Zwei Tage Verspätung hatte Nele ihrem Weltreisenden genehmigt, und als mit der dritten abgewarteten Nachmittags-Maschine aus Amsterdam nur fünf Geschfätsreisende,  sieben Touristik-Samurais, eine Groß-Familie ihrer Hautfarbe und  eine riesige Mickey Mouse ankamen, war Nele völlig sicher.

“Thyl”, fragte Nele die Maus. “Bist du das? Bist du noch normal, ansonsten?”

Die Maus trug abgeschabte,  geflickte Jeans und ein gelbes T-Shirt mit dem Aufdruck One nuclear bomb can ruin your whole day.

Der knöchellange Mantel aus Spiel mir das Lied vom Tod klatschte ihr gegen GI-Schnürstiefel, japanische Fotoapparate umklirrten sie und komplett war die Erscheinung erst mit einem prallen  Seesack.

“Thyl”, wiederholte Nele, etwas lauter.

“Autsch”, antwortete Mickey Mouse mit Thyls Stimme. “Pfft, Grummelgrummel,  Kraack!”  Ohne den Plastekopf abzusetzen folgte Thyl Nele zu Lammes Trabant, und dort ließ er den Seesack los, um die Karosse zu beklopfen. “Grrgrr”, staunte er, “ochochoch!”   

“Dabei sind seine Ohren aus demselben Zeug”,  maulte Lamme und stopfte den Seesack in den Kofferraum.

“Was hast du nach vierzehn Tagen Trickfilm auch erwartet?” Nele half Thyl, trotz Maske, Mantel und Fotoaladen auf die hintere Sitzbank zu kommen, und kroch neben ihn. “Und wie lange willlst du den Charakterkopf noch aufbehalten, hej?”

“Whauw”, sagte Thyl bedeutungsschwer.  “Von Wollen kann gar keine Rede sein, denn ich habe noch für drei Tage Vertrag.” Nele prustete los. “Na, von etwas mußte ich die Geschenke für euch ja bezahlen, und im Unterschied zu L.A. schwitze ich hier mit dem Kopf nicht mal.”

Tatsächlich war Thyl mit dem Kapitalismus sehr gut fertig  geworden. Er hatte von Empfängen und Parties gelebt, ohne selbst welche zu veranstalten, und von allen nationalen Küchen  L.A.’s hatte er nur  abwechselnd  die US-amerikanische und die mexikanische studiert: Hamburger und Chili con Carne und Hamburger und...

Das Bestaunen der Universal studios, wo der Bus vom echten Film Weißhai angesprungen worden war, und der Disney World, wo lebensgroße Gummi-Indianer die Besuchereisenbahn stürmten,  waren kostenlose Bestandteile  des Konferenz-Programmes gewesen.  Der Slalom-Lauf  um die Star-Sterne auf dem Sunset-Boulevard war ein gänzlich unaufwendiges Vergnügen, und das Rodeo Drive warb zwar, dort gebe es nichts unter 100 $ zu kaufen, zwang aber niemanden zu  diesem Einkauf. Ein Assistent der Einladungs-Stiftung hatte Thyl im privaten Toyota zu allen Orten chauffiert, die Thyl hatte sehen wollen,  und zu einigen, von denen Thyl noch nie gehört hatte. Schließlich waren sie in Fairfax, der jüdischen Siedlung gelandet, in der Thyl für die neuen kommunistischen Jeans ein modisch gebrauchter Levis-Anzug und 40 $ Wertausgleich angeboten worden waren. Thyl hatte sich ebenso großzügig gezeigt wie in Little Tokyo, wo sein nagelneuer und funktionstüchtiger antiker Fotoapparat einen leicht gebrauchten Kino-Laden wert gewesen war.

Die Sache mit dem Mickey-Mouse-Kopf hatte Thyl also  vor allem Spaß gemacht, und am nächsten Tag hatte die Mehrzahl der Konferenz-Teilnehmer als Filmtiere im Hörsaal gesessen. Von einer Tagesgage hatte Thyl Konserven für Lamme gekauft,  die zweite hatte er bei einer Straßensammlung für die FSLN gespendet, und mit der dritten  hatte er sich und dem Assistenten einen Nachmittag und einen Abend in einem Porno-Kinopalast finanziert.

