San Antonio de la Florida

Außer unseren Schinken brauchte die Bar natürlich auch Serviererinnen, und ein, zwei der Mädchen waren immer verschnupft, unglücklich verliebt oder schwanger. Sie bekamen nur die kleineren Trinkgelder, allerdings von der Mehrzahl der Gäste, und ich hätte Lutz nur um einen Vorstellungstermin bitten müssen. Volljährig und der dafür gefragte Studentinnen-Typ war Ramona ja, aber an ihrem ersten Abend wäre Barbaras Lüge sowieso und dann unkontrolliert geplatzt.

„Fährst du mich später manchmal… Für eine Anzahlung.“ Ich seufzte, nahm die Lederjacke von der Stuhllehne und holte das Portemonnaie heraus. „Es ist nämlich… Also ich tanze dort, und wenn ich was serviere, bin das ich.“

Ich legte einen Fünfziger vor Ramonas Teller, aber mir gegenüber stützte Simone den Ellenbogen auf und klappte die Handfläche nach unten. Ramona gab ihr den sandfarbenen Schein.

„Naja, ich habe unsere Wette gewonnen. Obwohl…“ Simone schwenkte die Hand mit ihrem Gewinn zur großen Schwester. „Du brauchst das im Moment dringender, und eigentlich hatte ich nur ‚Tänzerin’ gesagt.“

Ich schluckte, weil mein Job nun in aller Freundlichkeit ganz auf den ungenannten Begriff gebracht worden war. Die nach Gulasch riechende Luft überm Tisch knisterte, und jeden Moment konnte noch Barbara in das Beziehungsdrama platzen, mit duschnassen Haaren. Ich fühlte mich nicht als Verräterin, aber ich wusste ja nicht, wie frühere Aussprachen verlaufen waren. Ich hätte im Alter der Mädchen jedenfalls nicht verstanden, wenn meine Mutter mir irgendeine Geliebte vorgestellt, sich zum Hexensabbat verabschiedet oder die Salami vom Toast verbannt hätte.

„Also ganz genau hast du gesagt, dass bei ihren Eutern zu wenige Biergläser auf das Tablett passen würden“, versuchte sich Ramona an der Entspannung.

„Ja, schade…“ Simone kicherte. „Als Jungs wären wir jetzt richtige Hurensöhne, nicht? Wie bei Silly…“

Als die Tür auf ging, verabredeten wir mit den Augen, nun ein Geheimnis zu haben, und vor allem für die Mädchen war das nicht schlecht.

Barbara vergaß keinen Geburtstag, und sie zweigte vom Budget auch etwas für die Fahrschule ab, aber zuerst waren die beiden heißen Bräute eben ihre Töchter und ewige Schülerinnen. Was die Jahreszahlen und was die reifenden Körper verlangten, entging ihrer Aufmerksamkeit und ihren Augen, und nur mir fiel auf, dass Simone da sogar lockerer und neugieriger war als die Große. Zwei Mal fragte sie mich nach dem Wohnungsschlüssel, und das eine Mal, das ich die Neuordnung meiner Übungs-Videos entdeckte, ignorierte ich selbstverständlich. Das war ja ein biologisches und psychosoziales Paradoxon, dass wir die phantastischen Möglichkeiten unseres Fleisches erst entdeckten, wenn es nicht mehr ganz frisch war. Für Ramona dagegen zuckte ich die Schultern, weil es so gut Angewohnheit wie Vererbung sein konnte, wenn sie Frauen interessanter fand als balzende Gockel. Wir tranken Bier, die halben Stühle auf dem schmalen Balkon über der Wohnpark-Wiese, während ich mit ihr entdeckte, dass ich eigentlich weder Männer noch Frauen mochte. Es ging mir wohl immer um Einzelne, an denen mich Einzelheiten interessierten – mit einer einzigen Ausnahme.

