34.

Ich hatte noch nie Alpträume mit Zahnärzten gehabt, und deshalb wußte ich sofort, daß ich wach war. Reinstes Operationslicht stach mir die Augen aus. Ich war über der Brust und den Oberschenkeln in einer K.O.-Stellung festgezurrt und der Puls wurde mir in der Jeans gefühlt, aber ein Alptraum war es nicht.

"Ja, sehr schön", sagte Heike. "Da haben wir ja die Reflexe. Der Patient zeigt wieder Gefühle, unterhalb des Nabels."

Die Stimme klang so tierlieb wie die einer Tierpflegerin der Kosmetik-Forschung. Ich hob den Kopf, drehte ihn in die Richtung der Stimme und blinzelte. Heike sah sprechstundenfertig aus und schien allein zu sein.

"Du bist gar keine Ärztin", servierte ich meinen ersten Gedanken gleich hirnwarm. "Du bist seine Werwölfin, ja? Einfach 'ne verkleidete Nutte..."

"Für einen, der im Puff vom Hocker gefallen ist, riskierst du 'ne ganz schön freche Lippe!"

"Noch nie bin ich...! Na, okay! Ich weiß nicht, wie ich hierher..."

"Siehst du!"

"Aber daß ich gar nicht hierher wollte, weiß ich genau!"

Beleidigt zog Heike die Hand aus meiner schon allein zu engen Hose und benutzte diese Hand, um den Scheinwerfer auszuschalten. Langsam wurde es auch für mich Tag, aber gefesselt blieb ich weiter, und vor mir drohte immer deutlicher der Galgentisch mit den Folterwerkzeugen. Richtige Glücksträume mit Zahnärzten hatte ich ja auch noch nie gehabt.

"Erik sollte dich zu mir bringen", begann Heike die nächste Runde der Aufklärung. "Eben weil ich hier die Ärztin bin... Und dich hier abzulegen, fand er witzig."

"Echt witzig, diese Gorillas, ja!"

"Und im übrigen hat seine Diagnose ja gestimmt: simple Übermüdung. Da haut einen manchmal der kleinste Schluck um."

Heikes Gesicht ging mir wie eine braunweiße Sonne auf, so dicht vor meinen Augen, daß der Endstups ihrer Nase wie eine kleine, schiefe Faust aussah. Das Trapez zwischen dieser Nase und dem warzenbestückten Kinn zitterte, und Heikes Lust-Unterlippe klappte nach unten. Die Zungenspitze erschien.

"Andererseits ist das natürlich die Gelegenheit, dir mal ordentlich auf den Zahn zu fühlen!"

Heike richtete sich auf und mußte sich ziemlich strecken, aber sie brachte es fertig, zur selben Zeit an den Lichtschalter und in meine Hose zu langen.

"Und wo soll ich dir weh tun, wenn mir die Antworten nicht gefallen?"

"An den Zähnen doch", sagte ich und versuchte, mit Heikes Hand zu spielen. "Dieser Horror überall kommt eben nicht von sex and crime, sondern von diesen blödsinnigen game shows."

"Was fällt dir dazu ein? Los! Heike?"

"Bitte mach mich los, Heike", stöhnte ich durch die zusammengebissenen Zähne. Sie hatte sich doch für die Hose entschieden. "Ich finde das... Heike? Also gut: no more breakfeast!"

Sie fragte nach meiner Lieblingsfarbe und meinen Gefühlen für Salami-Pizzas und Gregor Gysi, nach der Finanzierung meiner CD und nach meiner ersten sexuellen Erfahrung, und ich bekam nicht heraus, wann ihr welche Antworten warum nicht gefielen. Wahrscheinlich war das auch nicht wichtig. Sicher hatte ich mit den Kulturwissenschaften mehr Psychologie mitbekommen als Heike in ihrer Metzger-Ausbildung, und deshalb war mir eigentlich spothell, daß das Spiel der Sinn seiner selbst war. Daß sie im Prinzip meiner Lederfesseln genoß.

"Gabriele?"

"Kaffeetrinken! Wir sind zum Kaffeetrinken verabredet!"

"Und was willst du wirklich in Vlauwitz?"

Diese Master-Frage, auf die ich wirklich keine Antwort mehr hatte, kam plötzlich, und Heike stellte sie mit aller Raffinesse. Sie hatte meine Hoden schon lange fest im Griff, aber nun drückte sie sie mit den Fingernägeln gegen den Handballen, und dazu ruckte sie grob an der so schon straffen Haut des Gliedes. Ich jaulte ganz unverstellt.

"Au... Aufstehn", keuchte ich. "Ich will noch als Mann aufstehn... Von diesem beschissenen Stuhl... Und Gabriele noch! Und die Nackte Lust... Vielleicht..."

Obwohl oder weil sie in der Aufzählung fehlte, gab mich Heike in der Sekunde frei, in der ich mich zur ganzen Wahrheit entschlossen hatte.

Ich glaubte, daß außer ein paar Greisen, Krause und den Kastrationsbeamten alle Vlauwitzer ermordet worden waren, damit Gabriele, Laabs und Heike mit den Immobilien spekulieren, ihre Schnäppchen-Reisende ausplündern und eine erotische Folterkammer betreiben konnten. Ich wollte mit ein bißchen Werbung dafür viel Geld verdienen, und ich wollte ihren Geklautwagen- und Mädchenhandel und ihre ewigen Titten- und Sackfoltern beenden, wenn ich nur noch einmal davon kam.

"Was hast du denn?" Heike fingerte am Brustgurt. "Wenn ich wen kennenlerne, mal näher ranlasse, drüben... Dann heißt es immer: ?Oh, Ärztin sind Sie? Wissen Sie, da habe ich immer so eine Phantasie...? Aber okay, wenn du die nicht hast..."

"Doch, doch", sagte ich eilig. "Nur zuwenig Übung!"

Heike lachte auf. "Okay! Bloß meine Mittagspause ist zu Ende... Die Küche findest du doch? Und mein Bett?"

"Wenn ich danach nicht wieder mit dir frühstücken muß", rief ich Heike nach.

Ich setzte mich auf und schnallte meine Beine selbst los, stand auf, streckte mich und schaltete das Verhörlicht aus. Ich streichelte mich auch noch kurz zwischen den Beinen, bevor ich mich einpackte. Nun, da sie vorbei war, fand ich die Szene auch irgendwie phantastisch.

Es dauerte ein Weilchen, bis das Wassser in das Zahnarztwaschbecken lief, und ich schwappte es mir in das glühende Gesicht, bis ich wieder einigermaßen cool war. Eine Restspannung blieb aber wohl, und wie eine frisch konditionierte Laborratte sehnte ich mich nach Heikes Bett gegenüber dem Schrank mit den vier Spiegeltüren.

Allerdings war die Tür zu den Privaträumen abgeschlossen, so daß ich durch das Wartezimmer mußte.

"Doktor Markow", stellte ich mich den drei zitternden Greisen völlig korrekt vor. Trotzdem brannten meine Ohren. "Aber ich überlege noch, ob ich mich hier niederlassen sollte. Vielleicht können wir ja mal darüber reden..."

 

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