Galeristin

Außer der Partei, der Angst vor der Staatssicherheit und dem Mangel herrschte damals auch der Impfzwang. Dabei war es nicht einmal so, dass uns der Marxismus-Leninismus eingeimpft wurde – von der unverdünnten Vernunft ganz zu schweigen. Wir wurden nur geritzt und gestochen, weil das Politbüro seinen Henkern in Weiß befohlen hatte, Kinderlähmung, Pocken und Co auszurotten, und trotz der ansonsten rituell eingesetzten Arbeiter-Farbe galten auch Scharlach und Röteln als Krankheiten. Und wenn gegen den Mangel ein Päckchen von der West-Oma half, wenn man der Stasi von seinen Kollegen und Freunden erzählen und sich vor der richtigen Partei in die ihr befreundeten Vereine fliehen konnte: Dem Impfzwang war nicht zu entkommen. Noch bevor wir, weil es fast alle taten, Junge Pioniere wurden, waren wir schon ausnahmslos Impf-Junkies, entmündigt und körperverletzt. Nur die englisch-imperialistische Hongkong-Grippe konnte uns aus dem Kampf um die Planerfüllung, den Weltfrieden und den endgültigen Sieg des Kommunismus reißen, aber kurz davor kam bekanntlich die Wende.

Die zu neunzig Prozent gegen den Keuchhusten geimpften Deutschen unterwarfen sich den nur zu zehn Prozent geschützten Landsleuten und erlangten so auch das Menschenrecht auf unversehrte Oberarme zurück. Unsere Stasi-Angst wurde von der Furcht vor Allergien abgelöst, und wir haben endlich die Freiheit der Krankenkassen-Wahl und können verhundertfacht die uns so lange vorenthaltene Selbsterfahrung der Bordetella pertussis machen. Es ist dies ja auch ein sehr schön aussehendes, kugeliges und glänzendes Bakterium mit roten Sprenkeln…

Wer in der Befreiung vom Impfzwang einen Fortschritt der Zivilisiertheit zu sehen vermag, gehört schon zu den Realschülern der westdeutschen Lebensart, und der und die werden sicher nicht von Zweifeln heimgesucht, wie sie mich in den ersten Kölner Wochen quälten.

Aus der Fleischabteilung des Kaufhauses von Bilibino war ich wenigstens mit ein paar Hühnerflügeln oder Konserven nach Hause gegangen, und um mich gab es an ähnlicher Stelle sogar spanischen Schinken und italienische Salami. In den Fischläden verkauften sie Fische, in den Kneipen zum Rhein betranken sich sogar Japaner, und im Porno-Kino spielten sie mir Orgasmen vor, wenn auch schlecht übertriebene. Gut, ich habe im Dom nicht nach der Dienst habenden Domina gefragt, aber ganz unfassbar war für mich, dass es im Kölner Arbeitsamt keine Arbeit gab.

„Wir haben hier kein Kern-Kraft-Werk“, sagte meine Beraterin einfühlsam. „Nix Tschernobyl, verstehen?“

„Kein Problem.“

„Du müssen fahren… in Norden, vielleicht. Wie Tourist…“

Ich zuckte die Schultern, weil mir kümmerliche Witze schienen, was man in Deutschland unter einer Fahrt und danach unter dem Norden verstand – jenen Katzensprung nach Hannover oder Hamburg.

„Kein Problem.“

„Du müssen… Vielleicht! …für nix viel…“ Frau Wieland rieb die Kuppen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger aneinander. „…Arbeit! Neues Job!“

„Jaahaa, kein Problem.“

So sah ich es damals wirklich, weil ich mit Sicherheit mehr von Mathematik und Physik verstand als alle Lehrer, für die es wahrscheinlich auch keine Stellen gab. Und wenn ich nicht einmal als Junior-Texterin bei einer ganz kleinen Werbe-Agentur beginnen konnte… Ich war zwar ohne Führerschein, aber immerhin über sibirische Nebenstraßen Auto gefahren, im Lada-Jeep und in für dort kleinen LKWs, und für eine amtliche Arbeitsberaterin genügten offenbar sowohl mein Russisch als auch mein Deutsch.

