25.

Im Alex-Stau fiel mir ein, daß ich für einen Krimi über den Fall jeden zweiten Tag streichen mußte. Wenn ich Margit nicht zur Freundin meiner Vermißten aufblies, würde sie sowenig hinein gehören wie die Vereins-Vorsitzende, die den Katalog höchstens umsonst drucken wollte. Tauchten in den Bilanzen irgendwelche Einnahmen auf, würde das Arbeitsamt ihre Arbeitsbeschaffung nicht noch ein weiteres Jahr finanzieren. Was ich bei alldem über mich herausfand, interessierte nur mich, und wenigstens auf dem Papier mußte ich die Welt ein bißchen reparieren, einen Unschuldigen wenigstens postum erretten und einen Schurken ausschalten. Daß die zu vernachlässigenden Nebensächlichkeiten das eigentliche Verbrechen sein konnten, würde mir höchstens noch die Lektorin zugeben, falls Krimi-Verlage überhaupt noch Lektorinnen hatten und nicht selbst Beihilfe zu den neuen Verbrechen an der Literatur leisteten.

Ich drehte das Fenster herunter, um dem Mercedes-Fahrer in der Rechts-Abbiege-Spur mit den Toten Hosen Bescheid zu sagen.

Es gibt tausend gute Gründe,
auf dieses Land stolz zu sein:
Warum fällt uns bloß im Augenblick
Kein einziger mehr ein?
Wo sind all die Gründe...

Es war wieder einmal Meister, der mir auf die Sprünge half.

"Der Elektriker war doch mal bei der Stasi", erinnerte Meister, der an die Scheibe des Verkaufsbüros geklopft hatte, bis ich abgebogen war.

"Aber bestimmt hat er niemandem geschadet", sagte ich und gähnte. "Denn er wird doch nicht gerade die einzige Ausnahme gewesen sein, nicht?"

Meister ließ die Zunge aus dem Mund hängen, weil er auf seine Marketing-Idee stolz war, inmitten der größten Hysterie einen Teil von Mielkes Fahrbereitschaft abgeworben zu haben. Die Werkstatt auf der anderen Straßenseite arbeitete in zwei Schichten und war inzwischen trotz der Lohnkosten erfolgreicher als der Gebrauchtwagen-Handel.

"Das war schlau von euch, sie in die Produktion zu schicken", sagte Meister und stellte etwas Elektronisches auf den Tresen. "Ein schlossernder Bürgerrechtler hätte doch gar nicht gewußt, was das ist."

"Klar", sagte ich und trank einen Schluck aus Meisters Kaffeetasse. "Und was ist das?"

"Mein Leutnant hat das im Golf-Kofferraum gefunden, und damit waren sie früher selber in den Telefonleitungen. Tja... Und nun war jemand damit in deiner..."

Meister drückte eine Taste, und hinter einem Fensterchen setzte sich ein Tonband in Bewegung.

"Es hat mir immer Spaß gemacht, dir den Arsch zu versohlen", erklärte Doris schrill. "Und wenn ich dir dazu noch hätte in die Eier treten dürfen, wäre ich sogar absolut glücklich gewesen!"

"Na, also", sagte eine ziemlich junge, aber schon verhandlungsgeübte Stimme. "Und was würde das kosten? Na, so ein Tritt?"

"Das sollte bedeuten, du Amway-Mafioso, daß unser Date gestrichen ist! Heute, morgen, immer! Und das ist ein kostenloser Service!"

"Das wird die Telekom anders sehen", sagte ich und tippte richtig auf den Abstellknopf. "Und für die Telefonrechnung werde ich sie wieder anschaffen schicken müssen, die liebe Dolly. Sag deinem Leutnant Danke, und wenn die wieder mal einen IM brauchen..."

Als dilettierender Schnüffler hätte ich den Apparat an seinem Platz gelassen, bis jemand zu Wechseln des Bandes aufgetaucht wäre, aber ohne Zweifel hatte ich auch so ein Problem weniger.

Darum überging ich großzügig, daß Beate bereits diesen Schultag verschlafen hatte, und weil ich mich nicht mit der Allergie-Story lächerlich machen wollte, erließ ich Doris die Szene wegen ihrer Kundendienste.

"Willst du dir zwei Hunderter verdienen", fragte ich Doris stattdessen.

Doris hielt sofort den Kopf schräg und sah mich aus den noch nicht umrandeten Augenwinkeln beleidigt an, und Beate biß ihren Honig-Toast nicht durch.

Ich ließ mich neben Doris auf das Sofa fallen und trank den Mokka-Rest gleich aus der Glaskanne.

"Doch nur im zweitältesten und schmutzigsten Gewerbe der Welt... Ich will die aktuellen Preise für'n Farbkatalog, sechzehn Seiten, wissen. Und vielleicht 'n Scribble sehen..."

"Beinahe hätte ich dich für?n Sex-Monster gehalten", sagte Doris begeistert. "Und für so'n schmutzigen Job ist das wenig, aber okay."

"Katalog für dein Stammbordell", fragte Beate erleichtert. "Und meine hundert Mark sind aus derselben Quelle, wie?"

"Zahlst du die jetzt zurück?"

"Sehe ich wie Mutter Theresa oder wie 'n Geldautomat aus, Daddy?"

Bevor sie sich hinter das Telefon klemmte, wollte Doris noch Haases Yucca-Palmen und Zimmer-Zitronen gießen, und obwohl mich auch das in meinem Fall und Krimi keine Erkenntnis und keine Seite weiter brachte, machte ich ihr den Fahrer.

Was es war, wußte ich nicht, aber irgendetwas in der Anordnung unserer Neubau-Blocks machte mich sentimental. In dem Jahr zwischen Wende und Entlassungsbescheid waren mir sogar ein paar Gedichte über die Gegend gelungen:

"Der Mond zwischen drei Betonquadern,
Wie ein roter Lampion, der von rechts verrußt.
Unwirklich, daß das eine Wolke sein muß."

Damals hatte ich den Mieter zum Namen Haase noch nie gesehen, aber wie seine Wohnung eingerichtet war, hatte ich trotzdem gewußt.

Inzwischen war sie wahrscheinlich die letzte Wohnung, in der die mit irgendeinem Leim-Ersatz furnierte Schrankwand überdauert hatte, und sie war noch mit den alten Büchern, Geschenk-Lenins und Jubiläums-Biergläsern vollgestellt. Dazu hätten ein paar Holzrähmchen mit Familienfotos gehört, fiel mir zum ersten Mal auf, während Doris hinter mir als Hausfrau umging.

"War Haase jemals verheiratet", fragte ich.

"Kein Professor mußte heiraten", sagte Doris. "Im Osten gab es an den Unis weniger Feministinnen und mehr Assistentinnen, wenn du verstehst."

"Und hat er Kinder?"

"Mensch, im Osten konnte man bis zum dritten Monat..."

"Jaja, was war im Osten eigentlich nicht besser?"

Doris schnaufte mir in den Nacken, nahm mir die Video-Kassette Bizarre Hausfrauen aus der Hand und schob sie wieder durch die Lücke, die der achtunddreißigste Lenin-Band hinterlassen hatte.

"Im Osten hättet ihr beide nie was mit einer wie mir angefangen, zum Beispiel!"

"Die Philosophischen Hefte", sagte ich und tarnte die Video- wieder mit der Bibliothek. "Shutschka ist ein Hund... Schon darin ist (wie Hegel genial bemerkt hat) Dialektik: Einzelnes ist Allgemeines."

"Wer ist Shutschka", fragte Doris.

 

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