38.

"Gabriele war doch nicht wirklich Kellnerin", fragte ich, als Heike aufstand. "Oben ohne?"

"Nie! Sie hat sich jahrelang vom Kneiper bespringen lassen, das ja. Bis zur D-Mark-Fete... Und am Morgen wollten dann die härtesten vier Skater endlich Westniveau... Na, ihre Möpse sollte sie hopsen lassen! Und sie haben 'n bißchen 'mit rumgeferkelt: Bratwürste zwischen gesteckt, Ketchup dran geschmiert..."

"Der Kneiper, Ziegler und ABV Moser", riet ich.

"Und Hammer und Solms... Und für jemanden, der nicht viel im Dorf rumkommt, bist du doch ganz gut auf dem Gelaufenen."

Ich gähnte ehrlich, weil ich endlich die Geschichte hatte: ein Motiv, fünf Opfer und die psychologische Erklärung. Haase würde trotzdem toben. Nicht mal zwei Mordopfer, die er seinen mutmaßlichen Mädchenhändlern bis zum Geständnis unter die Nase reiben konnte, hatte ich besorgen können.

"Daß sie zu irgendwelchen Zigarettenhändlern ist und Fuck gekauft hat", rief Heike aus der Dusche, "also Phuoc oder Phuong... Deine Letzte Kaiserin... Das war damals noch reine Selbstverteidigung... Und die Idee!"

"Ja, das ist Marketing", sagte ich und war mit einem Mal flink wie ein Jagdhund hoch. "Brötchen gab es schon, und Buletten. Was Max Donald von mir und dir und jedem Würstchen-Maxe unterscheidet: er hat sie nicht nebeneinander auf die Pappe gelegt, sondern..."

"Mittenrein gesteckt", ergänzte Heike und streckte die Arme nach mir aus. "Steck ihn mir auch noch mal rein! Vielleicht haben wir dann auch die Idee!"

Das Wasser war mir zu kalt, und ich dachte an die Nackte Lust und wollte Heike ja eigentlich nur zum Weiterreden bringen.

"Vielleicht verpfeifen jetzt wir Gabi als Stasi-Spitzel", schlug ich vor und ließ Heike meinen rechten Oberschenkel zur Lesben-Gymnastik. "Dann gehört der Laden uns..."

"Vergiß es", keuchte Heike. "Da bist du nicht der Typ 'für, und ich bin nicht Laabs. Die Nackte Lust zum Beispiel! In Wirklichkeit willst du nur an ihre Titten, willst du gar nicht ihre Unterwerfung ausnutzen... Du bist selber nur ein armer, kleiner, geiler Frosch, und deshalb ist Gabriele schon dabei, dich zum nächsten Erik zu machen. Mit der kahlen Fotze als Belohnung... Und darum kriegst du die von mir..."

Heike brachte es tatsächlich fertig, mich wie einen Wetzstein stehen zu lassen, und gleich darauf lachte sie so, daß ich ihr das und das Abdrehen des letzten warmen Wassers nicht übelnehmen konnte.

"Ich rufe dir das Miststück zu halb elf! Dann habe ich die Dorfkrampfadern weg, und Laabs und Gabriele schlafen noch..."

Die Nackte Lust kam natürlich ohne ihr Zaumzeug über die Straße gestakt: in einem schwarzen Leder-Mini und mit einer fast durchsichtigen blauen Bluse über den unübersehbaren Brüsten. Hätte dazu noch die Sonne geschienen, hätte sie sich auf dem polierten Schädel spiegeln und die Szene ganz märchenhaft machen können.

"Geh in die Waschecke", hechelte Heike plötzlich selbst. "Ich zeige dir den Unterschied zwischen Würstchen-Max und Mc Donald, zwischen dir und Gabriele. Auch zwischen dir und mir. Als Extra, sozusagen."

Die Nackte Lust kam nicht nur demütig, sondern auch unsicher in das Sprechzimmer. Sie stand zwar mit hängenden Schultern vor Heikes Schreibtisch und schwieg, aber schon nach einer Minute begann sie, kürzer zu atmen. Kaum merklich und mit einer Antrengung, die einen Mercedes angeschoben hätte, bewegte sie den kahlen Kopf, um aus Heikes gleichmäßiger Wanderung schlau zu werden.