Von den fünf Tagen Buße für einen Seitensprung musste ich meinen Mit-Verschworenen erzählen, weil da ich Hilfe und Zuspruch brauchte: Barbaras Ausweis-Nummer für das Ticket des Billig-Fliegers und die doppelte Gewissheit, dass es das im Internet gebuchte Hotel dann auch vor Ort gab. Ein Koffer musste gepackt werden, und Ramonas erste Überlandsfahrt ging dann auch vom Sozialamt bis zum Flughafen Berlin-Schönefeld.

„Du bist… Ihr seid verrückt“, stammelte Barbara weinerlich und bleich. „Wie sollen wir das…? Nein, das kannst doch nicht nur du bezahlen!“

Doch ich grinste, als wäre ich beschenkt worden, und Ramona und Simone kamen grinsend bis zum Check In mit. Ein bisschen Nötigung und Entführung war dabei, aber wir Drei nahmen unser Leben in die eigenen Hände, und mitten in ihren mütterlichen Ermahnungen küsste ich Barbara stumm, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.

Ich machte das später auch auf der Plaza Mayor, in der Steinkulisse der feurigen Glaubensgerichte, wo nun zwei indianische Marionetten-Spieler Beatles-Puppen zur CD-Musik tanzen ließen: Love is all you need!

Es gab ein Gedicht von Volker Braun, in dem er sich wohl am Weitesten von seinem Land entfernte: Am Tag der diplomatischen Anerkennung, als ihn aus dem „Neuen Deutschland“ General Franco anlachte. Es war nicht mir passiert, aber ich erfasste den Hammer-Effekt sofort, denn gerade Spanien und die Lieder des Bürgerkriegs waren uns in unserem eingemauerten Ländchen nahe. Es mochte sein, dass wir in den Internationalen Brigaden die revolutionäre Begründung für künftige Ausreise-Anträge sahen… Jedenfalls  ließ sich dieser Abschnitt der Geschichte sogar besingen, obwohl oder weil dazu die besonderen Propaganda-Trompeten schwiegen. Die Bücher darüber waren so frisiert wie alle historischen, und in ihnen tummelten sich anarchistische und trotzkistische Teufel zahlreich und lebendig wie nirgends, aber die Tonart zu diesem Thema gaben uns Ernst Busch und Pete Seeger vor. Unter Spaniens Himmel organisierte Thälmann keine Schul-Arbeitsgemeinschaft, sondern bedeutete er dich, Frei-Heit, und unter allen verdienten Widerstandskämpfern gab es immerhin einen, der auf der Flucht aus der Todeszelle einen SS-Mann erwürgt hatte: Hans Beimler, Kamerad. Und damals, in Chile und auf verquere Weise auch im streikenden Polen hatten sie uns immer verraten, die Herren Generale...

Der Manzanares, in dem wir dem für zweieinhalb Jahre dem Franco das zu heiße Blut gekühlt hatten, war im Lied und auf dem Stadtplan freilich viel gewaltiger als zwischen seinen Ufern, und nichts im Universitäts-Viertel erinnerte mehr an den kurzen Sommer der Anarchie und Durrutis Tod. Das mörderisch Katholische Spanien aber hatte sich noch weit mehr aufgelöst, als dieser schnurrbärtige Operetten-Faschist in die Decke des Parlaments geschossen, aber der von Franco gekrönte König ihm über das Fernsehen ausgerichtet hatte, er möge sich verpissen. Es sah eben immer nur so aus, als wiederhole sich die Geschichte, während von jeder höheren Serpentine ganz neue Wege abzweigten. Picassos „Guernica“ für die legendäre Republik war nun das Prachtstück im Museum der Königin Sophia, und in einem Seitenraum verjagte der andalusische Hund das Goldene Zeitalter. Eine grandiose Szene, wie am Ende die vier Bestien aus „Die hundertzwanzig Tage von Sodom“ das Schloss der Orgien verlassen, und einer von ihnen ist Jesus Christus… 

