht aus der fernöstlichen Gelassenheit getaut. Darum verzichtete ich auf das Überraschungsmoment, ihm mit den Fingerknöcheln einen Splitter Nasenbein ins Gehirn zu treiben, und schnurrte ebenfalls.

„Wenn ich hier keinen Job bekomme, rufe ich eben Saddam Hussein an! Oder in Nordkorea… Sogar auf den Fidshi-Inseln würden die mir Ihr Jahresgehalt für den Monat zahlen. Und nur vielleicht baue ich denen dann nur einen Kernspaltungs-Gartengrill.“

Der Italiener machte den Rücken steif, der Wikinger sah begriffsstutzig zwischen mir, ihm und dem Chef hin und her, und der Chef hielt die Hand an das Ohr mit dem Hörgerät. Dann stieß er mit dem Zeigefinger nach seinen jungen Folterknechten und zeigte mit dem Daumen zur Tür. Nach einem kurzen Tuscheln tauchte von dort, aus ihrer Versammlung, ein wirklich wichtiger Oberchef auf, in wirklich teurem Zwirn.

„Scharfrichter scheint aber auch ein guter Job zu sein“, erklärte ich mir sein herablassendes Schweigen. „Der Selbstmord von Ulrike Meinhof, waren das auch schon Sie? Und das mit Saddam war doch nur ein Witz von zu Hause. Äh, ein russischer…“

Das übergroße und für sein Alter dynamisch aussehende Raubtier lauerte weiter hinter der anderen Kante des Tischs, bis ich verzweifelt nach der Zigarettenschachtel langte und sie leer fand. Ich zerknüllte sie und warf sie gegen die schwarze Gardine, die nach der Auskunft des Wikingers kein Fenster verbarg, sondern nur die Betonwand mit den Blutspritzern noch nicht geständiger Kinderschänder. Allmählich glaubte ich ihm das.

„Irak“, sagte der Henker, holte ein silbernes Zigaretten-Etui aus der Jackett-Tasche und legte es aufgeklappt vor mich hin. „Wir würden Ihnen eine ganze Wiederaufbereitungs-Anlage mitgeben, wenn Sie uns garantieren, dass sie erstens bezahlt wird und zweitens nicht zum Laufen kommt.“

„Und warum der Reaktor IV explodiert ist, wie es in Tschernobyl tatsächlich aussieht und wen ich in der Forschung der Sojus alles kenne…“

„Ach, das wollen Sie uns doch sowieso nicht erzählen“, sagte er großzügig und wischte vier Tage Fragen vom Tisch des Verhörraums. „Das ist doch Schnee…, fall out vom vergangenen Jahr! Reden wir lieber davon, wie wir uns gegenseitig einen Gefallen tun können! Einverstanden?“

„Zuerst könnten Sie mich dann ja freilassen!“

„Oh, das ist fast das Einzige, was ich nicht tun kann!“ Er machte eine dramatische pause und lachte dann herzlich. „Schließlich sind Sie ja nicht verhaftet!“

„Ach, nicht?“

„Nein, warum auch? Wir sind hier ja nicht in der Russikei! Verzeihung… Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“

Nur im Pfaffen-Jargon gab es mit „Versucher“ ein Wort für das, was der Kerl für mich sein wollte, und diese Figur ist ja erheblich besser definiert und erheblich fasslicher als Jesus Christus Superstar.

Dass eine Jungfrau ein Kind empfangen und gebären könnte, ist zwar schwer vorstellbar, aber es ist doch nichts als der ganz harmlose Auftakt. Ob der Heilige Kentaur, wie Giordano Bruno ihn genannt hatte, ein profanisierter Gott oder ein veredelter Mensch gewesen war, hatte seine eigene Kirche gespalten, und inzwischen legten zweitausend Jahre Geschichte – vorsichtig formuliert – nahe, dass er vom jüdischen Gericht rechtskonform zum Tode verurteilt worden war: als falscher Messias. Außerdem war er den Tod der ersten Spartakisten gestorben, um als spiritueller Elvis Presley aufzuerstehen, und die Legende von seinem absoluten Märtyrertum widerlegten und widerlegen  die Masochisten-Heere aller Zeiten und Länder…

Dabei geht es mir gar nicht um die Frage, ob es den Vertrauensmann einer mittelständischen Baufirma in Nazareth gegebenen hat oder nicht, ob er unfruchtbar wie Robespierre oder kaninchenhaft wie ein polnischer Werft-Elektriker gewesen ist und so weiter. Blochs Argument, eine so banale Existenz wäre nur zur Herausforderung der tatsächlichen Welt stilisiert worden, wenn sie einen realen Kern enthalte, erscheint mir recht scharfsinnig, aber entschuldigt auch nichts.

