5.

Nach dem Essen fädelte ich mich in Höhe des Sport- und Erholungszentrums in den Stau, weil ich in Hellersdorf noch immer meinen Karate-Kurs bezahlte.

Es fiel mir nicht leicht, eine Reihe hinter Beate so alt auszusehen wie Chuck Norris war, aber dafür hatten wir ihrer Mutter abgehandelt, daß ich sie nach dem getrennten Duschen mitnehmen durfte. Sein wöchentliches Bier und das schräge Konzert war einem Mädchen in Beates Alter sowieso nicht mehr zu verbieten, und in meiner Gesellschaft wähnte Hanne unsere Tochter ziemlich sicher. Meine abschreckende Wirkung wollte Hanne sogar gerichtlich feststellen lassen, was ja auch eines meiner Probleme war.

Wie an den meisten Donnerstag-Abenden landeten wir im Franz, wo ich meistens ohne Eintritt an den Tresen kam. Hinter dem Tresen jobbten ein paar Rock-Musiker, die ich kannte und die den Mädchen am Einlaß Freikarten in den Siebten Himmel bedeuteten.

„Ganz andere Musik müßten wir machen“, begrüßte ich Matze Matschke und verstellte Beate den Blick auf seine Locken und in seine Rehaugen.

„Du? Da müßtest du überhaupt erst mal irgendeine Form von Musik machen, Markow!“

„Mit ‘ner Frei-Wodka-Cola könnte ich meine Anmerkungen zu deinen Texten runterspülen“, witzelte ich weiter. „Und für zwei überlasse ich dir ‘ne wirklich gute Spielstätte im Fußgänger-Tunnel am Alex...“

„Da spielt doch längst die Russen-Mafia.“ 

Beate nahm ihren Drink und kehrte uns beiden gleich alten Männern den Rücken, und ich packte mich auf eine Kante der Praktikablen, zu Füßen von Szene-Schauspielerinnen, die ich den Abend ja auch beim heißesten Willen nicht hätte anmachen dürfen. Später sah ich die Fächer des CD-Ladens durch. Nach der kopfschüttelnden Bewunderung der Scherben-Sammlung und vor der CD mit Wal-Gesängen bereute ich doch, nicht Haase zu heißen und weder Lust auf den dazu passenden Job noch eins der düsteren Betthäschen zu haben.   

Über meinen Wanderungen zwischen der Session und dem Tresen wurde es irgenwie trotzdem zu früh halb eins, und Beate spürte mich zuverlässig auf, weil sie für das Abschleppen den Passat fahren und auf der Couch schlafen durfte.

Es wäre idyllisch gewesen, hätte Beate am Morgen danach Brötchen geholt, aber sie hatte besser geschlafen als ich und blinzelte nur, als ich mit der Zahnbürste im Mund den Anrufbeantworter abhörte.

„Marlowe, du altes Sumpfhuhn“, sagte Haase mit der gewohnt schweren Zunge. „Du wolltest vorbeikommen, nicht? Aber ist sowieso absolute Entwarnung... Der Mercedes ist an einem polnischen Baum aufgetaucht, groß wie ‘n Trabbi. Und das ist ja wohl das Ende des Falls.“

„Marlowe“, fragte Beate und gähnte. „Geht es nicht ‘ne Nummer größer?“

„Hä?“

„Na, den vermöbeln sie doch immer!“

„Am Ende gewinnt aber immer er“, behauptete ich und schlurfte in die Küche. „Es ist nur wichtig, daß man am Ende der Sieger ist.“

„Die Weisheit des Alters!“

„Die Weisheit des Alten! Sag bitte ‘meines Alten’, wenn es gar nicht anders geht!“

Auch Beate hätte einen Kaffee gebraucht, aber ich ersparte mir die Ausgabe. Entgegen den heiligsten Schwüren vor Hanne ließ sie die ersten beiden Freitag-Stunden ja regelmäßig aus, und ich tröstete mich über mein schlechtes Gewissen mit dem Gedanken hinweg, daß es wahrscheinlich Staatsbürgerkunde gab.

