Grimms Märchen

Der „Gestiefelte Kater“ ist die große, vernünftige Ausnahme, das „Kommunistische Manifest“ unter den deutschen Märchen. Die Geschichte aller bisherigen Königreiche ist darin die Geschichte von Militärstiefeln, verlogenen Reinigungsritualen und Klassenkämpfen. Die Feld-Proletarier unter der Copperfield-Burg haben ganz offenbar keine sentimentale Beziehung zu ihrem Vaterland und ihrem Landesvater, und erst nach der denkbar radikalsten Vernichtung der herrschenden Klasse kann der arme Müllerssohn in sein Menschenrecht einheiraten. Kurz: der gestiefelte Kater ist ein haariger Robespierre, und wer einmal von einer Katze zu ihrem Ernährer erwählt wurde, weiß außerdem sehr gut, dass schon die Wahl des Helden für die Authentizität der Story spricht...

Aber nein: ich will nicht behaupten, ich hätte Märchen nie gemocht. Großvater erzählte sie sehr gut, über dem bunt illustrierten Buch unzufrieden den Kopf schüttelnd, und ich bekam in der Schule die gewohnten Einser, wenn ich sie zu interpretieren hatte: als phantastisch gespiegelte Wirklichkeit des Volkes und bunter Traum seiner Befreiung aus der Not skizzierten sie ebenso wie später Fausts Monolog vom freien Volk die Grundrisse des realen Sozialismus.

Dass sich der Bibelkritiker, Alchimist und Lebemann bitter täuschte und die Hymne vor dem letzten Loch pfiff, stand hunderttausendfach in den Bibliotheken und privaten Regalen nachzulesen, und die glatzköpfigen und dicklichen Heldenväter der Stadttheater trugen es kichernden elften Klassen und raucherhustenden Kollektiven der sozialistischen Arbeit immer wieder vor. Überall gab es Goethe-Oberschulen in Goethe-Straßen, und in Thüringen war sogar eine Ansiedlung von Touristen-Wegweisern, Schlafzimmer-Erklärern und Bockwurst-Verkäuferinnen zu einer richtigen Stadt mit Fußgängerzone und SED-Kreisleitung herausgeputzt worden, aber an die Grundtatsache wollten wir offenbar nicht erinnert werden: Es gab keine harmonische Beziehung zwischen Fürsten, Fürstendichtern und Dichterfürsten auf der einen und den Statisten mit Hacke und Schaufel auf der anderen Seite.

Es gab nicht einmal eine Harmonie zwischen den Tiefbauarbeitern der Revolution und jenen, die sich der Ausgabe der Hacken und Schaufeln angenommen hatten, ihrer planmäßigen Produktion, wissenschaftlich-technischen Vervollkommnung und ihrem weltweiten Tausch gegen entfernte Aufstände oder kubanische Apfelsinen, die mit den dicken Häuten im Fruchtfleisch. Einmal gedacht war und blieb diese Harmonie wohl vorstellbar und gerade von den Handarbeitern gewünscht, aber sie hielt nie lange und schrieb sich nur mit der Pariser Commune evangelisch in die Geschichte ein. Da hatten die Bäckergesellen nur dekretiert, nicht mehr vor dem Aufstehen Brötchen backen zu müssen, und alle, dass in einer fröhlichen Gesellschaft Uhr- und Gesellschaftsmacher gleich viel verdienen müssten, als sie beim Aufwaschen der Gläser der Siegesfeier umzingelt und niedergeschossen worden waren, in den Bärenzwinger von Versailles gesteckt oder in tropische KZs verschifft. Überall aber, wo diese Vorstellungen und Wünsche länger als hundert Tage dauerten, verhärteten und verfaulten sie nur noch, und wenn die Wirklichkeit später mit einem Bürokratenschuh oder Soldatenstiefel unbeabsichtigt auf so eine vergehende Vorstellung trat, spritzten Blut und Eiter und entwich die Vorstellung mit süß berauschendem Blutgeruch: in Kronstadt, in Barcelona, in Berlin, in Budapest, in Prag und in Gdansk. Und das war auch gut so.

