8.

Meister brachte uns für das kaputte Schaufenster eine NVA-Zeltplane und für den Manta eine Flasche Johnnie  Walker.

„Die Kasko lief noch“, erklärte Meister. „Und der Fall, haha... Also so ein Fall ist zwar nicht explizit erwähnt, sagt mein Versicherer... Aber zum Glück so selten, daß sie ihn als ‘höhere Gewalt’ oder so regeln werden.“

Beate legte den Kopf schräg und blinzelte. Dabei ähnelte sie ihrer Mutter, als die sich gerade vorgenommen hatte, durch eine Karierre bei der Volkssolidarität  auf das Gnadenbrot der Arbeiterveteranen die dicke Butter der Nächstenliebe zu schmieren. Die langen Wellen des Haars waren noch natürlich, auf den Lidern glänzte ein bißchen Schweiß und die Augenbrauen durften noch eine Jähzornigkeit verraten, die tödlich sein konnte.

Ich stöhnte leicht und goß einen Schluck Whisky in Beates Mokka.

„Und ich habe die Sprüche über Karate immer für Quatsch gehalten“, sagte Meister. „Tödliche Schläge und Tritte...“

„Hat der ja auch“, sagte Beate und griff hastig nach der Tasse. „Und noch dazu stand er günstig... Also von mir aus gesehen... Und vielleicht war er ja ein Rechter!“

Ich verschluckte mich am Whisky. „Schatz! Es war ein Unfall, okay? Eindeutig Notwehr plus ein Unfall, wenn du schon ‘ne Entschuldigung suchst! Was ich natürlich verstehe...“

„Und Schwein habt ihr gehabt, daß die Grünen gar nicht gefragt haben, was ihr miteinander habt“, ergänzte Meister. „Na, stellt euch mal vor, ihr hättet schon im Bett gelegen, und...“

„Was denn? Mann und Frau im Bett, das ist doch öde“, sagte Beate. „So haben das vielleicht noch Papa und Mama gemacht.“ 

Irgendwie schmeichelte Meisters Verdacht wohl auch ihr, und nach ihrem Spruch und dem ersten Sieg im Kikokan-Karate konnte ich ihr schlecht den puren Whisky verweigern. Ich stand auf, um ein Glas aus der Küche zu holen, und als ich zurückkam, saß Meister gerader im Sessel und schubste mit den linken Fingern Haare über den etwas breiten Scheitel unserer Altersgruppe.

„Da habe ich Ihnen also kurz vor Feierabend noch einen Batzen Geld eingebracht“, sagte Beate viel zu erwachsen.

Meister strahlte.

„Naja... Die Zeiten, in denen man in diesem Geschäft reich werden konnte, sind vorbei“, begann er seinen halbstündigen Standardvortrag über die wachsende soziale und wirtschaftliche Bedeutung des Gebrauchtwagen-Handels.

Beate verschluckte außer dem Whisky auch ihre fundamentalistische Fahrrad-Philosophie, aber sie knurrte unwillig, als ich ihre Hand vor dem dritten Schluck einfing.

„Du, heute habe ich echt was wegzuspülen, Micha! Und das glaubst du doch nicht im Ernst, daß das mein erstes Mal ist!“

„Okay! Ich habe auch noch zu arbeiten... Aber nebenan!“

Noch zahlten sich die Verbrechen für mich nicht aus, aber andererseits geriet ich mit ziemlicher Geschwindigkeit in einen Strudel von Mord und Totschlag, der mich am Ende vielleicht verschluckte oder doch noch ernähren konnte. Zumindest aber wollte ich versuchen, mich gegen diese Art Besucher zu wehren. Beate war ja nicht immer da und nicht immer in dieser Form.

Hinter der Gitarre, halb von den Jeans verdeckt, fand  ich den Recorder, in dem noch die Kassette mit meinem ersten Auftrag steckte. Wenn es nicht zwei tödliche Zufälle gewesen waren, mußte die Sterberate meiner Besucher damit zu tun haben. Ich drückte die Play-Taste und rückte mir die Stapel mit den noch fest verschnürten Marx-Engels-Werken als Lehne zurecht.

„Sie sollen Liane finden“, sagte mein erster Klient noch einmal, „meine Frau!“

„Und wo ist sie?“

„Wenn ich das wüßte, wäre ich ja wohl nicht hier!“

„Könnte ja sein, daß ich sie nur in ‘nem fremden Bett finden soll“, spielte ich den Routinier. „Aber gut! Mal angenommen, Ihre Frau ist wirklich verschwunden...“

„Sie ist wirklich verschwunden!“

„...dann möchte sie ja vielleicht gar nicht gefunden werden. Weiß ich denn, ob Sie sie nicht geprügelt haben? Oder andersrum: ob sich ihre Frau nicht gerade so einen Typen gewünscht und gesucht hat?“

„Also“, ächzte mein toter Klient. „Also das muß ich mir wirklich nicht anhören, glaube ich! Zu hunderten von Ihrer Sorte könnte ich gehen!“

„Oder zur Polizei“, fragte ich. „Das ist ja genau, was ich meine! Die Polizei ist in so etwas einfach schneller, nur daß sie vor dem Scheidungsrichter nicht den Zeugen macht, zum Beispiel!“

„Aha... Gut...“

Noch vom Tonband keuchte und schwitzte das schlechte Gewissen des Mannes, der schnell das Foto vom Couchtisch genommen, es eine Weile angestarrt und dann zögernd zurückgelegt hatte.

„Sie ist... Liane, meine Frau... Sie ist schon eine ganze Weile verschwunden. Und ich war, nur zu Anfang, nicht einmal... Jedenfalls nicht besorgt, vorsichtig ausgedrückt. Und jetzt mache ich mir eben Sorgen!“

„Weil Waschmaschine oder Geschirrspüler kaputt sind? Mann Gottes, Herr Huber! Wenn Ihre Frau nur halb so schwer zu finden ist wie ein Grund, warum ich sie suchen soll, dann gehen Sie lieber zu ‘nem Wessi-Kollegen! Dann ist mir das zu kompliziert!“

Da er nicht gewußt hatte, daß ihm nur noch Stunden blieben, hatte sich der Mann noch einmal eine Aus-Zeit genommen, und in dieser Gesprächspause hatte ich mich das nötige Bißchen in die Frau meines ersten Klienten verliebt.

Auf dem Foto war Liane Huber mittelblond und im letzten Jahr, in dem sie noch mit einem knappen T-Shirt und straffen roten Hot-Pants locken konnte, ohne als geile Mumie rüberzukommen. Sie sah halb über die rechte Schulter nach dem Fotografen, was ihre Kinnlinie irgendwie mädchenhaft weich machte, obwohl in ihrem Augen- und ihrem Mundwinkel einige Erfahrung nistete und silberne Fingernägel irgendeinen Schmerz in den Handballen gruben.

„Das war sie“, sagte der tote Klient, froh über mein Interesse.

„War sie?“

„Ist sie... War sie im Sommer, wollte ich sagen. Sie hat das Bild selbst vergrößern lassen, zu meinem Geburtstag. Vier Wochen etwa, bevor...“

Auf einmal war die ganze Geschichte springbrunnenartig gekommen, auch wenn der Strahl eher dünn gewesen war.

Der Streit über die Teilnahme an einer preisgünstigen Verkaufsfahrt nach Bayern schien mir weder ein Scheidungsgrund noch ein Mordmotiv, und inzwischen wußte ich ja von Stasi-Siebert, daß Huber das Verschwinden seiner Frau von Anfang an durchaus ernst, aber nicht schwer genommen hatte.

Nebenan klingelte das Telefon, solange, bis der Anrufbeantworter ansprang.

„Diesmal haben Sie richtig gewählt“, näselte ich. „Markow liefert Ihnen Lied- und Werbetexte, verborgt Fahrräder und bringt Ihnen Ihr Kampfhündchen wieder. In einer von diesen Angelegenheiten bin ich zur Zeit unterwegs...“

Daß weder Meister noch Beate den Hörer abnahmen, brachte mich vom Boden hoch, und ich klinkte die Tür ziemlich forsch auf.

Es war unnötig. Der Anrufbeantworter hatte sich schon abgeschalten, und Meister hatte Beate mit der Steppdecke zugedeckt, bevor er sich verzogen hatte. Wahrscheinlich war hinter der Zeltplane und ein Leben tiefer schon wieder dabei, den Manta  zum dritten Mal aufzumöbeln.

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