Erkennen

Nein, wir konnten sie nicht mit uns vergleichen, und deshalb wusste ich nicht, was alleingelassene Sechzehnjährige von heute anstellten. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass sie sich nicht fürchteten und mit Handy, Mikrowelle und Videorecorder umgehen konnte. Ich glaubte nicht, dass sie andere Web-Seiten ansurften als mit der Mutter im Nebenzimmer, und wenn sie auf der Suche nach Wechsel-Handtüchern den mütterlichen Dildo fanden, war das doch keine Katastrophe.

„Ramona ist sogar achtzehn, und da kommt sie damit zurecht!“

„Ja, eben“, sagte Barbara.

„Und denke nur mal dran, was du von ihrem Pasta-Bastler erzählt hast!“

„Also nicht von ihrem! Mehr so allgemein, über Machos…“

Sie stützte ihren Kopf mit der Hand, den Handballen an der Nasenwurzel, und mir rieselte es heiß über den Rücken. Sie schleppte die Daten von fast zehn Jahren mehr darin herum, allen Stress des früh begonnenen Lesben-Lebens und das Nachdenken über die Kinder, das ganze Sozialgesetzbuch, arbeits- und strafrechtliche Präzedenzfälle und hunderte Asylanten-Schicksale. Ich hätte dafür sicher beide Hände gebraucht und dabei nicht halb so gut aus-
gesehen, und ich fand es großartig, eine Doppelmutter wie ein reif gewordenes Kind mit alten Skrupeln kämpfen und daran leide zu sehen. Denn sehr gern wollte sie für das Wochenende bleiben.

„Und wenn dein Frank wiederkommt? Ich werde auch ihm nicht vorführen, wie es Lesben treiben! Ich hoffe, das weißt du!“

Ich griff mir eine Handvoll ihrer Pferdemähne und den Hals darunter, und ich ließ die Haare knistern, in einer unvollkommenen Passage.

Ja, weiß der Kuckuck, warum Männer angeblich – Frank hatte es noch nie verlangt – so gern beim lesbischen Sex zusehen! Außer einem tierischen Reflex und den Jahrtausenden des Patriarchats werden sie schließlich durch nichts gezwungen, unter Geschlechtsverkehr gerade das brutale Aufspießen einer Frau zu verstehen! Den Kopf nicht vor dem Bett gelassen, müssten sie nicht nur nicht um das Zusehen betteln, sondern könnten um die fünf Sechstel der lesbischen Sex’ – haben! Jede, die keine Lehrbuch-Lesbe oder einfach verklemmt wie ein alter Kühlschrank ist, wird ja zugeben, dass überhaupt nichts gegen das Eindringen in eine der Leibesöffnungen spricht! Und nur Überzeugungslesben nehmen für dieses Eindringen Gummischwänze… Ja, das sind sie funktional! …die  Delphine oder Bananen nachahmen oder zu geometrischen Formen abstrahiert sind! Herr Gott oder Frau Göttin: Dieses Zusammenspiel von Höhle und Höhlenbär hat sich im Laufe der Jahrmillionen bionisch optimiert und ist zum Erfolgsrezept der Beglückung  von Individuen geworden! Das macht so sehr gute Laune, dass man und frau darüber geradezu den Zweck vergessen kann… Ohhhhh, jaaaahaa! Nur muss das Lustwerkzeug eben nicht aus dem vergänglichem Fleisch und Blut und irgendwo an dickbäuchiger Arroganz festgewachsen sein, und es ist in punkto Oberfläche, Umfang und Material ebenso zu perfektionieren, wie sein wirklich tödlicher Einsatz zu üben ist. Ganz klar. Lassen Sie sich, Frau Göttin, einfach mal Barabras Sammlung zeigen und verpassen, die mit Recht ein eigenes Fach in ihrem Kleiderschrank beansprucht!

