30.

Ich wollte an Gabrieles Telefon beichten, aber Gabriele rückte es nicht heraus, sondern setzte mich erst einmal in ihren Ledersessel und servierte einen dreifachen Whisky.

"Musik?"

Gabriele programmierte am CD-Player und entlockte ihm wieder das Lied von hinter dem Tod. This is the end, beautyfull friend, the end...

"Hm, die haben irgendetwas gegen Sie", überlegte Gabriele. "Der Schweinemeister war schon gestern abend da... Sie würden Ihren Rüssel überall hinein stecken... Komisch, daß das gerade einen Schweinemeister aufregt, nicht?"

"Jaja", sagte ich. "Trotzdem würde ich jetzt gerne die Polizei..."

"Sollten unsere Interessen denn wirklich so unterschiedlich sein? Der Hof und also Vlauwitz, ich und hundert Kunden: wir hätten nämlich gar nicht gerne mit der Polizei zu tun."

"Wenn die Versicherung Ihren Türstehern keinen neuen Opel kauft, weiß ich jedenfalls, was die von heute an gegen mich haben werden."

"Der Opel war ein Firmenwagen, keine Sorge", sagte Gabriele schnell. "Da müssen sich schon meine Landsleute die Sorgen machen! Und ich schicke Heike, Doktor Henrich, nachsehen, ob jemand verletzt ist! Dann wäre doch immer noch genug Zeit für den ganzen Affenzirkus, einverstanden?"

Ich nickte, ging dann unter die Dusche und setzte mich schließlich ins Arbeitszimmer.

War das Schlimmste passiert, würde über meine Notwehr-Situation Aussage gegen Aussage stehen, und wenn Gabriele wenigstens neutral blieb, hatte ich als promovierter Sprachkundiger gegen einen überlebenden Schweinemeister sicher jede Chance.

Allerdings blieb es im Dorf so ruhig wie jeden Nachmittag und Abend, und irgendwann fing ich an, in Gabrieles Bildbänden zu blättern und durcheinander Ansichten aus der Vlauwitzer Dorfchronik und die schönsten Landschaften Deutschlands zu scannen. Ich setzte die Dorfkirche, die noch vor Krauses Existenzgründung fotografiert worden war, in einen Wald am Ufer der Müritz, und den Deutschen Hof versetzte ich als Völkerfreundschaft einigermaßen überzeugend in eine ostfriesische Kleinstadt.

Wenn Gabriele sich ein CD-Laufwerk und eine entsprechende Bildbibliothek leistete, würden diese Meisterwerke der Dorfplanung möglich werden. Ich jedenfalls verliebte mich in diese Ansichten so, daß ich immer wieder aus dem Katalog-Text hinein wechselte, mit dem Zauberstab Farben ausschnitt, Lücken Punkt für Punkt ausfüllte und Ränder mit dem elektronischen Finger verwischte.

Gegen Mitternacht fiel mir ein, daß ich vielleicht schon im Gefängnis der Zukunft saß, in seiner Hungerzelle sogar. Ein Freigang bis zur Knäckebrot-Büchse des Küchenschranks genügte mir aber schon wieder, und nur zwei Flaschen Bier nahm ich mir noch mit auf die Zelle.

Als Gabrieles Golf auf das Grundstück fuhr, drückte ich die sowieso vorletzte Zigarette aus, und als ich im Korridor Schritte hörte, ging ich zur Tür und klinkte auf.

Sie war eher das Gegenstück zu Gabriele, die Miß Skinhead des Schaukasten-Fotos und der letzten Show. Sie stand klein und erschrocken vor mir, und sie hatte immer noch die Klunkern des Dorfschmieds um den Hals und um die Hand- und Fußgelenke. Der rasierte Schädel wurde von breiten Lederriemen umspannt, die eine große Gummikugel in ihrem Mund hielten, und überhaupt mußte ihr Gesicht die Jahresarbeit eines noch studierenden Schönheitschirurgen gewesen sein. Die Lippen waren zu sehr ausgetrieben, die Wangenhaut war zu heftig gespannt, und von der linken Schläfe bis zum Kinn glänzte eine nicht sehr breite, aber aus der Nähe gut sichtbare Narbe. Es war derselbe Schnitt, den ich auf dem Totenfoto meines ersten Kienten ganz frisch gesehen hatte.

"Guten Morgen", sagte ich und nickte ihren Brüsten zu. "Und wir drei kennen uns ja schon... Sie sind doch auch die Frau in der Kiste, nicht?"

Die Frau sah sich ängstlich um, obwohl mir beim besten Willen nichts einfiel, was sie bei ihrem Aufzug und Job noch befürchten konnte.

"Vielleicht kann ich..."

Sie wich meinen Fingern aus, die an ihren Maulkorb wollten, und für einen Augenblick sah ich im Licht aus dem Arbeitszimmer auf ihren Schulterblättern echte Peitschenstriemen. Dann klappte die Tür zur Garage.

"Doktor Markow", sagte Erik der Bodybuilder so vorwurfsvoll wie leise. "Widerspruch ist uns nicht erlaubt, aber... Die Gebieterin möchte nicht, daß Sie die Nackte Lust sprechen!"

"Nun ist es aber passiert, meinerseits!"

"Und dafür werden wir bestraft werden..." Er schob sich zwischen mich und die kleine Kahle. "Nun geh schon duschen!"

"Zigarette", fragte ich, weil ich auch mit meinem siebten, dem ersten Kyu keine Chance gegen den Muskelberg gehabt hätte. "Eine habe ich noch, und Gabriele muß es ja nicht erfahren."

Erik schüttelte den Kopf, als ich ihn mit einem Nicken ins Arbeitszimmer einlud, und deshalb holte ich ihm meine letzte Zigarette und den Aschenbecher in den Korridor.

"Und dabei behauptet Heike, Doktor Henrich, daß Gabriele Ihre Frau ist", bestritt ich unser Gespräch schließlich allein. "Das soll Theater sein, Ihr Job... Daß Sie mit verklemmten Buchhaltern rummachen... Hej, Erik!"

Auf eine gewisse Art war es schon faszinierend. Seine Muskeln hätten ausgereicht, jedem Gast seines Hauses eine so freche Zunge auszureißen, aber er brachte es fertig, ruhig zu rauchen und sich weder bei dieser Rede noch für das Lederdreieck zu schämen, das sein beachtliches Geschlecht umspannte und eher präsentierte als zudeckte.

"Dann bist du ihr hörig oder so, Gabriele? Deiner Gebieterin... Und als ihr Gast... Du würdest dann auch mir, nicht nur im Hof, meine ich, an die Hose gehen, ja?"

Erik warf die Zigarette in den Aschenbecher und knickte sofort in den Knien ein.

"War eine Frage", sagte ich schnell. "Kein Befehl! Tja... Ich will dich wirklich nicht aufhalten, dann! Schwere Nacht gehabt, nicht?"

Erik nickte kaum merklich und zog sich zurück, den Blick weiter auf mich gerichtet. Nicht einmal an mein Versprechen der Verschwiegenheit mochte er mich erinnern, und ich ging ins Arbeitszimmer zurück und schloß mit ziemlich zitterigen Händen die Bild-Datei Endlich befreite Menschen am Strand von Bad Vlauwitz. Ich konnte das Zeug Gabriele genausogut zeigen, wenn sie ausgeschlafen hatte und wieder die gewählte Bürgermeisterin und einzige Unternehmerin des Ortes war.

Ich lag schon im Bett, als Gabriele in ihre sizilianische Villa zurückkehrte, und ich schlief mit dem Gedanken ein, daß ich Beate kein Wort von dieser Nachtschicht erzählen durfte. Beate würde mich gnadenlos an die heimische Luftmatratze ketten.

"Du", sagte Gabriele, als ich kurz nach drei in ihr Gemeindebüro kam. "Ach... Nein, nachdem ich kein Geheimnis mehr vor dir habe, können wir ja wohl ?Du? sagen, nicht?"

"Gerne! Von mir aus schon lange gern! Aber woher...?"

"Unsere Ehe sieht für nur Fremde ein bißchen merkwürdig aus. Trotzdem... Trotzdem vertrauen wir uns doch. Oder vielmehr: deshalb." Gabriele streckte mir die Hand entgegen und ich rückte die Ausdrucke der Fotomontagen heraus, ohne den beabsichtigten Stolz zu spielen.

"Und...? Und hast du sie wirklich bestraft?"

Gabriele legte den Kopf weit in den Nacken, starrte mir auf die Nasenwurzel und verdrehte die Augen zur Decke. "Soll ich dir auch sagen, soll ich dir zeigen, wie?"

"Wie du sie soweit bekommen hast", änderte ich das Angebot leicht ab, "das würde mich interessieren."

Gabriele lachte kurz auf. "Ich habe einfach nur neu angefangen, nach der Wende. Mit Laabs, der für seine Rentnertransporte nur ?n abgelegnes Dorf-Gasthaus suchte, und der mir in einer Nacht Verschiedenes und die Augen göffnet hat." Gabriele fuhr mit ihrem Chefsessel gegen die Wand und zündete sich erst einmal eine Zigarette an. "Der Rest war eigentlich nur noch Marketing. Marketingmäßig gesehen ist die Reeperbahn ja gleich nebenan, und da muß hier schon ein Touch mehr los sein. Und das kann es eben auch. Wir haben in Vlauwitz die Feministen und die Dritte-Welt-Solidarität eben nur in einer Person, und das ist auch noch die Person von Sabrina Moser."

"Kenne ich nicht."

"Und wir haben um Vlauwitz jede Menge verunsicherte Sekretärinnen, Lehrerinnen und so weiter, die mir dankbar für den Tip waren, was sie jetzt noch machen können. Und in zwei von ihnen habe ich mich eben verliebt, auf meine Art." Gabriele legte den Kopf in den Nacken und peilte mich über die Backenknochen an, was ihren Blick abschätzend und geringschätzig machte. "Und philosphisch gesehen war das schon Gewalt. Geld haben, das ist Gewalt haben. Fast alle Gewalt über alle, die kein Geld haben, nicht? Und du machst hier ja auch nur einen Job, für die Gemeinde. Aber wenn du dich daneben, immer noch oder jetzt erst recht, für mich interessierst, dann mache mich doch mal nebenbei an, ja?"

"Bei einem Kaffee oder so", fragte ich nach, um den Fehler nicht einmal zufällig zu machen. "Und darf ich dich mal zu einem Kaffee einladen?"

"Das geht! Das wird gut", sagte Gabriele, nahm einen der Probedrucke vom Schreibtisch und ließ das Papier auffordernd wackeln. "Sag mir, was du dafür brauchst! Welche Bilder, wieviel Geld und wann?"

Wie bei unserer zweiten Begegnung lag bei mir, welche Eindeutigkeit ich mir aus ihrem Angebot nahm, und obwohl im Vorzimmer die brave alte Genossenschafts-Sekretärin saß, kochte in mir eine Art Angst hoch. Ich hatte in Gabrieles Garten und in Heikes Praxis die harmlosere Variante gewählt und lag nun doch fast schon auf der Folterbank, und wie ich in noch nicht zwei Wochen einen Mordverdacht vergessen hatte, würde ich nun wohl auch meine andere Polung vergessen müssen. Und irgendwann würde Heike einen dritten Detektiv beim Frühstück beruhigen, Michaela sei sowenig schwul wie Erika, sondern mache nur ihren Job, die Homo-Jobs.

"Also vorher brauche ich die Angebote der Druckereien", erbat ich mir Bedenkzeit. "Und ich muß nach Beate sehen, nach drei Tagen. Immerhin..."

 

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