Barbara sah an den ersten beiden Tagen etwas ängstlich aus, weil Erinnerungen aus mir sprudelten, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. An der Plaza de la Puerta del Sol suchten wir etwa, wie vorgedruckt stand, den Nullpunkt aller spanischen Fernstraßen. Und sofort fiel mir der dort begonnene Aufstand gegen Napoleon ein, der die Welt das Wort „Guerrilla“ kennen lehrte…

„Ja, das Bild von Goya“, sagte Barbara, als wachte sie aus einem Traum auf, und sie umarmte mich wie im Hotel-Bett nahe der Calle de Goya. „Du, wir sind tatsächlich in Madrid! Und wir könnten theoretisch…, nein, wir können ganz praktisch hin gehen und uns alle die Bilder aus unseren Büchern wirklich ansehen!“

Wir standen in der Mitte einer Stadt, in der die Menschen nicht sortiert waren: Im Weg der Touristen- und Einkaufs-Pro­zes­sionen, gegen die ein Immobilienspekulant zum Eingang der Stadtverwaltung kraul­te. Eine frisch blondierte Hure drängelte zum U-Bahn-Eingang, und ein Latino- oder Zigeuner-Kind hielt Glücksbänder aus dem Musterkoffer der Mutter in den vorsichtig ausweichenden Menschen-Strom. Jenseits der Fahrbahn war der Platz am längst abgerissenen Sonnen-Tor eine Baustelle mit Freiluft-Cafés, und die Leute die von da kamen stoppten lachend und fotografierend die alten Busse und vornehmen Autos. Die reine Hölle für deutsche Stadtplaner, Innenminister und Landtags-Nazis war es, in der wir wie verwurzelt standen und uns küssten. Beim Luftholen sah ich einem Torero-Studenten in die Augen, in romantisch unglückliche Augen, weil ihm seine Studenten-Carmen nur eine Umarmung erlaubte.

In meinem ersten Leben war mir auf der Gorki-Straße in Moskau eine solche Gänsehaut über den Rücken gelaufen: Nicht in einem Winter-Schlussverkauf, nicht in einem Silvester-Besäufnis und nicht einmal am Rand einer Friedensdemonstration war ich nicht allein, sondern in einer historischen Stadt. Nie dort, immer in Schlössern und Burgen hatte die Macht genistet, und die Akropolis war als Meditations- und Theaterbau das Schatzhaus von Athen gewesen, statt als Sitz von Bankangestellten. Brüssels Markt war von den Palästen der Handwerker-Genossenschaften umstellt, und was die Kirchen sich auch immer darauf einbildeten, so hatten sich doch die Läden nur um sie versammelt, um Werbezettel mit Wegbeschreiungen zu sparen. Nur in Deutschland wussten wir das nicht mehr, weil die Welt unseren Großeltern diese Städte zerbombt hatte, um die Nazis aus ihnen auszubrennen, und weil danach nirgends das Leben selbst geplant und gebaut hatte. Ja, vielleicht hatte Berlin vor Hitler einmal so funktioniert, aber eben nur vielleicht, denn sein Wappen-Bär war ein gekröntes, arrogant stelzendes Vieh. Der Bär von Madrid dagegen streckte sich, um einen Erdbeer-Baum abzuernten.

„Also gleich nach der Idee, dich anzubaggern, war es meine zweitbeste Idee, dir mal ganz kurz und unverbindlich fremd zu gehen“, sagte Barbara, nicht weniger berauscht. „Und für Goya bin ich zuständig, als Hexe, und vorher sollten wir die Churro-Krapfen aus dem Baedeker doch probieren, mit Schokolade. Und wenn unsere Bäuche so groß und rund wie deine Titten werden…“

