20.

Gemeint war der Besuch beim Dorf-Chirurgen, und Gabriele übergab mich an der Tür eines neuen Katalog-Hauses einer rehbraunen und rehschmalen Frau. Vielleicht hatte mich die kleine Mao-Warze unter ihrer saftigen Unterlippe vom Vorstellungssatz abgelenkt, vielleicht gehörte diese Unklarheit auch zu Gabrieles Plan: so oder so saß ich dem Reh stumm in einem Plüsch-und -Chrom-Sessel gegenüber, starrte das Spiegelbild in der schwarzen Glasscheibe des Couchtischs an und fragte dann auch noch.

"Sie sind der Doktor, auf den ich die ganze Zeit warte, ja?"

"Frau Doktor Henrich oder Heike", sagte sie. "Je nachdem, ob du mich mehr im ersten oder im zweiten Beruf brauchst."

"Also Doktor bin ich ja selber... Und was ist Ihr..., dein zweiter Beruf?"

"Das Fremdenverkehrsamt?"

"Heißt das hier nicht Deutscher Hof", witzelte ich und gab ihr einfach die Zigarettenschachtel, statt nach der Raucherlaubnis zu fragen.

Heike nickte. "Dann eben das Touristic Office von Vlauwitz: seine Chefin und einzige Hostess."

Während sie uns Whisky eingoß, erklärte Heike, daß wir auch unseren Existenzgründer-Optimismus gemeinsam hatten und sogar in derselben Branche waren.

"Werbung und Marketing", sagte sie und blies einen großen blauen Ring. "Die Medizin ist nur noch das ganz Unwesentliche ?Was?, das ich allen, aber ?Wie??, verkaufen muß. Ich muß den Leuten ja Krankheiten einreden, für die die Kassen und sie selber bezahlen, die aber auch nicht so schlimm sein dürfen, daß die Fachärzte dran verdienen."

Ein wenig zynisch klang der Spruch schon, aber als ich Heike durch das geschliffene, zum zweiten Mal gefüllte Glas ansah, fand ich eben auch eine Menge mildernder Umstände. Ihre antik beginnende Nase endete in einem fast afrikanischen Stups, und ihre Lippen waren schmal und wie in das Gesicht geschnitten. Ihre Bluse paßte zu den Bilderbuch-Brüsten und zum Praxis-Wohnhaus, andererseits aber waren ihr die eher groben Jeans und die entsprechenden Reden genauso wichtig.

"Und dabei brauchten die Leute weder Herzschrittmacher noch Pillen, sondern 'nen Job", sagte Heike und krächzte ihrem Whisky nach. "Und der größte Arbeitgeber der Gegend würde mit 'ner Belegschaft aus Vorruheständlern nun wirklich Pleite machen. Wenn das der Aufschwung ist..."

"...möchte ich nicht wissen, wie die kommende Krise aussieht", ergänzte ich. "Okay, ich bin ja überzeugt, daß ich Werbung für euch machen muß! Falls der Besuch den Zweck haben sollte..."

"Wenn du ein bißchen störrischer wärest..." Heike streichelte mit rechts ihren linken Oberarm, senkte den Kopf und blinkerte aus Schatten der Augenhöhlen. "Dann könnten wir die Getränke und ein gutes Essen auf meine Spesenrechnung setzen..."

Es war nicht nur nicht so, daß mir der Deusche Hof nicht verboten war. Der Abend gehörte zu dem Programm, das Gabriele für mich gemacht hatte, und auf den paar Schritten über die Dorfstraße rückte Heike damit heraus, daß Gabriele nicht nur die Bürgermeisterin des Ortes und Förderin des Unternehmens war, sondern auch seine Mit-Besitzerin und beste Bardame.

Bei dieser Zuordnung von Zweitbeschäftigungen erwartete ich als Türsteher einen inzwischen verbeamteten ABV. Tatsächlich aber sah das schnaufende, schulterhohe Quadrat eher nach einem ehemaligen Versuchshamster aus der DDR-Doping-Forschung aus. In dem dichten rötlichen Gesichtsfell funkelten mordlustige schwarze Äuglein, und als es in Mundhöhe zuckte, gab es böse gelbe Reißzähne frei.

"Frau Doktor, Herr Doktor..."

"Wie meinte er das", fragte ich. "Und meinte er das persönlich?"

Ich fragte vergeblich. Beim Betreten des Salons hatte Heike das Gute-Laune-Programm aufgerufen, und in diesem Programm war der Mann der Bescheid-Wisser. Heike kroch geradezu in meine Achselhöhle, sah sich wie scheu um und fingerte kurz an meiner natürlich unmöglichen Krawatte.

"Hoffentlich haben uns nicht auch die Tanzlehrer betrogen! Vor vierzig Jahren..."

Ich bot Heike einen Platz an einem Tisch der ersten Reihe an, und blieb hinter ihr stehen, bis sie sich zurechtgesetzt hatte. Auch auf das Heranwinken einer Serviererin verzichtete ich ganz bewußt. Die Mädchen mußten in High Heels und ihren engen schwarzen Futteralen sowie mit den wie in Nilpferdhaut gebundenen Alben ihre Aufmerksamkeit ohnehin zumessen.

"Du suchst den Wein aus", bestimmte ich, als wir an der Reihe waren. "Und ich... Was hältst du von Kalbs-Bries?"

"Wovon", fragte Heike überrascht.

"Es ist doch was anderes als das ewige Steak... Thymus und Bauchspeicheldrüse. Vom Kalb eben." Ich hatte das Zeug bei irgendeiner Schriftsteller-Würdigung gegessen, ohne zu wissen, was es war, und wußte inzwischen längst nicht mehr, wie es geschmeckt hatte. Meine anatomische Aufklärung hatte ich dagegen frisch aus einem Rezept von Dr. Hannibal Lecter in Das Schweigen der Lämmer. "Andererseits weiß natürlich keiner, wie sich der Rinderwahnsinn überträgt."

Heike atmete auf. "Während ein Schweinesteak mit Ananas und Tintenfischen und überbacken banal, aber gesund ist..."

Ich bestand die Runde so gut, daß ich mich nach unserem Schoko-Eierlikör-Eis übermütig und champagnerschwanger darauf einließ, mit Heike zu tanzen. Daß ich dabei ihre Wildlederschuhe betrat, überraschte mich gar nicht, und Heike verzieh es mir, weil ich sie zu den zwei oder drei Schmusehits ziemlich privat drückte.

"Wir sind uns irgendwie sympathisch, ja", fragte Heike nach, und ich biß in die Haare über ihrem Nacken.

Wohl deshalb grinste ich später über die Witze eines gut betuchten Bankbeamten der oberen Hälfte der mittleren Laufbahn fast versöhnt, und natürlich schickte der Mann in den Tanzpausen keine unansehnlichen Stripperinnen in das Flackern der Lichtorgel. Heike flüsterte mir über die Champagnerschalen, daß dieser Drahtzieher des Ganzen Laabs hieß und aus Wuppertal kam, und sie wußte auch über ein paar der auftretenden Mädchen Bescheid. Die sich häutende halbschwarze Leopardin hieß Simone und war aus Leipzig angereist, und der Bodybuilder, der seinen schwarzledernen Slip an diesem Abend einer quiekenden dicklichen Dame opferte, war im Nachbardorf Sportlehrer gewesen und lebte nun als Gabrieles Ehemann.

Gegen Mitternacht zielte ein blauer Spot auf den Pärchen- und Stripperinnen-Ausgang, und an einer kalt blitzenden Kette führte Laabs die pechschwarze Milch-Bardame zu einer Niesche des Tresens. Laabs hakte die Kette kurz ein, Gabriele stellte Gläser mit leise klingelnden Eiswürfeln bereit, und zu einem synthetischen Rhythmus führte die Afrikanerin die nötige Massage ihrer Brüste vor.

 

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