„Frau Petrowna…“ Die sehr korrekt steife und reife Dame schüttelte erstaunlich schnell den Kopf und fiel etwas in meiner Richtung zusammen. „Du verstehen, Pani Petrowna?“

„Zorn, Tanja Zorn“, sagte ich zur Abwechslung, obwohl ich wirklich kein Problem damit hatte und sie mit der nächsten Wiederholung in die Klapsmühle abgeschoben hätte. „Sagen Sie mir doch einfach was, was ich machen kann!“

Ich erhielt auch damals und im fernsten Westen kein Stellenangebot, doch mir leuchtete schon ein, dass ich besser nicht zu tief stapelte. Von der Öl-Köchin bei McDonald’s würde es ein zu weiter Rückweg zur Reaktor-Anheizerin werden, und wenn ich den gering bezahlten Job, den ich nicht bekam, wieder verlor, würde ich nur noch 64 Prozent des Mini-Gehalts bekommen. Die Beraterin sagte mir diese Trostsprüche unpersönlich routiniert, nach dem leicht verdrehten Uhren-Unterarm schielend, und in der nächsten Verlegenheits-
Pause reichte ich ihr die Hand.

„Bis zum nächsten Mal, Frau Wieland. Dienstag, passt Ihnen das?“

Es war wohl diese Art Missverständnis, die meine Beraterin bei jedem Besuch und mit jedem neuen Besuch mehr davon überzeugte, dass ich meine akzentfreien Sätze von Dienstag bis Dienstag einübte. Ihr Deutsch wurde immer brüchiger, und sie half sich dagegen, indem sie mir immer größere Papierstapel mit in die Pension gab, wo ich sie gleich in den Papierkorb steckte. Ich sah das als eine zusätzliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für meine Geheimdienst-Wirtin, denn irgendetwas wollte ich für mein Arbeitslosen-Gehalt auch tun.

Inzwischen ist meine persönliche Verrücktheit in den Rang eines Gesetzes erhoben worden, auf den Rat von Herrn Peter Hartz hin, der sich über die ungenügende Beweglichkeit seiner spesen-finanzierten brasilianischen Huren geärgert hatte. 1992 aber war das noch eine Besessenheit, eine schlechte Angewohnheit und – ich will das ganz offen und klar so benennen – eine Folge der kommunistischen Diktatur. Ich komme zwar dazu, die Zahl der Diktatoren immer größer anzugeben, aber genauso war es ja zu erleben: Außer der Partei, der Angst vor der Stasi, dem Mangel und dem Impfzwang herrschten in der DDR auch die privaten KfZ-Mechaniker, Elektriker und Klempner – auch der Arbeitszwang.

Es mag stimmen, dass die Rentner mit langen Armen nur eingesetzt wurden, um die Lücken zwischen zwei ebenso alten Förderbändern zu überbrücken. Weil es in den Betriebskantinen zu wenige Geschirrspülmaschinen gab, gab es kaum Prostitutierte, und das der Stasi informell gelieferte unnütze Wissen war nur durch immer neue Fest-Angestellte zu archivieren… Nichts davon war also einfach nur, was es schien, und das meiste war kein Ruhmesblatt, aber es war Fakt: Die Firmen, die heute die Schilder „Immobilien zu verkaufen. Anruf unter…“ drucken, beschäftigten damals tausende Schönschreiber des Satzes: „Wir stellen ein…“ Zu wenige Kindergärtnerinnen banden nicht einfach zu wenige schon verplante Hilfsarbeiter, Pausenüberzieher, Pionierleiterinnen und Mauerschützen auf den harten Plaste-Pinkeltöpfen fest! Unsere Großeltern und Eltern waren aus dem Blutmeer des Weltkriegs auf eine besatzungszonengroße Galeere gerettet worden, und wir wurden für deren Ruderbänke, Sanitätsstationen, Kombüsen und Kommandodecks gezeugt, geboren und erzogen.

Nur wenige flohen sich mit billigem Matrosenfusel in selten durchleuchtete Ecken im Unterdeck, und erstaunlich viele Rhythmus-Trommler und Brei-Verteiler wurden gebraucht und ausgebildet und befördert… Doch im Großen und Ganzen waren wir lebenslängliche Galeerensklaven, die für zähe Konsum-Brötchen ruderten und im Sommer mehr Bier trinken wollten, als zu verdünnen war. Über dem gewohnten Rudern und bei den Geschichten in den fest verfugten und später nur noch vernagelten Ruder-Decks verlernten und vergaßen wir, dass wir Stalins Kriegsbeute waren.