“Du als Feminist”; knurrte Lamme unwillig. Sofort nach der Bescherung hatte er begonnen, mit Neles Schul-Wörterbuch die Gebrauchsanweisung einer Austernsuppe zu übersetzen. “Das  hättest du nicht tun dürfen!”

“Aber das mußte ich tun”,  sagte Thyl,  am doppelten Boden des Seesacks trennend. “Schließlich hat er mir die größte Porno-Buchhandlung von L.A. und ganz phantastische Peep-Shows gezeigt.”

“Im Reisebericht darf es jedenfalls nicht stehen”, sagte Lamme hartnäckig, und die Garnierungsvorschläge für Instant-Maisfladen interessierten ihn weit mehr als die geschmuggelten Illustrierten.

“Und”, fragte Nele und griff über die Jeans- und T-Shirt-Stapel hinweg nach Black & White,  Sade und so weiter. “Hast du wenigstens was gelernt?”

“Daß gar nicht Tom, sondern Jerry die Maus ist”, gab Thyl zu. “Rot bemalte Straßenkanten bedeuten Haltever­bot, gelbe Halten nur zu Ladearbeiten. Eigentlich gibt es in der Gegend nur 76 Vorstädte, und Los Angeles heißen die Autobahnen zwischen ihnen. Ja, und in allen besseren Restaurants mußten wir am Eingang warten,  bis wir plaziert wurden.”

“Plaziert?” Lamme stellte die zuletzt inspizierte Dose ab, als enthielte sie die Dynamit-Muscheln, die die CIA für Fidel Castros Swimming pool gezüchtet hatte. “Bis ihr plaziert wurdet? Also, da schicke ich dich, mein Amt mißbrauchend, ans Ende der Welt, und dann hätte es eine S-Bahn-Karte ins Zentrum auch getan!”

“Ich... Ich komme”, stotterte der auffällig lange und magere Mann und drängelte, so peinlichh ihm das zu sein schien, tatsächlich in das Zwei-Bürokraten-Büro. “Also ich komme vom Stab,  so sagen wir selbst, des delikat-Programms, und es handelt sich...”

“Klar, daß es sich da handelt”, fauchte die Bereichsleiterin Zoologische Gärten wie der Chor aller von ihr verwalteten Giftschlangen. “Aber an Bärenschinken und Elefantenschwanz-Suppe kommen Sie nur, wenn Sie vorher aus mir Hackepeter machen.”

“Bleiben Sie, bleiben Sie”, juchzte Lamme. “Und du, Lea, geh einfach Kantinen-Kaffee trinken, hm!” Lamme mußte aufstehen,  den Besucher an der Hand nehmen und zum freigewordenen Schreibtisch-Sessel führen. “Sie sind mein Mann, Genosse, und bestimmt kann ich etwas für Sie tun.”

“Für unseren General”, sagte der Mann und lächelte schüchtern. “Wir nennen unseren Generaldirektor General,  und der wird nächsten Monat sechzig. Aber wie mich hier alle ansehen, vom Pförtner angefangen, kriege ich hier wohl keine Unterhaltung für diesen Anlaß.”

“Na,  das wollen wir erst mal sehen”,  trumpfte Lamme auf und schaltete seinen Robotron-Computer an.  “Wozu besorgen wir denn pausenlos französische Autos, indische Riesenschlangen und japanische Keyboards, hej?  Und die australischen Touristen-Visa für die  angegrauten Musik-Clowns sind doch wohl einen Gefallen wert, meinen Sie nicht?”

“Helga  Hahnemann”,  fragte der Mann.  “Haben Sie schon einmal etwas für Helga Hahnemann getan? Und vielleicht könnte jemand ein Gedicht von Heiner Braunmüller vortragen?”

Lamme verzog den Mund. “Aber das wäre wie Alex-Bulette mit überbackenem Kalmar!” Stöhnend erklärte er. “Kalmar ist der richtigere Name für Tintenfisch.”

