28.

Es war der Blick einer Nonne, die mit dem Papst im Bett gewesen war, und bei Heike war er eine Lüge. Die vier rehbraunen Strähnen, unter denen sie hervorsah, hätte sie gut mit den anderen Haaren im schwarzen Seidenknoten am Hinterkopf unterbringen können. Außerdem hatte ich ihren Mund sehr viel weniger schmal und weit unverbissener in Erinnerung.

"Okay", sagte ich schließlich laut, von diesem Blick und Heikes Schweigen gereizt. "Okay, das war ein ziemlicher Schock, dich nach fünf Jahren Ehe beim Ferkelrennen zu treffen! Aber erstens war ich ja auch dort, und zweitens haben wir uns doch prima versöhnt..."

Für einen Moment hob die merkwürdig gerade Ober- von der lockend vollen Unterlippe ab, und Heike vergaß, daß der schwarze Seiden-Kimono die noch immer knopfharten Brustwarzen betonte, wenn sie gerade saß. Die altsilbernen Lider senkten sich in die Stellung für den Schlafzimmerblick, aber als ich eben aufatmen wollte, beendete ein heftiges Kopfrucken diese Idylle schon wieder.

"Micha! Ich möchte trotzdem nicht, daß du hier einziehst!"

"Das werde ich sowieso nicht!"

"Nein", fragte Heike, ein wenig verwundert.

"Aber, Frau Doktor Henrich! Ich bin der so gut wie geschiedene Vater einer fast erwachsenen Tochter, die noch 'ne Weile eine alleinliegende Tochter sein soll."

Heike beugte sich über ihre Müsli-Schüssel, legte die Hände gekreuzt auf die verräterischen Stellen des Kimonos und schielte von noch tiefer.

"Das schon! Aber... Ich könnte doch wen kennenlernen, dort... Beim Ferkelrennen! Ich meine, auch wenn du hier bist, möchte ich nicht, daß du hier schläfst! Nicht unbedingt..."

"Was?"

"Na, daß du... Gott! Gabriele hat dir das Gästezimmer angeboten, und ich möchte halt den einen oder anderen Typen abschleppen können. Nicht mehr: nur 'können'..."

Das war nun wirklich mein Schock. Ich hielt mich schnell an der Windmühlen-Kaffeetasse fest, und irgendwie schaffte ich sogar, zu trinken, aber diesen ganz kurzen und verdammt linken Haken hatte ich voll mit dem Magen genommen. Ich war ja alt genug, nicht mehr jedes heiße Bett mit der dicken Liebe zu verwechseln, aber noch längst nicht so abgekocht, sie gar nicht mehr zu suchen.

"Ah, ja! Ja, klar..." Ich biß reichlich Schinken-Toast ab und mußte doch weiterreden. "Für einen eventuellen Gelegenheitsfick wirfst du mich eurer Dorf-Domina vor? Und ihrem schwulen Doping-Schlucker und Anatomiemodell!"

"Erik ist nicht schwul! Er macht im Hof auch die Homo- Jobs, aber... Aber wenn du so willst..."

"Nee! Ich will gerade das ja gerade nicht!"

"Ich muß gleich in die Praxis", beendete Heike ihr Frühstück. Sogar die frisch gezündete Zigarette nahm sie mit zur Küchentür. "Und du mußt nicht denken, deshalb, daß heute Nacht nicht gut war!"

Ich nahm die Hand vor den Mund und kratzte den Daumen mit den Bartstoppeln. Selbst Hannelore hatte mich sachlicher und erst nach einer lockeren Kette erklärt lausiger Versuche vom gemeinsamen Tisch verbannt. Schlagartig verging mir jede Lust am Abnehmen, und mit Heikes Fünf-Minuten-Landei begann ich das Frühstück noch einmal von vorn. Daß ich etwas gegen sehr entschiedene Frauen hatte, hatte mein Protest ja nicht bedeuten sollen.

Freilich konnte es wieder an der Mittagszeit liegen, zu der ich meine Runde machte, aber irgendwie stieß es mir auf, daß im ganzen Dorf wieder niemand mit mir reden wollte.

"Wir brauchen keinen Katalog", sagte mir ein alter Mann, der nicht ins Haus gekonnt hatte, weil sein irischer Wolfshund erst rechtsseitig gekämmt war. "Investoren brauchen wir!"

"Investoren brauchen Kataloge", erklärte ich und klopfte ihm eine Zigarette aus der Schachtel. "Und selbst dann rücken sie ihr Geld nicht raus... Sie wären so arme Schweine wie wir, würden sie dasselbe wie wir machen."

"An euch Kommunisten liegt das", behauptete er, nahm aber die Zigarette und mein Feuer an. "Das Kapital ist ein scheues Reh, und da reicht euer bißchen Verstellung nicht. Sogar unsere Bürgermeisterin, die Puffmutter, war doch früher..."

Ich holte tief Luft und streichelte vorsichtig meinen ersten antikommunistischen Hund.

"Aber Steuern bringt der Puff, für das Dorf."

"Würden vierbeinige Kühe auch", sagte er trotzig. "Und die hätten kein AIDS, nicht? Jede zweite Negerin, und das ist amtlich, hat das doch. ?Rinderwahnsinn? wirst du da sagen..." Er winkte resigniert ab.

Von zwei an einem ungestrichenen Hof-Tor schwatzenden Alten bekam ich serviert, daß Gabrieles Vater der LPG-Vorsitzende gewesen war und gleich nach der Wende mit den kollektiven Kühen auch die gemeinsame Zukunft an einen bayerischen Fleisch-Reisenden verkauft hatte.

"Weil er uns auszahlen mußte, hat?s geheißen. Und wissen Sie, wer das Geld gekriegt hat?"

"Tja... 'n Roter oder 'n Wessi, nicht?"

"Haa... Ein Anwalt", vervollständigte die Ältere der beiden Alten die Aussätzigenliste. "Umwandeln sollte er die LPG, damit wir eine Chance in der freien Marktwirtschaft bekommen. Mit zweiundsiebzig! Und danach sollten wir noch einzahlen! Einzahlen! Verstehen Sie?"

Ich zuckte die Schultern und schlenderte zum Friedhof weiter, aber diesmal wollte Krause einfach nicht erscheinen. Es war nicht sehr beruhigend, mitten auf dem entweihten Totenacker eines aussterbenden Dorfes daran zu denken, aber als Leiche hätte er gut in meine Hypothesen gepaßt. Der in den Armen des Detektivs verröchelnde Helfershelfer... Ein Klappern in der weit offen stehenden Kirche erschreckte mich, und ich strich an der Hecke entlang, zumindest in Gedanken außerhalb eines möglichen Schußfeldes.

Mitten im leergeräumten Gebäude stand ein Unfall-Golf, und in der als Montage-Grube mißbrauchten Gruft klapperte Krause mit Blech.

"Hallo, Hochwürden", rief ich ihn an. "Ich habe diesmal doch ein Bild dabei, von meiner Frau."

Ich würde mein Leben auf die Karte mit Liane Hubers Bild setzen, aber Krause war eben der einzige gesprächige Vlauwitzer.

"Hören Sie bloß auf! Gabriele will mir den Kopf abreißen, für diesen Witz", sagte Krause hastig. "Den Kopf oder die Eier... Nur das kann ich mir aussuchen! Na, einmal hat das doch einer ernst genommen! War übrigens auch ein Berliner!"

"Und?"

"Der kam dann eines Tages an, mit seiner Frau! Voll Schnaps und Tabletten, die Kleine... Und er wollte 'n Mercedes für sie... Witzig, nicht?"

Ich kniete mich vor die Gruft und hielt ihm die Zigarettenschachtel hinunter.

"Sah sie so schlimm aus? Und Sie hätten die doch an den Puff weiterverkaufen können!"

Krause stieß den Qualm geräuschvoll aus. "Genauso dachte er sich das... Dumm war nur, daß sie ihm abgehauen ist, paar Wochen später. Und der Typ meinte, hierher... Oder daß wir sie entführt hätten, ihn quasi um's Auto beschissen..."

"Leute gibt's", sagte ich. "Aber wenn's die Große Vorsitzende verboten hat, reden wir eben von was anderem!"

"Danke", sagte Krause, rauchte schweigend weiter und kroch dann wieder ganz unter den Golf.

Als ich mich in Gabrieles Gästezimmer hinsetzte, um wenigstens ein Gedicht über meine Stimmung zu verfassen, brachte das auch nur eine Zeile: Kein Horizont ist. Nicht einmal vom Kreuz aus...

Also legte ich mich hin, um mich von der Nacht, dem Frühstück und der Wanderung auszuruhen. Danach schlich ich durch das leere Haus in die Küche, nahm mir ein Bier und eine Büchse Ölsardine mit vor den Fernseher und sah spaßigerweise "Quincy" und andere Wiederholungen, bis ich mich davon ausruhen mußte.

 

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