Denn die Hoffnung der polnischen Werftarbeiter, mit der unbelehrbar dogmatischen, priesterlich hierarchischen, göttlich unsozialen und kirchlich antinationalen Waffe des Katholizismus dem polnisch realen Sozialismus Wohlstand und Freiheit abpressen zu können, war naiv, unhistorisch und absurd… Aber zum einen war diese Hoffnung das berechtigtste, konkreteste und logischste Produkt des Sozialismus, und zum anderen musste sie von General Jaruzielski teils in Kompromisse aufgelöst, teils interniert und insgesamt zur wählbaren Konterrevolution kanalisiert werden: Schnurrbärtigen Schusters-
söhnen oder schnurrbärtigen Elektrikern kann man schließlich nicht zu tun überlassen, woran rasierte oder bärtige Rechtsanwälte scheiterten - Robespierre, Lenin und Castro immerhin. Man fragte mich ja sowieso nicht, und damals hätte ich auch blauhemdig treu gegen die „Konterrevolution“ geurteilt, aber ich denke, es war richtig, Polen damals nicht den Talibans in Mönchskutten zu überlassen und abzuwarten, bis die Pausbacken der Arbeiterführer zu Schweinsgesichtern von Parlamentariern voll gefressen waren, bis sich die Freiheitskämpfer am Fleischtrog der Macht leidlich erträglich mit der Opposition rangelten und ganz und gar verwechselbar geworden waren. (Und dass ich das so sehe, hatte und hat gar nichts damit zu tun, dass meine Sympathien schon denen gehörten und gehören, die sich bei ihrer Arbeit die Hände schmutzig machen, die sich nicht unter der Last des Wissens und der Verantwortung beugen, sondern von Erde und Eisenteilen herunter gezogen werden, große Wünsche im Kopf und den Mindestlohn in der Brieftasche. Denn wäre ich von denen eine, dann würde ich mich auch heute noch anstrengen, ihre Jeanne d’ Arc zu werden. Fiat justitia et pereat mundus, wie Kaiser Ferdinand I. gesagt haben soll, und wie ich das bei Heine zitiert fand.)

Freilich halfen mir nicht Märchen und Goethe auf den Weg der Erkenntnis. Sich in Heine getäuscht zu haben, obwohl ich meinem Henri später widersprechen musste: vielleicht gerade nicht?, sprach mir gegen die Genialität des Weimaraner Stadtschreibers, und meine Deutsch- und Geschichte-Zensuren komplettierten sowieso nur mein ausgezeichnetes naturwissenschaftliches Zeugnis. Als künftige Kernphysikerin aus der Heinrich-Heine-Straße mochte ich natürlich mehr Brechts „Theater des wissenschaftlichen Zeitalters“, und Hanns Eislers rationale Musik half mir ab der neunten Klasse auch noch zum letzten „Sehr Gut“. Danach konnte sich nur noch die Welt ändern, um mir zu lernen aufzugeben.

Das hören Sie sich einmal an, wie der kleine fette Glatzkopf vom Frühstückstisch mit seiner barbrüstigen Frau an der anderen Kante aufgestanden und mit dem Westauto zum Tonstudio gefahren ist, um einer mageren Kammersängerin im braven Tageskostüm vorzusingen, was die „Ballade vom Wasserrad“ meint“ Sehr dazu passend ist das ja das Lied des Freudenmädchens aus „Die Rund- und die Spitzköpfe“. Mit quäkender Stimme mehr leiernd als singend will uns Eisler „von den Großen dieser Erde“ berichten, und es gibt sie nicht mehr, nachdem er sie groß gesungen hat, wie klar ist, dass es keine „Heldenlieder“ gibt, wenn der Hanns musiziert. Die Melodie steigt allerdings mit Ernst mit ihnen auf „so wie Gestirne“, denn solche Aufstiege sind eine ernste Angelegenheit, was wir auch immer davon halten. „gehen sie… wie Gestirne… nieder…“: Da, könnte man heute meinen, habe der kleine, fette und freundliche Kommunist schon über die Jahrzehnte hinweg der Provinz-Blockflöte, dem Abwicklungsminister, Einigungsvertrags-Händler, Bundesverkehrsministers, Anlage-Betrüger, Konkurs-Verschlepper und Pleitier Günter Krause (CDU) sein Denkmal komponiert. Wie Eisler dieses Gehen genießt, welche Schwere die Gestirne nun haben und was für ein weiter, schmatzender Sumpf diese Niederung ist! Und er nimmt uns das Tröstliche dieser Beobachtung wieder, weil wir diese Geschichtchen als die Geschichte tragen, ja treiben müssen, und mit aller Autorität einer nicht perfekt gemachten und inzwischen kratzenden Schallplatte folgt die von nun an ewigen Wahrheiten, dass ein Stiefel dem anderen gleicht und uns tritt, dass sich die Adler, Schweine, Tiger und Hyänen gegen uns völlig einig sein werden… Ob der Text Schulstoff war, weiß ich nicht mehr. Das Lied jedenfalls war es nicht, und schon gar nicht in dieser Interpretation, in der die Worte nicht wie die Fliege im Bernstein aufgehoben waren, sondern bloß den nötigen Plutonium-Sprengsatz für das Lithiumdeuterid darstellten. 

