Das Backstubenwunder

(Der Mehrwert)

Eigentlich sehen wir das Wichtigste schon, wenn wir aus dem Fenster sehen, auf die Autos vor dem Haus: nach einem neuen und zwei alten „VW“ kommen zwei „Renaults“, ein „Opel“ und ein „Toyota“ - und erst dann ein teurer Jeep oder gar „Mercedes“. Oder wir sehen es beim Autofahren an der Kreuzung: da gibt es uns viele mit den kleinen und mittleren Autos, ab und zu einen „BMW“ oder eben „Mercedes“, und die Muttis mit Kinderwagen oder Omas mit Krückstöcken müssen sehen, wie sie weiter oder zwischendurch zum Bäcker kommen.

Immer gibt es viele Arme oder Ärmere und nur wenige Reichere und Reiche, und was an unseren Beispielen nicht ganz stimmt, ist nur die Größe des Unterschieds. Wenn wir im reichen Deutschland eine Torte genauso an hundert Leute verteilen würden, wie aller Besitz sowieso verteilt ist, dann würden zehn von den hundert Leuten die halbe Torte bekommen und die Hälfte aller Leute müßten unter sich die  Hälfte von der Hälfte der Torte aufteilen...

Und das ist die erste Aufgabe, die jemand lösen muß, der richtig reich werden will: er muß diese Verteilung der Torte nicht für eine Ungerechtigkeit und Schweinerei halten, sondern für gut und in Ordnung. Das ist noch nicht alles, aber es hilft sehr dabei, so wie ja auch die ganze  schwierige Mathematik mit der einfachen Aufgabe „1+1=2“ beginnt.

Und nur mit dem Rechnen hat auch alles weitere zu tun, sagen die Reichen gern. Sie oder ihr Vater oder ihre Großväter hätten eben genauer und schneller und schlauer gerechnet als die anderen, die vielen und deren Väter und Großväter: kann ich meine Brötchen oder LEGOs billiger herstellen, wenn ich mir eine Maschine oder wenn ich mir zwei Kinder anschaffe? Auch viel mehr rumgerannt seien sie, ihre Väter und Großväter, behaupten die Reichen weiter, um ihre eigenen Frühstücksbrötchen dort einzukaufen, wo sie einen Pfennig billiger waren als überall sonst. Und diese Pfennige, zwei oder drei jeden Morgen, hätten sie gespart...

Als Charly sein Buch über den Reichtum schrieb, sagten die Reichen dazu noch von sich, daß sie, ihre Väter und Großväter auch klüger gewesen seien als die Armen, aber das ist ein bißchen aus der Mode gekommen. Solche Sätze klangen und klingen zu sehr nach der Hochnäsigkeit der französischen Könige und seiner Grafen, gegen die das Volk von Paris die Kommune und die Kopfabhackmaschine erfunden hatte. 

Daß Reichtum ungerecht verteilt wird, hatte schon immer viele wichtige Leute aufgeregt. Jesus zum Beispiel, den viele für den Sohn Gottes halten. Gerade weil Jesus zu allen Leuten nett sein wollte, riet er den Reichen, ihr Geld ganz schnell aufzuteilen. Eher würde nämlich ein Kamel durch das Fadenloch einer Nadel spazieren, als daß sich einer mit einem dicken Portemonnaie durch die Tür zum Himmel des Ewigen Lebens quetschen könnte. Diesen Satz erzählte später der Pfarrer Thomas Müntzer den armen deutschen Bauern, bis sie ihre Sensen zu Spießen gerade bogen und mit ihm loszogen, um den Grafen und Rittern die Schatzkammern ihrer Burgen auszuräumen...

Charlys wichtigste Idee war nun, sich nicht über den Reichtum der Wenigen aufzuregen, sondern einfach mal nachzurechnen, was die Reichen behaupteten.

Zuerst überprüfte Charly die Sache mit dem Sparen.

Ganz unwahrscheinlich ist ja schon, einen „Mercedes“ oder sogar eine Fabrik aus einzelnen Pfennigen zusammenzusetzen, aber nur mal angenommen, das ginge.  Dann ist es immer noch so, daß jemand, der  täglich meilenweit nach dem Einen-Pfennig-Sparbrötchen läuft, dabei seine Schuhsohlen schneller abnutzt. Er muß also öfter in den Schuhladen, und wenn solche Brötchensparer öfter zu ihnen kommen, können die Schuhmacher mehr Geld für Schuhe verlangen. Und schwupp würden die mit den Brötchen gesparten Pfennige weg sein...

„Märchen“, schrieb Charly neben diese Nachrechnung, und er rechnete eine andere Möglichkeit aus, die am besten zu verkaufenden billigen Brötchen herzustellen.  

Das würde ein Bäcker nicht schaffen, wenn er alles zum Brötchenbacken Nötige zum selben Preis wie alle anderen einkaufte, und das mit der teuren Suche nach dem Billigen würde ja nicht nur für die fertigen Brötchen, sondern auch schon für Mehl, Butter Salz, Feuerholz, eine Backstube und die Hilfe des Bäckergesellen stimmen. Das mußte sogar noch schwieriger sein, weil in einer Gegend vielleicht das Mehl billiger, aber das Holz teurer war als anderswo. Oder umgekehrt.

