Erst als er und die Jäger als Krieger auf das Dorf zutanzten, überfielen die Zweifel Häuptling Sihetekela. Weder er noch Mandume waren weder Portugiesen noch Deutsche, als Kümmerlinge kamen beide weißen Stämme, und der Umgang mit den Kümmerlingen hatte Sihetekela so geschwächt, daß er an einer erfolgreichen Hochzeitsnacht zweifeln mußte. Nach den Männern, die er dem Dorf für den Bau des Forts genommen hatte, würde er dem Dorf nun noch mehr Männer nehmen, um das Fort zu stürmen. Auch würde Sihetekela nicht wissen, was aus dem größten Teil seines Volkes wurde, gleich ob er mitzog oder im Dorf blieb. Die gemeinsamen Schritte und das Bellen der deutschen Freunde waren gewiß eine große Macht, aber ließ er sich mit ihr ein und wurde er mit ihr besiegt, würde die trottende und singende Macht der verfluchten Portugiesen zurückkehren und grausam Gericht halten. Siegte hingegen das gemeinsame Heer, blieb noch immer ein Teil der Cuamato besiegt, und nicht zuletzt würde es zu einem Teil von Mandumes Cuanhama besiegt worden sein, trotz der Hochzeit.

Das Dorf teilte die Bedenken des Häuptlinge nicht. Obwohl die Schüsseln, Körbe und Kürbisflaschen weniger gut gefüllt waren als bei der Ankunft der Portugiesen, obwohl zuviele der Trommler und Tänzerinnen fehlten, machte das Vorgefühl der Rache die Hochzeit der drei Stämme zum größten aller je gefeierten Feste. Die Cuamato übersahen großmütig, wenn Mandumes Krieger mit ihren Frauen und Mädchen in die Nacht zwischen den Freudenfeuern verschwanden, die deutschen Soldaten tranken und sangen vor kleinen Unseren Heiligen Kirchen und streichelten die Frauen, die ihnen Sihetekela geschickt hatte, wie nur ganz junge Cuamato ihre ersten Mädchen zu gewinnen pflegten.

Im Haus des Häuptlinge aber ging es höchst würdig zu. Verdolmetscht von Häuptling Mandume priesen Häuptling Hauptmann und Häuptling Sihetekela ihre Ahnen, ihre Stämme und ihre früheren Siege, und die deutschen Häuptlinge behelligten die aufwartenden Frauen ihres Gastgebers weder mit Blicken noch mit den Fingern. Selbst ihrer durchsichtigen Manneskraft mußten die deutschen Freunde nur wenig zusprechen, und sie erhoben sich lange bevor die Braut gebracht wurde, um am Morgen zeitig aufstehen zu können. Daß es nach einem Trompetensignal vor allen Unseren Heiligen Kirchen still wurde und auch das Fest der Cuamato und Cuanhama einschlief, beleidigte Häuptling Sihetekela nicht eine Sekunde lang. So ein treuer Sohn Kaiser Wilhelms war er trotz seiner Zweifel, daß er die Weisheit dieser Maßnahme sofort begriff und aus ihr den gemeinsamen Sieg erwachsen fühlte.

”Bereite dem Löwen des Westens ein Lager”, befahl Häuptling Sihetekela der Ältesten seiner Frauen. ”Aber begieße die Felle mit reichlich Wasser, denn Mandume ist neuerdings ein Steppenbrand.”

Häuptling Mandume nickte, weil kein Cuanhama in Anwesenheit einer Frau einem anderen Mann widersprach, aber als die Frau den Raum verlassen hatte, schüttelte er umso energischer den Kopf.

”Uns steht noch das Wichtigste bevor”, erklärte er. ”Unser Bündnis muß noch besiegelt werden, und meine Schwester Kimpa kann noch nicht fertig hergerichtet sein.” Er trank einen großen Schluck Palmwein und gab den Kürbis Sihetekela weiter, Sihetekela trank und zerriß und teilte einen Fladen, und so saßen sie, bis sie den Eindruck hatten, als Letzte des Dorfes zu wachen. ”Sie werden doch nicht aufgehört haben? Ja, das ist der Nachteil von Zapfenstrejcheln und deutscher Disziplin”, sagte Häuptling Mandume und schlich aus dem Haus, um nach der Braut zu sehen.