Solche Wirklichkeitsfetzen sah ich, solche philosophische Ansätze bedachte ich, als ich vierzehn, fünfzehn und sechzehn war, den Blick auf die scheinbar verlässliche Straße vor mir gerichtet. Ich wollte nicht in Scheiße treten, konnte vielleicht ein Schlagloch überspringen und kontrollierte nebenbei auch die Auswüchse meines Körpers, die mehr als die Jugendweihe und noch weit vor dem Abitur meine Reife bezeugten. In den Augen von Leuten, die ich nicht kannte und nicht bemerkte…  

„Mein Freund ist eine an der Quelle gewaschene Hand an meinen Brüsten. Mein Freund ist mir ein Apfel, im frühen August an der F 179 gepflückt“: mein schon zitiertes, mein erstes veröffentlichtes Gedicht war ein Puzzle daraus. Ich schrieb es, nachdem die „Junge Welt“ eine Seite mit Liebesgedichten veröffentlicht hatte, die eigentlich nur taugten, jedem halbwegs kundigen Menschen das Zeitungslesen, das Dichten und die Liebe abzugewöhnen. Ich schrieb es und schickte es mit ein paar anderen an die Redaktion, mit einem „hat mich ermutigt“ im Anschreiben, obwohl ich schon meinte: SO GEHT DAS! Und ich schrieb es noch einmal im Deutsch-Unterricht auf, anstelle des Aufsatzes und dem Lehrer zuliebe, der uns vor die Wahl zwischen der Schilderung des Unterrichtstags in der Produktion oder der Teilnahme am Poeten-Wettbewerb der FDJ gestellt hatte. Seit ich mit der Kommata-Setzung im Reinen war, bescherte mir dieses Gedicht die erste Deutsch-3, aber noch vor der Bescheinigung der mittleren Reife bekam ich auch meine erste Einladung in das Schweriner Schloss. 

Dort fanden die Poetenseminare statt, und ich verliebte mich sofort in die sechs Türme und einige Dutzend weitere Türmchen und Spitzen, in die drei und fünf Etagen mit acht oder elf Treppenhäuser und in den Schlossgarten mit seiner künstlichen Grotte und dem einzigen Amphitheater Mecklenburgs. Es war der Stein und Glas und Kupfer gewordene Traum des Großherzogs vom fernen Versailles, und er träumte ihn, wie man Seinem ganzen Land noch immer nachsagt, zwei, drei Jahrhunderte zu spät. Vielleicht war es die mecklenburgische Form der Aufklärung, dass dort nach dem Zweiten Weltkrieg das Internat des Lehrerbildungsinstituts eingerichtet wurde, und in den Semesterferien verteidigten dort die Tambours der Hegelschen Doktrin auf ihre eigenwillige Art die Besetzung der Orangerie durch die Arbeiter und Bauern.

Ich reiste dort mit einem orangenen und ziemlich dicken Schnellhefter an, aber ich hatte ihn in einer fast ungebrauchten Reisetasche und wusste nicht einmal, dass ich eigentlich in eine Bezirks-Delegation gehörte. Die freundlichen Organisatorinnen suchten geduldig in ihren Adressen-, Seminar- und Bettenlisten, während ich unglücklich am Geländer der geschwungenen Treppe lehnte: von den Liebes-Lyrikerinnen in den Folklore-Kleidern ungeküsst, von den schwarzen Existentialistinnen für meine DDR-Jeans ignoriert und von den Jungen nur mit flüchtigen Blicken registriert. Hagere und dicklichere Literatur-
wissenschaftler drückten bekannte Hände und sammelten um die säulenartigen Aschenbecher ihre immer gleichen Schäfchen zu Herden, und zwischen ihnen musste ich noch einmal zum Empfangstisch drängeln, wo mir doch noch ein Bett zugeteilt wurde. Ich war eben nur die Spät- und Quereinsteigerin, die ein auch zur Eröffnungsveranstaltung noch nicht angereister Seminarleiter als Nachrückerin benannt hatte. Rainer war furchtbar, wussten die Veteraninnen auf meinem Zimmer: eine Kreuzung von Geschichtslehrer, Archivar und Hexameter-Klopfer, und im Laufe der Woche würde er die Hälfte seiner Zuhörer in verständnisvollere Runden vertreiben.