Und ich wollte, ich hätte mit sechzehn in der elterlichen Kommode nicht nur die Stalin-Werke gefunden, die mein Vater damit erklärte, dass in Deutschland nie wieder Bücher verbrannt werden dürften! Es wäre im heulenden und zähneklappernden Ostdeutschland ja auch nicht aufgefallen, wenn es eine glückliche Mohrrübe weniger gegeben hätte…

 Ich weiß nicht, ob man im „Intershop“ Dildos bekam oder bestellen konnte. Als Kriminalist durfte mein Vater ja nicht einmal seine Westtante und Westgeld für meine richtigen Jeans haben. Dank meiner Mohrrübe aber war ich schon als Sechzehnjährige von damals Vollmitglied unserer größten Massenorganisation geworden, die zugleich die wirkliche Staatspartei und eine erfolgreiche Widerstandsbewegung war. Darin ersetzten uns „Rennpappen“ genannte pastellfarbene Plastikschachteln die Autos, und obwohl es keine Werkstatt-Termine und keine Ersatzteile gab, fuhren die „Trabant“ – langsamer, aber länger als jeder auf Scheckheft gepflegte „Mercedes“. Ein nur vom Händler-Hof gefahrener VW ist in Hannover noch heute kein Neuwagen mehr. Ein nach der legendären Wartezeit ausgelieferter „Trabant“ aber wurde erst richtig teuer, wenn er gebraucht und privat zu verkaufen war. Und so misstrauisch die zuständigen Organe jede Zusammenrottung von mehr als drei Personen untersuchten: Wäre der Flucht-„Trabant“ eines Bankräubers verreckt, hätte sich jeder Polizist in die Versammlung um den offenen Motorraum eingereiht und alles mögliche vorgeschlagen und versucht, das Ding wieder zum Rollen zu bringen.

Freilich gab es bei uns kaum Banküberfälle. Es war alle Mal besser, sich tauschbare Fliesen, Wasserhähne oder Räucheraale zu besorgen. Nur bei der Bezahlung der Gewerkschafts-, FDJ-und Partei-Beiträge mussten Mark der DDR auf den Tisch.    

Deshalb war es sehr hinterlistig, und der Westen ist ja auch darauf hereingefallen, als die Herbst-Demonstranten 1989 behaupteten, nicht über ihre Lage Bescheid gewusst zu haben. Das traf voll und ganz auf das Politbüro zu, das die vierzig verbiesterten Jahre wohl gar nicht durch regiert hätte. Aber wir, dir wir das Volk waren, hätten in solcher Dummheit keine vierzehn Tage überlebt… 

Ich kam mir damit im Westen immer wie Alice Liddell vor, die dem guten Onkel Lewis Carroll aus ihrem Wunderland erzählte, während er von ihr diese netten Nacktfotos machte. Was beim damaligen Stand der Fototechnik und der natürlichen Zappeligkeit einer Zwölfjährigen viele und lange Besuche bedeutete… Aufgeweckte Leser bemerken hier natürlich die Anspielung auf den mutmaßlichen, aber nicht bewiesenen pädophilen Hintergrund des weltliterarischen Werkes, denn der einzige wirkliche Bezug dazu war das weiße Karnickel.

Weil sie mir nicht das einer Deutschen zustehende Gehalt bezahlen konnte, war mir die Chefin bei der Miete für die Kellerwohnung in ihrem Haus entgegen gekommen, und seitdem erschien mir Kurt immer wieder, im Studio und daheim. Im Studio musste ich ihm dann in die Besen- und Räucherkammer oder in eins der Badezimmer folgen, während er mich in meiner Wohnung wie sein Dienstmädchen vom Lande besuchte. Warum sollte er bei einer solchen Gelegenheit das von mir verdiente Geld in den Puff tragen, witzelte er gern, und Helga übersah alles ohne Eifersucht und sah uns zuweilen zu. Und als sei es nicht im Wald der von Nazi-Fliegerin Uhse ausgesäten Gummibäume aufgewachsen und fünfzig geworden, bekam das dicke Kölner Karnickel nach meiner Möhren-Beichte den Zitzen-Knabber­mund nicht mehr zu.