So verlief Geschichte und wuchs Gegenwart schon immer. Wer machte denn eine Tragödie daraus, dass die Legionen des Publius Quinctilius Varus von dessen germanischen Hilfssheriffs niedergemetzelt wurden, oder dass uns nur die Schweden davor bewahrt hatten, Bayern werden zu müssen? Im Westen kickten die Becken von Marylin und elvis den Führer und Reichskanzler aus den Köpfen, und ein Teil unserer Ruderanlage war noch immer der im Deutsch-Französischen Krieg erbeutete, während wir vor dem eher feindlichen Polen ankerten.

Unsere Kapitäne, Bootsmänner und Aufseher ließen zwar den Tarnanstrich erneuern und auch unter der neuen Fahne den alten Stechschritt üben, aber in der ganzen Welt wollte uns niemand mehr als Panzerkreuzer sehen. Für ein Traumschiff aber fehlten uns außer einem Sonnendeck und dem Hochglanz-Tresen die Kajüten mit vergoldeten Dusch-Armaturen, der exotischen Senf an den Bockwürsten und der zeitgemäße Antrieb. Am Anfang scheiterten die gedachten Umbauten an Intrigen und Wechseln auf der Kommandobrücke, später fehlte es am Material für die Reparatur-Pläne, und schließlich sollte uns die Idee genügen, wenigstens jede Ruderer-Familie ein eigens Kämmerchen einzurichten.

Das Öl für die Lampen floss uns weiter zu, weil die Decks und die Besatzung sowjetische Himmelfahrts-Divisionen und Mittelstreckeraketen aushielten, aber seit Stalins Tod hing unserer Galeere immer auch Preisschild an. Gerade Geheimdienstchef Berija, der Schirmherr des panzerfreien Vormittags von 1953, hatte es uns verpasst, und nur weil der Westen den Offerten nie traute, schaukelten wir weiter auf der Reede.

Die Lecks im Rumpf wurden schon mit alten Socken und anderswo abgeris-
senen Planken repariert, und das Geld für die Weihnachts-Apfelsinen war geborgt, als unsere Brücke die Flucht vor dem Seelenverkäufer Gorbatschow wagte. Wir könnten durchaus mit allen schwimmenden Transistorradios mithalten, ließ der Kapitän trommeln, und nie sah es weniger danach aus als in dem Herbst, in dem uns irgendwie das Überholen gelang. Prompt rammten wir ihren Eisberg rammten, und danach wurden wir einer nach dem anderen und dann alle zusammen an Bord dieses Ozeankreuzers gezogen und in gebrauchte harte Decken eingewickelt - mit „His Majesty’s Ship TITANIC“ bedruckt.

Ach, ich verstehe das ja! Sie hatten dort nicht wirklich auf uns gewartet, unseren sicheren Untergang so überzeugt prophezeiend, wie das unsere Muezzins den ihren nachgerufen hatten. Keiner hatte den anderen wirklich rammen wollen, und jeder hatte gehofft, bei der verrückten Regatta im Paradies anzukommen, aber nun war unsere Galeere tatsächlich untergegangen. Wir waren aus der kalten See gezogen, und nun froren wir doppelt, wir bekamen ein erstes Müsli vorgesetzt, aber wurden sofort wieder hungrig, und bevor wir ganz in die neuen Uniformen gewachsen waren, klopften wir an den Maschinen- und Büroräumen, Waffenkammern und Küchen. Arbeiten wir doch ein bisschen für eure bisherigen Wohltaten und unseren künftigen Wohlstand – ist doch normal, versteht sich doch von selbst!

