21.

Am Ende wurden die Sterne von den Kreml-Türmen gehackt, und einer der roten Splitter bremste das russische Sklaven-Roulett. Ich stand mit Hanne und Beate schwitzend im Rundum-Kino der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft, sah einer Autofahrt auf einer Küstenstraße zu und wußte meinen ersten Bordell-Besuch noch acht Jahre vor mir. Von einer beschwipsten Ärztin in die Seite geboxt würde ich zum Bühnenrand stolpern, um zwei große, fleischfarbene und ölig glänzende Medizinbälle zu prüfen, die aus einem schwarzen Holzwürfel quollen und lebendige Brüste waren. Für diesen Schiedsspruch hatte mir ein Gratis-Shake zugestanden, und die menschliche Milch oder der Curaçao über den Durst waren an meinen Träumen schuld gewesen. Ohne Zweifel aber schwitzte ich in ihrem Gästebett, und der mittelständische Symbolsturm war Gabrieles Türklopfen.

"Doktor Markow! Michael..."

"Bin ich das denn", fragte ich und stöhnte ein bißchen angestrengter als unbedingt nötig. "Und? Parke ich falsch oder muß ich mich auf dem Arbeitsamt melden?"

"Frühstücken Sie mit?"

"Nicht, wenn es wirklich noch früh ist..."

Es war fünf vor zwölf, bemerkte ich beim Blick auf die Armbanduhr, und im Bad bemerkte ich, daß ich wie immer die Zahnbürste und das Rasierzeug vergessen hatte. Also wusch ich mir kurz Gesicht und Hände, spülte mir den Mund lauwarm aus und nutzte die Hygienefrist, um wenigstens mein Inneres fit zu machen. Auf der Bettkante sitzend fütterte ich meinen Lungenkrebs, und während ich mich Stück für Stück in den Anzug quälte, suchte ich mit den Augen nach Indizien.

Der Kleiderteil der Schrankwand war zu klein, um die Mumie der Frau meines ersten Klienten enthalten zu können, und das schmale Bücherregal neben dem Fernsehapparat sollte einfach jedem Zufallsgast das Seine bieten. Zwei Bände de Sade wurden durch zwei Bände Moby Dick aufgewogen, gegen eine Stalin-Biographie stand Voltaires Candide, und aus dem Bunt der Paperbacks leuchtete Magenta auf Blau-Grau Das Prinzip Hoffnung. Also konnte ich nicht das Geringste beweisen, und falls ich doch in einem Mafia-Nest hockte, würde mich jedes weitere Zögern als Schnüffler entlarven.

Zum ersten Mal seit meiner Verbannung vom Familientisch hatte mir jemand Kornflakes hingestellt, und während ich sie mit rechts löffelte, streckte ich die linke Hand nach den drei verkehrt liegenden Polaroids. Ich hob die Ecke des obersten Bildes mit dem Daumen, erkannte aber nichts.

"Nur das übliche Souvenir", sagte Gabriele und zwinkerte mir über den Goldrand der dünnen Porzellantasse zu. "Durch die Brille des Marketings gesehen liegt der Deutsche Hof an der Querstraße von Oranienburger und Reeperbahn, und da müssen wir eben ein wenig mehr in die Visitenkarten investieren. Sozusagen..."

Mit schiefem Kopf und schiefem Mund sah ich mir an, wie ich die bleichen und die schwarzen Brüste befingerte.

"Hm, verstehe..."

"Und außer dem Prospekt für das Dorf", lockte Gabriele, "denke ich an einen Bildband und ein Video von der Show."

Gabriele spielte nun eine ganz neue Rolle. In ihrem roten stone washed Hemd war sie eine Western-Lady, die den Siebten Samurai mit dem größten und persönlichsten Einsatz ködern wollte. Nur ihre Lider waren silbergrau schattiert und die Lidstriche eine bewußte Winzigkeit zu lang gezogen.

"Würden Sie das kalkulieren? Wenigstens?"

 

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