Goya hatte mit dem Aufstand an dieser Plaza Don Quijote als städtische Meute gemalt, und sie fiel wirkliche und übermächtige Feinde an: Im Traum von Ehre und Freiheit und für einen König, der nach dem späteren Sieg die Inquisition wieder einsetzte und noch einmal Südamerika erobern wollte, immerhin schon gegen Bolivar. Vor dem Nachbar-Bild in der obersten Etage des Prado stellte ich mich selbstverständlich auf die Seite der Aufständischen, die für alle Zeiten exemplarisch erschossen wurden, von den ersten als Killermaschinen gemalten Soldaten. Objektiv gesehen waren das die Konterrevolutionäre gegen Napoleon gewesen, aber Goya hatte ihren Aufstand und ihren Tod so kreatürlich und gewinnend gemalt, dass der König diese Bilder gut bezahlen und sofort weg schließen ließ.

Am Tag vor der Abreise nahm mich Barbara zu einer Kirche mit, die mir mehr sein gelb gestrichenes Außenklo als ein wirkliches Gotteshaus schien. Gebaut als Gebets-Etablissement für die verfluchten Zöllner…

„Eine, eine einzige Kirche, Tanja! Das ist in einem so katholischen Land nun wirklich nicht zu viel verlangt… Vor allem, wenn gar kein Stierkampf ist.“

Für einen Moment war ich schadenfroh, weil wir uns zwischen Gerüststangen schieben mussten und über das Kopfende von Goyas Grab ein Entschuldigungs-Transparent gespannt war. Sowieso war bei der Rückreise aus dem Exil sein Schädel verloren gegangen, wusste meine Hexe, und sie zog mich an der Hand an einem Lehrer vorbei, in den Kreis aus Musterschülern. Dort umarmte sie mich von hinten, dicht unter meinen Silikon-Sammelstellen.

„Ja“, sagte Barbara leise, obwohl der Altar von Bau-Netzen verhüllt war. „Ja, ich will diese verdorbene Schlampe zur Frau nehmen, lieben und ehren… Bis uns der Tod scheidet, den es aber nicht gibt…“

Ohne meine Antwort abzuwarten, drehte sie mit ihrem Kopf meinen Kopf so, dass ich die Auflösung dieses Rätsels selbst fand. Im Prado hatte mir Barbara noch erklären müssen, dass die Katze von Hieronymus Bosch schon vor dem Sündenfall eine Maus gefressen hatte, aber auf der Osterfeier des Heiligen Antonio  brauchte ich keine theologische Nachhilfe.

Hier waren die Engel fleischige, locker verschleierte Blondinen, die sich in alle Mauernischen drückten und uns Zöllnern und anderen schlimmen Sündern als dienstbare Geister die Vorhänge öffneten. Blaugrau wölbte sich der Himmel über uns, und vom höchsten Punkt seiner Kuppel her floss reales Licht, aber es beschien keinen dreieckigen oder rauschebärtigen Gott.

Über den Engeln stand ein Dutzend-Heiliger, der seinen toten Vater als Zeugen vor Gericht zitierte, was nur den nackten Dorftrottel beeindruckte… Weil sie immer noch dieselben wie in den Kunstbänden waren, mussten die Marktweiber und betrunkenen Raufbolde, mussten die schnatternden Mädchen und das am Geländer turnende Kind das Gemälde sein. Zumindest mit einem Auge sahen sie alle am geronnenen Wunder vorbei, und sie interessierten sich weit mehr für die spanische Schulkasse, zwei deutsche Lesben und japanische Touristen, die nicht zu fotografieren wagten.