Natürlich hat jeder Bäcker verschiedene Möglichkeiten, um zu sparen und billigere Brötchen zu backen. Er kann zum Beispiel weniger Mehl nehmen als die anderen, dann würde jedes einzelne Brötchen ein bißchen kleiner und deshalb billiger sein. Oder er nimmt ein bißchen weniger Butter: dann sind seine billigen Brötchen halt etwas trockner. Oder weniger Salz, und dann schmecken sie nicht ganz so gut. Oder er heizt den Ofen nicht ganz so heiß, aber dann sind die Brötchen ein bißchen billiger und noch ein klein wenig klitschig. Auch wenn er einen nicht ganz so teuren Backladen mietet, hat er vielleicht Glück: vielleicht gibt es ja Leute, die lieber billige Brötchen in einem nicht so tollen Laden kauften als in einem sehr schicken Laden sehr teure Brötchen.

Charly überlegte alle diese Möglichkeiten, aber keine davon hielt er für eine gute Idee. Der Bäcker, der unbedingt so reich werden wollte, mußte ja darauf hoffen, daß die Brötchenkäufer seine Tricks vielleicht nicht merkten, bevor er reich war. Kopfschüttelnd strich Charly alle Bäcker-Sachen und Brötchentricks durch, und auf dem Zettel blieb als letzter undurchgestrichener Merkpunkt stehen: „Hilfe des Bäckergesellen“. Wenn es nicht anders ging, überlegte Charly, mußte der Reichtums-Bäcker wohl da gespart und geschummelt haben.

So ein Bäckergeselle aß am Tag, und da mußte er schon einen ziemlich großen Magen haben, ungefähr sechs Brötchen. Danach war er satt und kräftig und konnte vielleicht sechzehntausend Brötchen backen, und selbst wenn er dazu noch zehn Brötchen für sein Familienessen und ein paar Tauschbrötchen für die Wohnungsmiete und das anzuziehen mitnahm, blieb dem Bäcker noch ein riesiger Haufen Brötchen übrig. Die meisten davon mußte der Bäcker zwar selbst tauschen, für Mehl, Salz, Butter, Feuerholz, Backstubenmiete und sein Familienleben, aber ein ganz paar Brötchen würden auch übrig bleiben. Und die konnte der Bäcker dann „auf dem Markt“ günstig, also ein bißchen billiger anbieten, und das damit verdiente Geld, das konnte er nun wirklich sparen.

Fast alles in einer Bäckerei rechnete sich also

1 = 1.

Mehl, Salz, Butter, Hitze und Backofenplatz für ein Brötchen ergaben nach dem Backen immer nur ein Brötchen, aber der Bäckergeselle knetete für 6 und noch ein paar Brötchen 16.000 Stück!

Zum ersten Mal, seit er die Rechnungen der Reichen überprüfte, war Charly auf eine Zahl gekommen, bei deren Größe er sich vorstellen konnte, daß daraus Reichtum entstehen konnte. Das war ein wahres Backstubenwunder. Denn selbst, wenn der Bäcker jeden Tag nur ein paar Brötchen mehr hatte, als er brauchte, war das doch jeden Tag so, außer sonntags. Und wenn er meinte, auf dem Markt noch ein Brötchen mehr billig verkaufen zu können, dann erlaubte er dem Bäckergesellen eben nur, fünf Brötchen zu essen. Anders als beim Mehl-, Salz-, Butter- und Feuerholz-Schummel merkten das ja nicht die Brötchenkäufer, sondern nur der Bäckergeselle.  Dem knurrte dann halt ein bißchen der Magen.

 Wenn der Bäckergeselle aber unbedingt sechs Brötchen essen oder der Bäcker ihm nur noch vier Brötchen geben wollte, und wenn der Geselle drohte, die Backstube kleinzuhauen... Ja, dann ging der Bäcker eben „auf den Markt“ für Bäckergesellen und holte sich einen, der ihm die sechzehntausend Brötchen für nur vier Brötchen backen wollte.

Deshalb, fand Charly heraus, war es nicht nur einfach so, daß es wenige Reiche und viele Ärmere und Ganz Arme gab, sondern das war auch sehr praktisch für die Reichen. Eigentlich war es sogar so, daß es nur Reiche geben konnte, weil es sehr viel mehr Arme gab.

Charly

Charlys Frühstücks-Idee

Von den Philosophen
Womit die Philosophen ihre Mäntel verdienen
Ob der Mensch nur ein zu großes Hähnchen ist
Warum die Athener den Philosophen Sokrates umbrachten
Platon und der Tyranno
Wie Platon frühstückte

Die Idee von der ordentlichen Unordnung

Fritze in Berlin
Der Philosoph mit den drei Vornamen
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Was Charly und Fritze an Hegel so sehr gefiel
Von den Gesetzen
Ein Gesetz über den Holzdiebstahl
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Die Gespenstergeschichte

Der Kommunismus
Wann und warum das große Teeglas überläuft
Caesar und die Kaiser
Der neue Caesar - das Geld
Aber... Aber?
Wo das Gespenst blieb

Die Idee vom Backstubenwunder

Von dummen Ideen in schlauen Köpfen
Wie man durch das Tauschen leben und reich werden kann. Oder nicht.
Einfache Merksätze über den Reichtum
Schaufensterbummel
Das Backstubenwunder
Der Mörder ist immer... der Bäcker!

Die Idee, unsterblich zu werden

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... und kein Ende ...