„Na, für die Ganzkörper II wirst du jedenfalls von einem Mann aufgebohrt“, versprach Kurt mir dann völlig unverlangt. „So unschuldig bist du also gar nicht, und so viele Buchungen hast du nicht, dass Helga deinen Kunden die II immer ausreden könnte.“

„Und dieser Mann sind Sie…“

Bei aller Freude am schmutzigen Flüstern bestand er auf dieser Anrede, auf die die Kunden ein Recht hatten und die unseren Service vom Bordell-Betrieb unterschied. Ich streichelte ihm den noch verschwitzten Rücken, fuhr ihm mit der Hand unter den Arm und spielte mit dem Zeigefinger an seinem Speck-Brüstchen und an seiner Zitze. Er knurrte ärgerlich, weil er schließlich weder ein Weib noch schwul war und doch so heftig darauf reagierte. Eher als vor dem Verkehr war dabei alles aus ihm herauszuholen, von einer Gehaltserhöhung oder einem Ehe-Versprechen abgesehen.

„Wir können das schon mal machen… Aber vorsichtig, und nur privat, ja?“

„Tanjaaa… Dass ich dich öfter und auch hier ficke, heißt nicht, dass du was Besseres bist! Alle machen die Ganzkörper II! Und Pech für deine Rote Armee, dass die nicht damit angefangen hat…“  

„Weiß der Teufel, warum Sie der Blutsbruder einer Mohrrübe werden wollen“, sagte ich, ließ ihn los und drehte mich schon mal zum Sterben auf den Bauch.

Man hörte ja, dass es wehtat, und das schien mir auch logisch. Schließlich würde es ein zivilisatorischer Einbruch in den natürlichen Ausgang sein, und es war ein sprichwörtliches Machtspiel: Ich werde dir den Arsch aufreißen…

Im Karnickelbauch hüpfte und kullerte das Lachen.

„Nicht mehr heute! Du bist so eine Sau, ja, aber ich bin doch kein Neger-Hengst!“

Ich nutzte die Gnadenfrist, um zwei Fachzeitschriften im preisreduzierten Doppelpack zu kaufen, und wie ich es befürchtet hatte, bekam ich Bauchschmerzen, fielen mir die Augen aus dem Kopf und blätterte ich mit zitternden Fingern weiter. Dieser Ausbeuter! Dieser dekadente Karnevals-Depp! Diese Kreuzung von übersattem Ehekrüppel und Hühnermörder! Kurz: Dieser WESSIIIIEEEE!

Die Mädchen gaben sich alle Mühe, den verrucht-fröhlichen Gesichtsausdruck zu behalten, solange ihre Gesichter mit fotografiert wurden, doch im Fortgang der Reportage wurden die Ausschnitte kleiner und die Mordwerkzeuge umso dicker. Sie bohrten und dehnten, nur Fingerbreit unter Mösen wie Tränenseen, und sie ließen eine Doppelseite Krater mit wundroten Rändern und entgleiste verschwitzte Gesichter zurück, das Lachen eine angestrengte Maske. Es war kaum zu glauben, dass sich die lebendige Cypress so etwas gefallen ließ und unsere Philippinas bei der Ganzkörpermassage II nicht platzten!

Bei den Bildern verstand ich zwar, wie Platon auf den Höhlenmenschen-Idealismus und die Ideen zum Schlächter-Staat gekommen war, warum sein ausgesuchter Leibwächter Kaiser Caligula lieber vorher erdolcht hatte und warum alle Mönche bis heute lieber das traurige Gerücht streuen, keine sexuellen Bedürfnisse zu haben. Und Jehova war tatsächlich eine Göttin und hatte Sodom und Gomorrha mit einer Methan-Explosion ausgebrannt und die Erdreste per Erdbeben ins Tote Meer befördert, weil in den Badhäusern die Ganzkörper II schon erfunden war. Die Feministen mochten wissen, warum das bei Frauen nicht untersucht oder zumindest nicht veröffentlicht war, aber ich fand das maaz-mäßig stimmig: Michelangelo hatte danach gesunde und nicht geschändete Körper nur noch im David-Marmor gefunden, und Leonardos Hubschrauber hatte ihn aus der Welt dieser ekelhaften Angewohnheit fort tragen sollen. Und wahrscheinlich ging es Kurt nicht um den bisherigen Gewinnausfall für Helgas Unternehmen, sondern nur um die triumphale Vollendung der räuberischen Wiedervereinigung…  Andererseits aber war es nicht Nichts, wie Rimbaud dichten zu müssen und zu können.

„Sylvester Stallone schreibt Gedichte?“ Barbara kniff die Augen zu und schüttelte den Gedanken wunderbar theatralisch aus dem Kopf. „…ist schwul und schreibt Gedichte?“

„Gedichte schreibt er bestimmt nicht“, beruhigte ich sie. „Aber du musst das nicht alles wissen, meine Schreibtischstute… Meine Sozialtante und strenge Herrin! Sonst lässt du mich noch alle deine Verordnungen und Regelsätze lesen, brrrr!“

Ich war schon fast dabei, neben ihrem Stuhl hinzuknien, die Hand noch immer in ihrem Nacken, als Barbara tief Luft holte, den Kopf senkte und sich beim Aufknöpfen der Bluse zusah.

„Sie kommen zurecht, glaube ich, Ramona und Simone… Du bist es, die noch viel Haue braucht! Und Küsse auf die Striemen…“

Ich zog ihr die Bluse von den Schultern und den Armen und schob ihr, als sie den Hintern hob, Jeans und Slip nach vorn, bis in die Mitte der Schenkel. Und dann musste ich auf die Knie, um ihr die Turnschuhe aufzuschnüren und ihr die Hosen ganz auszuziehen.

So ein bisschen masochistische Sklaverei hilft übrigens auch, wenn man im Sexuellen Neues probieren will - als Abschieben der Kontrolle auf einen irgendwie vorgesetzten Partner. ER oder SIE will dann die Perversion, während du ja nur SIE oder IHN willst. Aber an diesem Freitag fing ich mir Barbara mit diesem Trick  um ihretwillen, um sie für das Wochenende aus der Umarmung ihrer familiären Weiber-Gemeinschaft zu befreien und mit ihr auszuprobieren, ob wir wirklich nicht für die Homo-Ehe taugten.

Wie ich mir gleich danach Hemd und Slip herunter riss, sprach all meinen Striptease-Diplomen Hohn, und wir tranken unser Bier und hörten meine Shakira, als hätte die biblische Apfel-Mahlzeit nie stattgefunden.

Das einzige Obst, das in meiner Wohnung immer vorrätig war, war das eingestaubte Trockenobst, die Girlande aus den tschuktschischen Schamanen-Pilzen. Wie verschrumpelte streifen Apfelsinen-Schale sahen die aus, vom Zigarettenrauch nachgedunkelt. Eine Girlande, also beinahe eine Schlange… Und das war das alte Schlangenlied: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

„Erinnerst du dich noch an dein vergiftetes Gulasch?“ Die fernöstliche Schnur, die vielleicht eine Wal-Sehne war, hielt es aus, als ich zwei, drei, vier Pilze abzupfte. „Das hat nicht gewirkt, weil man die nicht in Wasser einweichen darf. Nicht in Leitungswasser…“

„Du meinst doch nicht..., du willst doch nicht etwa…?“

Obwohl sie ablehnend klang, saß Barbara gespannt, und selbst das hielt sie nur einen Moment aus. Dass ich eine kleine Verlegenheit spielte, die Augen halb schloss und die Unterlippe zwischen die Zähne bog, ließ sie sich nicht entgehen, und dann  war sie die Erste im Bad und besetzte selbstverständlich und breitbeinig den Thron.

„Wie du willst…“ Sie zog an meinem Arm, bis ich kniete und meine Hand mit den Pilzen zwischen  ihren Beinen war. „Und ich bin hier ja auch die Domina, nicht?“

„Eigentlich bist du nur der einzige Kerl, der mir wehtun darf“, sagte ich und krümmte den Mittelfinger.