„Hast du schon mal etwas Schöneres gesehen?“

„Heute früh, als du geduscht hast“, flüsterte ich und rieb mich in der Umarmung, bis ich frei genug war, mich für den Hochzeits-Kuss umzudrehen. „Und es gibt und ich brauche keine Götter neben dir.“

Vorbedacht war alles das nicht, und in unserer Hochzeitsnacht pilgerten wir von Speisekarte zu Speisekarte, ohne in der Mitte des Spaniens eine Paella darauf zu finden. So entschieden wir uns für ein Fleischerei-Lokal, das beinahe vertraut „Schinken-Museum“ hieß. Allerdings tanzte dort niemand, und über der Verkaufstheke hingen dicht an dicht geräucherte Schinken von der Decke. Wir setzten uns an einen Tisch aus Metallrohr und Spanplatte, in einer verspiegelten Ecke, in der uns schon bald die Hohepriesterin des Ehebruchs erschien. Sie war höchstens zwanzig, eine Mulattin mit Jungen-Frisur, in enger Jeans und locker getragener weißer Bluse.

„Ustedes“, begann ich forsch und versuchte dann verzweifelt, „tener“ zu konjugieren.

„We want…“ Barbara strahlte und seufzte. „…to eat the originally Spanish paella.”

Und ein weiteres Wunder der Stadt geschah. Der Appetithappen verstand unsere Lust und Laune, strahlte zurück und nickte zu unserer Bestellung.

„Y dos cervezas, por favor“, ergänzte ich und schon die Hand zu Barbaras Tischseite. „Du… Privat nur noch du! Und…“

„Und manchmal Frank“, sagte Barbara, locker wie noch nie. „Und ich werde dich bei der nächsten Weihnachtsfeier oder so den Kollegen vorführen.“

Ja, diese Woche bot sich als Abschluss meiner Memoiren gleich mehrfach an – als ein Anfang, als ein nicht verlerntes Schwärmen und als frisch eingedampftes Erlebnis. Nur den Palmengarten in der Halle des Bahnhofs Atocha musste ich noch erwähnen, oder das Denkmal des Teufels als gestürzter und weiter protestierender Engel, im Park Retiro. Aber damit fehlte dann auch nichts Bemerkenswertes mehr von den Tagen ohne Fernsehen und den spät beginnenden heißen Nächten.

Niemand aus meiner Bekanntschaft war in dieser Zeit krank geworden oder gestorben, wie es in der anderen erzählten Zeit ganz natürlich passiert war. Da wollte ich es nicht weiter ausmalen, weil mir etwa meine Großeltern als Lebende wichtig gewesen waren und mit mir lebendig blieben. Oder Rainer, bei dem aber noch der Selbstmord ein Attentat gewesen war…

Nein, der Tod war mir nie ein Thema. Da ging das Licht in unsereinem aus, und die Stadt unterhalb der Steuerzentrale zerfiel. Das einzige Mysterium war das Leben, für das ein einziges von Millionen Spermien das viel mächtigere und dauerhaftere Weibliche anbohrte, eine lange Reihe von Zell-Explosionen zündete, als Nebenprodukt des Treibens der Elterngenerationen. Und ich insbesondere hatte Atome gespalten und Worte zu Gedichten und Körper zur Lust verschmolzen, so dass ich mir da aus Erfahrung sicher war: Mehr kam nun nicht mehr, war nicht vorstellbar und wäre eine zu unbescheidene Erwartung gewesen.

Ich liebte die „Schinken-Bar“, und ich liebte die Tourneen der „Fighting Cats“ ja nicht mehr als dieses seelenlose Fellhäufchen die Windhund-Rennen, als eine Fleischerin die Jagdwurst oder ein Bischof die Beichte eines Obdachlosen. Damit verdiente ich mein Geld, dafür und damit hielt ich meinen Bauch straff, und obendrein  war das ein befriedigender Zeitvertreib, wenn Barbara wegen des frühen Aufstehens daheim und früh schlafen ging. Andererseits: nach dem Madrid-Kapitel, das ich an zweieinhalb Tagen so weit geschrieben hatte, stand ich spät, aber schon mit Vorfreude auf. Wie ein nach dem Auftritt süchtiges Zirkuspferd oder –äffchen…

Ich duschte lange und knabberte zum Kaffee und vor „Tomb Raider“ von der DVD die Kornflakes einzeln. Gegen so ein Treffen mit Angelina Jolie konnte nicht einmal Barbara etwas haben, und es war auch das einzige, wozu der Film taugte. Danach duschte ich wieder und noch länger, verzichtete auf die Wander-Maske und war schon zwischen Parkplatz und „Schinken-Bar“ unterwegs, als sich   das Handy mit den ersten Akkorden von „Whenever whereever“ meldete.