Doch der Braunbrust-, auch Westeuropäischer oder West-Igel (!) genannt, war schon allhier, wo wir Hasenartigen (Pfeif- und Echte Hasen und Rotkaninchen) gerade ankommen wollten… Kurz: die Geschichte unseres Schiffbruchs wuchs in das von den Brüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen über die Buxtehuder Heide hinüber: „So lief der Hase dreiundsiebzig Mal, und der Igel hielt immer mit. Und jedes Mal, wenn der Hase oben oder unten am Ziel ankam, sagten der Igel oder seine Frau: ‚Ich bin schon da.’ Beim vierund-
siebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel. Mitten auf dem Acker fiel er zu Boden, das Blut floss ihm aus der Nase, und er blieb tot liegen.“

Im Prinzip war das so, und dass etliche Hasen weder gestorben noch klug geworden sind, beweist so wenig etwas anderes wie die Ausnahme für mich: Frau Wielands Computerausdruck mit einer Adresse, wo die russische Doktorin Petrowna-Zorn vielleicht einen medizinischen Hilfsjob erhalten würde.  

In jenem schmalen Warte-Korridor saß noch eine zweite Kandidatin der Wissenschaften, und meine blondierte Konkurrentin verunsicherte mich mehr als die Versuchs-Anordnung in Tschernobyl. Die auch noch jüngere Frau hatte sich mit allen 16,4 Millionen RGB-Farben des Computers, mit Kosmetik- und Baby-Puder und einem Brustlatz aus falschem Gold und Glasperlen in ein lasterhaftes Barbie-Püppchen verwandelt, um die mir versprochene Arbeit zu bekommen. Ich dagegen saß in einer amerikanischen Jeans und in einem schottischen Holzfäller-Hemd bereit: in einem der weltgrößten Länder promoviert und von Saddam Hussein wohl in Plutonium aufgewogen, hätte er nur von meiner Situation gewusst.

„Dann kommt doch mal“, sagte eine stämmige Kunst-Rote endlich in unseren Gang und gab uns damit noch immer keine eindeutige Auskunft. Oberschwestern wie Puffmütter hatten ja ein Recht auf Zivil, und die herrische Stimme passte zu beiden Berufen. „Wir probieren einfach, wer das am besten hin bekommt.“

In dem kleinen Hinterhof-Dschungel, in den sie mich drängte, fand sich Barbie freilich besser zurecht. Sie war ungleich schneller aus T-Shirt und Lederröckchen, als ich aus der männlicheren Kluft, und sie drehte routiniert an den silbernen Hähnen und schüttete ekelhaft rosa glänzendes Duft-Shampoo in die Wanne. Ich stand wie eine Patientin, der es um eine Rheuma-Behandlung auf Krankenschein ging, in einem Feucht-Bordell, und Barbie half mir mit viel Körperkontakt beim Ausziehen.

Unter dem strengen Blick der Chefin floh ich in das heiße Wasser, und während ich mit einem Naturschwamm abgewaschen wurde, zitterte ich wie im Duschraum des Lefortowo-Gefängnisses. Es war nicht meine Welt, aber im heißen Dampf und unter den sieghaften Griffen kochte ich weich und bekam hummerrote Ohren. Ungelenk und schwitzend ließ ich mich von Barbie zur Liege führen, und mit einer unmenschlich vernünftigen Anstrengung drehte ich mich auf den Bauch. Dicht über mir rutschte die Bade-Barbie durch den auf meinem Rücken verbliebenen Schaum.

„Und jetzt tauschen wir die Position“, verlangte die Chefin. „Du kannst das sehr gut, aber das ist ja nichts, was man nicht lernen kann.“

Die Blondine legte sich auf den Rücken, und obwohl ich sie unter Schaumbergen begrub und dazu den Schwamm an meinen Schlüsselbeinen ausdrückte, versagte ich. Meine Brüste hingen zu sehr, ihr straffer Bauch kam mir zu weit entgegen, und immer wieder klebte meine Haut elektrisiert an ihrer. Wenn ich mich los riss, entstanden schmatzende Geräusche, und unter mir grinste Barbie höhnisch, unbewegt und stumm. Sie sah ja nicht nur besser aus, sondern war auch geschickter und hatte unseren Massage-Wettbewerb eindeutig gewonnen.

