Das Konzept hatte Lamme seinem Abruf-Minister auf den runden Weihnachts-Tisch gelegt, und am Mittwoch vor der ersten freien Wahl war er dafür der Direktor der selbst vorgeschlagenen Akademie der Populären Künste geworden. Zu seiner Ausstattung gehörten ein Büro-Gebäude, zwei Sekretärinnen und drei Robotron-Computer sowie ein halbes Dutzend Planstellen, für die es keine Bewerber mehr gab. Lammes ehemalige Genossen versuchten, ihrer Omas kleine Häuschen zu verkaufen, und seine unglücklich geliebte Nachwuchs-Rocksängerin schlief für die Aussicht auf einen Plattenverlag schon seit zwei Monaten mit einem fünfundfünfzigjährigen Westberliner Konzertveranstalter.

“Du könntest künstlerischer Direktor werden”, sagte Lamme beim Austeilen der Zigaretten, “und unser Affennäschen könnte in einer eigenen Abteilung dicken bleichen Fräuleins beibringen, in Josephine Bakers Bananen-Röckchen zu tanzen.”

“Aber dann werde ich als Arbeitsloser wie ein Tanzbär vortanzen müssen”, sagte Thyl kopfschüttelnd.

“Aber ich kann an die Schule zurück”, lehnte Nele ab.

“Vorsingen... Ich hätte für fünf, sechs Monate einen Job, und dann nie wieder...”

“Du könntest auch die Werbe-Abteilung übernehmen”, schlug Lamme vor. “Dann würdest du immerhin in einer Zukunftsbranche arbeitslos werden...”

Zurück von der größten unabhängigen Rock-Messe der Welt fand Thyl seine tägliche Fahrt zum Mittagessen mit Lamme und den zusammengekauften Kollegen und Kolleginnen aber trotz des anwachsenden Kontostands nur noch wenig lustig, und als er zum Beginn des neuen Jahres gekündigt wurde, nahm er sich ein Vierteljahr der Mittagsspaziergänge mit Lord Baskerville vor. Er zählte die Werbepflaster auf den vertraut aussätzigen Fassaden, sah die Auslagen der absterbenden Tante-Emma-Läden noch einmal aufblühen, und erst nachdem er beim Bäcker schon einen ADAC-Aufnahmeantrag  ausgefüllt hatte, kam er auf die Idee mit der Fahrschul-Anmeldung.

„Sie sind doch eher links“, fragte der Wasserwirtschaftler nach einem dieser Streifengänge. Wohl nicht wegen Lord Baskerville, der wie bei jedem Losgehen und jedem Zurückkommen auf das Rasenfleckchen des Vorgartens hockte, guckte der Mann sehr vorsichtig  aus dem Erdgeschoß-Fenster.

„Wie kommen Sie denn da drauf“, fragte Thyl grinsend.

„Naja... Zwei Männer und eine Frau“, sagte er verlegen und streckte Thyl eine Schachtel Golden American entgegen. „Eine Negerin sogar...“

Thyl nahm eine Zigarette und revanchierte sich, indem er dem gestürzten Ordnungsfaktor Feuer gab.

„Tja... Früher galt das wohl als Sauerei, aber bitte...“

„Und da wollten wir dich bitten, für uns zu kandidieren!“

Thyl verschluckte sich am Rauch.

„Ja, und für was? Und wer seid ihr?“

Der Wassenwirtschaftler zog sich etwas zurück.

„Eine linke Partei eben, die linke Partei... Diese..., PDS.“

Uhlmann versuchte, die Szene zu vergessen, aber als Nele ihm wieder einmal vorschlug, noch einmal das Lehrbuch der Politischen Ökonomie zu lesen und dann Versicherungen zu verkaufen, rückte er mit diesem Stellenangebot heraus. Er erwähnte es beiläufig, und er hängte ein distanzierendes Kichern an, weil er irgendetwas in dieser Art erwartete. Nele klopfte die Zigarette über der großen Kaffeetasse ab, und Lamme goß viel zu viel Olivenöl an die noch viel zu heißen Schmetterlingsnudeln.

„Ich bin endlich wieder Lehrerin, als Opfer eures Systems“, sagte Nele sachlich. „Und mein Mann kandidiert für meine Henker! Na, im übertragenen Sinn...“

„Aber die sind es doch, die jetzt gehauen werden“, sagte Thyl. „Und das Buch der Bücher, wie ich es verstehe...“

Lamme lachte. „Das Buch der Bücher ist jetzt ja das Buch von Herrn Scheck! Und so gesehen, andererseits: was wird denn da drin stehen?“ 

„Es ist natürlich nur der Bundestag, nicht die Bundesbahn“, sagte Thyl kleinlaut. „So um die acht..., neun...“

Nele prustete geringschätzig.