Jeder wird sich gut vorstellen können, wie es um den Pic-Tausch, Kunst- und Souvenir-Handel bestellt wäre, wenn sich die genetische Gewissheit herum spräche, der Gekreuzigte könne weder einem seiner Öl-Porträts noch Che Guevara oder Leonardo DiCaprio ähnlich gesehen haben, sondern am ehesten noch Ousama bin Laden. Von der ganzen Andachts-Literatur bliebe sogar nichts übrig als der Respekt für die editorische und verlegerische Kühnheit, vier gleichermaßen schlecht geschriebene biographische Essais, Fan-Briefe und die Statuten der ersten Fan-Clubs in einem schmalen Band veröffentlicht zu haben. Eine Synthese aus Michael Moore und Star Trek, BILD am Sonntag und „BILD hilft“ in einem: nichts weiter ist das „Neue Testament“, und dafür hat es schon eine erstaunliche Wirkungsgeschichte. Allerdings muss abgewogen werden, ob diese Geschichte  tatsächlich auf den literarischen Kern und die publizistische  Ansicht zurückgefügt werden kann – oder nicht mehr auf die damit nur lose und willkürlich verknüpfte Weltuntergangs-Story zurückzuführen ist, die auf derselben Schriftrolle überliefert wurde. Für sich genommen ist diese höchst lesenswert, eine frühe „Akte X“, und sie ist sogar origineller, actionreicher und deutlicher antiimperialistisch als „Das Leben des Jeschua“ I – IV. Andererseits: was ist Johannes Mulder ohne eine mythische Scully? Und wie ihre Auswalzung in der amerikanischen Fernseh-Serie scheut schon die „Apokalypse“ selbst die konsequente Durchführung ihres erzählerischen Ansatzes. Alles läuft detailreich auf den Final-Kampf von Gut und Böse hinaus, Muhammad Ali gegen George Foreman im Weltmaßstab - und dann 1. eintausend Jahre Pause vor der zwölften Runde und 2. eine pauschale Behauptung zum erwarteten Urteil des Ringrichters. Das ist ärgerlich, der Anfänger-Fehler eines begabten Erzählers. (Ein Bruchteil des Stoffs und ein Zehntel der Zeit brachten später García Marquez den Literatur-Nobelpreis ein.)

Ich weiß natürlich, dass ich mit so einer Rezension Umberto Eco mehr plagiiere als parodiere, aber selbst er wagte sich ja nur an den folkloristisch geprägten ersten Band der Bibel, und das halte ich schon für ein bisschen heuchlerisch von ihm. Dass die Trekkies von Captain Jeschua T. Christus aus ihrer Überspanntheit Geld zu machen verstanden, ganze Bibliotheken von Sekundärliteratur verfassten, mit ihrem eigentlich fröhlichen Wahnsinn, römische Kaiser, spanische Folterknechte, polnische Proleten und amerikanische Präsidenten ansteckten, dass die Medien uns heute in der Bronchitis des Mr. Spocks der Herzen fiebern lassen… All das macht die Pilot-Geschichte der Serie nicht ernsthafter, stringenter und heiliger. Ganz im Gegenteil.

Der Versucher dagegen ist eine rationale und logische Figur, wie sie wohl jedem und jeder im Leben mehrfach begegnet, und gut die Hälfte der Gespräche auf dem Treffen zum 15. Jahrestags unseres Abiturs drehte sich um eine einzige Facette seines Auftretens. Mann oder Frau, egal, wann sie ihm begegnet waren und  aus welcher Behörde sie nach der Wende gefeuert worden waren, beschrieben übereinstimmend und glaubhaft, dass sie sich nie als Verräter ihrer Genossen, Kollegen, Nachbarn oder Freunde gefühlt hatten - und als Verräter am Sozialismus sowieso nicht. Dass ihr späterer Führungsoffizier sie für ein vertrauliches Gespräch ausgewählt hatte und nichts weiter wollte, als dass sie ihre eigenen Möglichkeiten der Kaderentwicklung, zu Dienstreisen und zu Auslandseinsätzen auch realisierten, dass sie strauchelnde Mitmenschen sogar vor ungerechtfertigtem Verdacht schützen konnten, hatte ihnen fast immer genügt.