„Diskrete Reinemachfrauen brauchen wir auch“, sagte die Chefin, fasste nach meiner Schulter und ließ die Hand bis zu meiner Brust rutschen. „Und so, wie du dich anstellst,  werden sie uns ganz sicher für deine Umschulung bezahlen.“

„Warte mal!“ Barbie drückte mir gegen die andere Brust und richtete sich ein bisschen auf. „Chefin, Sie nehmen doch nicht etwa wirklich die?“

Um ganz ehrlich zu sein: Barbie kratzte und kreischte ziemlich und nannte mich eine alte Kuh, was ich ihr aber nicht übel nehmen konnte. Ich erstickte ja an einem Überraschungskloß im Hals. Wieso gerade ich? Wieso war es gerade das? Und wenn meine Chance war, nicht die geringste Voraussetzung und Eignung für den Job mitzubringen, warum war ich dann nicht bis nach Bonn weiter gefahren, um als Kohl-Stellvertreterin vorzusprechen?  Aber in der Branche so neu wie auf dem Arbeitsmarkt selbst ließ ich mir das Azubi-Geld für meine ausgewachsene Pünktlichkeit diktieren, und ich probierte gleich noch den kurzen weißen Kittel an.

Ja, dafür musste ich in einem Erotik-Shop noch ein Höschen kaufen, das unter dem hinteren Saum und in den offenen Hälften vorzeigbar war. Ich wählte es in schwarz, lernte beim Blick auf das Zeitschriften-Regal, dass meine Hängeeuter jetzt „Big Naturals“ hießen, und ich raffte mich zu einem letzten Besuch bei meiner Arbeitsberaterin auf.

Ich unterstellte Frau Wieland dabei nicht, dass sie einen hinterhältigen Geheimdienst-Befehl ausführt hatte. Sie beugte sich gegen den Monitor, als sei sie kurzsichtig, doch damit wollte sie wohl nur verhindern, dass ich auf ihre amtlichen Einträge schielte. Ohne Zweifel zählten Massagen zu einfachen medizinischen Diensten, und an dieselbe Stelle waren von ihr schon zwei Bewerberinnen vermittelt worden, die nach dem Förderzeitraum auch einen ordentlichen Arbeitsvertrag bekommen hatten.

„So problemlos arbeiten wir nicht mal mit der Post zusammen!“  Der Büro-Stuhl stöhnte unter der computergestützten Zufriedenheit, die Frau Wieland gegen die Lehne drückte und wieder nach vorn federte. „Pani… Du waren gut! Die nehmen dich! Haben hier... te-le-fo-nie-ren, verstehen?“

„Aber das ist ein Puff!“

„Aach? Du sagen, ich schicken in Bordell, huren, Pani Petrowna?“

„Naja, Bordell... Und sicher war das ein Versehen…“

„Sie behauptet, wir hätten sie zur Vorstellung in ein Bordell geschickt! Und sie will brav hingegangen sein“, rezitierte Frau Wieland wie für einen Gerichtstermin. „Das heißt: Sie muss sich dort beworben und nicht etwa protestiert haben! Denn sie hat die Stelle ja bekommen…“ Sie seufzte und bewegte den Kopf langsam und vorwurfsvoll hin und her. „Frau Doktor Petrowna-Zorn… Ich sagen: Hingehen! Dort sagen: Arbeiten – Ja! Deshalb du arbeiten dort oder hier nix Geld, Money, Deutsch-Mark!“ Und nach dieser Rechtsberatung neigte sich die Arbeits-Beraterin auf Flüsterweite zu mir. „Wollten die…? Sagen, du gehen hoch und machen… Sie wissen schon!“

Ich winkte ab, stand vom Bittsteller-Stuhl auf und schlich zur Tür. Ich würde noch einmal an meinem Briefkasten vorbei gehen, in dem ja vielleicht die Vorstellungs-Vorladungen der Nukleartechnik Heidelberg, des Ökologie-Instituts Freiburg oder von Siemens Irgendwo lagen, oder ich würde mich in den Job fügen, der schließlich keine Tragödie war.

Es gab in so einer Rheuma-Bude Unmengen Fliesen und Armaturen zu putzen, ein Dutzend Plaste-Liegen zu desinfizieren und Berge Frotteetücher zu bewegen, und wenn ich geschickt meine Mathematik-Semester zur Sprache brachte, würde ich der Chefin schon bald bei der doppelt doppelten Buchführung helfen dürfen.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida