10.

Den einsamen Rest des Sonntags verbrachte ich vor dem Computer im Kramzimmer, um Rügens beste Visitenkarten zu entwerfen. Das war der Teil des Jobs, den ich für mich machte: bei der Schriftwahl puristisch, beim Logo abstrakt. Die verkaufbare Variante, Fische für den Fischbulettenstand und Trucks für den Transportbetrieb, würde ich vor der nächsten Ausfahrt in zehn Minuten fummeln. Am Nachmittag löffelte ich eine Fertig-Chinapfanne erst in den Tiegel und dann in mich, und zum Leeren der Whisky-Flasche ließ ich nacheinander drei James-Bond-Videos laufen.

Deshalb klingelte es Montag morgen zu früh, obwohl es schon halb zwölf war. Ich beeilte mich mit der Jeans und zog nur das Tote-Hosen-T-Shirt mit dem Geier-Skelett über, aber schon beim Anzünden der Alibi-Zigarette störte mich das zweite und ausdauerndere Klingeln. Deshalb schenkte ich mir die roten Socken.

Es waren Wegner, der Volkskommissar auf Bewährung, und sein West-
Assistent, und Wegner machte dasselbe Gesicht wie vor fünf Jahren. Damals hatte er mich gewarnt, Rosas Satz von der Freiheit des Andersdenkenden ja parteikonform zu interpretieren, und Wegner war zehn Jahre älter gewesen. Ansonsten freilich kam das genau hin.

„Dürfen wir reinkommen, Herr Markow?“

„Doch! Meine Tochter ist ja nicht da“, sagte ich und schlürfte vor ihnen her. „Und ich werfe Sie bestimmt nicht aus dem Fenster. Ich habe Schwierigkeiten bei diesem Tritt.“

„Bei welchem Tritt“, fragte Wegner wenig interessiert.

„Ma-Geri Yulan. Der kommt aus Hüfte und Kniegelenk zum Kopf, und in meinem Alter... Kaffee?“

Wegner schüttelte über dem Sofa mit der verdrehten Steppdecke den Kopf. Mit langem Arm und steifer Hand klopfte er auf die Hochglanz-Hefte und blätterte sie an der oberen Ecke durch, während Inspektor Kunz zum Schaufenster schlich. Er hob die Zeltplane und sah durch das Loch in der Scheibe. Wäre er nur ein Assistent gewesen, hätte er das wissende und besorgte Kopfschütteln kaum schlechter als der Chef hinbekommen. Als West-Assistent hatte er es aber wohl dem Chef beigebracht.

„Was ist Ihnen denn hier passiert, Herr Markow?“

„Kaffee“, fragte ich noch einmal. Ich mußte dringend in die Küche, um ihr Auftauchen und ihr Benehmen zu überdenken.

„Danke“, sagte Wegner.

„Danke, ja?“

„Danke, nein!“ Wegner schob die Steppdecke beiseite und setzte sich an das Kopfende des Sofas. „Aber holen Sie sich ruhig welchen! Wer weiß denn schon, wie oft Sie dazu noch Gelegenheit haben?“

„Sie haben nämlich Schwierigkeiten, Markow“, orakelte nun auch der Inspektor. „Äh... Herr Markow... Und wir haben Sie wohl unterschätzt...“

Ich kam ohne Kaffee zurück, raffte für den Inspektor die Wäsche der letzten Woche aus dem Sessel und setzte mich selbst in den Schreibtischstuhl.

„Oh ja, das geht mir immer wieder so! Ich bin inzwischen von drei Dutzend Betrieben, Behörden und Institutionen unterschätzt worden...  Was meinen Sie also konkret?“

Wegner nickte seinem Mephisto die Aussage-Genehmigung zu.

„Nun, wir konnten uns bei Ihrem Konzert nicht recht vorstellen, daß Sie dieses Geschäft wirklich ernst nehmen.“

„Ach, tue ich das?“

„Na, ja...“ Der Inspektor grinste böse. „Ich jedenfalls kann einen Schädelbruch und einen Toten nicht mehr als Spaß ansehen.“

„Der Schädelbruch, das war doch Beate. Beate ist meine Tochter.“

„Moment!“ Wegner wackelte mit dem Zeigefinger, damit der Assistent die entsprechende Notiz wieder strich. „Sie wissen vielleicht noch nicht, daß Sie in einem Rechtsstaat nicht gegen sich selbst oder gegen Verwandte aussagen müssen.“

