18.

Beate drehte mit dem rechten Zeigefinger Locken in die naßgeschwitzte Indianermähne und stotterte eine Ewigkeit herum, bevor sie es heraus hatte.  Mit noch nicht einmal sechzehn Jahren war sie nicht nur eine der Mutter entlaufene Chaotin, Lesbe und Mörderin. Außerdem rauchte sie auch noch regelmäßig und hatte auf dem Weg zur Schule die Zigaretten-Schachteln verwechselt.

„Und“, fragte ich und gähnte so herzhaft, daß mein Raucherhusten wach wurde.

„Ach, du hast das gar nicht gemerkt?“

„Aber ich“, behauptete Doris. „Er hat einen Tag lang weder gesungen noch was Politisches erzählt! Nur gute Laune hatte er!“

„Da waren nämlich Joints ‘bei“, flüsterte Beate.

„Was?“

Ganz mechanisch langte ich nach der Zigarettenschachtel, und nach einer anderen Mechanik ließ ich erst die Schachtel fallen und dann den Arm vom Sofa rutschen.

„Na, drei oder vier“, sagte Beate. „Drei oder vier Zigaretten auch. Aber du bist jetzt nicht etwa süchtig oder so...“

Ute hatte ihr das Haschisch besorgt, weil Beate nach ihrem Karatesieg depressiv gewesen war, und Ute hatte ihr mit einer amerikanischen Studie und mit einer eigenen kulturgeschichtlichen Vorlesung erklärt, daß Hasch harmloser als Alk und wie wir alle nur ein Opfer der Erdölmultis und ihrer politischen Lakaien war. Sogar Plaste und Benzin konnte aus Hanf gemacht werden, und nur Autofahren sollte ich in meinem Zustand nicht unbedingt.

„Er will auch gar nicht Auto fahren“, versuchte sich Doris als Vermittlerin.

„Ich sollte diese Ute gleich mal besuchen“, sagte ich und drehte den beiden Frauen den Rücken zu. Ob sie es mehr auf die Droge schoben oder ob Doris Beate beraten hatte, wie ein gefallenes Mädchen mit dem schlechten Gewissen umgehen sollte, war mir egal. Zumindest würden sie es beide nicht wagen, mich noch einmal zu wecken, und eine Aus-Zeit hatte ich wieder einmal dringend nötig. Nichts zu tun zu haben, schaffte mich immer am meisten.

Ich wurde gegen Mitternacht wach, und den Zettel, daß Beate und Doris in Dollys Höhle übernachteten, fand ich unter einer offenen Zigarettenschachtel. Mißtrauisch steckte ich den Glimmstengel zurück, und machte mich auf die Wanderung zur Minol-Tankstelle. Aral bot sich in der anderen Richtung fünf Minuten näher an, aber ich war wohl außer asozialer Haschischraucher und Chauvi auch Nationalist geworden. Natürlich tarnte ich das mit dem Gedanken, in der kühlen und klaren Nacht besser zu irgendwelchen Gedanken kommen zu können, je länger umso besser, und auf dem Rückweg lohnte sich das Vorurteil sogar. Mehr als ein paar promovierte Namen und einen Computerauszug hatte unser Chief-Umschuler auch nicht vorlegen müssen, um das Arbeitsamt für seinen Instituts-Betrieb abzuzocken: da mußte ich doch eine Acker-Domina und Mafiosi, die sich von kleinen Mädchen aus dem Fenster werfen ließen, hinter das trübe Hoffnungslicht führen können.

Mit den Layout-Vorlagen im geklauten Textverarbeitungs-Programm, einer gescannten Atlasseite und zwei Clip-Art-Dateien bekam ich in dieser Nacht eine Vorlage hin, die ich exakt zehn nach neun im Papierladen thermisch und in Folie binden ließ. Ganze Stadtverwaltungen hatten Millionen für weniger ausgegeben, befand ich zufrieden.

Ich zitterte vor dem Geldautomaten, blätterte die vorletzte Rate des Dispo-Kredits auf das Kaisers-Kassenband und kam gerade noch rechtzeitig zurück, um dem Anrufbeantworter ins Wort zu fallen.

„Gerade habe ich mein Fahrrad zurückgekriegt“, gelang mir sogar ein Witz.