„Tanja, Süße“, brummte Lutz. „Rolle gefälligst deinen Souvenir-Torero vom Bauch und bewege deine Titten zu mir!“

„Du kannst mich mal… ausnahmsweise nicht!“

Die Hintertür schloss mir Rudi auf, die Trainerhand wie verbrüht schüttelnd, und er zeigte mit dem Daumen in Richtung des Büros. Es war auch kein Vor- und kein Trainingstanzen hörbar, nur das Flaschen-Klappern bei der Vorbereitung der Bar, und im Sekretariat saß Marietta vor dem Computer, mit den Zeigefingern tippend.

„Eine Vertragsänderung“, sagte sie. „Ich komme gleich nach...“

 Auf der ledernen Besetzungs-Couch hatte sich Lutz gleichsam verdoppelt, kopiert oder geklont. Sein jüngeres Double oder der früh gezeugte Sohn trug zur Jeans ein Hawaii-Hemd, aber wie Lutz die Füße auf dem niedrigen Tisch hatte und die Spitzen der Cowboy-Stiefel gegeneinander bewegte, sah eindrucksvoller als Sandalenwackeln aus. Zwischen ihnen, hinter der Couch-Lehne wehrte eine dunkle Figur den Einfall des Nachmittags-Lichtes ab.

„Das ist sie also: Tanja, die sibirische Tigerin unter den ‚Fighting Cats’ und unbesiegter Champion der German Wet Wrestling Federation…“ Lutz nahm die Füße vom Tisch, beugte sich vor und hielt uns mit ausgestreckten Armen zwei Whisky-Gläser vor. „Aber endlich haben wir eine Herausforderin für dich, Tanja Petrowna! Frag lieber nicht, aus welcher Schmuddel-Zeitschrift!“

Ich machte einen Schritt auf das Monster aus meinem Pilztraum zu, das in ein Viermannzelt aus der Staatsflagge gekleidet war.

„Hi, Cathy!“

„Cathie The Steamroller Monroe“, sagte der Klon, als hätte er seine Kriegselefantin auf den Händen aus New York bis in unsere  ehemalige Kaufhalle getragen.

„Ihr werdet kämpfen“, freute sich Lutz. „Und wahrscheinlich wird sie dir Titel und Gürtel abnehmen.“

„Aber sie kann doch beides auch so haben! Gern!“

Ich versuchte, nicht zu ängstlich zu klingen, eher freundlich zuvorkommend. Kein Champion musste jede Herausforderung annehmen, und nur zusammen mit Barbara und der Blutigen Mona war ich in dieselbe Gewichtsklasse einzusortieren, in jeder Sportart. Wenn ich nicht an das Ende der Welt glauben wollte, durch meine Niederlage, dann war es immer noch höchste Zeit, vor ihr ebenso zu fliehen wie vor dem von Uwe besorgten Pferd.

„Natürlich musst du kämpfen“, sagte hinter mir Marietta. „Sonst hätte niemand von uns etwas davon… So steht es im Kleingedruckten, und du hast doch nichts gegen Neger oder uns Dicke, nicht?“

„Wir kommen damit ins Fernsehen“, lockte Lutz. „In Amerika! Und das wird erst großartig, wenn du verlierst und sie dir den Dildo rein steckt! Oh, Baby…“   

„I’ll kill you“, versprach Catherine wie im tschuktschischen Pilz-Orakel. „You are dead, Tanja!“

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
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