3.

Wenn er nicht weiterkam, spielte Thomas Magnum einen Versicherungsvertreter, und in anderen Filmen wurden die Leute echt freundlich, wenn der Privatdetektiv einen Bundesbeamten mimte. Das erste zog ich nicht ernsthaft in Erwägung, und die andere Variante brachte ich nicht fertig. Ich holte tief Luft und klingelte dann an der Nachbartür.

„Tschuldigung und lachen Sie bitte nicht“, sagte ich schnell in den kettengesicherten Türspalt. „Nur ich bin Privatdetektiv, und...“

„‘n Stasi-Schwein“, sagte eine Männerstimme und die Tür wurde zugedrückt.

Es war einer der Momente, in denen ich Haase an meine Stelle wünschte. Für ihn hatte ich den leichteren Teil des gemeinsamen Geschäfts, und außer ein paar Zusatzinformationen sollte mir das jede Menge Eindrücke für den Kriminalroman und Bekanntschaften für das weitere Leben eintragen.

Tatsächlich war es ein Neubau-Treppenhaus, wie ich es zwischen Hochzeit und Trennungsjahr gekannt hatte und wie es Haase noch täglich durch-
torkelte. Neben dem Hauseingang hingen Zettel mit der Ankündigung von Isolierungs- und Durchlüftungsarbeiten, Wasserabsperrungen und anderen Maßnahmen, die nur die nächste Mieterhöhung rechtfertigen sollten, und am Briefkasten klebte eine halbherzig abgerissene PDS-Losung. Die groß und unbunt gemusterte Tapete war nicht wegen einer Renovierung in großen Stücken abgerissen, und vor den Türen der idealistischsten Mieter vertrockneten auch die widerstandsfähigsten Gummibäume.

Weil sich Familienstreitereien am besten von unten nach oben mitteilten, stieg ich auch noch in den sechsten Stock, um an der Wohnung über der meines einzigen und toten Klienten zu klingeln. „Siebert“ war mit Fraktur-Buchstaben in ein Kupferschild gegraben. Nur weil ich genau darauf achtete, sah ich, wie die Abdeckung des Spions verschoben wurde.

„Ich bin der Privatdetektiv, der nicht vorher bei der Stasi war“, sagte ich gewitzter.

Die Tür öffnete sich weit, und der beleibte Endvierziger, der die Öffnung gut ausfüllte, sah nicht aus, als wolle er mir eine Unfallversicherung verkaufen.

„Ich war“, sagte Herr Siebert und beulte die linke Backe mit der Zunge. „Und ich habe keinen um den Job gebracht... Anders als die Millionen aufrechter Menschen mich!“

„Tja, dann“, sagte ich, zuckte die Schultern und schlug die Hände flach an die Oberschenkel. „Aber Herrn Huber haben irgendwelche Dissidenten sogar ums Leben gebracht.“

„Hm!“ Siebert nickte kurz und entfernte sich ohne weitere Umstände. Er wollte mir wohl die Wahl lassen, mich auf seine oder die Millionen-Seite zu schlagen. „Nach ‘m Ausweis frage ich gar nicht“, brummte er. „In der Freiheit kann ja jeder schnüffeln, der es will.“

Ich trat mir hastig die Schuhe von den Füßen und folgte dem Mann, der mir nun die Tür zum Wohnzimmer aufhielt.

„‘n Kollege“, sagte er seiner Frau Bescheid, die sofort ihr Stopfzeug weglegte und an mir vorbeidrängelte. „Die Polizei war auch schon da, aber ich war ganz offiziell für die Sicherung des Optik-Außenhandels angestellt. Nicht, um einen Herrn Genossen Huber abzuhören...“

„Trotzdem...“ Wenigstens meinen Personalausweis legte ich auf den Couch-Tisch, und weil ich noch immer mit dem blauen Heft herumlief, rückte mir Siebert den Aschenbecher und eine halb leere Schachtel Karo näher.

„Markow“, las Siebert vor und blätterte. „Kulturwissen-
schaftler... In Wirklichkeit schreiben Sie nur einen Roman, ja?“

„Auch. Und ich habe einen Fahrrad-Verleih auf Rügen und zwei Werbekunden...“

„Versicherungsvertreter hätten Sie machen sollen“, sagte der Stasi-Mann. „Wie der Huber... Dann hätten Sie ‘nen Mercedes...“

„Und ‘ne Kugel im Nacken.“

„Und die Witwe wer weiß wo, jaja!“ Siebert gab mir Feuer. „Wir sitzen halt alle in einem Boot, und ich weiß auch, wie es heißt.“

„Titanic“, riet ich, und Siebert lachte auf und schwieg, bis uns seine Frau das Kaffeegeschirr und die Kaffeekanne hingestellt hatte und wieder verschwunden war. „Und hat der die Karre wirklich mit Provisionen verdient?“

Das meiste, was aus der Wohnung der Hubers durch den Schacht der Wasserleitung nach oben gedrungen war, hätte mir nicht einmal bei der Suche nach der Frau geholfen.

Beide hatten sich beim Studium kennengelernt, und die verschwundene Frau Huber war Frau Huber geworden, weil der verblichene Herr Huber ganz legal in einem Berliner Zimmer wohnte. Wer schon in der Hauptstadt wohnte, hatte den hauptstädtischen Job schon zur Hälfte sicher, und gehalten hatte diese Art Ehen, solange es Jobs gab.

„Bis zur Wende waren die Geburtstagsfeiern das einzige, was von ihnen zu hören war“, sagte Siebert. „Sie war das Vorzeigegesicht, wohl im Pharma-Außenhandel. Und er der kleinste Finger an der linken Hand des Umweltministers. Und danach... Danach haßte sie seinen Versicherungsjob und er erst ihr arbeitsloses Rumhängen und dann die Betschwester-Allüren. Sie hat als Pharma-Vertreterin schon im zweiten Monat freiwillig hingeschmissen... Und er konnte es, fast täglich und lautstark, nicht ab, daß sie weder ‘n Kind noch endlich ‘n richtiges Auto wollte.“

„Echt?“ Ich drückte die Zigarette gründlich aus. „Dann sollte ich sie wirklich suchen, wirklich privat... Jetzt, wo sie wieder frei ist.“

Der bekennende Stasi-Mann seufzte. „Sie fand ich auch in Ordnung, doch! Und kurz bevor sie verschwand, hat sie angefangen, mich wieder zu grüßen...“

Das Detail war Siebert so wichtig, daß er aufstand und zur teuersten aller Ost-Schrankwände ging, um die große Bar-Tür nach unten zu klappen.

„‘n Rum in den Kaffee? Kubanischen?“

„Trinken Sie das aus Prinzip?“

„Ach, Gott... Und ich habe mal, aber das behaupten jetzt ja wohl alle, gerne Gorbatschow getrunken.“

„Ich nehme den Rum“, sagte ich und nahm mir noch eine filterlose Zigarette. „Und wenn ich ehrlich sein soll: ich habe eine Vermißte und einen Erschossenen, aber einen Fall kann ich einfach nicht sehen. Und Sie?“

„Ich war wirklich nur für das Gegenzeichnen von Plänen und Stimmungs- und Reiseberichten zuständig. Die Bärbel Bohley hätte sich in dem Job gelangweilt, kann ich Ihnen sagen!“   

Wir grinsten uns an, sahen dann aneinander vorbei und tranken unsere Tassen langsam, aber ohne abzusetzen aus.

„Klar, daß dann erst mal ein Auto ran mußte“, sagte Siebert schließlich und schnellte wie vor seinem Genossen Minister aus dem Sessel hoch. „Und blondierte Käthen, mit denen er das Kindermachen wenigstens imitieren konnte... Aber das hat sich über’s Jahr und im Suff verloren. Und zuletzt...“

„...hat er Sie wieder gegrüßt, richtig? Halten Sie für möglich, daß...“

„...darauf die Todesstrafe steht? Nein, eigentlich nicht. Noch nicht...“

Siebert begleitete mich zu meinen Schuhen. Er wartete geduldig ab, bis ich sie auf- und wieder verschnürt hatte und holte dann tief Luft.

„Und? Sind Sie nun schlauer, Herr Kollege?“

„Nein“, sagte ich ehrlich. „Aber ich wäre ja auch lieber an der Akademie der Küste geblieben.“

„Sicher waren Sie da besser!“

„Danke“, sagte ich. „Und daß ich ohne Gruß gehe, werden Sie ja wohl verstehen?“

Vor dem Haus schossen einige Kinder aufeinander, den Geräuschen nach zu urteilen mit allem, was größer als die Cowboy-Colts meiner Kindheit war.

„Gar nicht bin ich tot“, heulte ein braun gelocktes Mädchen. „Und eine Busenfrau schon lange nicht!“

„Bei Hubers ist wohl niemand Zu Hause“, fragte ich in ihr Bürgerkriegstraining.

„Die verkaufen doch selber diese Scheiß-Versicherungen“, rief es aus einem scheiben- und räderlosen Trabant.

„Ich bin ja Privatdetektiv.“

„Cool“, rief der blondgelockte, vielleicht sechsjährige Verteidiger der Mülltonnen-Stellecke.

„Spinne“, kam es aus der Baugrube in der einzigen Wiese des Häuserquadrats. „Dann wüßtest du, daß da niemals mehr jemand Zu Hause ist!“

„Die Frau kann doch immer noch zurückkommen!“

„Ach, die!“ Aus der Baugrube kroch ein Mädchen, das zu einem verwaschenen grünen Nylon-Anorak dicke graue Baumwoll-Strumpfhosen und rote Gummi-Stiefel ohne Mickey-Mouse-Bilder trug. Sie legte einen Zaunpfahl als Bazooka auf die Busenfrau an und warf noch schnell einen Erdbrocken als Handgranate zwischen die Mülltonnen. „Die Huber ist doch längst in ‘nem Neger-Puff!“

„Ah, ja?“

„Echt! Sowas von blond wie die ist, da ist das kein Problem! Du bist kein besonders guter Detektiv, nicht? Ossi, hm?“

„Hm... Und du weißt hier alles“, fragte ich und kniete mich vor das altkluge Schmuddelkind. „Wie heißt du denn?“

Das Mädchen schoß mir aus der Fingerpistole zwischen die Augen. „Kinderficker, verdammter! Jeder Kinderficker fängt so an!“

Ich bekam rote Ohren, entschloß mich dann aber, einfach zu lachen und ohne Eile zu verschwinden.

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