„Alles wussten sie über uns“, sagte Gisela, von ihrem dritten Glas Mandela-Blut mutig genug geworden. „Sogar die Orgien, die wir gefeiert haben…“

„Welche Orgien“, fragte ich gleichmütig, während sie mir in der hintersten Kabine der Toilette die Bluse aufknöpfte und mit kundigen Händen meine Brüste nach den Einlagen absuchte. „Einmal haben wir beide uns einen Hengst geteilt…“

„Echt? Na ja… Jedenfalls wussten sie davon und haben mich damit erpresst, dass ich Kontakt zu dir aufnehme. Aber ich habe dir bestimmt nicht geschadet, Tanja!“ Sie hob meine linke Brust etwas, ließ sie fallen und stieß sie leicht  an.  „Jedenfalls bestimmt nicht mehr als dieser angebliche Schönheitschirurg…“

„Blablabla…“

Vorsichtig packte ich mein Kapital wieder in den zweckmäßigen, spitzenlosen und innen gepolsterten BH.

„Also ich wollte das nicht! Natürlich musstest du trotzdem ganz schön was ausstehen, und ich hoffe, du kannst mir das irgendwann vergeben. Vielleicht zum 20. Jubiläum?“

Ich sah ihr beim übergründlichen Händewaschen zu.

„Wir haben uns seit dem Abi doch nie mehr gesehen, Mensch!“

„Aber ich habe dir nach Moskau geschrieben, alles mögliche… Wie die Schweine es mir diktiert haben! Dass wir doch Freundinnen sind und viel Spaß miteinander hatten, und ob wir da nicht mal…“

Ich vergab ihr, obwohl oder weil der KGB nicht einen ihrer Stasi-Biefe zu mir durchgelassen hatte, wenn ich mich richtig erinnerte, und zum Beweis meiner Vertochterung spendierte ich ihr im Beichtsaal des Konferenz-Hotels noch ein viertes Glas Rotwein.  Ich wusste ja auch, was mich nach Sibirien gebracht hatte, und meinerseits hätte ich meinem Versucher den Kölner Dom bedenkenlos in ein Pfefferkuchenhaus verwandelt und hätte ich mich von den Engeln des Herrn nach Bilibino zurück tragen lassen, hätte er mir das nur vorgeschlagen. 

So hatte ich mir das im Licht durch das Kirchenfenster vorgenommen, unter der kalten blauen Sonne der Berechnung. Studium, Praktikum und Promotion waren ja alles, was wich kapitalisieren konnte, und nur als der Mehrwert davon war mir vorstellbar, was ich mir im Kaufhaus des Westens bestellen konnte: Reisen, Federkern-Matratzen und Zahnprothese. Joliot-Curie, und der war sogar ein verdammtes Genie gewesen, hatte ja auch eine kapitalistische Bombe gebaut und war doch Kommunist und Friedenskämpfer geblieben.

Von Saddam Hussein hörte man schon damals nichts Gutes, weder in West noch Ost. Die Israelis hatten ihm seinen französischen Reaktor zerschossen, mit Raketen im Frieden, was ein gut jüdischer Witz war: man musste eben nicht immer auf einen Krieg warten, um seinen Todfeind zu entwaffnen.

Der Gedanke passte nicht recht in meine gewohnte Lager-Logik, und ich hatte ihn sehr persönlich von meinen jüdischen Dozenten übernommen, bei denen das auch so war. Dass ein Volk überempfindlich reagierte oder auch durchgedreht war, das nur durch fremdes Blut von der Schippe des Todes, des IHK-Meisters aus Deutschland, gewaschen worden war, verstand (und verstehe) ich auch ganz ohne beschnittenen Schwanz und religiösen Müll hinter einer ganz kalten Stirn.

Ansonsten hatte Saddam eine Regierungspartei, zwei verkommene Söhne und ein halbes Dutzend Geheimdienste, und wahrscheinlich wurden seine Feinde auch nicht viel ausgesuchter gefoltert als spanische Ketzer, vietnamesische Guerilleros und rumänische Dissidenten. Die Medien hatten sich einfach ein bisschen in dieses Thema verliebt, um den USA bei ihrer letzten Ölung zu assistieren, statt der alten abend-
ländischen Phantasie nachzuhängen, unter Harems-Palmen mit unverschleierten Araber-Stuten Whisky vom Eis zu schlürfen. Ein Labor und eine Villa in Babylon, ein Minister-Gehalt von Saddam und ein Berater-Honorar von Siemens sowie Geliebte, die mir der Geheimdienst besorgte, bestraft und abschaffte: mein Versucher hatte also gar nicht Unrecht damit, dass mir gar keine Wahl blieb, und dass ich damit nicht schlecht fahren würde…

Frank, obwohl er mich schon in der ersten Nacht enttarnt hatte, hielt diese Erzählung für ironisch gebrochen. Meine Bücherregale, meinte er, erzählten ihm andere Geschichten, und er unterschätzt noch immer, was in meinem Alter eine glatte Haut kostet und wie viel ich für die regelmäßige Überholung der Brüste auf die hohe Kante legen muss. Ich dränge ihm diese Wahrheit freilich nicht auf, andererseits, weil mir durchaus gefällt, dass er mich wie eine Mutter Theresa mit Vatikan-Balkon ansieht und behandelt. Meinerseits sorge ich mich viel mehr, dass er bei soviel Naivität vielleicht doch an die Plakate seiner Arbeitgeber glaubt.