„Müssen... Das mußten wir auch früher nicht.“

„Und ich möchte nicht, daß ein Anwalt Sie mit diesem Trick aus der Schlinge kriegt...“

„Das wäre früher noch unmöglicher gewesen, stimmt. Aber wofür wollen Sie mich eigentlich hängen?“

„Wann haben Sie Herrn Professor Haase das letzte Mal gesehen“, fragte Inspektor Kunz schneidend, „gesehen oder gesprochen?“

„Gesehen? Donnerstag, aber vor dem Aufstehen. Und gesprochen hat er zuletzt mit mir, mit dem Anrufbeantworter... Freitag?“

Wegner saß direkt neben dem Apparat, aber er war doch schon mehr Chef, als ich wahrhaben wollte. Er nickte seinem Inspektor zu, und dieser beeilte sich, als hätte ich etwas gegen diese Inspektion gehabt.

„Sowieso absolute Entwarnung“, lallte Haase verkürzt. „Der Mercedes ist an einem polnischen Baum aufgetaucht, groß wie ‘n Trabbi. Und das ist ja wohl das Ende des Falls.“

„Donnerstag, nach zehn Uhr abends“, stellte Wegner fest. „Diese Information hatte er schließlich streng vertraulich von mir. Professor Haase ist also Ihr Partner?“

„Mehr ein Informeller Mitarbeiter.“

„Aber Sie haben keinen festen Rhythmus, in dem Sie sich treffen? Sie hatten keinen Termin mehr, seit Donnerstag?“

Ich legte die Hände wie zu einem Gebet aneinander und klopfte mir mit den Zeigefingern gegen die Oberlippe. „Warum auch? Wir haben ja keinen Fall mehr... Wieso? Ist etwas mit Haase?“

Ich hatte das Anatomie-Bein, das ein Sozialistisches Studenten-Kollektiv vor Zeiten seiner FDJ-Sekretärin ins Internatsbett gelegt hatte, immer für einen Witz gehalten. Die Pointe, daß die dadurch verhinderte Medizinerin seit der Abwicklung der DEWAG als Sonntagshure zu ihrem früheren Professor kam, war mir doch zu nahe an einem RTL-Erotik-Thriller dran. Nun aber war die Dame dagewesen, mit ihrem eigenen Schlüssel, und nun hatte sie ihm nicht nur wie seit hundert Sonntagen das Emeriten-Dasein versüßt, sondern sogar das Leben gerettet. Irgendwann nach seinem Sonnabend-Einkauf war der obszöne und ständig betrunkene, aber harmlose Zwerg systematisch zusammengeschlagen worden, und zum Schluß hatte der Schläger die MfS-Ehrenvase, die Haase schon den Job gekostet hatte, an seinem Kopf zertrümmert.

Ich atmetet tief durch.

„Und? Na, wie geht es ihm?“

„Verrückt ist er geworden“, sagte Wegner und grinste. „Heute früh ist er zum Rest seines Bewußtseins gekommen und hat erklärt, daß er diese Dame heiraten will.“

„Und weiter nichts?“

„Sicher nicht nur formal heiraten... Und er hat sich eine recht perfekte Diagnose gestellt, eine Gehirnerschütterung mit dem üblichen black out inklusive.“

„Also woran arbeiten Sie wirklich, Doktor Markow“, versuchte der Inspektor nicht ungeschickt, mich in diesem gefühligen Moment anzuknocken.

„An drei Visitenkarten“, sagte ich ehrlich. „Und das mit Haase, das war natürlich nicht Beate.“

Inspektor Kunz  lächelte besserwissend.

„Beate hätte nie ein Erinnerungsstück an ihres Vaters gute alte Zeit genommen“ sagte ich ihm bescheid. „Zweitens findet sie Haase geiler als mich, und drittens hat sie ein luftdichtes Alibi. Sie hat zur selben Zeit einen anderen Schädel geknackt. Hier. Also dort drüben.“

Ich zeigte auf die geblähte Zeltplane und sah sehr umständlich auf die Armband-Uhr.

„Haase, tja...“ Wegner stand auf und seufzte. „Auch ich bin ihm aufgefallen, damals, weil ich den Staat eher nicht mochte. Weniger als ihn zumindest...“ Er seufzte noch einmal. „Und Sie bleiben trotzdem und weiter dabei, daß Sie nur nach der Frau Ihres ersten und einzigen und toten Klienten suchen?“

„Käse! Nicht mal das“, sagte ich, und genau in dieser Sekunde wurde das endgültig eine Lüge.

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