Draußen fiel ein Schuß, dann wurde deutsch gestritten und geschimpft, und ein paar Löwenrufe später zerrte Häuptling Mandume seine Schwester in das Haus Häuptling Sihetekelas. Wie alle Frauen der Cuanhama war Kimpa klein und zierlich, aber sie griff nach dem Türvorhang, stemmte die Fersen gegen den Boden und zappelte so, daß ihr riesenhafter Bruder sie kaum von der Stelle brachte. Schweißbäche fraßen sich durch das Palmmehl, mit dem sie bereits dick bestreut war.

”Nein, ich will nicht! Ich kann noch nicht”, fauchte sie.

”Wärest du nicht meinem Bruder versprochen”, drohte Häuptling Mandume, ”hättest du schon den Tod geheiratet. Und, bei allen Göttern, ich verfüttere dich gleich trotz­dem an die Hunde! Vier von euch habe ich ja noch mitl”

”Aber ich bin noch nicht bereit”, fauchte Kimpa. ”Sieh doch selbst!” Sie drehte den Kopf, um zu zeigen, daß ihr die Schmucknarben der verheirateten Frauen nur in die linke Wange geschnitten waren, daß die rechte noch glatt und unblutig war. ”Häßlich wie ich bin, wird dein Bruder mich verstoßen.”

”Aber nein”, sagte Häuptling Sihetekela schnell. ”Bei uns ist das sowieso nicht mehr üblich, und deshalb, Mandume, sollten wir das Dorf nicht wieder aufwecken.”

”Noch besser! Dann heiraten Cuanhama und Cuamato auch in deinem Gesicht einer tollen Hündin.” Häuptling Mandume faßte fünf der dünnen Zöpfe und riß daran, daß ihm seine Schwester gehorchte, den Vorhang losließ und hinter ihm her zum Fellbett Häuptling Sihetekelas stolperte. ”Das Tuch der Verträge”, schrie Mandume nun auch den künftigen Schwager an. ”Und meins ist in der Tasche.”

Häuptling Sihetekela holte das blaue Stoffstück, auf dem diese Verträge seit Menschengedenken besiegelt wurden, aus einer Spalte des Leoparden-Throns, zog das grüne Dokument der Cuambame aus der Kartentasche des Christen-Häuptlinge und legte beide auf das Giraffenfell. ”Du bist noch sehr jung”, sagte er freundlich und bog Kimpas Kopf so, daß sie der Griff ihres Bruders weniger schmerzen würde. ”Und ich habe dich nicht ausgesucht, aber unter allen Frauen deines Stammes hätte ich nur dich ausgesucht.”

”Was säuselst du wie der Wind”, schnaubte Häuptling Mandume und dirigierte Kimpa an den Zöpfen so, daß sie mit dem Po auf die Stoffstücke zu liegen kam und sich aufklappte.

”Von heute an und bis die Kinder eurer Kinder in die Steppen unserer Ahnen eingegangen sind, sei Frieden und Freundschaft und Beistand zwischen unseren Stämmen.”

”Frieden und Freundschaft und Beistand sei zwischen unseren Stämmen, aber die Kinder unserer Kinder sollen wieder Kinder haben und heute soll immer sein.”

Häuptling Sihetekela bedeckte Kimpa ganz und gar, und sie war die jüngste, zerbrechlichste und widerspenstigste aller Frauen, die er je geheiratet hatte, aber er konnte nicht mit ihr verwachsen und das Bündnis blieb unbekräftigt. Daß Häuptling Mandume neben dem Paar hockte, war ein alter Brauch, der sonst sogar von allen Würdigsten der Stämme gepflegt wurde, und da es nicht daran liegen konnte, haßte Häuptling Sihetekela die Portugiesen für seine Schwächung wie er noch nie gehaßt hatte. Er heulte seine seltenen Tränen, hielt der Braut vorsorglich den Mund zu und sah den Schwager mit todverheißendem Blick an.

”Heißt das, daß du sie zurück gibst”, fragte Häuptling Mandume düster.

Kimpa biß sich den Mund frei. ”Keinem Mann werde ich so gefallen”, triumphierte sie. ”Da kannst du Mann sein und toben wie du willst, aber Recht hatte ich, ich, ich!”