Es war herrlich, wie sie knurrte und winselte! Keine gute Lesbe hielt sich für einen Mann, aber sie hatte mich wirklich auf den Gipfel geleckt und gefingert und dazu noch zu verhauen begonnen, bevor sie meinen Namen wissen wollte. Und ich war nicht gefragt worden, außer mit einem langen Kuss, ob ich Ohrfeigen und kräftige Klapse auf den Hintern mochte, das stimmte auch.

Und doch hatte Barbara mir, nachdem sie mich aus Monas Geburtstagsfeier weg verführt hatte, nur das bunte Kissen im IKEA-Holzsessel dick geklopft, PRO 7 an geschalten und einen Mitternachtskaffe versprochen. Womöglich wäre mein Hemd bis heute zu geblieben, hätte ich es in der Bedenkzeit nicht ausgezogen und mich mehr angeboten als auf der Bühne der „Schinken-Bar“.

„Äh“, sagte Barbara, als sie mit der Maschinen-Glaskanne in ihr Wohn- und Schlafzimmer zurückkehrte. „Oder soll ich besser ’Oh’ sagen? Oh… Das hätte ich jetzt nicht erwartet!“

Während sie meine Brustbälle leckte und meinen Rücken zerkratzte, dann mit dem Handrücken mein Gesicht streichelte und auf meinen Zitzen kaute, verflochten sich unsere Beine, und ich verkochte auf Barbaras Oberschenkel im eigenen Saft. Obwohl sie ihr harte Spiel spielte, kannte ich keinen der Züge aus dem Lefortowo-Gefängnis, und als mich meine erste Geliebte aus der Umarmung entließ und selbst nach hinten sank, küssten sich zum ersten Mal unsere unteren Lippen. Ich erstarrte für einen Augenblick, und dann wollte ich mir dieses Gefühl noch einmal abholen, stemmte das Becken hoch und bewegte es auf und ab. Über den gespannten Bauch lächelte ich Barbara zu und wiederholte ihre geschicktere Vorführung, und sie brachte mir bei, diese Berührung zu verschenken und zu rauben, sie aufzuzwingen und  zu verweigern. Aus dem angestrengten wurde ein lustvolles Keuchen, aus dem leisen Winseln wurde ein ziemliches Jaulen, und Barbara streckte den Arm aus dem zum Bett aufgeklappten Sofa und drehte den Lampenkopf so, dass sie mir besser beim Sterben zusehen konnte. Ich kniff die Augen zu und beschloss, die schamlose Hexe und Lehrerin der Unzucht mit meiner wissenschaftlichen Sachlichkeit und bühnenreifen Ausdauer zu vernichten.

Vielleicht schrie ich deshalb eine Sekunde später los, aber wir bespritzten uns zugleich mit unserem Natursekt oder dem weiblichen Ejakulat feministischer Legenden und klatschten erschöpft auf das nasse Laken.

„Äh, ja“, sagte Barbara endlich, befreite sich aus der Beinschere und legte sich an meine Seite.

„Ich bin gerade verdammt lesbisch geworden“, flüsterte ich zur Zimmerdecke. „Und ich dachte, du würdest mich mit einem riesigen Dildo aufspießen…“

„Das kommt schon noch! Und du wirst tausend Mal bereuen, dir das gewünscht zu haben! Aber erst später…“

Barbara fuhr mit der Zungenspitze in den Ring, zupfte daran und nuckelte an meiner gepiercten Zitze, und ich legte ihr die Hand auf den Hinterkopf und hielt sie bei dieser derben Zärtlichkeit fest, bis ich einschlief.