„Achttausend“, wog Lamme ab und teilte die Nudeln aus. „Da kannst du schon mal so tun, als ob wir links wären.“

„...tausend“, fragte Nele. „Für ein bißchen Politik? Mensch, dafür muß ich, als Opfer des Stalinismus, ja...“

Bis sie ins Bett gingen, fand Thyl Neles Gegenrede komisch, und knurrend verabschiedete er sich nach dem einem halbstündigen Lutschen an den weich bleibenden Zitzen von der eigentlich wirklich absurden Idee, aber nach einer Woche der trostlosen Spaziergänge lockte ihn der Wasserwirtschaftler mit einer weiteren Zigarette zu einem Termin bei den Verantwortlichen.

Mit einem vollen Bücherregal aus verchromten Stahlstäben und einer ledernen Lümmel-Couchgarnitur erinnerte das helle siebeneckige Zimmer gar nicht an ein Partei-Büro, und hinter dem Chefstuhl am Beratungstisch war ein Rennrad gegen die Wand gelehnt.

Der Wasserwirtschaftler schwitzte in seinem Aktivistennadel-Anzug, weil er seinen Kandidaten hierher gelockt hatte, und Thyl schmorte in seiner Jeans-Kluft, weil er sich nicht klar war, wie das Gespräch enden würde. Der verhinderte Tour-de-France-Sieger war so wenig Ernst Thälmann wie der Chef der Werbeagentur Erich Honecker glich. Beide waren nur wenig älter als Thyl, Herrn Dr. Brie mußten seine Enttäuschungsmundwinkel ebenso schon vor der Wende zu wachsen begonnen haben wie Herrn Willi der Künstlerzopf, und auf eine andere Art würden sie eine ebensolche mythische Drei sein wie Thyl, Nel und Lamme.

„Tja, wir müssen halt nehmen, wen wir kriegen“, eröffnete der Wasserwirtschaftler das Gespräch mit einer Entschuldigung aller vor allen.

„Na, ganz so ist es zum Glück nicht“, sagte Herr Dr. Brie düster. „Und sie waren doch sicher in der SED, Herr Seidel?“

Thyl atmete auf. „Leider nein“, sagte er. „Und meine Frau ist sogar stolz drauf, ein amtlich beglaubigtes Opfer des Stalinismus zu sein.“

„Prima! Phantastisch“, sagte der Zopfmann und schlürfte hastig aus der Kaffeetasse. „Ich meine: ich und wir, wir bedauern das natürlich... Aber unter werblichem Aspekt ist das schon großartig!“

„Und dann leben wir seit einiger Zeit noch mit einem Mann zusammen...“

Der Wasserwirtschaftler nickte traurig, während Herr Dr. Brie den Kopf schüttelte.

„Und wenn Sie mich aufstellen würde, und ich würde gewählt“, versuchte Thyl, auf dieser Schiene zu entkommen. „Das nur mal angenommen, dann wäre das doch...“

„Der parteilose und schwule Mann einer Bürgerrechtlerin“, summierte der Zopfmann und begann, in seinem Kalender zu skizzieren. „Immer nur Gelegenheitsjobs: am Theater und im Handel... Das ist es doch, Genossen! Das ist das Gesicht, das der demokratische Sozialismus bekommen muß! Von diesem Frank Seidel kann doch nun wirklich niemand behaupten, daß er ein alter kommunistischer Betonkopf wäre!“

„Also Kommunist bin ich schon, irgendwie“, sagte Thyl. „Denn daß wir den hier unter Bananenschalen begraben haben, heiß ja noch nicht, daß die Bananenpflücker... Meine Frau ist übrigens ‘ne halbe Negerin... ...ihn nie wieder ausbuddeln werden. Denn bei aller Scheiße, die wir hier verzapft haben: Ausbeutung bleibt Ausbeutung und Kapitalismus bleibt Kapitalismus, bis sich die Revolution rasselnd empor richtet und verkündet: ich war, ich bin, ich werde sein. Auf meine Rosa Luxemburg lasse ich nichts kommen! Das schon...“

„Richtig, Genosse Seidel“, sagte der Wasserwirtschaftler stolz und sah sich beifallsheischend um.

„Dann vielleicht seine Frau“, überlegte der Zopfmann. „Eine schwarze Bürgerrechtlerin für Berlins Rote...“

„Also, Herr Seidel, Frank“, sagte Herr Dr. Brie vorsichtig. „Wir werden bestimmt auf Ihre Bereitschaft zurückkommen, bei Gelegenheit.“

Er gab sich nicht einmal die Mühe, gut zu lügen, und Thyl fand das Gespräch komisch, war aber mit dem Ergebnis zufrieden.

Das Letzte; Pharao;
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