Sie hätte sich schämen und vor Mann und Bruder verkriechen müssen, doch wider alle Sitten lachte sie und umarmte Häuptling Sihetekela, als er gehöre er von nun an ihr, allein und auf Gnade oder Ungnade. Häuptling Sihetekela schlief bereits.

Am Morgen weckte ein Trompetensignal das Dorf noch vor Sonnenaufgang, und als Häuptling Sihetekela aus der Umarmung seiner neuen Frau gekrochen und vor die Tür getreten war, sah er die deutschen Freunde, Cuanhama und Cuamato wie Springböcke über den Tanzplatz laufen, wie riesenhafte Frösche auf der Stelle springen und wie die Priester des Regengottes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Dieses Tun verwunderte ihn, aber er suchte lieber nicht nach Häuptling Mandume, der es ihm hätte erklären können. Stattdessen nahm er den Affenspeer und ein Steinmesser und ging zum Haus der drei Witwen. Als er durch die Wandritzen sah, sah er zwei von ihnen mit ihren Kümmerlingen beschäftigt, und traurig und neidvoll rief Häuptling Sihetekela nur die dritte zu sich.

”Witwe des Vom Büffel Gespießten”, begann er behutsam und streichelte ihr väterlich den Hals, ”ihr müßt Abschied nehmen. Wir sind jetzt deutsche Cuamato und müssen uns zu den Christen benehmen wie diese wilden Amerikaner. Na, du hast ja gesehen, daß Mandume das Kopffell ihres Häuptlinge...” Die Witwe sah den Häuptling erstaunt an, und er wurde noch neidischer und noch trauriger. ”Bringe es den beiden schonend bei, ja, und ich gehe einstweilen zu Häuptling Hauptmann. Aber wenn die Sonne hinter diesen Bäumen steht...”

In der Unseren Heiligen Kirche der deutschen Häuptlinge bot man Häuptling Sihetekela heißes schwarzes Bitterwasser zum Trinken an, und mit verbrannter Zunge hockte er unglücklich vor dem Sandkasten, in den ein von der Baustelle geflohener Cuanhama das verfluchte Fort Naulila zeichnete. Die erste Minute, in der alle schwiegen, nutzte Häuptling Sihetekela zur Verkündung seines Entschlusses. ”Ich übergebe die Gefangenen meiner Witwen dem unbesiegbaren Häuptling Hauptmann.”

”Der Elefant des Ostens beginnt, wieder ein Mann zu werden”, sagte Häuptling Mandume noch bevor er übersetzte, ”und heute nacht wird er die Kraft zurückhaben, das Bündnis unserer Stämme mit Blut zu besiegeln.”

Häuptling Sihetekela nickte träge und starrte auf die Zeichnung. Irgendwo zwischen den Strichen im Sand schwitzten, schufteten und starben Männer aus seinen und aus vielen anderen Dörfern, was schlimm genug war. Schlimmer aber war, daß sie all das ohne Ahnung tun mußten, daß er sich zu ihrer Befreiung anschickte. Am schlimmsten würde jedoch sein, daß Häuptling Hauptmann und Häuptling Mandume das Fort einkreisen und blitzartig überfallen wollten: einen Versuch, die Bausklaven zu warnen und für Häuptling Kaiser Wilhelm zu gewinnen, besprachen sie nicht, und ein Weg, die Unglücklichen zu retten, wollte auch Häuptling Sihetekela nicht einfallen. Er grübelte lange und nahm nur undeutlich wahr, daß Frauen seines Volkes Pasteten servierten, er aß nicht mit und schrak erst in die Wirklichkeit zurück, als die deutschen Häuptlinge unter großem Geschrei und Gestöhn das Essen erbrachen. “Kommen etwa die verfluchten Portugiesen zurück”, fragte Häuptling Sihetekela.

”Die Witwen haben die Portugiesen geschlachtet und damit die Pasteten gefüllt”, erklärte Häuptling Mandume. ”Und Häuptling Hauptmann und Unterhäuptling Oberleutnant hatten schon davon gegessen...” Er grinste und nahm ein weiteres Stück gefülltes Gebäck.