 Weil Barbara mir viel zu früh fehlte und ich ohne sie viel zu sehr fror, zog ich das Hemd über und tappte gähnend den Küchen­geräuschen entgegen. Sehr eindeutig offen, mit dick gebissenen Lippen und verwirrten Haaren stand ich mit einiger Verzögerung geborenen Drillingen gegenüber. Barbara war zwar die Älteste, aber auch die Kleinste von ihnen, und nur sie und ich bekamen rote Ohren. Nach der Schrecksekunde riss Barbara die Schranktür auf, und sie stellte geräuschvoll noch einen Teller und eine Tasse auf den Frühstückstisch.

„Also das ist…“

„Das ist jetzt also unsere neue Tante“, fragte die ältere Tochter grinsend. „Und welche Zahnbürsten-Farbe kriegt sie?“

„Na, wir wissen schon lange, dass Mama lesbisch ist“, sagte die um einen Kopf kleinere, aber Barbara noch um genau soviel überragende Jüngere. „Du musst also nicht die Freundin mit der verpassten Straßenbahn spielen. Das ist Ramona, ich bin Simone…“

„Tante Tatjana“, sagte ich, langte mir eine Scheibe Toast und biss die Ecke ab, bevor ich saß. „Aber sagt einfach ’Tanja’!“

„Ich im Rudel“, sagte Barbara und stöhnte theatralisch. „Das muss doch furchtbar für dich sein!“

Ich ließ die Augenlider sinken, grinste und schüttelte leicht den Kopf. Ich war zum ersten Mal dick verliebt, und ich hatte gleich noch Familienanschluss, und der gefiel mir ausgesprochen gut. Dass die coolen Kids sich wirklich vorstellen konnten, was für heißer Sex mit ihrer alten Dame möglich war, glaubte ich allerdings nicht.

„Wieso? Es ist schade, dass die beiden nicht deine Schwestern sind“, sagte ich und gähnte herzhaft.

Zehn Minuten dauerte es. Dann begannen Ramona und Simone eine Wanderung zwischen Obstschale und Schultaschen, kamen immer angezogener zurück und verabschiedeten sich mit Küsschen von ihrer Mutter. Ich sah hilflos zu, wie sich Barbara nebenbei von einer allein stehenden Mutter im alten Bademantel zur strengen Sozialhilfe-Tante verwandelte, indem sie ihre Mähne zu einem Knoten bändigte.

„Kannst du nicht krank machen, Urlaub nehmen oder kündigen?“

„Du, so verrückt bin ich nun nicht, und ich bin schon ein Stück über vierzig“, sagte Barbara und lachte. „Und selbst wenn ich nach der Kündigung an einer Stange tanzen wollte, würde ich höchstens für das Aufhören Geld kriegen.“

„Aber ich kann uns dann ernähren, alle vier!“

„Hör mal, Tanja!“ Barbara hängte sich an meinen Hals und zog mich mit ihrem ganzen Gewicht von der Wolke 7. „Du musst dich auch schon ab und zu im Schlamm wälzen, um im Geschäft zu bleiben! Und in fünf, bestenfalls in zehn Jahren hast du keinen Job mehr, aber Rheuma und Hängebrüste. Vielleicht verlieben wir uns ja, und vielleicht lieben wir uns auch dann noch, aber gerade selbst und gerade dann würden wir meinen blöden Büro-Job brauchen.“

Ich zog mich kräftig an den Haaren.

„Dann warst du gestern Abend nur verdammt heiß, richtig?“

„Und wenn? Wäre das wenig?“

„Nein!“ Ich bog Barbaras Arme auf. „Aber Kerle bieten mir nach dem Abkühlen wenigstens Geld an.“

Barbara wurde in ihrem zum Gelblichen ausgewaschenen Bademantel kochkrebs-rot. „Freilich, ja… 100 Euro, wäre das genug?“

Ich nahm das Geld, das Barbara mit zitternden Fingern aus einem speckigen Portemonnaie holte, und ich überlegte einen Moment, ob ich es nicht in kleine Fetzen reißen sollte. Ich musste  es tun, denn wir warteten beide auf diese Verrücktheit. Aber ich steckte die sandfarbenen Scheine in die Hemdtasche und ging ins Wohn- und Schlafzimmer, um mich schnell anzuziehen.

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida