36.

Der Bullenschreck winkte dem Rentner-Dompteur mit dem Gipsarm zu, mich vorbeizulassen, und er hielt mir sogar die zweite Tür auf.

"Hast du gemerkt, daß ich keins von euren Mädchen bin", fragte ich ihn, fast leutselig.

"Wenn dich der Geschäftsführer vor hatte, kennst du den Unterschied selber nicht mehr", antwortete er im selben Ton. "Und wir sind ja hier, um euch Mädchen zu beschützen."

Ich steckte die Zunge zwischen den Zähnen vor, machte ihm den Kanzler oder eine Kuh. Solange der Parkplatz voller Busse von Schnäppchen Tours stand, war das einzige zu befürchtende Verbrechen die freiwillige Verkaufsveranstaltung.

Der Rentnerfang fand im nur flüchtig übertapezierten LPG-Speisesaal statt, und ich lehnte mich neben der Flügeltür an und sah der halbschwarzen Leipziger Kindergärtnerin zu. Vor Wolken von Lamahaar-Decken und zwischen einem Gebirge aus Goldrand-Geschirr und einer Pyramide Edelstahl-Töpfe tanzte sie Sun of Jamaica. Zwischen den wachsgedeckten und mit Stoffblumen geschmückten Tischen schlurfte das alte Kantinen-Personal herum, stellte die letzten Thermoskannen mit Gratis-Kaffee ab und schenkte den Beruhigungswein aus.

Wir spielten alle Rollen, die gar nicht zu uns paßten. Die heiße Kindergärtnerin gab eine warmherzige Altenpflegerin, hundert Sekretärinnen der Parteikontrollkommission tuschelten über den Betrug bei der letzten Miß-Wahl, und ein gutes Dutzend Ehehälften waren eher gutglaunte Blasenkranke. Unabhängig von den Playback-Höhepunkten und wirklich preisgünstigen Gelegenheiten standen sie auf, nickten ihren verständnisvollen Gattinnen zu und gingen verlegen lächelnd am cleveren Haus-Detektiv vorbei, der ich sein wollte.

Als ich das Trauerspiel auf eine Zigarette verließ, öffnete sich mir gegenüber die Privat-Tür zum Korridor, und ein nun noch verlegnerer beleibter Greis hielt sie für mich auf.

"Danke, ich wollte", lehnte ich ab und ging hindurch, rötlichem Licht und Tabakgeruch entgegen.

"Du", sagte die Letzte Kaiserin, faßte mir von unten an den obersten Hemdknopf und rieb die Innenseite ihres Schenkels an meinen Jeans. "Gut, du kommen! Zu Phuoc... Auch sagen Fuck! Alle sagen, alle machen... Hundet DM?"

Die Letzte Kaiserin schlängelte sich wie die letzte Hure zwischen den Bar-Tischchen hindurch, und nach jedem dritten Trippelschritt warf sie ein Stück ihrer hüftlangen Dauerwelle und kniff im Wechsel ein Auge zu. Ihre nach oben gebogene Zungenspitze war kein geringer Angelhaken, und sie wirkte weit obszöner als der knackenge lila-silberne Top und der zwischen den straffen Arschbacken untergehende Steg des schwarzen Slips.

"Wollen Simone, wenn nie tanzen?"

"Lieber ?n Wodka! Für uns beide..."

Ich wackelte ein bißchen zu heftig mit den Fingern, aber Phuoc, die der Einfachheit halber Fuck gerufen werden durfte, erfüllte auch diesen weniger einträglichen Wunsch.

"Bist du schon lange hier", fragte ich.

"Ich eins", sagte die Letzte Kaiserin nach einiger Bedenkzeit. "Ist gut, Deuschland! Und Fuck machen genug viel fucking kaufen Hütte und bleiben, haben drei Jungen."

Obwohl ich dabei eher zu erfahren war, hustete ich dem Wodka nach, während die Letzte Kaiserin ihn wie Wasser schlürfte. Vielleicht war er ja auch Wasser: diese Geschichten kannte ich aus zig amerikanischen Filmen über das Milieu der Philipinas in der thailändischen Hauptstadt Saigon, die eine Weltgeschichte früher nach Ho Chi Minh geheißen hatte.

Die Letzte Kaiserin hob den Kopf und warf eine Haarsträhne, während sie langsam aus Gabrieles Reich kam. Hinter meinem Rücken war ein weiterer Schnäppchen-Tourist aus der freiwilligen Verkaufsveranstaltung entkommen. Er war ein so großer und so alter Mann, daß sich die Letzte Kaiserin durch den leichten Druck von Daumen und Zeigefinger gegen ihr Handgelenk halten ließ.

Das Bild der Witwe Huber steckte so im Portemonnaie, daß ich es mit der Linken herausbekam und der Kleinen noch rechtzeitig vorhalten konnte.