“Und die kann man essen”, fragte der Mann erschrocken.  “Entschuldigen Sie, aber ich bin der Ökonomische Direktor, promovierter Ökonom. Und ich kenne mich in der Unterhaltungskunst nicht besser aus als in der Kochkunst,  Beethoven und Bockwurst, sozusagen. Einige Namen nur...”

“So?  Na, macht gar nichts!” 

Lamme war echt enttäuscht, aber erstens  mußte man einen Betrieb nach seinen Spitzenprodukten statt nach seinen Leitungskadern beurteilen, und zweitens hatte er schon länger etwas Grundsätzliches für Thyl tun  wollen.  Nele bestand immer nachdrücklicher darauf. 

“Seidel”, sagte Lamme, als habe er intensiv nachgedacht. “Der Name Seidel ist doch bestimmt einer von denen, die Sie...” Der promovierte Ökonom schüttelte unglücklich das Haupt. “Den sollten Sie  bei so einem Anliegen aber kennen!  Seidel ist unser ZBV-Mann... Sogar in den USA hatten wir den schon! Kostüme für eine Walt-Disney-Gedenk-Konferenz, Teilnehmer-Programm und so weiter.”

Es dauerte eine Weile, bis Lamme Thyls Traum-Biographie wieder aus dem Computer bekam, aber der Ökonom hielt ohnehin jede Verzögerung für eine weitere Geheimhaltungsstufe. Unruhig, aber vorsichtig rutschte er im Sessel der Bereichsleiterin Zoologische Gärten hin und her.

“Er könnte...” Lamme spielte bühnenreif ein überfliegen  des Ausdrucks. “Ihr Glück möchte ich haben! Er ist frei... Obwohl...” Großartig setzte Lamme den Kugelschreiber in die Löcher der Wähler-Scheibe und entschied sich für die Direktnummer des Bereichsleiters Festumzüge.  “Hier Kulturelle Betreuung der Arbeiterklasse! Du, sag mal, den Offiziellen Müntzer-Festumzug macht Seidel nun doch nicht?”

“Macht er bestimmt”,  brummte der Bereichsleiter  Festumzüge. “Die heißen doch alle Seidel! Aber der Müntzer-Seidel heißt anders, soll ich nachsehen?”

“Danke”, sagte Lamme. Er legte den Hörer auf, riß den fünffachen Computer-Ausdruck ab und stempelte vier Exemplare. “Die Kaderakten  unserer ZBV-Leute...  Machen Sie Ihn am besten zum Befristeten Persönlichen Referenten, und Sie können sich voll und ganz auf Ihre Ökonomie konzentrieren!  Ihr Glück möchte ich wirklich haben!”

Der  delikat-Mann faßte schnell zu, verstaute das Papier im Aktenkoffer und lächelte scheu. “Wenn wir uns zu erkennen geben, ist man gemeinhin weniger freundlich. Ob Seidel auch an  unserem Image...”

Lamme knisterte mit einem imaginären Geldschein und nickte bestimmt. Thyl sollte nur abkassieren und weiter die Welt zu retten versuchen. Den Rest würde Lamme erledigen,  von einer genormten GD-Feier bis hin zu Wachteleierkuchen.  Außerdem wäre nur gerecht gewesen,  daß Nele ihm diese sozialpolitische Maßnahme von Kopf bis Fuß dankte.

Das Letzte; Pharao;
Am Anfang; Vögelchen;
Nackt; Indianer;
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Pinguinhahn; Chefarzt;
Hartmutchen; Persien;
Commune; Geil;
Knutschen; Kapital;
Kamel; Frühling;
Iljitsch; Weiß;
Philo; Sie Idiot;
Magenkrebs; Nele;
Königin; Grieche;
Elefant; Robin Hood;
Woman; Mordsleute;
Bulgarien; Marx;
Döbeln; Witwen;
Leopard; Senf;
Jesus; Thyl;
Hunde; Lamme;
Autsch; Platon;
Flußpferd; Saudis;
Tauben; "Arche";
Huacsar; Ratte;
Sihetekela; Lesbe;
Steaks; Giordano;
Linke; Das Recht;
Miststück; Sartre;
Genosse; Libre;
Nebuk...; Chesus;
Lennon; Dr. Schwarz;
Towarisch; Afrika;