„Sag mal, Alter, bist du der Markow, der jetzt seine erste CD gemacht hat? Heike, das ist unsere Klassen-Chaotin, hat was in dieser Richtung behauptet.“

„Heike ist eine Klasse-Chaotin! Und dabei kann ich weder singen noch Gitarre spielen, ich weiß!“

„Ich weiß das auch!“ Beate gähnte, drehte sich mit dem Gesicht zur Rücklehne und zog die Steppdecke über ihre kalte Schulter. „Aber die anderen kriegen das erst mit, wenn sie gelöhnt haben, nicht? Sehr clever! Und dabei singst du bestimmt gegen die Marktwirtschaft!“

„Ich kann doch gar nicht singen... Und such dir eine, wenn diese Nummer das meinte! Ich muß auf die Insel, nämlich.“

Ich zog die Küchentür zu, um zum Mokka wenigstens eine Zigarette zu frühstücken. Das Brot war noch weiter verschimmelt, und die Ananas-Büchse war ja meine weißblecherne Reserve.

Als ich losging, schlief Beate wieder, und im Hof hörte ich mir für eins von Meisters Schinken-Brötchen seine Sprüche über meinen Kindersex und seinen Manta an, der nicht etwa verrostete, sondern im Wert stieg. Dann ging ich auf die Piste, war schneller als die Polizei erlaubte in Stralsund und bog gleich hinter dem Rügendamm nach Altefähr ab, um dem Mittagsstau bei kross gebratener Ente auf Austernpilzen zu entgehen.

Wenn ich ehrlich zu mir war, war ich außer Entwicklungshelfer für die chinesische Exil-Gastronomie ja am ehesten Fahrradvermieter.

Mein geschiedener Schwager legte mir das Ausleihbuch mit dem üblichen Stolz vor, und wir einigten uns schnell darauf, welche Rechnungen wir sofort bezahlen sollten und welche wir zum Reifen in die schwarze Kassette legen konnten. Außerdem hatte Holger der aus Westfalen herübergewucherten Werbeagentur drei Aufträge von Fischern, die sich mit Fischbuletten-Ständen ruinieren wollten, abgejagt und überlegte, ob er außer den Fahrrädern auch Videospiele verleihen sollte.

„Prügeln würde ich Beate und Victoria, wenn sie auch hier damit anfangen würden!“

„Was willst du hier denn sonst machen?“

„Na, Fahrrad fahren zum Beispiel! Oder baden...“

„Bei Regen“, fragte mein Schwager.

„Beim Baden wird man sowieso naß“, gab ich nach. „Aber im Prinzip hast du ja recht!“

Holger lehnte sich im Chefsessel zurück und sein Mund wurde breiter als seine Schultern. Seine Familie war auf dem Grundstück gewesen, bevor meine Schwester hierher gekommen war, und sie würde noch darauf sitzen, wenn auch die Wessis mitsamt ihren Werbeagenturen, vor Grönland gefangenen Fischen und auf Mallorca verwöhnten Touristen wieder weg waren. Nur die vietnamesischen Zigaretten-Händler vermißte Holger, wenn er sein Dorf mit meinem Berlin verglich, aber dafür hielt er ja mich warm.

„Okay“, sagte ich. „Ich investiere meinen Anteil. Ich kann es mir nicht leisten, aber ich wollte den Sommer ja hier hoch kommen. Da wird das Wetter mit ziemlicher Sicherheit saumäßig sein...“

„Und das ist also Marketing“, fragte Holger. „Und bleibst du die Nacht?“

Ich schüttelte den Kopf. Die Versuchung, statt Gitarrensaiten Fahrradketten zu spannen, statt der Frauen toter Klienten Risse in Gummischläuchen zu suchen und nicht mehr Geld ausgeben zu können, als ich verdiente, war einfach zu groß. Ich wollte nur noch kurz an den Strand, die Schweißfüße mit der Sonnenölpest kurieren, und das war einer der wenigen Vorsätze dieser Woche, den ich nicht widerrief.

Für die Rückfahrt suchte ich mir Rio Reiser aus dem Kassettenkoffer, und ich träumte den Aschermittwoch lauthals mit: Wie heißt der Stern, der da so glänzt... Es war der Kreis von BMW, der in diesem Augenblick an mir vorbeiraste, obwohl schon längst Überholverbot und die Baustelle auf Sangesweite heran war. Sehr passend meldete sich auch der provinzielle Dudelfunk mit einer Unfall-Durchsage, die mich nicht mehr interessieren mußte.

Plötzlich war ich hellwach. Der Verkehr auf der Bundesstraße Nummer Uninteressant wurde über Was Wußte Ich und Was Kannte Ich Noch Nicht und Vlauwitz umgeleitet. Die Uhr leuchtete schon den Beginn des SAT-1-Sexfilmes, aber ich fing an, nach einem Parkplatz zum Karten-Studium zu sehen.

Lieder und Fotos
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