22.

"Und wie schmeckt Negermilch", fragte Beate sofort, als sie zur Tür herein kam. "Spiele gar nicht erst den Engel, alter Herr!"

"Nicht mein Fall! Was aber auch an dem Likör im Glas gelegen haben kann..."

Ich hielt das entsprechende Polaroid über den Kopf, weil eine ehemalige junge Sozialistin und praktizizierende Radikal-Feministin vor so etwas ja sowieso die Augen verschloß.

"Ich wollte nicht auffallen, erstens. Und zweitens war ich ein bißchen blau, ja!"

"Und nun erpressen dich die Schweine", folgerte Doris scharf, aber falsch. "Na, und die Titten hätte ich auch anfassen wollen! Guck mal, Bea!"

"Der Andenkenverkauf an die Show ist ein wesenliches Element, das die Vlauwitzer Bar über alle vergleichbaren Vergnügungsstätten des Kreises erhebt", dozierte ich. "Soweit die Frühstücksrede der Bürgermeisterin, die zugleich Bardame und Besitzerin ist. Und verheiratet natürlich. Also keine Angst um mich! Wer von euch beiden die auch hatte..."

"Du hast tatsächlich eine afrikanische Genossin gemolken! Eine Frau, einen Menschen..."

Beate kam sehr langsam um die Couch herum, setzte sich neben mich und sah starr auf den Fernsehapparat, wo das Raumschiff Enterprise gerade durch ein Zeitloch mitten in einen Treuhand-Betrieb trudelte.

"Du betatscht ölige Titten ohne Frau dran, Mensch! Wenn ich den Typen nicht zum Fenster raus... Vielleicht war das ein Kidnapper, und dann hätte ich in der Kiste stecken können, Mensch! Stecken müssen können..."

Plötzlich drehte sich Beate mir zu und begann, mir mit weichen Fäusten auf die Schulter und den in den Jodan-Age-Uke-Block gerissenen Unterarm zu trommeln.

"Du bist doch kein...! Du bist... Du bist ein...!"

"Kindchen!"

Doris fing Beates Hände, ließ sie los und mußte wieder zugreifen, und Scotty dachte gar nicht daran, mich aus dieser beschissenen Lage hoch zu beamen.
"Kindchen", wiederholte Doris und schnaufte. "Er durfte doch nicht auffallen! Und er hat niemanden verkauft, dazu, sondern..."

"Trotzdem", sagte Beate kalt und ruckte vergeblich mit den Armen. "Nie hätte ich gedacht..."

"Das ist etwas anderes", sagte Doris und ließ Beate los. "Aber gar nicht auf der Welt wärest du, wenn er ein Engel wäre!"

"Das wäre auch besser", behauptete Beate, verschränkte die Arme vor der Brust und nahm die Füße auf die Couch. "Was ist das denn für eine Welt, wo tausende Kinder verhungern, aber fette alte Männer kleine Mädchen aussaugen?"

Ich beschloß, auch ihr ein Bier auszugeben, weil sie verdammt recht hatte. Ich war zu alt, um immerzu daran zu denken, und zu fett sowieso, und ich hatte noch tausend andere Sachen gegen diese Welt, aber im Prinzip war das der Punkt.

Die Erinnerung an Gabrieles steife, erdbeerrote Zitzen, die von der Oberkante des straff geschnürten Spitzenkorsetts angestachelt worden waren, kam nicht dagegen an. Sie hatten das wischende bunte Licht gebraucht, Schweißgeruch und Parfümschwaden Gabriele hatte mich mit ihrem Sizilien-Spiel und ihren Büchern so besoffen und mit dem Besuch bei Doktor Heike Henrich so sehr zum Vlauwitzer gemacht, daß ich nur noch zwei, drei Gratis-Drinks gebraucht hatte.

Ich fand es großartig, daß Gabriele von der Dorf-Kellnerin zur Bürgermeisterin geworden war und als Bürgermeisterin selbst die Bardame Gabriela machte, um sich und das Dorf in den Aufschwung zu retten. Im Prinzip war das ein Punkt gegen diese neue alte Welt, aber konkret war Gabrieles Leder-Anzug bis auf ein breites Halsband mit Chrom-Öse geschrumpft und hatte ein schwarzes Spitzenkorsett freigegeben, das noch zwei Drittel von straffen Brüste mit steifen, erdbeerroten Zitzen freigab. Es war einer der dunklen Punkte der alten neuen wie der neuen alten Welt, daß die Vlauwitzer Greise durch ihr immer wiederholtes Mitspielen zum wiederholten Mal alles verloren hatten, aber gegen dieses Prinzip stand eben Heike, die auf dem Barhocker neben mir saß. Sie hatte dem bequemen Einsammeln der Krankenscheine in irgendeinem Neubaugebiet den Neubau einer Praxis vorgezogen, in der die Greise der Gegend umgeben von Plüsch und High Tech wenigstens siechen und wegsterben konnten. Daß sie abends Spaß an den mehr Pariser Späßen der bis von Berlin anreisenden Männer und Ehepaare haben wollte, hätte ich auch einer weniger rehbraunen und rehschlanken Heike ohne das süße Muttermal unter der saftigen Unterlippe zugeben müssen, obwohl dieser Spaß im Kern nur die Ausbeutung der dritten Welt Deutschlands, der Welt und der Menschheit war.

"Das ist doch nicht echt", bemühte sich Doris, mir meine Tochter gerade mit dem unseligen zweiten Foto zurückzugewinnen. "Also echt schon, aber nicht gewachsen... Und wenn du dir die Titten so ausstopfen läßt, machst du es genau deshalb!"

Ich klopfte Beate mit der Bierflasche leicht gegen das Schlüsselbein.

"Nein, das glaube ich nicht, daß sie sich das machen läßt!"

"Und soll ich jetzt mal dir so einen Zirkus machen", fragte Doris und tankte dafür die halbe Bierflasche in einem Zug.

Beate knurrte unwillig, und da faßte Doris ihr in die Haare, dicht am Hinterkopf, und drehte den Kopf so, daß Beate ihr von unten ins Gesicht sehen mußte.

"Klar ist das zum Kotzen, aber wenn ich von dieser Kotze leben muß, bin ich nicht auf diese Brüder sauer, sondern... Sondern auf euch Barbie-Puppen, die mir auch noch die letzte Gelegenheit nehmen wollen, meine Miete zu verdienen!"

"Papa", sagte Beate kläglich.

"Gucken wir doch den Saurierfilm an", schlug ich vor. "Über ein Land vor unserer Zeit sind wir uns doch vielleicht noch einig!"

Beate verdrehte die Augen, weil der Vorschlag von mir kam und weil sie wirklich nicht mehr auf diese Art sentimental war, aber sie nickte, weil das nun einmal Dollys Lieblingsfilm und Doris schon fast auf dem Weg zum Videorecorder war.

"Aber danach reden wir noch mal über mein Taschengeld", maulte Beate. "Daß er für fremde Frauen mehr als für mich ausgibt, geht ja nun wirklich nicht, nicht?"

"Kannst du für hundert Mark alles vergessen?"

Beate ließ die Zunge aus dem Mund hängen. "Dafür würde ich dir glatt noch ein Glas Milch erlauben, weißt du genau!"

Doris drängelte sich zwischen uns, um Beate als Tochter, Freundin und Geliebte an ihre Schulter zu ziehen, und ich nahm das als Gelegenheit, mich sofort an meinen Freikauf zu machen.

 

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