24.

Als ich ihr gesagt hatte, von wo ich anrief, hatte Margit wohl in aller Eile einen Psycho- und Immun-Check gemacht. Wahrscheinlich wollte sich keinen krebskranken Bekannten aufladen, und vor zwei Jahren hatten wir uns gegenseitig das Kondom erlassen.

"Bist du Vater geworden", tarnte sie ihre Bedenkpause gleich darauf, obwohl das in dieser neuen Welt die beinahe schlimmste Frauen- und Familien-Krankheit war. "Oder..."

"Oder", sagte ich. "Ganz bestimmt 'oder'! Wobei genau, das weiß ich nicht, aber bei irgendetwas haben uns die Bullen doch letztens gestört."

"Ja, klar..." Margit atmete hörbar auf. "Bloß ich kann nicht weg, von einem Moment auf den anderen. Für die nächsten zwölf Jahre noch nicht..."

Beate hatte mir diesen Ausbruchs-Versuch begeistert genehmigt, und Doris hatte nach kurzem Zögern zugestimmt, mit der S-Bahn heimzufahren. Schließlich sah nur Beate ein wenig türkisch aus, und mit Haases Entlassung rückte auch ihre Verlobungsnacht immer näher. Wenn mir in dieser Situation eine alte, Doris beulte die rechte Backe mit der Zunge, eine alte Studienfreundin einfiel, würde sie gern auf einen, sie kramte in der Handtasche, schwarzen Gummi verzichten.

Zum Glück für alle waren hinter Margits Haus die Mauer und im Parterre die Wohngebietswäscherei verschwunden.

Während ich mein Rollenklischee einsetzte, um Jens und Oliver eine außerordentliche Kopfwäsche zu verpassen, telefonierte Marigt mit dem Parterre, das selbsverständlich von einem China-Restaurant okkupiert worden war.

"Es ist der einzige Berliner Chinese, der echt chinesisch kocht", schwärmte Margit, als ich ihre Jungen zum Abendappell trug: unter jeden Arm einen. "Und was bei ihm extra scharf heißt, ist es auch. Wie denkst du über extra scharfen Fisch mit Morcheln?"

Margit begriff noch vor mir, daß die Anwesenheit der Speisekarte unser Vorhaben mehr als der Tanz der Babyvampire störte, aber ihre Entschuldigung gelang ihr phantastisch. Sie riß die Augen auf, klappte die Lippen um und leckte sie langsam mit der Zungenspitze. Die Kinder hielten das für eine Appetit-Grimasse, aber für mich verlor sich der Eindruck, daß sie einen Jungen-Kopf hatte. Sie war mit Reiner abgezogen, war in meinem Alter und flach, aber nun stachelte sie mich zu einem Gratis-Konzert an.

"Am Grunde der Elbe wandern die Steine",
ächzte ich beim Abschleppen der Zappler,
"Nicht anders am Grunde von Moskwa und Rhein.
Das Große wird kleinlich und gräßlich das Kleine:
Das ist Dialektik: darum wird es sein."

Erst auf der Unterkante des Doppelstock-Bettes, mit Margits Blick im Nacken, fiel mir die ziemliche Schwäche der vierten Zeile auf. Trotzdem machte ich noch nach, wie Hanns Eisler auf einer meiner Schatz-LPs die Ballade vom Wasserrad sang, und zum Abschied sang ich das Lied zu Mackie Messers fündachtzigstem Geburtstag:

"Und der Haifisch, der hat Zähne
Aber seine Oma nicht..."

Margit klinkte die Tür zu und sah mich prüfend an: was wollte ich nun oder wie fand ich ihre Anhänger, inzwischen?

Ich faßte sie vorsichtig an den Schultern und drückte ihr die Lippen auf die Augenlider und leckte ein bißchen an der klassischen Nase.

Margit hatte ja die sozialen Probleme aller Ossis mitnachweisbarem IQ, die finanziellen Probleme aller alleinerziehenden Mütter und ihr auch nicht sensationelles biographische Problem. Im Augenblick ihres Nachrückens auf ein kommunales Pöstchen hatten ihre grünen Freunde sie als "IM Sappho" enttarnt, und für meine Standardsprüche zu diesen Amateur-Jesuiten hatte mir Margit bewiesen, daß der Tarnname wirklich ihrer Freundin gehört hatte. Politische und sexuelle Outings waren zwar Mode gewesen, aber Margit hatte sich ganz altmodisch daran erinnert, daß ihr die Kollegin über den politischen Alkoholismus, die Scheidung und die Enteignung ihrer einzigen Tochter hinweggeholfen hatte.

"Eigentlich sind wir gar nicht der Typ 'für", sagte Margit. "Und du, du vor allem, müßtest endlich und wenigstens versuchen, erwachsen zu werden. Irgendwann bist du fünfzig, Mischka, und da kannst du doch nicht weiter schief singen und arbeitslos sein, rumbumsen und auf die Weltrevolution warten."

"Mädchen, auch mit fünfzig werden wir alle noch arbeitslos sein", sagte ich und ging zur Tür, um dem Lieferanten aufzumachen. "Und sonst... Wie es sonst läuft, kommt die Weltrevolution bestimmt vor der nächsten Nummer."