Sicher waren diese Seminare nicht besonders poetisch, und vielleicht gibt es inzwischen auch eine mehrbändige Ausgabe der Stasi-Protokolle dazu, aber als Neuling schrieb ich mir nach fast jedem gelesenen und vom Verfasser kommentierten Text zwei Namen auf: wer, zum Teufel, war der Kerl in der Widmung, und wessen literarischer Einfluss hatte einen Eindruck erzeugt, zu dem Rainer im Gegensatz zur Legende verständnisvoll nickte? Ich kannte auch keinen der Wälder, in denen die Enkelinnen von Eva Strittmatter beschädigte Spinnweben sammelten und zu den Sehnen der Sehnsucht erklärten, und ohne das bibliothekarische Nachspiel dieser Lesungen hätte ich Charles Bukowski wohl ewig für einen femininen Schwulen gehalten, der die literarische Welt mit dem Protokoll seiner partnerschaftsschädigenden Pickel-Bildung langweilte. Der Schulfassung des Orpheus-Mythos gewannen gleich mehrere Neudichter verblüffend konkrete Hinweise für ihr künftiges Liebesleben ab, und Rainer nickte weiter. Er schüttelte erst den Kopf, als ich mit dem ersten Text an der Reihe war, schon im Nachmittagsschatten des Schlosses, denn wir hatten  uns ja auf die Wiese gesetzt. Offenbar kannte er den Durchschlag meines Schreibens an die Redaktion der Zeitung des Jugendverbands, und er ließ mich bis auf die vierte Seite blättern. Dort allerdings stand nur ein Spaß, meine erste Nachdichtung eines frühen Brecht-Gedichts, und ich schwitzte vor Wut über die Ungerechtigkeit, dass er sein Dichter-Schlachten gerade an mir beginnen wollte.

„Die Ballade von den Großen Steuerern, den weisen Greisen“, las ich mit zitternder Stimme vor, und obwohl ich meine gereimten Texte immer auswendig wusste, hob ich keinen Blick von den mit Vaters ausgemusterter Dienstmaschine gehackten Zeilen:

„Von Ehrgeiz krank und ganz von Misstraun zerrissen,
Verdorrten Lorbeer im gefärbten Haar,
Haben sie ihre Jugend samt Träumen und Freunden vergessen,
Längst auch den Sinn, der in unserm Beginnen war.

Diese Auserwählten, abgebrüht und durchtrieben,
Die Priester, die niemand wirklich bestellt:
Oh wärt ihr doch im Schoß eurer Mütter geblieben,
Verfaulend nur sie zu töten - statt unserer Welt!

Hoch fliegend über den stinkenden Meeren,
Gut bewacht, wo gut atmen noch ist,
Im Rücken Luxushöhlen tief unter der Erde,
Predigt ihr uns, dass noch alles zu retten ist.

Die Höllen vergessend in euren Paradiesen,
Ernst oder heiter - stets geschminkten Gesichts,
Eröffnet ihr uns feiertags manchmal noch eine kleine Wiese,
Lügt uns den Himmel drüber blau und schenkt uns: nichts.“

„Nichts“, sagte Rainer und zischte das „ts“ wie eine anakondalange Klapperschlange. „Haben das alle verstanden? Und sicher ist euch aufgefallen, dass ‚zerrissen’ / ,vergessen’ und ‚Meeren’ / ‚Erde’ unstatthaft unsaubere Reime sind? Und wir alle empfinden den Mutterschoß und die Hölle als ganz anachronistische Worte… Spielend zu zerpflücken ist dieses Machwerk gegen alle weisen Greise also, das zudem eine Parodie ist und für das die Verfasserin zu anderen Zeiten gesteinigt, verbannt oder zumindest verbannt worden wäre…“

Wie gesteinigt und verbrannt saß ich ihm auch gegenüber, konnte nicht einmal die Augen niederschlagen und wedelte die Mücken nicht mehr vom Gesicht weg. Nur langsam holten die anderen Luft, um mit der schon geübten Toleranz zu verlangen, mich wenigstens nicht vor dem Abendbrot zum Hauptbahnhof zu verbannen.