"Kennst du die?"

Einen Moment lang hielt die Letzte Kaiserin den Kopf schief, so als überlege sie, dann schüttelte sie die Mähne.

"Müssen Hütte denken", entschuldigte sie sich dann und ging dem Volkspolizisten, der es gut mit uns gemeint hatte, entgegen. "Hundet DM, schöne Mann? Mit Gummi machen alles hundet..."

Ich schlenderte in den Raum der Verkaufsveranstaltung zurück, und dort zählte ich die Greise, die ihren Reisehöhepunkt schon hier gehabt hatten. Es mochten diesmal über dreißig gewesen sein, was mit hundert oder zweihundert Mark multipliziert ein beachtliches Zusatzgeschäft ergab. An manchen Tagen fanden schließlich drei Verkaufsveranstaltungen statt, und wenn die letzten Busse den Parkplatz verließen, begann die Normalschicht der Mädchen ja erst.

Der Bullenschreck winkte mich mit dem Gipsarm vom Parklplatz zur Tür der Bar-Hälfte des Deutschen Hofs.

"Zum Chef! Erster Stock, erste Tür links", sagte er knapp. "Und verirre dich nicht, nachdem du dich gegen ihn schon im Ton vergriffen hast!"

Auch die Mädchen, die dabei waren, den Bar-Raum für die abendliche Fete herzurichten, sahen mich wie einen an, der nur noch bestenfalls zum Tode verurteilt werden konnte. Im Dämmerlicht durch die roten Vorhänge sahen sie wieder wie eine Kellnerinnen-Sammlung aus, nur daß sie dafür zu zahlreich waren. Ich nickte Blanche zu, die neben ihrem Tresenplatz stand und die Milchgläser polierte, aber sie erinnerte sich offenbar nicht an mich.

Im ersten Stock klinkte ich zuerst die zweite rechte Tür auf, aber es war eine sicher normale Fickkammer, in der nur am Bett nicht gespart und die noch unbenutzt war. Das Bett, ein winziger Tisch und neben dem Waschbecken ein Armeespind, an dem sogar noch die rotgerandete gelbe Nummer der letzten NVA-Inventur klebte. Daß es nichts Persönliches gab, nicht einmal ein Kuscheltier, war vielleicht verständlich, obwohl das für die Mädchen hart sein mußte. Es gab für sie keine Zimmer im Dorf, hatte mir Gabriele schon bei meinem zweiten Besuch geklagt, und dazu hatte Jim Morrison gesungen.

The end of the elaborate plans...
No safety or surprise, the end.

Hinter der richtigen Tür wartete Laabs auf mich, und er machte die Eröffnungs-Gesten des Personalchefs beim Vorstellungsgespräch. Da war ich nach dem Bewerbungstraining in der Umschulung sicher, und weil ich keinen Job bei ihm wollte, war ich auch einigermaßen ruhig.

"Frau Herrmann möchte... Gabriele möchte, daß wir uns aussprechen."

Laabs reichte mir eine West-Schachtel über den Schreibtisch, und das war ein solcher Bruch der Konvention, daß ich trotz der falschen Sorte annahm und mich erst dann steif in den Besucherstuhl setzte.

"Ich wollte eine Wuppertaler Agentur mit dem Auftrag betrauen, damit Sie das auch wissen. Aber hier geschieht eben, in vernünftigen Grenzen, was Frau..."

"Gabriele", verbesserte ich ihn schadenfroh.

"Was Gabriele möchte... Also?"

"Bitte?"

"Ja, Sie beschweren sich doch allgemein, daß niemand Ihre Fragen beantwortet!" Laabs grinste, weil er wußte, daß ich wußte, daß er das nur von Heike haben konnte. "Meinen Kontostand werde ich Ihnen nicht verraten, wahrscheinlich... Aber sogar danach dürfen Sie mich fragen!"

"Na, fein! Und was ist mit den fünf Toten? Ziemliche Epidemie für so ein Dorf!"

"Fünf? Sie meinen wirklich fünf? Nicht sechs oder sieben?"

Laabs hielt seine Zigarette zwischen den Fingerspitzen und ganz am Ende des Filters. Er mußte das aus einem Mafia-Film haben und damit rechnen, daß ich mir nun in die Hosen machte. Im übertragenen Sinn tat ich das schon, aber das hatte ich auch vor der Premiere der CD getan, die nun leicht im Wert steigen konnte. Das Publikum durfte es einfach nicht merken, und als der Aschestengel seinem roten Zuhälter-Anzug gefährlich werden konnte, mußte sogar Laabs aufgeben.

Laabs atmete geräuschvoll aus. "Sie haben recht! Es sind fünf, bisher. Seit der Wende... Ist das von Belang für Ihre Arbeit?"

"Insofern... Ich meine: wenn hier nur geschieht, was Gabriele möchte..."

"Nur beinahe", verbesserte sich Laabs nachträglich. Allerdings drückte er seine Zigarette vorfristig in den Marmor- Ascheneimer. "Der Vorbesitzer des Hofes hat sich aufgehangen, als er als Stasi-Spitzel in der Kreiszeitung stand... Ziegler hatte einen Verkehrsunfall, nachdem er seine Tochter mit einem Neger gesehen hatte, öffentlich, auf der Bühne einer Bar."

"In Wuppertal", folgerte ich nach Haases und Dürrenmatts Methode und rutschte mit dem Hintern bis zur Stuhlkante vor, filmisch lässig.

"Er hatte dort zu tun, ja. Aber fragen Sie mich bitte nicht noch, was! Ich habe ihn mit und auch in diese Bar mitgenommen, zugegeben! Und dafür hat er mir dann den fast neuen Mercedes an eine Autobahnbrücke gesetzt."

Daß ich Laabs in irgendeiner Klemme hatte, konnte ich mir durchaus nicht einreden. Im Gegenteil. Entweder war er froh, mich auf einer ganz falschen Spur zu haben, oder er drohte mir mit diesen knappen, für Morde zu verschiedenen Geschichten: Zieglers Schwager Hammer war bei einer eigenartigen Totenfeier mit der Mulattin des Deutschen Hofs an der Kombination von Sex, Herzmitteln und Alkohol gestorben, und der Ex-Volkspolizist Moser hatte sich erschossen, weil er sich für eine Detektiv-Ausbildung verschuldet und danach keine Anstellung gefunden hatte.

"Dann war noch Solms dabei, und der ist dann wohl ganz natürlich an seiner Angst gestorben..."

"Da kann ich ihn gut verstehen", sagte ich und setzte ein rhetorisches Lachen an. "Und Gabrieles Heimlichtuerei! Na, das ist nicht gerade die beste Publicity, wenn man aus einem Tagebau einen Freizeitpark machen will, nicht?"

Laabs zuckte vornehm die Schultern, wohl weil er nicht wußte, ob er mir glauben sollte, daß ich ihm alles glaubte. Ich wußt genau das genauso wenig, und deshalb nahm ich dankbar noch eine Zigarette an.

"Waren Sie schon mal im Keller", fragte Laabs plötzlich.

"Auch hier oben bin ich das erste Mal."

"Unsere Keller sind das Interessantere! Und wir haben eine neue Gummi-Sau..." Laabs lachte über mein unverständiges Gesicht. "Nein, nein! Kein Aufblas-Tier! Eine Kollegin, die im Gummianzug eine Extrem-Sklavin spielt. Mensch, Markow! Doktor Markow! Sie haben hier ja wirklich noch nicht viel gesehen!"

Ich fand die Kellerzellen nicht besonders interessant. Die Betten hatten statt der Matratzen Hand- und Fußschellen, statt der Tische standen den Betten kleine Regale mit Sado-Nippes bei, und in einer schäbigen Dusch-Kabine hockte in einem lindgrünen Ganzkörper-Kondom die neue Gummi-Sklavin. Laabs zeigte sie mir durch einen Spion, den Gabriele wahrscheinlich beim Ausverkauf eines Stasi-Gefängnisses billig erstanden hatte, und als er die Tür aufriegelte, ging die dickliche grüne Raupe in die Knie.

"Gebieter", fragte sie dumpf und zitternd. "Was kann Eure unwürdige Sklavin für Euch tun?"

Laabs sah mich an und zog die Brauen hoch. "Auch nicht Ihr Geschmack? Nichts gegen Heike, Doktor Henrich, aber... Oder würden Sie den Anzug lieber mal selbst probieren?"

Ich wackelte mit dem Kopf. "Ich habe Angst, damit täte ich nur Ihrem Kälber-Sadisten einen Gefallen. Aber kennen Sie dieses Gefühl, Kollege Laabs? Mit einem blonden Mädchen wie für immer auf der Wiese liegen..."

"Und im blauen Himmel die Sonne", sagte Laabs ebenso ironisch. "Das war doch Ihr FDJ-Abzeichen, nicht?"

Als ich aus dem Deutschen Hof entlassen wurde, lief mir Krause in die Arme und sah sofort wie eine Leiche am letzten Urlaubstag aus. Er schielte nach dem Fenster, hinter dem das Vlauwitzer Büro von Edzard Laabs aus Wuppertal eingerichtet war.

"Hallo, Meister", sagte ich trotzdem. "Putzen Sie mir den Jeep schon mal! Ich bin ziemlich dicht an 'ner Goldader."

"Also, der Jeep..."

Krause senkte den Blick, und weil ich noch Laabs? Kontrollblick im Rücken spürte und weil im Keller eine neue Sklavin kniete, wurde mir für diesen kühlen Frühsommerabend doch verdammt heiß.

 

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