"Nummer fünfzehn und zweiundzwanzig", mißverstand der Kellner und nickte zu den Foliepaketen. "Sehr scharf."

Vielleicht gehörte zur einzigen echt chinesischen Küche, daß sie mit falschem Personal arbeitete, vielleicht kannten die meisten Chinesen die Serien-Filme, in denen sie das "R" als "L" sprachen, auch gar nicht. Großartig fand ich jedenfalls, daß Margit ganz selbstverständlich meine Lederjacke vom Haken nahm, das Portemonnaie zog und mit meinem Geld bezahlte.

"Viel Spass", verabschiedet sich der Etagenkellner. "Einen fröhlichen Abend!"

"Ich gründe mir auch gerade eine Existenz als Privatdetektiv", setzte ich die Beichte fort, während Margit noch vor dem Schrankwand-Fach mit der Plattensammlung grübelte. "Deshalb haben uns die Bullen gestört, nach dem Konzert, übrigens. Die Sterberate meiner Klienten liegt bei hundert Prozent in zwei Tagen: also mußt du nur vorbeischicken, wen du loswerden willst!"

"Renft", fragte Margit. "Die LP oder die CD? Wir haben eben das Glück oder das Pech, daß unsre Kinderzeit nach der Wende ?ne Neuauflage hatte."

Sie entschied sich für die gute alte Schallplatte, holte zu dem echt chinesischen Essen falschen italienischen Rotwein und setzte sich dann in den Sessel vor der gegenüberliegenden Kante des Couchtischs.

"Irgendwie wird alles normal", sagte Margit. "Olli lernt das Lesen mit Mimi ruft Nina, genau wie wir. Die Straßenbahn quietscht noch immer, an der Ecke, und ob uns eine Akademie oder das Sozialamt zu wenig Geld überweist, ist ja egal. Sogar, was aus uns wird, steht noch immer in denselben Akten. Eigentlich stören nur noch wir, nicht?"

Ich nickte eher mechanisch und nahm mir vor, ihr zwischen der französischen und der Missionars-Nummer anzubieten, uns weiter regelmäßig zu treffen: nur wöchentlich statt jährlich, vielleicht sogar zwei-, dreimal die Woche. Bis wir richtige Jobs oder westliche Zuhälter hatten...

Daß der Fisch wirklich sehr scharf war, bekam ich noch mit. Dann fing mein Herz zu rasen an, meine Augen quollen zu Fischaugen auf, und irgendwie hatte ich das Gefühl, gleich aus der alten Haut und den Jeans zu platzen und Margit als nackter Kanzler Kohl gegenüber zu sitzen. Es war sicher übertrieben, an eine Verschwörung zu glauben, zu der außer russisch-tschetschenischen Panzerfahrern auch chinesische Köche und falsche Stasi-Lesben gehörten, aber andererseits waren die Symptome eindeutig.

"Oh", sagte Margit unaufgeregt, als sie meinen Zustand bemerkte, "das ist nicht weiter schlimm... Das ist nur eine Allergie. Gegen Fisch oder Reis, Pfeffer oder Salz... Bei mir, zum Beispiel, kommt das von Katzenhaaren und Gebirgsblüten-Honig."

Margit hob und drehte meine Beine auf die Couch, stopfte mir ein Kissen unter den Rücken und holte die Bettdecke vor der Zeit aus der Rattan-Truhe. Dann hielt sie den Kopf schräg, um meine Erlaubnis zum Weiteressen zu bekommen, und irgendein Zucken meines aufgequollenen Gesichts hielt sie dafür.

Als ich wieder fit genug war, kurz in den Sessel zu wechseln, machte Margit die Couch trotzdem für zwei fertig, und sie schlug mir vor, Bananas zu sehen. Woody Allen hatte dasselbe Problem auf anders komische Art, und statt wie gewohnt über die Helden der Prenzlauer Sierra zu gähnen, würden wir über Fidel Castro lachen.

Der Film endete mit einem Boxreporter am Hochzeitsbett, und Margit schob mein Unterhemd hoch, um ihren Nase in meinen Nabel zu stoßen.

"Halb so schlimm, hm? Von mir aus, jedenfalls."

"Das mit der Nase ist sogar toll", sage ich, und es war auch toll, einer Frau ins Gesicht gähnen zu können, ohne damit die letzten Stunden abzuwerten. "Und ich habe immer nur wen mit großen Titten haben wollen... Aber ich wollte ja auch mal Lyriker und Guerrillero werden..."

Auch Margit gähnte. "Und Werbeberater und Privatdetektiv ist rausgekommen..."

Am Morgen schüttelte ich den Passat-Schlüssel aus der Hosentasche, aber Margit kicherte über soviel Überschätzung des Sozialhilfe-Staats. Gleich darauf zischte sie Oliver an, der folgerte, daß dann doch ich zur Schule fahren könnte, aber daß ich gähnend aufstand, gefiel ihr wieder.

Ich bestellte den Mokka für die Rückkehr und brachte frische Tankstellen-Brötchen mit, und nach den sechsten oder siebten Zigaretten fuhr ich mit Margit zu einer ABM-Druckerei, der sie den Katalog-Auftrag wünschte.

 

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