Nach dem Mittagessen aus deutschen Suppenkesseln baten die deutschen Häuptlinge die Könige der Könige, gemeinsam mit den deutschen Freunden und an der Spitze ihrer Krieger wie Elefanten aufzustampfen, wie Antilopenjunge in den Sand zu stürzen und wie junge Panther aufzuspringen. Obwohl ihm diese Spiele wenig männlich schienen, tat Häuptling Sihetekela um der Freundschaft willen mit, und während er verdreckte, begriff er, daß diese Bewegungen ein großer Zauber waren. Sie verwandelten den Kriegshaufen eigensinniger Männer in das eine vielköpfige, grausig behende Vieh. Er begriff und spornte seine Männer zu mehr Eifer an, und gegen Abend übersetzte Häupthing Mandume zähneknirschend das Lob Häupthing Hauptmanns, daß die Cuamato geborene und bessere Deutsche als die Cuanhama seien. Wie gut ausgeruht lief Häupthing Sihetekela zum Bad im Fluß, und während er mehrmals von Ufer zu Ufer schwamm, kehrte die frühere Begierde nach seinen Frauen und besonders die neue nach Kimpa in ihn ein.

”Moment noch”, sagte Häupthing Mandume, als sein Schwager in das Brautgemach verschwinden wollte. ”Ich habe dir das Privileg ausgehandelt, für deine tollwütigen Witwen zu sprechen. Es ist nicht nötig, es wird auch nicht viel nutzen, aber ihr verhätschelt diese mißglückten Männer ja nun einmal, weiß das Krokodil, warum.” Er führte Häuptling Sihetekela in die Unsere Heilige Kirche, in der Häuptling Hauptmann über die drei Witwen Gericht hielt, und er stellte ihn vor die gefesselten, auf dem Boden hockenden Frauen.

”Weiß der Elefant des Ostens einen Grund, die Mörderinnen zu schonen”,  sagte Mandume von seinem Platz in der Reihe der Richter aus, ”so mag er ihn nennen.”

”Sie haben Feinde getötet”, sagte Häupthing Sihetekela, ”wie Mandume Steppenbrand selbst. Und mir scheint ein unwichtiger Unterschied, was sie den Feinden abgeschnitten haben und was sie damit angefangen haben. Das übersetze!”

”Der Löwe des Westens und König aller Cuanhama-Könige Mandume Steppenbrand hat die Feinde im Kampf getötet”, faßte Häuptling Mandume das deutsche Palaver zusammen, ”und auf Befehl des Befehlshabers. Kein Krieg, sondern gemeiner Mord ist es, wenn Frauen Männer töten, die in ihren Betten liegen und Lust erwarten. Das haben die deutschen Freunde, Cuanhama und Cuamato schließlich mit den verfluchten Portugiesen gemein: daß sie Männer sind und nicht fürchten wollen, statt umarmt zerstückelt zu werden.”

”Sie hatten einen Befehl”, versuchte Häupthing Sihetekela, die Witwen zu retten, aber hinter ihm kam die Witwe des Vom Büffel Gespießten auf die Beine und stieß den Häupthing mit der Schulter beiseite.

”Denn jeder Tag, jede Nacht war ein Befehl, seit ich meinem, inzwischen vom Büffel gespießten Mann gegeben wurde”, schrie sie. ”Ungefragt mußte ich für ihn die Schenkel spreizen, ungefragt mußte ich sie vor jedem kreuzen, nachdem er vom Büffel gespießt war. Und dann kamen die weißen Mörder unserer Völker, und ohne daß ich gefragt wurde, mußte ich jederzeit für jeden von ihnen da sein. Ich, ich bezahlte deinen miesen Frieden, Sihetekela, aber unseren Krieg will ich nicht bezahlen, den will ich mitkämpfen.”

”Das... Das meinte ich doch”, stotterte Häuptling Sihetekela. ”Ich habe mich ungenau...”

”Und von mir war die Idee, euch mit den geilen Augen, verschwitzten Fingern und lächerlichen Anhängseln zu mästen!” Die jüngste Witwe, die Witwe des Auf den Skorpion Getretenen, war aufgestanden und drängte nach vorn, um Häupthing Hauptmann und Häupthing Mandume zu bespeien. ”An dir, Gelbhaar, soll Mandume ersticken, und Madume werden wir unserem Häupthing servieren, der vielleicht, nur vielleicht davonkommen wird!”

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