„Und worüber Sie auch immer schreiben, Herrschaften, und wer immer Ihre Texte lobt und druckt“, sagte Rainer und biss die Spitze seiner Zigarre ab. „Wenn man von Ihrem Text nicht genau das sagen kann, wenn Ihnen Ihr Deutschlehrer und Ihr Parteisekretär nicht genau das sagen, dann haben Sie vielleicht sogar sehr gut alles Mögliche geschrieben… Aber mit Sicherheit kein gutes Gedicht!“ Er zündete die Zigarre an und blies die blauen Wolken in meine Richtung. „Ein Dichter / ist ein Arbeiter auf seinem Posten, ein Soldat auf Streifengang / verantwortlicher Führer der demokratischen Armee seiner Verse… Wie Yannis Ritsos schreibt.“ 

Ich atmete auf. Diesen Namen kannte ich schon, und nach dem Abendbrot floh ich aus meiner Gruppe und der Schlafzimmer-Clique, um in den Gassen der Altstadt die Antwort zu finden, ob mich das Dozentenmonster als Lehrmittel, Lehrmädchen oder gar Lehrerin gesehen hatte. Außerdem hatte ich fünf Mark dabei, eine lächerliche Summe, die damals für einen Bierrausch genügte, was auch eine neue Erfahrung bedeutet hätte.

Die zwei, drei Einstellungen, um die herum der folgende Abenteuerfilm gedreht worden war, fehlten mir total und tauchten auch später in keinem Winkel des Archivs der kleinen grauen Zellen auf. Als ich von der Toilette in der Fürsten-Suite zurückkam, lag jedenfalls ein Walross mit grau schwarzem Stalin-Bart auf dem einzigen Bett des Zimmers, mit einem drahtig-lockigen Fell über den pol-tauglichen Fettschichten. Ich konnte mir nicht vorstellen, eine Nacht unter Rainers zwei Zentnern riskiert zu haben, und selbst wenn ich sein Geschlechtsteil vielleicht noch doppelt sah, blieb mir rätselhaft, wo hinein mir der Walross-Hengst das gesteckt haben konnte. Der Magen in Biersoße oder voller Wodkasteine drückte ja noch in meinem Bauch, und die Protestsäfte stiegen mir immer wieder bis in den zugeschnürten Hals.

Aber nicht meine Innereien, sondern der Zimmermanns-Kordanzug und die Socken des Fast-Professors hingen über der Stuhllehne. So schlecht mir vom Vortag, vom Abend und von der Sonnenaufgangs-Entdeckung auch war… Ich setzte mich auf die Bettkante und fasste vorsichtig nach dem unwirklichen Apparat. Wie konnte einer alles über das Dichten wissen und dann seine treueste und romantischste Zuhörerin damit zerfetzen und zerstoßen?

Die dicken Lider des Fast-Professors fuhren hoch, und ohne die Brecht-Brille blinzelte er ziemlich hilflos.

„Das ist gut… Und dabei siehst du harmlos wie ein Kind aus, Kleine!“

Mein Herz blieb stehen, und wenn meine Hand nur halb so heiß wie meine Ohren wurde, würde es schon in den nächsten Minuten zu einem tödlichen Missverständnis kommen.

„Kleine“, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein. „Meinen Namen haben Sie vergessen, ja?“

Er bewegte den dicken Kopf hin und her und grinste.

„Nein, nein… Wenn du dich nicht mit Bier oder diesem anderen Saft ertränkst, dann müssen wir uns deinen Namen merken! Ehrlich… Tanja, Tatjana Zorn!“

Der Restalkohol kam als Flutwelle hoch und spülte mich an seine Seite.

„Aber schon beim Frühstück wird es heißen, dass ich mich hoch schlafe…“

Rainer legte mir den Arm auf den Rücken und drückte mich tief in seinen Bauch- und Brust-Speck.

„Nur bei mir bist du da an der falschen Adresse, erstens! Und zweitens gehört das natürlich dazu, wenn man hoch will… Aber was erwartest du da eigentlich?“

Ich war.

Die Verlobung
Levi´s
Das Nest
Frank. Und fast frei.
Star Trek
Grimms Märchen
Die deutsche Ideologie
Der invertierte Columbus
Wolf auf Pilzen
Zwischensumme

Ich bin.

Jeremias
Vorspiele
Galeristin
Matka
Ehemals
Erkennen
Aphrodite
USP
Maßnahmen
Aspasia
Rückwege

Ich werde sein.

Silicon Plain
Das achte Kreuz
Aschermittwoch
Stockholm
Marketing
Sympathy for the Devil
Das Regionalwetter
Circenses
Frühstück mit Nazis
San Antonio de la Florida