„Herrmann, Gabriele Herrmann“, meldete sich die Acker-Domina. „Ich bin...“

„Oh, ich habe Sie nicht vergessen“, sagte ich und zog den Stecker des Anrufbeantworters, um den akkustischen Beweis meiner Schwarzarbeiten zu löschen. „Sie wissen bestimmt, daß das nicht so einfach geht.“

„Ja, danke!“ Sie überlegte nur einen Augenblick. „Sie verstehen wirklich was von Werbung! Darf ich Sie zum Kaffee einladen?“

„Sind Sie denn in Berlin“, spielte ich den überraschten Dummen.

„Und Sie? Haben Sie denn Ihr Auto schon verkauft?“

„Wenn überhaupt, dann will ich das gegenüber Ihrem reizenden kleinen Dorfcafé machen...“

Ich verschob den Termin auf vier Uhr, weil ich Doris abwarten, anpumpen und instruieren mußte, und einen Großteil der Wartezeit nahm es in Anspruch, meinen petroleumgrünen Anzug zu bügeln. Er war zu groß für den Wäschetopf des Überfallkommandos gewesen oder war ihm hinter dem Haufen Gedichtbände gar nicht aufgefallen.

„Wenn Haase dich heiratet“, verabschiedete ich mich von Doris, „dann könnte er doch auch noch Bea adoptieren, nicht? Nur für den Fall...“

„...daß auch die Frau Bürgermeister einen neuen Gebrauchtwagen braucht“, sagte Doris verständig. „Es ist auch besser, daß du verschwindest... Die Bullen haben mich angehalten, und ich hatte keine Fahrerlaubnis bei.“

„Ja, und? Das ist doch kein Problem!“

„Für mich nicht! Weil ich ja gar keine habe... Also werden Sie dich am Arsch kriegen, nicht?“

„Ich werde Frau Bürgermeister zu einem neuen alten Auto raten“, sagte ich und stöhnte theatralisch. „Grüße Bea! Und Mickey Mouse ist das aufregendste, was in den Recorder kommt, ja?“

Ich bekam gerade noch hin, Meister wegen dem schon mal geborgten Toyota anzubetteln, und ich versüßte ihm die Bitte mit der Ankündigung, daß er nach der Lösung des Falls einen Komkurrenten weniger haben würde.

In der Stadt hielt mich das, was man ironischerweise den Verkehrsfluß nannte, noch einigermaßen ruhig, aber schon auf dem Ring trat mir die Aufregung empfindlich auf den ohnehin bleischweren rechten Fuß. Als ich in Vlauwitz einrollte, diesmal von der besseren Seite her, war es kurz nach drei.

Gabriele Herrmann stand im Vorgarten eines Atrium-Hauses, das auch an der Südseite durchgängig verglast war. Ich erkannte sie am Blitzen der Ohrringe, und sie erkannte meinen Passat wieder und winkte mich mit einer knappen Handbewegung an den Rand der buckeligen Straße.

Zu Füßen ihrer Bürgermeisterin waren zwei ältliche Wählerinnen damit beschäftigt, Heidekraut zwischen Steinplatten zu stopfen.

„Ich habe das auf Sizilien gesehen“, sagte Gabriele Herrmann, „so etwas ähnliches: das Haus, den Garten. Und ich möchte das jedem hier geben, soweit es das Klima erlaubt. Verstehen Sie das?“

Sizilien konnte eine Anspielung sein, aber ich nickte nicht nur aus Vorsicht. Ihr Haus hatte sie aus einem meiner Träume, und für ihre Gartenarbeit war Gabriele Herrmann in einen Jeans-Anzug aus schwarzem Leder gestiegen. Dazu schien gerade genug Sonne, um ihre Verpackung über den Brüsten und an den Innenseiten der Schenkel leuchten zu lassen, ihre Wählerinnen sahen nicht auf und mir öffnete sie die kunstgeschmiedete Gartentür.

„Einen Tisch habe ich Ihnen auch reservieren lassen, Doktor Markow. Aber bis dahin sollten wir uns einig sein, und unseren Dorf-Doktor werden Sie auch noch kennenlernen.“

„Ich hoffe nicht“, sagte ich ehrlich und lachte gleich darauf falsch. „Aber ich hatte Sie nicht nur als Frau nicht vergessen, Frau Herrmann... Freunde eines Freundes haben genau das, was Vlauwitz an Sizilien fehlt.“

„Winterharte Olivenbäume“, witzelte die Bürgermeisterin und schob die Veranda-Tür auf. „Oder gute Beziehungen zur Mafia?“

 

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