Deshalb sagte ich ihm das auch nach irgendeinem Ringkampf, in dem ich mich geschlagen gegeben und ihn zwischen meinen Medizinbällen befriedigt hatte, lüstern auf seine Qualen.

„Was denn…“ Er setzte sich neben mir auf, schnappte nach Luft und starrte auf mich weiß bekleckerte Traum-Torte herab. „Wieso? Ich denke, du hast uns gewählt?“

„Freilich! Immer… Und sicher mache ich das weiter, solange es noch einen von euch gibt… Aber das heißt doch nicht, dass ich euch nicht für Arschlöcher halten würde! Ihr Stasi-Spitzel mit Zweck-Alzheimer, Doktoren der ZK-Intrigen, kulturlose Unteroffiziere a. D., Verlegenheits-Lesben, vegetarische Krötenschützer, arbeitsscheue Langzeit-Studenten… Kein ALDI würde jemanden von euch an die Kasse setzen, und nur deshalb sitzt ihr auch nicht da, sondern auf dem Arbeitsamts-Korridor.“

Frank hatte noch immer nicht genug Luft für eine Antwort.

„Und wie alle Politiker denken auch eure bloß an sich! Und nur weil sie selber eine so armselige Zusammenrottung von gescheiterten Existenzen, Versagern und Freaks  sind, denken sie damit auch an uns Verdammte der Erde…“

Frank stand zu irgendeiner Rede oder Flucht vom Bett auf, winkte dann jedoch ab. Erich Mielke war dynamischer zu seiner berühmten Liebeserklärung geschritten, als mein schon regelmäßiges Minutensteak ins Badezimmer schlich. Er ließ die Tür offen, aber er begann, sich im Dunklen zu Duschen, kalt gegen die menschliche Enttäuschung und heiß gegen diese Befleckung seiner Partei.

Ich gähnte ausgiebig, was ich mir an seiner Seite nie erlaubte, weil Männer so etwas ja leicht missverstehen, und ich badete die Kuppen aller langen Finger in der gemeinsam gerührten Soße.

„Nie wieder will ich euch über mir“, rief ich gegen den Wasserfall, während ich mich mit den Millionen Kommunisten im Subbotnik-Schweiß einrieb. „Als Regierung… Nur um zu zeigen, dass ich gar keine Regierung will, brauche ich euch! Und als Einzelkandidat sei doch froh…  Mit den wenigsten, die man so wählt, würde man auch in die Falle wollen…“

„Einzelkandidat“, schnaufte Frank an der Badtür.

Ich streckte den Arm nach ihm aus und winkte ihn wieder zu mir. Ich wollte ihn wieder auf mir haben, das abgekämpfte Geschlecht in der Zange der verschwitzten Schenkel und seine nasse Sauberkeit im Sumpf zwischen meinen Bergen.

„Ja, an dir einem will ich mich rächen: für die Matrosen von Kronstadt, für Chatyn und für Prag 68. Che Guevara habt ihr verraten, und Tatjana Zorn! Aber…“

Der Versucher hatte mir in meiner ersten nicht touristischen Kirche schließlich nicht die Rückkehr nach Bilibino versprochen, und in den goldenen Traum unter der blauen Sonne war das Rot mit hohen Tönen dazwischen gefahren. Wie ein Firmen-Vorstand, der sich in den Klappensitzen die Hoden abgeklemmt hatte, hatten plötzlich sechs oder sieben Anzüge die Klagelieder der Jeremias Schütz & Co KG angestimmt: verloren war die Immobilie Jerusalem.

„Gedenke HERR, wie es uns geht; schau unsere Schmach! Unser Erbe ist den Fremden zuteil geworden und unsere Häuser den Ausländern. Unser Wasser müssen wir um Geld trinken, unser eigenes Holz müssen wir bezahlen. Wir sind Waisen und haben keinen Vater; unsere Mütter sind wie Witwen. Mit dem Joch auf unserm Hals treibt man uns, und wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe. Unsere Väter haben gesündigt und leben nicht mehr; wir aber müssen ihre Schuld tragen. Knechte herrschen über uns, und niemand ist da, der uns von ihrer Hand errettet… Darum ist auch unser Herz krank, und unsre Augen sind trübe geworden…“

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida