17.

Als Haase anrief, war Doris noch nicht vom Schulbus-Dienst zurück, aber er wollte ohnehin mich sprechen.

„Ich habe mir das mit dem Tagebau überlegt“, flüsterte Haase. „Und ich hab noch zwei Kollegen gesprochen, gestern abend, Wessis. Echte, meine ich... Und die würden dort  investieren, frühzeitig.“

„Die würden Häuser mit Tagebau-Blick kaufen?“

„Bauen“, berichtigte mich Haase. „Mein Sohn... Junger Freund... Du wirst nie ein Haus mit Seeblick kaufen, wenn du nicht genügend Häuser mit Blick auf künftige Seen baust und verkaufst!“

„Es gibt auch im Westen senile Pathologen“, sagte ich und schlürfte den Kaffe nachdenklich. „Ist es das, was du mir mitteilen willst? Und jetzt hast du die letzten vierzig Jahre vergessen, nicht?“

„Gerichtsmediziner, junger Freund“, sagte Haase erstaunlich laut und deutlich, „unterscheiden sich von Pathologen etwa so wie Dichter von Kulturwissenschaftlern.“ Haase stöhnte. „Zweitens habe ich von Marketing gesprochen, und drittens kann ich die Erfahrung von vierzig Jahren ja auch nutzen, nicht?“ Er schnaufte abwartend.    

„Sehr weise, alter Herr“, sagte ich, „mein Vater... Ja, ich beginne zu verstehen!“

Haase wollte mich direkt oder mittels der privaten Telefonüberwachung in die Höhle eines tollwütigen Löwen schmuggeln, und obwohl ich nicht einmal protestierte, knurrte er nur noch unzufrieden und legte den Hörer auf.

Ich ging in die Küche, um mir Whisky für den Kaffee zu holen, und schon dabei redete ich mir ein, daß dieses Verfahren einen Vorteil hatte. Die Vlauwitzer Dorf-Mafia würde niemanden nach Berlin schicken müssen, wenn sie mich sprechen wollte. Doris konnte ungestört an meinem Computer spielen, und Beate würde ohne einen weiteren Mord zu irgendetwas Großem heranwachsen. Der Nachteil war nur, daß sie das auch ohne Vater tun mußte, aber eigentlich war das für alle außer mich zu verschmerzen. Am Anfang würde es um den Betonklotz an meinen Füßen etwas staubig sein, doch ohne Grundwasserpumpen lief der Tagebau sicher relativ schnell voll Wasser, und über mir würden sonnenbraune Pathologen-Töchter surfen, und einen Nachteil davon hatte nur Ronald. Meine CD, die er wegen der sicheren Verluste herausgegeben hatte, würde einen bescheidenen Gewinn einspielen, den dann doch das kapitalistische Finanzamt kassierte.

„So siehst du doch immer erst abends aus“, sagte Doris lustig in meinen Abschied von der Welt. „Wenn ich dran schuld bin: ich kann jederzeit auf’n Strich zurück! Und wenn es wegen der vertauschten Pflaume ist: die können auch die Bullen suchen, jetzt!“

„Weißt du denn, woher die ihre Streifenwagen haben?“ Ich trank das Zeug in meiner Tasse, als wäre es wirklich noch Kaffee. „Für die Polizei ist die Frau doch nicht mal verschwunden, und zu dem Autohändler-Witz werden sie sagen, daß es ein Witz war. Bestimmt erzählt Meister denselben zehnmal am Tag. Haases Rippen haben sie für den Schädel gehalten, und dir wird das Finanzamt für deinen groben Dreier mit der Mafia Umsatz- und Mehrwertsteuer berechnen.“

„Jetzt klingst du fast wie der Professor“, sagte Doris.

Sie setzte sich neben mich und schob mir tröstend die rechte Hand zwischen die Beine. Mit der Linken nahm sie mir die Kaffeetasse weg.

„Aber du, du mußt machen, was er nicht kann: schöne Worte, die sich reimen und die keiner versteht!“

„Eben“, sagte ich gereizt und wollte ihr davon.       

Das Aufstehen fiel mir allerdings etwas schwer, und darum ließ ich mich wieder auf das Sofa fallen und kroch dichter an Doris heran.

„Gib mir ‘ne Zigarette, Dolly! Und erzähle ‘n bißchen was! Stimmt das zum Beispiel mit dem Bein?“

„Ach, das Bein? Also das war ein rein politisches Bein. Weil: ich war doch FDJ-Sekretärin und dann in der Nervenklinik, halbes Jahr. Und da mußte es ein Parteiverfahren geben, gegen einen von den Jungs, und dort wollten die nicht immer Schwanz sagen!“     

„Echt?“

„Ja, es war ein echter Schwanz“, redete sich Doris in Begeisterung und trank meine Whisky-Tasse aus.“Du, so einen großen habe ich nie mehr gesehen, du! Aber er war eben abgeschnitten, und das würde mich bestimmt heute noch schockieren. Na, stell dir das doch mal vor: ich will auf deine Luftmatratze, hebe die Decke und...“

„Und was war dann?“    

Der Mensch durfte eben nicht quer zu den Spurrinnen, die wir für unsere Lebenswege gehalten hatten, geraten. Doris war am NARVA-Fließband gelandet, wo ihre Birne schon nach Wochen wieder durchbrannte. Vom daran anschließenden therapeutischen Zeichnen war sie in einen Zeichenzirkel der Volkshochschule gewechselt, wo ihr graphischer Strich einem muggenden DEWAG-Graphiker so gefiel, daß er ihr den anderen Strich verzieh.

„War ja auch harmlos“, sagte Doris und goß für uns beide in dieselbe Tasse ein. „Das machte echt noch Spaß, damals, das zu verdienen: bei den Mieten damals, und ein Brötchen ‘n Groschen! Da bin ich spielend weg und erst mal Mutter geworden! Und später Werbeschule Schweineöde, alles tutti frutti!“

„Alles paletti“, berichtigte ich und fing an, Dollys Bluse aufzuknöpfen. Ich hätte es auch getan, wenn ich in ihrer Einquartierung nicht Haases Auftrag gesehen hätte, sie von der Straße weg zu halten. „Du mußt das aber alles anders erzählen, Mädchen! Man ist heute doch nicht mehr Werbe-Schüler, sondern Opfer des Systems!“

„Bin ich ja  auch! Ich bin ja auch noch mal drüber gestolpert, über den..., über das Bein. Da sollten wir was über Armee-Mediziner machen, und da ist doch dieser Fleischer mit dem Parteiverfahren der Major!“

Doris hatte noch in der Kaserne angekündigt, daß sie vor den roten Schwanzabschneidern in den Westen fliehen werde, und die Deutsche Werbe-Agentur war ein Parteibetrieb gewesen und Doris’ Graphiker inzwischen Abteilungsleiter geworden. Er hatte ihr zwar einen Anwalt besorgt, der Doris sowohl aus dem Gefängnis als auch aus einer geschlossenen Anstalt herausgehalten hatte, aber mit ihrem Jagdschein hatte Doris bei der Scheidung natürlich keine Chance auf ihre Tochter gehabt.

„Und dabei wußte er, der rote Sack, daß ich sogar im DFD war und nur von Beinen verfolgt wurde“, sagte Doris. „Aber das Gemeinste ist: zwei Jahre später wäre ich für meine Sprüche bestimmt Bärbel Bohley geworden, nicht?“

„Und seitdem verfolgst eben du die Beine...“

Ich nuckelte an ihrer nur mäßigen Brust und schob ihr die Hand unter das Lederröckchen, und über mich hinweg langte Doris nach der Flasche und trank den allerdings nicht mehr bedeutenden Rest.

„Das war aber auch ein phantastisch großes Bein“, stöhnte Doris. „Solche findest du bei uns im Westen einfach nicht mehr!  Oh, nichts gegen dich... Gegen deinen roten Sack...“

 

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