Thyl erkannte die schweigsamen Kaffeetrinker sofort als zwei Polizisten, als zumindest Kriminale, und er faßte sich instinktiv an die Hose, an das pralle Portemonneai. Er hatte die vor Wochen geschnittenen Zweige für die Solidarität verkauft: die S-Bahn-Benutzer wurden relativ preiswert über den Betrug im Bahnhofshandel aufgeklärt, die Abschöpfung der überschüssigen Kaufkraft half der DDR-Volkswirtschaft und der Erlös sollte zur Hälfte Nikaragua und zur Hälfte Neles Wirtschaftsgeld-Tasse zugute kommen. Wahrscheinlicher als die Verfolgung einer so schnellen Bagatell-Anzeige schien Thyl allerdings, daß man ihn als den Großen Saboteur des delikat-Programms aufgespürt hatte.

”Hau nicht ab, Albino-Böckchen”, machte Nele die Besucher auf Thyl aufmerksam, was freilich bedeuten sollte, daß er nicht in Gefahr war. ”Die Genossen haben nicht deine Gedanken gelesen, die suchen hier eine Leiche. Stell dir vor, meine arme tote Direktrice will doch dem Staat an die Sicherheit!”

”Seidel”, stellte sich Thyl vor. ”Die Leichen bewahren wir gewöhnlich im Kleiderschrank auf. Aber die Sammlung hat Ihnen das Affennäschen sicher schon gezeigt. Und im Ernst: kann ich was für Sie tun?” Der jüngere und fülligere Genosse zog die Brieftasche und fingerte ein Heike-Foto heraus. ”Nie gesehen”, behauptete Thyl, nach aller Lehr-, Akademie- und Theater-Praxis fast überzeugend unschuldig. ”Wenn sie aber doch mal hier rumspuken sollte, verständigen wir Sie natürlich.”

”Natürlich muß Ihnen das komisch vorkommen”, sagte der ältere Genosse, leicht gereizt, und schlürfte den Kaffee-Rest, ”aber wir haben da unsere Erfahrungen."

”Wäre auch echt schade, wenn dem Staat was passieren würde”, bekräftigte Nele, ohne das Gesicht zu verziehen. ”Aber das ist nicht fair: ich habe euch erzählt, was ich von ihr wußte, und ihr schweigt euch aus! Heißt das mit dem Bild, daß Heike noch lebt?”

Beide Genossen zuckten die Schultern und erhoben sich.

”Daß es echt schade wäre, das war riskant”, sagte Thyl ein paar Minuten später. Von Nele aufgehetzt sah er neben Nele aus dem Fenster, winkte er sogar familiär, als die beiden Geheimen in einen zivilen blauen Lada stiegen. ”Schließlich kann das kein Mensch glauben.”

”Das mit dem Kleiderschrank war riskanter‘, flüsterte Nele und blies die Backen auf. ”Wo sonst hätte ich sie denn auf die Schnelle verstecken sollen?”

Sie überließ es Thyl, die Abfahrt zu überwachen und das Fenster zu schließen. Sie ging, um ihre Freundin zu erlösen, sie mit ein paar Ohrfeigen erst wiederzubeleben und dann zu beruhigen. Wir bringen dich schon in Sicherheit vor der Sicherheit”, versprach sie. ”Und ich habe auch schon eine Idee.”

Lamme und Thyl waren von der Idee überhaupt nicht begeistert. Zwar war das Bild in Neles angolanischem Paß nicht sehr deutlich, eben eine Abfotografie und Vergrößerung eines Jugendweihe-Fotos, aber Heike war umso eindeutiger europäisch und blond. Eine Höhensonne war erstens auch keine Wunderlampe und zweitens eine Quelle schädlicher UV-Strahlung. Drittens wurde Heike den Fahndungs-Schock einfach nicht los, und viertens würde der bedrohte Staat einen mißglückenden Fehlversuch allen Beteiligten übelneh­men.

”Wenn du dich stellst”, überlegte Lamme und fingerte in Heikes nachgewachsenen, wie kunstblonden Haaren. ”Ich bin dir bestimmt treu, bis zur Amnestie, ich kann dir beim Abzahlen helfen.”

”Den Pergamonaltar abzahlen”, knurrte Nele.

”Und ich sage kein Wort mehr, daß es hier zu eng ist”, versprach Thyl. ”Lamme und Heike du und ich und unsere Kinder: das kann auch sehr spaßig sein.”

”Aber jede Schwangeren-Beratung wird ihr Foto haben”, fiel Nele ein.

Am nächsten Morgen ließ sich Nele in Lammes Trabbi am Wohn­heim ihres Cousine Sihetekela vorfahren, und sie luden den schwarzen Philosophen ein, damit er ihnen auf dem Flugplatz das angesengte Tickett tauschte und eine O.K.-Buchung aushandelte. Überhaupt war es das schwierigste, Heikes schwarz gefärbte Haare klein zu locken, doch in der Nacht vor der Flucht schafften sie es zu dritt, mit dem Flechten, Anfeuchten, Trocknen und Auskämmen von einunddreißig kleinen Zöpfen.

”Ich würde dich bestenfalls für ‘ne als Negerin verkleidete italienische Kokain-Händlerin halten”, nörgelte Thyl, als sich Heike mit dieser Frisur und in Neles abgenähtem Revolutionskleid vorstellte. ”Eher aber noch für eine Berliner Schuldirektorin, die vom Afrika-Urlaub zurückkommt.”

”Nicht eine Schuldirektorin macht dort Urlaub”, verstärkte Lamme dieses Bedenken. ”Und italienische Drogenhändlerinnen würden sich doch kaum so verkleiden und bestimmt nie über Schönefeld reisen.” Mit den Augen bettelte er noch eindeutiger, die Freude seines Sofas möge ihn nicht verlassen.

”Und genau deshalb wird sie völlig unverdächtig sein”, folgerte Nele. Sie nahm Heike den dicht vor die Augen gehaltenen Rasierspiegel weg, zwinkerte ermutigend und holte die zwei. Flaschen Abschieds-Wodka aus dem Tiefkühl-Fach. ”Bloß vielleicht wollten die Bullen nur nachfragen, sich bei dir entschuldigen”, fragte sie plötzlich, schon beim Eingießen und für sich selbst überraschend. ”Nein?”

”Eher nein.” Wie in der Schicksalsminute zwischen Huren- und Speisekammer sah Heike auch jetzt durch und weit in die Zukunft. Solange sie illegal bei den Dreien wohnte, konnten die nicht als der Einzige Feind leben, und mit einer einzigen Polizeiak­tion oder einem einzigen Wohnungsbrand waren sie und die Einzige Zeugin auszuschalten. Zumindest zwei Stützpunkte gegen das KAOS würde es dagegen geben, wenn sie davon kam. Schlug der Versuch fehl, konnten sich Lamme, Thyl und Nele vielleicht auf sexuelle Hörigkeit herausreden, und nach der Aktenlage würde nicht zu widerlegen sein, daß die Tania zum Abtrainieren ein Trio gebraucht hatte. Heike kratzte der von Lamme eingelegten Schote die Kerne aus, kippte einen dreifachen Wodka und biß die Chili-Spitze ab. ”Jeder für jeden”, toastete sie mysteriös, ”und alle für alle!"

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