"Ich... Gebieterin... Frau Doktor... Warum sollte ich...? Ist etwas mit dem..., mit dem Blut-Test? Habe ich es, AIDS?"

"Der Test, der ist ganz positiv... Also negativ."

Heike trat schnell auf die Nackte Lust zu, knöpfte ihr die Bluse auf und befingerte die Ballonbrüste eifersüchtig grob.

"Mache dir lieber um diese Dinger Sorgen! Silikon soll krebserregend sein! Sogar Cher, diese Schauspielerin, hat sich zurückoperieren lassen!"

"Das hängt doch nicht von mir ab, Gebieterin!"

Heike klatschte mit der flachen Hand auf die rechte Brust und schielte und grinste zu meinem Vorhang- Spalt.

"Und ob! Und ob das von dir ab-, ja runterhängen wird! Warte noch vier, fünf Jahre..."

Heike spielte mit den Ballonbrüsten, wie das jeden Abend geschah und wie ich es selbst vorhatte, aber sie blieb dabei völlig kalt und lauerte auf ein Zucken der immer starreren Nackten Lust. Zuerst hielt ich das nicht mehr aus und klopfte erinnernd an den Vorhang.

"Heute hast du aber noch einen Fan! Und ich passe nur auf, daß du es ihm perfekt machst..."

Der kahle Schädel neigte sich Bescheid wissend, und Heike befahl der Nackten Lust mit einem Zeigefinger-Kreis, sich zur Wasch-Ecke umzudrehen.

Natürlich starrte ich zuerst auf die Brüste. Sie quollen aus den Händen der Frau, fest gegeneinander gepreßt, um mein Glied wie eins der allabendlichen Foltergeräte zu ertragen. Der stumm abgewandte, rasierte Kopf war eine Predigt gegen jede Illusion, und ich hätte mir die Plumpheit leisten können, mit schon offerner Hose zwischen dem Vorhang hervorzutreten. Da ich kein emotionales Schauspiel bekommen sollte, mußte ich bei meiner Vorbereitung die Objekte meiner Begierde ansehen, und dabei fielen mir die Sommersprossen auf.

Die kleinen Punkte waren so harmlos, daß sie nicht zu diesem bleichen, zum Fetisch aufgebauten Gebirge paßten. Sie gehörten in ein Familien-, in ein Strandfoto, und ich wußte plötzlich auch, in welches. Ich hatte es im Portemonnaie. Ich zog den Reißverschluß der Jeans wieder hoch.

"Liane", fragte ich. "Liane Huber?"

Langsam wandte mir die Nackte Lust das Gesicht zu, das ich schon im Lust-Maulkorb so nahe gesehen hatte: die Lippen künstlich aufgeworfen, die Wangen viel zu sehr gestrafft, mit der Narbe zwischen Schläfe und Kinn.

"Ja, und?"

Nur die Augen waren der Frau meines ersten Klienten nicht ausgewechselt worden, und sie sahen mich grün und gar nichts begreifend an.

"Ihr Mann... Ihr Mann hat sich Sorgen um Sie gemacht. Vielleicht bißchen spät, aber dann solange er konnte. Und ich sollte Sie finden!"

"Ach, komm! Du wolltest mich ficken!" Liane wandte den Kopf wieder ab. "Und ganz genau weiß das Schwein ja, wo es mich abgeladen hat!"

"Mach das nicht!"

Ich sagte es unbewußt in einem Ton, der Heike sofort den Telefonhörer aus der Hand schlug und ihr die Hände vor der Brust kreuzte. Trotzdem machte ich noch eine Runde an ihrem Instrumentenschrank vorbei und zerschnitt die Schnur zum Hörer mit der Mullschere.

"Du weißt nicht, wo er ist", sagte ich zur Witwe meines Klienten und reckte den Daumen. "Aber das ist dir bestimmt egal oder sogar recht, nicht?"

"Ja! Und Ich weiß auch, was jetzt kommt!"

Liane Huber streckte die Arme, die Bluse rutschte wieder bis über die Schultern, und sie knöpfte sie langsam über den inzwischen riesigen Brüsten. "Ich habe das so oft geträumt, wie ich die Rede der Gebieterin gehört habe! Du wirst predigen, daß ein sittenwidriger Vertrag nichtig ist... Daß die verdammten Operationen faktisch Körperverletzung waren... Und das Bajonett des Russen sowieso... Und du hast ein schnelles Auto draußen und... und... und..." Sie machte eine Kopfbewegung aus der Zeit, zu der sie noch die langen blonden Haare gehabt hatte. "Nein, tausend mal öfter habe ich die Gebieterin und Laabs gehört! Daß ich dieses Jahr sowieso nicht vergesse, die Peitsche schon immer gebraucht habe... Daß die Operation mir nur beim coming out geholfen hat..."

Heike nickte bestätigend. "Genau... Du hast doch längst nicht mehr sie gesucht, Micha! Nur zwischen diese Titten wolltest du! Genau wie über tausend Kerle vor dir! Hau ab, Micha! Habe irgendeinen plötzlichen Termin! Und komme einfach nicht wieder! Dann habt ihr euch nicht näher gesehen, und wir können alle drei in Frieden alt und reich werden."

Heike stand aus dem Schreibtisch-Sessel auf und trat hinter Liane. Vor noch nicht zehn Minuten hatte Heike sie gequält, wie mit keiner Pharma-Ratte umgegangen wurde, aber nun ließ sich Liane die linke Hand auf die Schulter legen und den rechten Arm unter die Schwellung der Bluse pressen.

"Es ist nicht moralisch, nein! Und es war nicht einmal ganz gesetzlich... Gabriele hat sie gekauft, von ihrem Mann, jaja! Und Laabs hat ihr nicht gerade zart zugeredet, am Anfang, auch klar! Sogar der Tschetschene mußte ihr an das Frätzchen, mit dem Messer... Aber inzwischen hat sie sich längst selber verkauft: das hast du doch ganz deutlich gehört! Akzeptiere das einfach!"

"Dann müßte ich nur noch so verrückt sein, dir zu glauben", fragte ich und klatschte die Hände gegen die Oberschenkel. "Aber ich glaube, ich bin so verrückt! Andererseits..."

Heike faßte die Nackte Lust fester.

"Andererseits könntest ja auch du von hier abhauen! Mit uns, bei dieser ersten Gelegenheit!"

"Mein Kredit-Vertrag mit der Bank ist bestimmt nicht nichtig", sagte Heike ohne Nachdenken.

"Dann solltest du dir ganz schnell die Titten ausstopfen lassen, Frau Doktor! Und dir mit ihr ihren Job teilen! Irgendwann wird euer Auto-Handel und Opa-Sex nämlich auffliegen! Auch ganz ohne mich!"

Ohne Kronzeuginnen hatte ich nur die Chance, die Heike mir vielleicht gegeben hatte, das begriff ich sehr gut. Wenn ich bis zu einem Notar kam, konnte auch ein hinterlegter Brief mein und Beates Leben ein wenig gegen Gabrieles Gorillas versichern, aber soweit war ich ja noch lange nicht.

Da hatte ich nun meinen Fall gelöst, aber ich würde nicht einmal Haases private Prämie bekommen und konnte sogar die Tür des Behandlungszimmers nur langsam und besiegt zuziehen.

Die Tür knallte erst einen Augenblick später. Dann allerdings genügte mein bloßes Umsehen, um Liane Huber einen Vorsprung zu verschaffen, und an ihrer zerrissenen dünnen Bluse leuchtete reichlich Blut.

Sie blieb erst im Vorgarten des Arzthauses stehen.

"Nun mach schon! Verdammte Scheiße..."

"Der Passat", rief ich.

"Schnelles Auto", schrie die Nackte Lust verzweifelt. "Ist das vielleicht ein schnelles Auto, du Idiot?"

 

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